Jetzt kommt es für den Gutachter der Stadt Wiesbaden in Sachen Baumfällungen Lesselallee aber ganz dicke: Die Baumschutzinitiative Wiesbaden hat bei der zuständigen Aufsichtsbehörde in Nürnberg eine Überprüfung des Sachverständigen Roland Denglers beantragt. Die Überprüfung soll klären, ob der Gutachter weiterhin die Kriterien eines öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen erfüllt, sagte Volker Jungbluth von der Baumschutzinitiative.

Eingang zur Lesselallee mit Zaun und Demoaufruf - Foto Kirschstein
Eingang zur Lesselallee mit Zaun und Demoaufruf – Foto gik

Die Baumschutzinitiative sieht nämlich „Unstimmigkeiten“ in einem Gutachten Denglers zur Lesselallee in Wiesbaden. Dengler hat bekanntlich in drei Gutachten seit 2008 die mehr als 70 Kastanien der Lesselallee untersucht und ihnen eine Schädigung durch den Wurzel-Pilz Phytophtora bescheinigt. Aufgrund dieser Gutachten hält Ordnungsdezernent Oliver Franz (CDU) die Allee auf der Maaraue für nicht mehr sicher, und will alle 74 Bäume im Herbst fällen lassen.

Jungbluth wirft Dengler nun vor, fragwürdige Untersuchungsmethoden wie das Anbohren von Bäumen oder Einschätzungen aufgrund von Astdurchmessern zu benutzen, die „in der Fachwelt, auch unter Wissenschaftlern, sehr umstritten“ seien. Die Aufsichtsbehörde in Nürnberg solle deshalb prüfen, ob Dengler weiterhin die Kriterien erfülle, die an einen öffentlich bestellten Sachverständigen gestellt werden.

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Hintergrund ist, dass sich in Deutschland jeder „Sachverständiger“ nennen darf, die Bezeichnung „öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger“ (öbv Sachverständiger)  aber ist nach Paragraph 132a StGB gesetzlich geschützt. Ein öbv Sachverständiger muss ein Prüfungsverfahren durchlaufen und anschließend einen Eid auf  Grundpflichten wie „Objektivität, Unparteilichkeit und Weisungsfreiheit“ leisten, so sagt es Wikipedia. Ein Verstoß gegen diese Pflichten stellt einen Straftatbestand dar.

Bestellt werden solche öbv Sachverständigen durch Handwerkskammer, Landwirtschaftskammer oder Industrie- und Handelskammer – und bei Letzterer hat die Baumschutzinitiative in Nürnberg nachgefragt. Im Gespräch mit der IHK Nürnberg habe sich herausgestellt, dass Dengler nicht als Gutachter „für Baumpflege und Baumstatistik bestellt ist“, sagt Jungbluth – und fügt als Beleg einen Auszug aus dem Sachverständigenregister an, nach dem Dengler nur für „Bodenanalytik im Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau“ eingetragen ist, nicht aber für Baumpflege und Baumstatik.

Lesellallee im Juli 2014 Ausschnitt
Pilz oder nicht Pilz? Die Gretchenfrage für die Lesselallee – Foto: gik

Tatsächlich können wir diese Aussagen zurzeit nicht gegenprüfen, also sind diese Anschuldigungen zunächst in den Bereich einseitiger Schuldzuweisungen einzuordnen – sorry, Herr Jungbluth! Wir haben uns aber entschlossen, Euch diese Infos trotzdem nicht vorzuenthalten, weil sie sich in eine ganze Reihe anderer Berichte über den Gutachter Dengler einreihen. Und ja, wir wollen Herrn Dengler zu all diesen Vorwürfen gerne jederzeit befragen und ihm Gelegenheit geben, sich dazu zu äußern – wenn er denn mal mit uns sprechen darf.

Denn wie Mainz& am Mittwoch berichtete, hat die Stadt Wiesbaden ihrem Gutachter einen Maulkorb verpasst und auch nach Rückfrage kein Interview von Mainz& mit Gutachter Dengler erlaubt. Damit sind wir in Sachen Rückfragen ausgebremst – wir setzen diese neuen Fragen einfach mit auf die Frageliste und sind sehr gespannt, ob wir die denn morgen bei der Begehung loswerden.

Denn tatsächlich taucht Gutachter Dengler im Internet überdurchschnittlich häufig im Zusammenhang mit Baumfällungen auf. Eine kurze Google-Suche ergab auf Anhieb sechs Artikel aus allen Teilen Deutschlands, in denen Dengler als Gutachter in Sachen Baumsicherheit tätig war. In fünf Fällen (Altdorf, Gera, Berlin/Landwehrkanal, Colleggarten Nürnberg, Trochtelfingen) wurden aufgrund von Denglers Gutachten Bäume gefällt. Am Wöhrder See bei Nürnberg verhinderte Dengler aber 2010 auch eine große Fällaktion an dem See.

Blatt Rosskastanie - Foto privat
Blatt saftig-grün, eindeutig Kastanie – Foto: privat

Und bevor Ihr fragt: Wir haben exakt dieselbe Suche mit den Namen „Ulrich Weihs“ und Marko „Wäldchen“ durchgeführt, in nicht einem einzigen Fall fand Google einen Artikel zu einem der beiden Baumexperten, wo aufgrund ihrer Gutachten eine Baumfällung stattfand. Wenn wir einen übersehen haben, lasst es uns bitte wissen.

Beim Colleggarten in Nürnberg, einem Park in der Stadt, sollten 2009 übrigens ebenfalls eine Reihe von Bäumen gefällt werden, unter anderem wegen der Schädigung durch den Phytophtora-Pilz, der einige Bäume in „bedenklichen Zustand“ versetzt hatte, wie die Initiative Colleggarten auf ihrer Internetseite schreibt. Auch hier war Dengler Erstgutachter gewesen, der zweite Sachverständige Peter Klug gab dann aber Entwarnung.

Am 5. November 2009 schrieben die Baumschützer vom Colleggarten von einem „Durchbruch“, das zweite Gutachten Klugs habe „ein Umdenken bei der Stadt Nürnberg bewirkt.“ Ergebnis: der Park blieb erhalten, alle großen Bäume blieben stehen.Interessant dabei: Dengler führte zusammen mit dem zweiten Gutachter Klug am 28. August 2009 eine gemeinsame Begehung des Parks durch, „bei dem die bisherigen Gutachten erörtert wurden.“

Das finden wir absolut bemerkenswert. Offenbar hat Gutachter Dengler ja in der Vergangenheit keinerlei Probleme in so einer Zusammenarbeit gesehen – warum also wurde in Wiesbaden ein Aufeinandertreffen der Gutachter Dengler (Stadt) und Ulrich Weihs (Grüne) verhindert? Und warum wurden die Gutachten des Baumprofessors Weihs, der für den Erhalt der Lesselallee plädiert, als „gutachterliche Expertise“ entwertet?

Die Bestellungsbehörde habe ihm jedenfalls auf Anfrage bestätigt, dass eine gutachterliche Expertise „nicht geringer einzustufen sei als ein Gutachten“, schreibt Jungbluth. Der Unterschied bestehe in den Haftungskonsequenzen, ein öbv Sachverständiger sei aber immer dazu „verpflichtet, nach bestem Wissen und Gewissen zu arbeiten.“ Wir wussten doch, dass Gutachter unabhängig arbeiten sollten 😉

Da haben wir doch gleich noch ein paar Fragen mehr für morgen…

Info& auf Mainz&: Noch viel, viel mehr zur Lesselallee gibt es auf Mainz&, wenn Ihr in der Suchmaske „Lesselallee“ eingebt. Am heutigen Donnerstag findet um 16.00 Uhr eine nicht-öffentliche Begehung der Lesselallee mit Gutachter Dengler, aber ohne Weihs und Wäldchen satt. Die Initiative gegen die Fällung der mehr als 70 Kastanien will ab 15.00 Uhr zu Protestaktionen veranstalten, um 18.00 Uhr soll es eine Demonstration durch den Ortskern Kostheim geben. Für 19.00 Uhr ist eine Bürgerinformation im Kostheimer Bürgerhaus mit Ordnungsdezernent Oliver Franz und Gutachter Dengler statt.

 

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