Es war genau vor 40 Jahren, als eine scheinbar unscheinbare Baugrube in Nähe des Mainzer Rheinufers eine Sensation zutage förderte: Fünf hervorragend erhaltene Römerschiffe aus dem 4. Jahrhundert nach Christus, dazu die Reste weiterer Schiffe lugten aus dem lehmigen Boden in unmittelbarer Nähe der Mainzer Rheinallee. Nur dem beherzten Sprung eines Archäologen auf die Baggerschaufel ist zu Danken, dass die Fundstücke nicht schlicht untergebaggert wurden – und heute im Mainzer Römerschiffmuseum zu sehen sind. Den Fundort aber kennen viele heute gar nicht mehr – die „unsichtbare Römergarde“ machte sich nun auf, die Mainzer wieder dorthin zu führen. Am Sonntag findet mal wieder der Tag des Offenen Denkmals statt, eine gute Gelegenheit zu einem Spaziergang zum Fundort der Römerschiffe.

Römische Galeere im Museum für Antike Schifffahrt, Nachbau in Originalgröße. - Foto: gik
Römische Galeere im Museum für Antike Schifffahrt, Nachbau in Originalgröße. – Foto: gik

Neulich, erzählte Professor Christian Vahl, sei er auf einer Feier mit 50 Personen aus gehobenen bürgerlichen Kreisen gewesen, dort sei die Sprache auf die berühmten Römerschiffe gekommen, die an der südlichen Mainzer Altstadt im Museum für Antike Schifffahrt zu sehen sind. Die Schiffe, hätten die Anwesenden gemeint, „seien ja in Worms oder Speyer ausgegraben, und dann nach Mainz gebracht worden“, berichtete Vahl – völlig entsetzt: „Vor 40 Jahren im Herbst wurden die Römerschiffe hier in Mainz ausgebuddelt, aber wenn man heute nachfragt, wer sie ausgebuddelt hat, und wo sie gefunden worden sind, weiß es fast keiner mehr.“

Vahl, bekannter Mainzer Herzchirurg, ist auch Vorsitzender der Initiative Römisches Mainz, und das konnte der Kämpfer für ein sichtbares römisches Mainz natürlich nicht so stehen lassen. Also stieg vorige Woche der römische Gott Neptun aus dem Heiligtum der Isis empor, und machte sich auf – flankiert von der „unsichtbaren Römergarde“ – die Mainzer zurück auf die Spuren der Römerschiffe zu führen. „Wir machen jetzt einen kleinen Spaziergang zu dem Findungsort der Römerschiffe“, lud „Neptun“ alias Vahl die Passanten ein: „Vor genau 40 Jahren, im Herbst 1981, wurden bei Bauarbeiten für das Hilton-Hotel fünf Römerschiffe in sehr, sehr gutem Zustand gefunden.“

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Ausgrabung der Römerschiffe in Mainz im Herbst 1981. - Foto: GDKE
Ausgrabung der Römerschiffe in Mainz im Herbst 1981. – Foto: GDKE

Es war nichts weniger als eine Sensation, die Mainz schlagartig auf die Karte der wichtigsten Römerstädte Deutschlands hob. Das Mainzer Hilton-Hotel am Rheinufer plante einen Erweiterungsbau auf der anderen Seite der Rheinstraße, bei den Bauarbeiten wurde tief ausgeschachtet – und dann geschah das, was zu dem heutigen Mainzer Sprichwort führte: „Wenn Du in Mainz eine Grube gräbst, purzelt ein Römerschiff heraus.“ Genau das geschah in jenen Herbsttagen des Jahres 1981: Aus dem Erdreich ragten Gerippe einstiger Schiffsrümpfe, und das nicht nur von einem Schiff.

Fünf Römerschiffe schälten am Ende die Archäologen aus dem schlammigen Erdreich, wo gut 1.500 Jahre zuvor das Ufer des Rheins gewesen war. Zwei Typen von römischen Militärschiffen konnten die Experten identifizieren: Schlanke Militärschiffe mit einer Reihe Ruder auf jeder Seite sowie etwas klobigere Schiffe, die als Patrouillenschiffe identifiziert wurden. „Man weiß, die Schiffe wurden nicht nur gerudert, sondern auch gesegelt“, berichtete Vahl, dadurch hätten die Schiffe die für damalige Zeit unglaubliche Geschwindigkeit von fünf Knoten erreichen können – also etwa 20 Stundenkilometer. Es war diese geballte Kriegskraft und ihre Geschwindigkeit, die den Germanen am anderen Rheinufer Respekt und Angst einflößten, und die die ungeheure Überlegenheit der römischen Flotte begründete.

Ausgrabung der Römerschiffe im Winter 1981-1982. - Foto: GDKE
Ausgrabung der Römerschiffe im Winter 1981-1982. – Foto: GDKE

Die zeitliche Einordnung erwies sich als schwierig, schließlich konnten die riesigen Schiffsskelette ins späte 4. Jahrhundert nach Christus datiert werden – genau in jene Zeit, als sich die Römer mit verstärkten Schiffspatrouillen auf dem Rhein gegen die anstürmenden Germanenvölker aus dem Osten zur Wehr zu setzen suchten. Dazu sicherten die Militärboote auch den regen Handelsverkehr auf dem Rhein, der Güter aus dem Süden, aus Italien, Frankreich und fernsten Ländern wie Ägypten den Rhein hinunter brachte – und die hiesigen Güter zurück nach Rom.  Um 406 stürmten dann Vandalen, Sueben und Alanen über den Rhein, plünderten das römische Mogontiacum und besiegelten das Schicksal der römischen Kriegsflotte, die fortan in der Hafenanlage verrottete und schließlich vom Uferschlamm verschluckt wurde.

Dass die Schiffe 1580 Jahre später überhaupt wieder geborgen werden konnten, ist einem damals noch jungen Archäologen zu verdanken: Gerd Rupprecht, seit 1979 als Archäologe in Diensten des Landes Rheinland-Pfalz, verhinderte – so erzählt es sich die Legende – mit einem beherzten Sprung auf die Baggerschaufel, dass die römischen Reste einfach untergebaggert und unwiederbringlich zerstört wurden. Rupprecht habe damals auch in der Baugrube geschlafen, wissen die zu berichten, die damals dabei waren – aus Angst vor Räubern, die versuchen könnten, die unschätzbar wertvollen Reste zu stehlen. Rupprecht wurde 1994 Landesarchäologe und grub unter anderem das Römische Bühnentheater am Südbahnhof aus, im Jahr 2000 entdeckte er den antiken Isis-Tempel, barg das Denkmal und sorgte maßgeblich für seine Präsentation unter der heutigen Römerpassage.

Fundort der Römerschiffe hinter dem Mainzer Hilton mit Skulptur von Reinhold Petermann. - Foto: gik
Fundort der Römerschiffe hinter dem Mainzer Hilton mit Skulptur von Reinhold Petermann. – Foto: gik

Insgesamt neun Römerschiffe wurden aus der Baugrube des Hilton geborgen und später konserviert, 1994 bekamen sie eine neue Heimat: In einer alten Halle, 1870 als Lokomotiv-Reparaturwerkstatt der Hessischen Ludwigsbahn errichtet, wurde 1994 das neue Museum für Antike Schifffahrt eingeweiht. Bis heute sind hier die Reste der antiken Römerschiffe samt zwei spektakulären Nachbauten in Originalgröße zu sehen – und das übrigens ohne jeden Eintritt. Das von den Mainzern liebevoll „Römerschiffmuseum“ genannte Haus ist tatsächlich zu einer der wichtigsten Forschungsstätten für antike Schifffahrt insgesamt geworden – und das einzige Museum seiner Art in Deutschland.

Der Fundort des Römerschiffe sei aber heute weitgehend in Vergessenheit geraten, kritisierte nun Vahl: „Man würde hier eine Tafel erwarten, wo jemand etwas über diesen Ort erklärt, man würde eine Beleuchtung erwarten, auch die gibt es nicht.“ Am Fundort vor 40 Jahren steht ein Kunstwerk des 2016 verstorbenen Mainzer Künstlers Reinhold Petermann, der bereits 1982 eine Nachbildung eines der Schiffsskelette in Originalgröße schuf – das Kunstwerk markiert heute genau den Ort hinter dem stadtseitigen Flügel des Hiltons, bei dessen Bau die Schiffe gefunden wurden. „Wir wollen diesen Ort wieder sichtbar machen und ins Bewusstsein zurück zu holen“, betonte Vahl bei seiner Führung, und das gelte auch für Petermann, dessen Wirken und Kunst ebenfalls in Vergessenheit geraten seien – Fundort samt Kunstwerk sind quasi im Hinterhof der Mainzer Geschichte verschwunden.

Die "unsichtbare Römergarde" mit Streitwagen und "Neptun" alias Christian Vahl. - Foto: gik
Die „unsichtbare Römergarde“ mit Streitwagen und „Neptun“ alias Christian Vahl. – Foto: gik

Das wiederum war ein Fall für die „unsichtbare Römergarde“ die vor fünf Jahren gegründet wurde und an diesem Samstag mit zwei Fußsoldaten samt einem Streitwagen, einer schönen Römerin sowie ihrem Kommandanten Christian Vahl als „Neptun“ in Erscheinung trat. „Eigentlich gibt es die Garde seit 1105, also in römischen Zahlen: MCV“, erklärt Vahl, „wir sind die älteste Garde von Mainz.“ Mit der Ranzengarde, die sich stolz die älteste Fastnachtsgarde von Mainz nennt, sei das übrigens abgeklärt, sagt Vahl noch. Zur Römergarde gehörten eine Reihe von Engagierten für das römische Mainz, „sie will auf nicht hinreichend bekannte Plätze und Orte der römischen Geschichte von Mainz aufmerksam machen.“ Zu erwarten ist also, dass die Römergarde noch öfters auftaucht – der schlummernden römischen Exponate im Mainzer Raum gibt es viele.

Info& auf Mainz&: Mehr zu den Römerschiffen könnt Ihr hier im Internet nachlesen, das Museum für Antike Schifffahrt mit allen Infos zu Öffnungszeiten und Aktivitäten findet Ihr hier im Internet.

Denkmal&: Am Sonntag ist übrigens Tag des Offenen Denkmals, welche Denkmäler Ihr dann erleben könnt, findet Ihr hier auf der allgemeinen Seite des Denkmalstages. Schwerpunkt in Mainz ist das Römischen Theater: Erstmals öffnet hier der neue Info-Container oberhalb des Theaters, in dem über das Römische Theater, den Drususstein und die Zitadelle informiert wird. Die Initiative Römisches Mainz e.V. (IRM) wird mit einem Info-Stand vertreten sein und um 12.00, 14.00 und 16.00 Uhr Führungen im Römischen Theater anbieten. Das Ortskuratorium der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD) wird ebenfalls mit einem Info-Stand vertreten sein und um 13.00 und 15.00 Uhr Kinderführungen zum Römischen Theater durchführen. Die Initiative Zitadelle Mainz e.V. (IZM) organisiert zudem am 12. September 2021 von 11.00 bis 18.00 Uhr eine Corona konforme Veranstaltung entlang des Zitadellenwegs zur Geschichte der Zitadelle, um 14.00 und 16.00 Uhr wird hier jeweils eine Kurzführung angeboten. Alle Infos zu den Mainzer Terminen hier im Internet.

5 KOMMENTARE

  1. Über das Unwissen wundere ich mich nicht. Die meisten der sich als Mainzer verstehenden Bürger sind als Messfremde zugezogen. Dazu kommen noch die Jungen, die zur Fundzeit noch gar nicht geboren oder Kleinkinder ohne Medieninteresse waren. Eine innere Beziehung zu Mainz und seiner Geschichte ist zur Rarität geworden.
    Kuriosum: Die Mainzer Justiz hat durch Urteil entschieden, dass die Meenzer Fassenacht sich im Sprachgebrauch „Fasching“ und „Karneval“ nennt. Helau und Toooor. Oder Fremdschämen.

    • Ach Gott. Das Unwissen fängt schon damit an, dass viele Messfremde die „Rheinstraße“ und die „Rheinallee“ nicht unterscheiden können. Zitat siehe oben: „… aus dem lehmigen Boden in unmittelbarer Nähe der Mainzer Rheinallee.“ Ist das denn so schwer? Normalerweise wohne ich in der Rheinstraße neben der Ausgrabungsstätte. Muss ich jetzt meinen Briefkopf in Rheinallee ändern?

    • Wieso – gibt’s unter Meenzern keine gehobenen bürgerlichen Kreise?!? 😉 Und mal ehrlich: wie lange wollt Ihr Mainzer eigentlich noch alle Menschen ausgrenzen, die irgendwann mal hierher gezogen sind, und hier ihr Zuhause gefunden haben? Also dass man nach 30 Jahren in Mainz immer noch als „Nicht-Mainzer“ gilt, macht mich ehrlich fassungslos. Wie war das noch mit dem weltoffenen, toleranten Meenz??? Scheint ja nicht viel von übrig geblieben zu sein.

  2. Wo sind die originären Mainzer geblieben? Es gibt fast nur noch zugezogene Messfremde und Studenten. Und die Meenzer Fassenacht heißt nach gerichtlichem Urteil „Fasching“. Ich wähne mich in einer fremden Stadt.
    Übrigens: Wer in den Speckgürtel von dörflichen Gemeinden zuzieht, gehört auch nicht wirklich zum Gemeinwesen.

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