Die Mainzer nehmen auf recht individuelle Weise Anteil an den Toten des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo. Sonntagnachmittag kamen etwa zwei Dutzend Menschen zum Institut Francais am Schillerplatz, um zeitgleich mit dem großen Trauermarsch in Paris der von Terroristen ermordeten Zeichner und Redakteure des Pariser Kultmagazins zu gedenken, und natürlich der anderen getöteten Polizisten und Passanten. Und vor allem die in Mainz lebenden Franzosen fragten uns Mainzer: Wo sind eigentlich die Mainzer?

Gedenken Charlie Hebdo am Institut Francais in Mainz - Foto: gik
Gedenken Charlie Hebdo am Institut Francais in Mainz – Foto: gik

Das ist eine wirklich gute Frage, denn das fragen wir uns langsam auch. Tatsächlich gab es schon eine ganze Reihe kleinerer, spontaner Gedenk-Treffen. Am Mittwoch, dem Anschlagstag, versammelten sich spontan einige Dutzend Menschen am Institut Francais, auch Samstagabend um 19.00 Uhr fanden sich vor dem französischen Institut etwa 80 Personen zum Gedenken ein, wie die Polizei Mainz& sagte.

Wo bleibt die große Masse der Mainzer?

Für Montagabend 18.30 Uhr ist eine weitere Demonstration angekündigt, hier wollen die Organisatoren aber hauptsächlich gegen Rassismus und die islamfeindliche Pegida-Aktionen auf die Straße gehen, wenn wir das richtig verstanden haben. Und so bleibt die Frage: Wo bleibt der Aufschrei der Mainzer gegen die Attacke auf Meinungs- und Pressefreiheit?

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Teilnehmer Gedenken Charlie Hebdo am 11. Januar in Mainz mit Stift und Foto - Foto: gik
Gedenken mit Stift und Foto an Charlie Hebdo – Foto: gik

„Ich bin sehr schockiert, dass Mainz nichts macht“, sagte eine Französin, die am Sonntag zum Gedenken gekommen war. Mainz habe doch tiefe französische Wurzeln, habe ein Kabarettarchiv, sei die Stadt Gutenbergs, also des Erfinders des Buchdrucks mit beweglichen Lettern – die erst die massenweise Verbreitung von Schrift und Wort ermöglichte. Wenn in Deutschland, dann müsse „doch eigentlich in Mainz“ ein Aufschrei in Sachen Freiheit erfolgen, sagte die Französin, die seit 14 Jahren in Mainz lebt, und fragte: „Wo ist die Masse?“

„Cabu gehörte zu meiner Kindheit“

Teilnehmer beim Gedenken an Charlie Hebdo 11. Januar - Foto: gik
Einige Teilnehmer beim Gedenken an Charlie Hebdo am 11. Januar – Foto: gik

Am 7. Januar hatten zwei Terroristen mit „Gott ist groß“-Rufen die Redaktion des französischen Satiremagazins gestürmt und die Macher und die Zeichner erschossen. „Es war für mich ein großer Schock“, sagte Aimé Mainz&. Charlie Hebdo sei eine Institution in Frankreich, Zeichner Cabu habe früher sogar in einer Kindersendung mitgespielt. „Das gehört zu meiner Kindheit“, sagte die Übersetzerin, die in Wiesbaden geboren wurde, in Straßburg aufwuchs, und die nun wieder in Wiesbaden lebt.

„Charlie Hebdo hat viel für die Freiheit getan“

Im Elsass gingen am Sonntag Zehntausende auf die Straße, um gegen den Terror gegen die Gedankenfreiheit zu protestieren, in Paris waren es weit über eine Million. In Mainz trafen sich rund 24 Teilnehmer am Institut Francais, viele blieben kurz stehen, hielten inne, und gingen dann weiter.

„Wir wenden uns gegen Extremismus jeder Couleur“, betonte Elsa, eine aus Paris stammende Architektin, die zum Gedenktreffen eingeladen hatte. Charlie Hebdo habe Frankreich verändert, viele Tabus gebrochen, sagt Elsa: „Charlie Hebdo hat viel für die Freiheit getan.“

Info& auf Mainz&: Das Gedenken in Mainz geht weiter, am Montag um 18.30 Uhr mit einer Demonstration in Mainz. Vom Hauptbahnhof läuft der Zug Richtung Schillerplatz mit einer Zwischenkundgebung am französischen Institut. Von dort geht es weiter über den Gutenbergplatz, der Alten Universität Richtung Römerpassage, und von dort mit einem kleinen Schlenker über die Kaiserstraße zurück zum Hauptbahnhof. Am Neubrunnenplatz ist eine weitere Zwischenkundgebung  geplant. Den Demoaufruf findet Ihr hier.

Vorraussichtlich am kommenden Samstag wollen sich Elsa und andere Franzosen und natürlich auch Mainzer noch einmal am Institut Francais treffen und der Toten gedenken. Näheres erfahrt Ihr natürlich bei Mainz&.

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