Lange galt sie als eine Generation der Langweiler und Dilettanten: Die Generation Praktikum. Nun aber regt sich etwas im Lande der Jungen: Aus der Not des Geldmangels und dem Willen zur Individualität entsteht eine neue kreative Bohème der Großstädte: Eine Subkultur des Selbstgemachten bei Möbeln, Klamotten und Küche. Zu besichtigen ist das alles zweimal im Jahr auf der Stijl, der Kreativmesse für genau diese Szene.

Die Stijl boomt und hat sich inzwischen auf andere deutsche Städte wie Freiburg und Leipzig ausgedehnt. Und natürlich gibt es gerade in Mainz viele Vertreter der neuen Bohème: Die Macherinnen von Annabatterie und Schreibergarten, N’Eis und Wollladen am Gartenfeldplatz in der Mainzer Neustadt gehören in jedem Fall dazu.

Mainz&-Macherin Gisela Kirschstein hat sich in der Szene umgesehen, die Stijl besucht und mit vielen der neuen Macher gesprochen. Ein Porträt einer neuen Generation.

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–Die Reportage auf Mainz&–

Holzbrillen der Marke "Kerbholz" mit Gründer Moritz Blees - Fot: gik
Der hat was auf dem „Kerbholz“: Firmengründer Moritz Blees – Fot: gik

Die Idee fürs Geschäft kam Moritz Blees im Auslandssemester in Mexiko: „Die schönsten Holzsachen“ habe es da gegeben, erzählt der 26 Jahre alte Wirtschaftspsychologe. Und als ein Kumpel zu Besuch kam, entstand die Idee der Holzbrillen. „Es war ein Reiseding“, sagt Blees, und es sei auch „ziemlich viel Tequila“ im Spiel gewesen. Inzwischen ist aus der Schnapsidee im Urlaub ein handfestes Unternehmen geworden: Unter dem Label „Kerbholz“ vertreibt Blees zusammen mit drei Mitstreitern edle Sonnenbrillen aus Holz und teure Uhren mit Holzarmband. Und wenn man Blees fragt, warum er das tut, sagt er nur: „Weil es geht!“

Die Geschichte ist typisch für eine neue Generation junger Kreativer: Meist sind sie zwischen 25 und 35 Jahren, haben studiert und sich danach auf die Suche nach einem Job begeben. Viele kommen aus der Kreativbranche oder sind studierte Betriebswirte, mancher hat sich entnervt von Praktikum zu Praktikum gehangelt, andere sind von ihrem Job in einer Werbeagentur enttäuscht. Der Ausweg für die „Generation Praktikum“ heißt: Selbstmachen.

[i:t mor Keyk] – und verkaufe sie in der Annabatterie

„[i:t mor Keyk]“ steht auf der schwarzen Tafel in der „Annabatterie.“ Das urige Szene-Café in der Mainzer Neustadt gehört zu den sichtbarsten Vorreitern des neuen Trends. [i:t mor Keyk] ist Lautschrift  und heißt schlicht: Eat more Cake, also: Esst mehr Kuchen! In der „Annabatterie“ sind die selbstverständlich selbstgebacken, die Einrichtung besteht aus zusammengewürfelten Stühlen, Tischchen, plüschigen Sesseln und alten Sofas, was man heute „Vintage-Style“ nennt.

Jofunzel: Coole Lampen beklebt mit alten Filmbändern - Foto: gik
Jofunzel: Coole Lampen, beklebt mit alten Filmbändern – Foto: gik

Im Juli 2011 eröffnete die studierte Architektin Gesa Kohlenbach ihr Café, seitdem wächst rund um den Gartenfeldplatz in der Mainzer Neustadt eine junge, hippe Szene, die gerne mal mit dem Berliner Prenzlauer Berg verglichen wird. Eine Häuserecke weiter haben zwei junge Mainzer das „Bukafski“ eröffnet, ein Buchladen mit integriertem Café, direkt gegenüber hat gerade N’Eis aufgemacht. Die Unternehmensgründung zweier Studentinnen des Medienmanagements bietet veganes Zitroneneis, selbst kreiertes Lavendeleis oder Milchreiseis, und Julia von Dreusche, eine der beiden Geschäftsführerinnen, spricht von „einem Traum, der in Erfüllung gegangen ist.“

Was ist los mit dieser Generation, dass sie Handgemachtes über prestigeträchtige Jobs stellt? Entgegen aktueller Studien, die Akademikern eine angeblich hervorragende Perspektive im Arbeitsmarkt bescheinigen, erleben die Jungen das ganz anders: Geboten werden ihnen unbezahlte Praktika, mies bezahlte Teilzeitjobs oder allenfalls zeitlich befristete Festanstellungen. Bis zu einem unbefristet gültigen Arbeitsvertrag dauert es oft zehn Jahre.

Realität: Unsicherheit

Taschen aus altem Lenkdrachen-Material der Firma Schwerelosigkite - Foto: gik
Schwerelosigkite zum Mitnehmen: Taschen aus alten Lenkdrachen – Foto: gik

Die Realität der jüngeren Generation lautet Unsicherheit – während gleichzeitig die Gesellschaft der Älteren diesen Wandel noch gar nicht realisiert hat und weiter die Erwartung von der gut bezahlten Festanstellung schürt. „Gefangen zwischen diesen Idealvorstellungen von Job und vorgefundener Realität, der finanziellen Not und der unsicheren bezahlten Tätigkeit fehlt ein Freiraum, eine eigene Identität jenseits von Arbeit zu entfalten“, schrieb ein kluger Kopf zur Generation Praktikum auf Wikipedia.

Doch es tut sich was im Land der Prekären: Aus der Diskrepanz ist ein Drang hin zum Kreativen entstanden, wird das Selbstmachen als Freiraum für die eigene Kreativität entdeckt. Da geben studierte Akademikerinnen Nähkurse und treten einen Trend zu selbstgenähten Turnbeuteln los. Andere drucken im Keller T-Shirts mit witzigen Aufdrucken weit jenseits des Mainstreams, wieder andere machen aus dem Hobby einen Beruf und erfinden Taschen und Gürtel aus ausgemusterten Lenkdrachen-Segeln, wie die Gründer der Firma „Schwerelosigkite“. Cool ist, was abgedreht ist, Nachhaltigkeit, Bio und fairer Handel sind wichtig, Individualität ist ein Muss.

Der Trend zum Do-it-Yourself, am besten ganz Retro

„Es gibt den ganz allgemeinen Trend zum Do-it-yourself, man will wieder etwas anfassen und mit Nachhause nehmen“, sagt Bastian Steineck, und er muss es wissen. Steineck ist einer der Organisatoren der Mainzer Design-Messe Stijl, die zweimal im Jahr den jungen Kreativen ein Forum gibt. In einem alten Postlager in Mainz präsentieren dann rund 100 Aussteller auf 3.000 Quadratmetern Selbstgemachtes und Selbstgedachtes: Skurrile Handytaschen, witzig geschnittene Sweatshirts, handgefertige Strickmützen oder eben die Holzbrillen von „Kerbholz“.

Ein Stand voller Selbstgenähtem auf der jungen Design Messe Stijl im Jahr 2013
Selbstgenähtes auf der Stijl 2013 – Foto: gik

Es ist der Output einer neuen intellektuellen Bohème, die aus der Not eine Tugend macht, Altes zu neuem Leben erweckt und ihre Individualität an ausrangierten Kleidern, Mobiliar oder Hausgeräten erprobt. Das ist billig und ignoriert bewusst die Statussymbole des bürgerlichen Mainstreams wie dicke Autos, teure Kleidung oder Designersofas. Stattdessen werden aus alten Teetassen nostalgische „Tassenlampen“ und aus abgeschnittenen Jeans coole Taschen.

Felix Blümlein nennt das selbstironisch „die stilvolle Kunst des Verarmens.“ Der studierte Betriebswirt machte im Februar den Imbiss „Frischelust“ mitten auf einer verkehrumtosten Insel in Mainz auf und stellt nun frisch gemachtes Frozen Joghurt mit Fruchtsoßen aus der Sterneküche her und vertreibt fair gehandelten biologischen Kaffee, Rhabarberschorle und Subkultur-Eistee der Marke Ailaike. Und Blümlein, der früher Finanzfonds entwickelte, aber nach der Krise 2008 keine Lust mehr aufs Bankenumfeld hatte, sagt, was könne man denn heute noch mit Marketing, PR oder Kultur verdienen? Das Selbstmachen, das Handfeste aber, „wenn es läuft“, sagt er noch, „dann ist das sehr erfüllend.“

Anmerkung von Mainz& am 31. Januar 2014: Die „Frischelust“ auf der Kaiserstraße gibt es schon nicht mehr – nach nur wenigen Monaten. So kreativ die Konzepte sind, so schnell verschwinden sie manchmal auch wieder. Mainz hat eine hohe Rate an Firmenpleiten, die jungen Kreativen sind wahrscheinlich mit ein Grund. Aber wer ein echter Kreativer ist, der erfindet sich einfach neu…

 

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