Das Schicksal der Lesselallee ist besiegelt, die mehr als 100 Jahre alten Kastanien werden gefällt. Diese Konsequenz zumindest zog am Abend der Wiesbadener Ordnungsdezernent Oliver Franz (CDU) nach der entscheidenden Sitzung des Wiesbadener Umweltausschusses zum Schicksal der Lesselallee. Der Ausschuss fällte nämlich keineswegs einen aktiven Beschluss, die Allee zu fällen, sondern lehnte lediglich einen Antrag auf Erhalt ab. Damit gelte der Haushaltstitel von 220.000 Euro für die Erneuerung der Allee mit Flatterulmen, sagte Franz und betonte: „Wir werden fällen, ja.“

Dezernent Franz beim Eingang in die Lesselallee
Der Dezernent und die Lesselallee – Foto: gik

Die Spannung war groß vor dieser, der entscheidenden Sitzung des Umweltausschusses – die Verunsicherung auch. Denn zu Beginn der Ausschusssitzung lag nicht, wie erwartet, ein Antrag des Magistrats oder einer Fraktion vor, die Lesselallee zu fällen. Stattdessen hatte der Ausschuss drei Tagesordnungspunkte zum Thema Lesselallee: In einem sollte der Kompromissvorschlag des BUND behandelt werden, der Kastanienallee eine dreijährige Denkpause zu verschaffen, ein anderer  lautete, ein weiteres Gutachten zur Lesselallee einzuholen.

Tagesordnungspunkt Nummer 8 aber war ein Antrag der Linken, die Lesselallee zu behalten. Linken-Vertreter Hartmut Bohrer begründete den Antrag nur kurz, quasi im Telegrammstil: Die Allee ist ein wertvolles Biotop, der Bestand der alten Bäume erhaltenswert, Gutachter Ulrich Weihs bescheinigt der Allee Vitalität und die Kraft noch für viele Jahre. Im Abschluss wollte niemand das Wort dazu erheben, bezeichnend für den Stand der Diskussion um die Lesselallee: In den vergangenen Wochen waren Argumente für und wider ausgetauscht worden, es ging um Gutachten und Wurzelpilze, um Phytophthora, Aststabilität und Lebensdauer – kurz: Es war eigentlich alles gesagt.

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Und so schritt der Ausschuss denn auch direkt zur Abstimmung, namentlich, wie Bohrer gefordert hatte. Das Ergebnis: CDU und SPD lehnten einhellig ab, die Lesselallee zu erhalten. Dann passierte – nichts. Der Ausschuss setzte ungerührt seine Sitzung fort, auf den Gesichtern der Baumschützer war hingegen Verwirrung zu lesen: Was bedeutete das denn nun?

Die Lösung lieferte Ordnungsdezernent Oliver Franz (CDU) nach der Sitzung: „Wir werden fällen, ja“, sagte Franz der Internetzeitung Mainz&. Mit der Ablehnung, die Lesselallee zu erhalten, bleibe es nun bei dem, was die Wiesbadener Stadtverordnetenversammlung 2013 im Haushalt beschlossen habe, als sie 220.000 Euro für die Erneuerung der Lesselallee bereit stellte. „Wir können jetzt mit der Erneuerung der Lesselallee beginnen“, sagte Franz.

Erneuerung? Die Stadt Wiesbaden will die 74 mehr als 100 Jahre alten Kastanien auf der Maaraue fällen, weil sie vom Wurzelpilz Phytophthora befallen und angeblich nicht mehr verkehrssicher sind. Baumexperten bezweifeln das, dazu verlor die Kastanienallee bei den Stürmen der vergangenen Wochen nicht einen einzigen Ast, während es überall im Stadtgebiet Äste von den Bäume und Bäume umriss. Darauf wies Bohrer auch noch einmal ausdrücklich hin.

Die Stadt Wiesbaden will nun statt der Kastanien Flatterulmen pflanzen, Baumexperte Weihs hält das für „eine Schnapsidee“: Ulmen stürben derzeit überall in Deutschland an der Ulmenkrankheit, betont er. In Wiesbaden heißt es dagegen, die Ulmenkrankheit sei bei Flatterulmen nicht so stark, wie Franz‘ persönlicher Referent Thomas Kroppen auf Anfrage von Mainz& sagte.

Spurensuche in der Lesselallee mit Steiger - Foto: gik
War’s das für die Lesselallee? – Foto: gik

Das Verwirrspiel des Dezernenten führte indes prompt zu heftigen Reaktionen: „Das ist eine hanebüchene Trickserei und einer Demokratie unwürdig“, wetterte der Vorsitzende des Umweltausschusses, der Grüne Ronny Maritzen. Und Linken-Vertreter Bohrer sprach von „Ignoranz gegenüber dem Willen der Bürger“, die seit Monaten gegen die Fällpläne protestieren. CDU und SPD hätten sich mit diesem Vorgehen „davor gedrückt“, sich klar zum Fällbeschluss zu bekennen, das sei „Feigheit“.

„Das haben wir mitnichten so beschlossen“, reagierte die Fraktionschefin der Grünen, Christiane Hinninger, auf das Argument mit dem Haushaltstitel der Lesselallee, und betonte: „Darüber reden wir noch.“ Ja, es gebe einen Titel für die Erneuerung, „aber Erneuerung heißt doch nicht Kahlschlag“, betonte Hinninger gegenüber Mainz& – eine Erneuerung könne in vielen Formen geschehen. Die Grünen setzen sich dafür ein, dass tatsächlich kranke Bäume in der Allee gefällt werden und die Lücken auch ruhig mit anderen Baumarten gefüllt werden können.

Auch sprachen sich die Grünen ebenso wie die SPD in Mainz-Kostheim, ebenso wie der städtische Gutachter Roland Dengler für einen Kompromissvorschlag des BUND aus, der Allee eine dreijährige Denkpause zu verschaffen und in dieser Zeit ihre Entwicklung wissenschaftlich zu begleiten. Der BUND-Vorschlag wurde vom Umweltausschuss „zur Kenntnis genommen“ – das war’s.

„Hier sollen mindestens 50 gesunde Bäume gefällt werden“, kritisierte Hinninger, das würden die Grünen nicht einfach so hinnehmen. Man werde „nach Wegen suchen, das zu verhindern“, fügte sie hinzu.

Das dürfte nicht einfach werden, hat doch das Vorgehen des Dezernenten wahrscheinlich direkt ein Bürgerbegehren verhindert. Ein solches kann sich gegen einen aktiven Beschluss eines demokratisch gewählten Gremiums richten – wo aber kein Beschluss, da auch kein Bürgerbegehren. Dazu kommt: Die Stadt Wiesbaden kann nun ihren Fällantrag direkt bei sich selbst stellen.

„Wir werden jetzt einen Fällantrag bei der Unteren Naturschutzbehörde stellen“, sagte Franz Mainz&. Das aber ist das Umweltamt der Stadt Wiesbaden, und dort wird seit Wochen die Fällabsicht der Allee mitgetragen. Oberaufsicht über die Untere Naturschutzbehörde hat die Oberer Naturschutzbehörde – das Regierungspräsidium Darmstadt. Dort hieß es am Montag auf Mainz&-Anfrage: Wenn bei uns eine Beschwerde eingeht, würden wir prüfen, ob das gegen Vorgaben des Naturschutzes verstößt. Das gehe aber erst, wenn jemand eine Beschwerde einreiche.

Bleibt noch die Frage, die Hartmut Bohrer ebenfalls in der Sitzung des Umweltausschusses stellte: „Das Land Hessen ist nahezu ausschließlich Eigentümer“, sagte Bohrer: „Darf dieser Ausschuss überhaupt das Fällen der Allee beschließen?“ Nun, könnte man sagen, er hat es ja nicht beschlossen…. Spannend dürfte allerdings die Frage sein, was das Land Hessen tatsächlich von den Fällplänen hält – schließlich hat Hessen seit Januar eine grüne Umweltministerin, Priska Hinz. Die befindet sich allerdings in einer Koalition mit der CDU….

Die Kostheimer Baumschützer reagierten erst einmal geschockt. „Wir werden kämpfen“, sagte eine Kostheimerin nach der Sitzung verzweifelt: „Das ist UNSERE Allee!“

 

5 KOMMENTARE

  1. Unsere Volksvertreter sind wohl nur kleine Konsumenten die Jugendlichkeit, körperliche Glätte , Schönheitschirurgie, Anpassung und Fitness leben. Gestern im Abendlicht standen die Bäume da wie ein Spalier von verhutzelten Hundertjährigen Kostheimern, ob Deutsche, Chinesen oder Alte Europäer, Überlebende des Ersten und Zweiten Weltkrieges, gewachsen mit Wasser des Rheins und Mains, einfach schön an zu sehn, Meenzer un Wiesbadener, die Würde des Menschen ist unantastbar, des Alters?. des Baumes?

  2. Liebe Frau Kischstein, bewundernswert, wie Sie sich für die Erhaltung der Bäume auf der Lesselallee schlagen. Sie berichten nicht nur, sondern sagen auch Ihre Meinung. Das gilt auch für andere Themen, wie z.B. dem Mainzer Weihnachtsmarkt, der mir als dessen Gründer 1975 sehr am Herzen liegt. Und Sie bleiben am Ball! Man muss nicht immer Ihre Meinung teilen, aber Ihr Engagement ist bewunderswert. Den juristisch korrekten Beschwerdebrief werden die Baumschützer doch wohl noch hinbringen. Was ist denn mit dem BUND?, wenn eine gesetzlich legitimierte Institution notwendig ist.
    Viele Grüße!
    Heinz-Georg Diehl
    Göttelmnnstr. 24
    55130 Mainz

    • Lieber Herr Diehl, vielen Dank für Ihr Lob, das ehrt mich sehr! Und in der Tat muss nicht jeder meiner Meinung sein 😉 Was die Bäume in der Lesselallee angeht: Mir geht es gar nicht so sehr um das Schicksal der Bäume – auch wenn ich es persönlich schon schrecklich finde, wenn solch uralte Baumriesen gefällt werden sollen. Viel mehr geht es mir aber um das WIE: Hier wird seit Monaten mit demokratischen Gremien gespielt und einfach nicht mit offenen Karten. DAS finde ich empörend, und solche Vorgänge aufzudecken, darin sehe ich meine Aufgabe als Journalistin. Deshalb kommen alle Seiten zu Wort, deshalb beschreibe ich so genau die Vorgänge in Gremien und hinter Türen.

  3. Lieber Herr Diehl,

    leider klagt der BUND Wiesbaden nicht gegen die Fällung – und wir Bürger in Kostheim sind nicht klageberechtigt. Ohne Kläger – keine Klage. So sieht es im Moment aus. Und in zwölf Tagen ist die Brutzeit zu Ende … Über Hilfe aus Mainz würden wir uns wirklich freuen. Denn es sieht richtig schlecht aus für die (Mainzer) Maaraue. Herzlichen Gruß in die Göttelmannstraße – Marion Mück-Raab

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