Die Mainzer Neustadt steckt ja gerade mitten im Wandel zu einer großstädtisch-kreativen Szene mit bunten Läden, gemütlichen Cafés und auch sonst allerhand Kreativem zum Entdecken. Nun feiert die Szene zum zweiten Mal die Neustadt und sich selbst: Es ist wieder Zeit fürs Neustadt-Fest auf dem Gartenfeldplatz – und Mainz& ist mit dabei!  Heute, am Samstag, den 2. August, geht es los, und zwar ab 12.00 Uhr. Gefeiert und geklönt wird bis Sonntagabend 21.00 Uhr.

Blick in die Leibnizstraße in der Mainzer Neustadt Richtung Josefsstraße - Foto: gik
Typisch Neustadt: die Leibnizstraße – Foto: gik

Die Neustadt, das war ja mal ein Stadtteil für Arbeiter, Ausländer und kinderreiche Familien, ein Wohnvorort von Mainz, das dringend mehr Wohnraum bringen sollte. Das war 1881, und die neue Stadt auf dem Gartenfeld wurde gerade erst geplant.

Wie sich die Ansichten doch ähneln: Im Jahr 2014 liefert die Neustadt noch immer dringend benötigten Wohnraum, aber aus der alten Arbeitersiedlung ist heute begehrter innerstädtischer Wohnraum geworden.

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Wer hier wohnt, liebt das Stadtleben und die Nähe zu Markt und Rhein. Viele Studenten wohnen hier in WGs, junge Pärchen, die nach dem Studium hängen geblieben sind, älter gewordene Städter, die sich irgendwann in Mainz verliebt haben 😉 Dazwischen wohnen noch immer Mitbürger ausländischer Herkunft und alteingesessene Meenzer, die von ihrem Gaadefeld schwätze.

Das Gaadefeld war einst Ausflugsziel für Mainz

Das „Gartenfeld“ nämlich war einst der Grüngürtel von Mainz, Ausflugsziel mit Gärten und Gaststätten, Obstgärten., Feldern und Wiesen. Doch Mainz, damals noch mit Stadtmauer eingeengt, brauchte dringend mehr Wohnraum, 1872 wurden die politischen und wirtschaftlichen Grundlagen für die Stadterweiterung gestellt. Und schon damals bediente man sich in Mainz des Einsatzes von Maklern…

Christuskirche mit viel Kaiserstraße vorn
Wo der Boulevard auf die Christuskirche zustrebt – Foto: gik

Trotzdem waren bis 1882 von 200 Grundstücken nur 49 bebaut, und diese lagen zumeist an der Kaiserstraße.Bis 1914 aber waren die Straßen angelegt und hatten Namen erhalten, entlang der Hauptachsen waren die meisten Grundstücke gebaut.

Schulen, Christuskirche, Industrie

Ende des 19. Jahrhunderts stieg die Bevölkerung nämlich sprunghaft an, und damit kam auch die Infrastruktur: Schulen und Schulhorte (!), Altenheime und Bäder. 1903 wurde die Christuskirche eingeweiht, 1912 ihr Pendant, die große jüdische Synagoge.

Und die Wirtschaft zog in die Neustadt mit kleinen Betrieben und großen  Formen, 1884 wurde der Mainzer Hauptbahnhof eröffnet, 1887 der Zoll- und Binnenhafen wurde 1887 fertig – die Neustadt wurde zum Zentrum der Mainzer Wirtschaft und Industrie. Steht übrigens alles in einem wunderbaren Buch „Die Neustadt gestern und heute“, eine Festschrift, die zum 125. Geburtstag der Neustadt erschien.

Vorbild für Baumeister Kreyßig? Paris und Straßburg

Treibender Kopf hinter der Erweiterung war der berühmte Stadtbaumeister Eduard Kreyßig, er legte schon 1866 einen neuen Plan vor, der wahrhaft revolutionär war: Kreyßig plante Straßen im Schachbrettmuster, ein symmetrisch angeordnetes Straßensystem, das einerseits parallel zum Rhein verlief, anderseits Straßen in Ost-West-Richtung führte. Seine Stadterweiterung, urteilen Historiker heute, war in ihrer Größe, Konsequenz der Durchführung und künstlerischer Gestaltung im deutschen Reich einzigartig.

Auch dass Straßen auf monumentale Gebäude zulaufen, plante Kreyßig so – deshalb steht die evangelische Christuskirche mitten in einem vierspurigen Boulevard à la Champs Elysee, deshalb ist diese Hauptachse gärtnerisch gestaltet. Seine Inspiration hatte Kreyßig in Frankreich gefunden, sein Vorbild war keine geringere Stadt als Paris. So gesehen ist Mainz das deutsche Paris… Und unglaublich aber wahr: der Gartenfeldplatz mit den netzartig auf ihn zulaufenden Straßen hat große Ähnlichkeit mit einem Platz in Straßburg.

Annabatterie am Gartenfeldplatz 2011 - Foto: gik
Wunderbare Annabatterie mit Blick auf den Gartenfeldplatz – Foto: gik

Gartenfeldplatz wachgeküsst

Höchste Zeit also, dass der Gartenfeldplatz wieder wachgeküsst wurde, und das ist das Verdienst einer jungen, kreativen Bohème, einer Community aus Intellektuellen, Kreativen, Akademikern und vielen Neu-Mainzern. Kneipen wie die Bagatelle waren schon lange da, aber 2010 tat sich etwas: Der neue Aufbruch der Mainzer Neustadt begann mit – Kaffee und Kuchen. „[i:t mor Keyk]“ – also: Eat more Cake – lautet das Motto der Annabatterie, das unglaublich schnell zu einem Szene-Café wurde, und auf einmal war Berlin gar nicht mehr so weit weg….

Der Annabatterie folgten andere, allerdings erst drei, vier Jahre später. Den Durchbruch für den Gartenfeldplatz bedeutete die Neueröffnung von N’Eis, der anderen Eisdiele mit einer unglaublichen Vielfalt an selbstgemachte Eiscremes. Das war 2013, und inzwischen hat die Eisdiele einen Bus und ein Verkaufsfahrrad, und Lavendeleis und Milchreiseis haben längst Kultstatus. Wahnsinn.

Kaffee, Bukafski und Kumpir

Es folgten weitere Läden: Das Bukafski kam, eine Mischung aus Buchladen und Kaffee, der Wollladen belebte die gerade wieder verlassene Ecke an der Kurfürstenstraße – und gerade vor vier Wochen hat der Schrebergarten aufgemacht, ein neuer Imbiss, der ganz auf die Kartoffel setzt, das Ganze aber Kumpir nennt, und wir sind wirklich gespannt, was das alles ist und wie es schmeckt.

Womit wir beim Feiern wären, denn das 2. Neustadtfest auf dem Gartenfeldplatz zeigt ja auch die unendliche Vielfalt alles dessen, was die Neustadt sonst noch zu bieten hat. Stolze 26 Stände tummeln sich an diesem Wochenende auf dem Platz, es gibt Kleinkunst und Poetry Slam, Kindertrommeln, Kubb Turnier (fragt uns nicht, was das ist…) und allerlei an Musik.

Mainz& bei Debatte dabei

Und wenn Ihr sehen wollt, welcher Kopf hinter Mainz& steckt, kommt am Samstag, um 15.00 Uhr auf den Platz! Dann gibt es nämlich eine politische Debattenrunde unter dem Titel „Alt vs. Neu“ – und da ist Mainz& mit dabei. Wir freuen uns jedenfalls schon riesig auf Euch Neustädter und sonstige Mainzer!

Info& auf Mainz&: 2. Neustadtfest Gartenfeld – Platz für Kultur vom 2. bis 3. August 2014 auf dem Gartenfeldplatz in der Mainzer Neustadt. Beginn: Samstag, 12.00 Uhr, Ende am Samstag ist 22.00 Uhr. Sonntag geht das Fest von 11.00 Uhr bis 21.00 Uhr. Mehr Infos auf der Facebook Seite von „gartenfeldplatzfuerkultur„.

10 KOMMENTARE

  1. Alles richtig, schön und gut. Ärgerlich finde ich – so meine Information – wenn sich N’Eis und Bukafski an der Finanzierung des „Neustadtfestes auf dem Gartenfeldplatz“ nicht beteiligen. Von der Neustadt profitieren und sich für die Neustadt nicht engagieren. Das geht gar nicht.

    • Hallo Günter, tatsächlich hast Du Recht, was die Finanzierung des Neustadtfestes auf dem Gartenfeldplatz angeht – allerdings nicht nur bei den Beiden. Wie ich gestern erfahren aheb, beteiligen sich wohl insgesamt die meisten Anwohner am Gartenfeldplatz finanziell nicht an dem Fest. Und ja, das finde ich auch nicht gut 😉

      • Warum sollten sich die Anwohnerinnen und Anwohner an einem Fest finanziell beteiligen? Kennen Sie ein (Stadtteil-)Fest, was ein so große Ressonanz genießt, was von Anwohnerinnen und Anwohnern mitfinanziert wird?

        • Ich finde, das ist wie bei der Weihnachtsbeleuchtung: Alle profitieren, wenn die Straße weihnachtlich aussieht – aber nur einige wenige sind bereit, dafür zu bezahlen. Ist jedes Jahr in der Altstadt der gleiche Ärger. Und das Neustadtfest auf dem Gartenfeldplatz war gestartet als Teile der Gratenfeldplatzkultur – und dann, finde ich, sollte sich jeder auch irgendwie daran beteiligen. Ist einfach fairer.

  2. Leider ist Ihr Artikel bezogen auf die letzten Jahre ziemlich unsauber recherchiert. Für die Aufwertung des Gartenfeldplatzes hat in erster Linie die durch die „Soziale Stadt“ finanzierten Projekte gesorgt – Annabatterie & co. kamen erst später.

    • Hallo Erik, gemeint war NICHT die Umgestaltung von Plätzen und Straßen, das ist in der Tat vorwiegend über die Finanzierung der Sozialen Stadt gelaufen. Gemeint war vielmehr eine Entwicklung, bei der sich eine Szene junger Kreativer im Stadtteil ausbreitet und sichtbar wird durch trendige Cafes oder innovative Geschäfte. Und diese Entwicklung hat ab 2010 so richtig Schung bekommen. Wenn das missverständlich war, bitte ich um Entschuldigung.

      • Nein, Sie liegen falsch! Der Gartenfeldplatz ist überhaupt erst wieder durch die Investitionen über die „Soziale Stadt“ so ansehnlich geworden. Und erst nach der Aufwertung des Platzes ist überhaupt die „Szene“ auf die Idee gekommen, sich dort anzusiedeln.
        Darüber hinaus halte ich nichts von der Verallgemeinerung in dieser „Szene“-Begrifflichkeit. Ich bin selbst in der Medien- und Kreativbranche tätig und lasse mich nur ungern in den N’Eis-etc.-Topf stecken.

        • Hallo Erik, ich habe das Gefühl, wir reden aneinander vorbei, meinen aber dasselbe 😉 Klar ist die Neustadt erst durch die Mittel der Sozialen Stadt so schön gewroden,d a gehören aber auch ganz maßgeblich die Schaffung der Einbahnstraßen und das gesamte (und sehr erfolgreiche) Verkerhsberuhigungskonzept dazu. Das hat die Neustadt erst so richtig lebenswert gemacht, auch weil gleichzeitig lauter kleine grünen Oasen geschaffen wurden. Aber ich konnte doch nicht die gaaaannze Neustadt-Geschichte in einen Artikel packen! Das sprengt selbst meine Artikel 😉 Und so habe ih mich eben auf einen Aspekt konzentriert, wie Journalisten das halt so machen 😉 was ja nicht bedeutet, dass ich die anderen Aspekte ignoriere! Vielleicht sollten wir einfach mal nen Kaffee trinken gehen, und uns austauschen. Liebe Grüße

  3. Hallo Erik,
    wer sagt bzw. schreibt, dass die Anwohner/innen sich finanziell beteiligen sollen? Ich nicht!
    Die Geschäfte und Läden rund um den Gartenfeldplatz profitieren von der besonderen Lage und zusätzlich von den Gästen des „Neustadtfestes“. Warum sollten sie sich dann nicht auch an der Kosten der Organisation beteiligen?

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