Vor etwas mehr als einer Woche ließ die Stadt Wiesbaden 71 uralte Kastanien in der Lesselallee auf der Maaraue fällen, und Ordnungsdezernent Oliver Franz (CDU) sagte forsch in Fernsehkameras: „Alle Bäume sind krank.“ Das stimmte schon damals nicht, nun aber wird es richtig heftig: Der renommierte Baumprofessor Ulrich Weihs aus Göttingen hat die Fotos der gefällten Baumriesen begutachtet. Sein Ergebnis: „Die Querschnitte, die ich sehen konnte sind gesund“, sagte Weihs. Die Stadt ließ 53 kerngesunde Kastanien fällen – rund 75 Prozent der Allee.

War diese Baum, krank? Nein, sagt Baumprofessor Weihs - Foto: gik
War diese Baum, krank? Nein, sagt Baumprofessor Weihs – Foto: gik

Es ist wirklich nicht zu fassen, aber was da am 4. November in einer Hauruck-Aktion gefällt wurde, waren zum Großteil gesunde Bäume. Die Bürgerinitiative hatte das ja schon befürchtet, auch Professor Weihs, der vor einigen Monaten das Gutachten für die Grünen zur Lesselallee geschrieben hat, hatte stets betont, die Mehrzahl der Bäume sei gesund.

53 Bäume nicht mit Wurzelpilz befallen

Nun gibt es die Bestätigung: 53 der gefällten Kastanien wiesen keinerlei Befall durch den Pilz Phytophthora auf, bescheinigt Weihs nun in einem offiziellen Gutachten. Weihs, der immerhin öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für die Verkehrssicherheit von Bäumen ist, hatte per Foto alle Querschnitte der in der Allee gefällten Bäume – genannt Stubbenquerschnittsflächen – vorliegen.

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Die erste Überraschung bei seiner Untersuchung: Gefällt wurden tatsächlich nur 71 Bäume, nicht 74 und nicht 72. Irgendwer muss sich in der Vergangenheit da verzählt haben, hatte doch der städtische Gutachter Roland Dengler immer von 74 Kastanien gesprochen und geschrieben. Aber das ist natürlich nicht wirklich der entscheidende Punkt.

Dunkle Flecken = Nasskern = normal

Entscheidend ist vielmehr: Die Querschnitte der Bäume zeigen zum überwiegenden Großteil weiße Holzflächen, die in der Mitte mit einem dunklen Kern versehen sind. „Bei den dunklen Flecken im Zentrum handelt es sich um einen sogenannten Nasskern, den ältere Rosskastanien ausbilden“; schrieb Weihs Mainz& in einer Email. Wir wollten nämlich nach der Fällung wissen, ob man den Bäumen die angebliche Erkrankung mit dem Wurzelpilz Phytophthora ansehen kann, und schickten Weihs zwei Beispielfotos.

Berg gefällter Bäume in der Lesselallee - Foto: gik
Gut sichtbare Baumscheiben, viel weiß, wenig Nasskern – Foto: gik

Hintergrund für unsere Anfrage war nämlich die Geschichte der Platanen auf dem Bowling Green in Wiesbaden, bei denen nach ihrer Fällung deutliche Krankheitsspuren zu sehen gewesen sein sollen. Und weil dieses Platanenbeispiel – „da konnte man sehen, wie nötig die Fällung war!“ – ja in der Lesselallee-Diskussion auch immer wieder auftauchte, dachten wir, wir fragen mal jemanden, der sich damit auskennt…

Die dunklen Stellen in der Stammmitte seien „ganz normal“, schrieb uns Weihs, sie hätten keinen vitalitätsschwächenden oder die Stabilität beeinträchtigenden Einfluss. Sonstige Flecken in den Stämmen ließen sich auf „ehemalige mechanische Verletzungen des Kambiums zurückführen, die der betroffene Baum gesund überwallt hat.“ Auf gut Deutsch: Es gibt einige alte Verletzungen, die der jeweilige Baum aber gut gemeistert und überwuchert hat.

Stammquerschnitte hell, Versorgungsleitungen intakt

Gefällter Baumriese Lesselallee - Foto: gik
Auch dieser Baumriese war dann wohl gesund – Foto: gik

Entscheidend für die Beurteilung des Gesundheitszustands der Bäume sei nämlich, dass „die äußeren Randbereiche der Ast- oder Stammquerschnitte ‚weiß‘ sind“, erklärte Weihs.  Das zeige, dass die für die Ernährung des Baumes lebenswichtige Wasser- und Nährstoffversorgung intakt waren – und genau damit hatte die Stadt Wiesbaden ja stets argumentiert: Der Wurzelpilz kappe die Versorgungsleitungen des Baumes nach oben, der Baum sterbe ab und werde instabil. An den weißen Flächen könne man sehen, dass „kein Pilzbefall die Leitungsbahnen verstopft hat“, betonte Weihs, „anderenfalls wären hier dunkel gefärbte, abgestorbene Bereiche zu erkennen gewesen.“

8 Bäume krank, 4 mittelkrank, 6 leicht

Offenbar waren wir nicht die einzigen, die den Göttinger Baumprofessor mit Bildern versorgt haben – Weihs erhielt von der Bürgerinitiative „Rettet unsere Kastanien“ Fotos von den Baumscheiben aller gefällter Kastanien. Sein Ergebnis: Lediglich acht Bäume wiesen starke Befallssymptome auf, sechs Bäume wiesen leichte, vier Bäume nur mittlere Befallsspuren auf.

Nur die acht stark betroffenen Bäume hätten gefällt werden müssen, sagt Weihs in seinem Gutachten. Bei den acht Bäumen handelt es sich vor allem um rotblühende Kastanien, junge Bäume, die erst vor einigen Jahren von der Stadt Wiesbaden nachgepflanzt wurde, sagt die BI. Der ursprüngliche Teil der Allee bestand aber aus weiß blühenden Kastanie – die einhudert Jahre alten Baumriesen waren also wohl fast alle gesund.

„Unverzeihliches Baummassaker“

Baumleichen groß mit Holzlaster - Foto: gik
Große Baumleichen, helles Stammholz – Foto: gik

„Das hätte man vorher wissen können“, kommentiert das Christoph von Eisenhart Rothe von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. Der Befall durch Phytophthora hätte „bei jedem einzelnen Baum untersucht werden müssen.“ Die Große Koalition in Wiesbaden aber habe den Kompromissvorschlag der Schutzgemeinschaft, die Allee mit Nachpflanzungen zu verjüngen, nicht einmal diskutiert.

„Man wollte die Allee loswerden“, schimpft von Eisenhart Rothe, und wirft der Stadt „ein unvorstellbares Baummassaker“ vor. Damit sollten angesichts einer drohenden gerichtlichen Auseinandersetzung und „aus Angst vor einer sauberen fachlichen Bewertung“ Fakten geschaffen werden.

„Schlimmste Befürchtungen bestätigt“

Die schlimmsten Befürchtungen hätten sich damit bestätigt, sagte auch Ronny Maritzen, Vorsitzender des Umweltausschusses der Stadt Wiesbaden (Grüne). „Ohne einen vernünftigen Grund wurden 53 gesunde Bäume gefällt, die über hundert Jahre alt waren“, kritisiert er. Die Verantwortung dafür liege bei der Großen Koalition in Wiesbaden: „SPD und CDU haben die Verwaltung völlig unkontrolliert gewähren lassen, ihr eine Generalvollmacht ausgestellt und sich als Parlamentarier aus der Verantwortung gestohlen“, warf Maritzen ihnen vor.

„Ungeheurer Schaden“

Marion Mück-Raab, Sprecherin der BI und Ortsbeirätin für den Arbeitskreis Umwelt und Frieden in AKK fordert, die Verantwortlichen in Wiesbaden müssten für die Zerstörung der Bäume zivil- und strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen werden. Auf der Kostheimer Maaraue „sieht es aus wie nach einem militärischen Angriff“, bei dem Kahlschlag sei „ungeheurer Schaden entstanden“, und das gelte auch materiell.

Tatsächlich hatte Weihs die Allee im Juli als ungeheuer wertvoll bezeichnet, und einen Wert von 6876,07 Euro ermittelt – pro Baum. Demnach hätte die komplette Allee mit 71 Bäumen einen Wert von rund 488.000 Euro gehabt…

Zu dem materiellen komme aber noch der ideelle Wert der Allee für Kostheim, betont Mück-Raab: „Eine wertvolle Allee, den Menschen ans Herz gewachsen, kulturhistorisch bedeutend, wurde gewissenlos und vorsätzlich zerstört. Das muss für die Verantwortlichen Konsequenzen haben.“

 

 

 

3 KOMMENTARE

  1. Also so ganz neu ist diese Info nicht, wenn man die Gutachten von Herrn Dengler einfach mal liest:

    Im Fazit auf Seite 7 des Gutachtens 2.974-14 vom 7.10.14 sagt Roland Dengler: „36,5% der Kastanien[..] verfügen über Rindenaufplatzungen [..] An 20,3%der Bäume ist das Ausmaß dieses Befalls mittelmäßig bis stark.“
    Nach seiner Auflistung entsprechen die 20,3% genau 15 Bäumen. Davon standen 12 Bäume am Main und nur 3 Bäume an der Wiese.

    In der Tabelle darüber auf Seite 6 beschreibt selbst Herrn Dengler (dessen Gutachten in der Presse teilweise angegriffen werden) bezüglich der Nekrosen/Rindenaufplatzungen 47 Bäume als „Ohne Befund“ und weitere 12 Bäume „Mit Befund – geringes Ausmaß“, was insgesamt ja ähnliche Zahlen sind wie im Artikel beschrieben.

    Wie er in diesem Gutachten feststellt, „gehen die Rindennekrosen NICHT auf Pseudomonas syringae pv. aesculi zurück“.
    Weiter schreibt er von der „Vermutung“, dass statt dessen eben Phytophtora (der im Bestand nachgewiesen wurde) die Ursache dieser Nekrosen sein könnte, schränkt aber gleichzeitig wieder ein:
    „Da auch Phytophtera entsprechende Rindennekrosen hervorruft (starke Ähnlichkeit des äußeren Erscheinungsbildes), gilt diese Annahme mangels alternativer Ursachen als sehr wahrscheinlich, wenngleich entsprechende Aufplatzungen bei Phytophtora gewöhnlich eher im Stammbereich auftreten.“ (er hat sie nämlich „in hoher Krone“ gefunden)

    Im älteren Gutachten 2.894-13 vom 20.02.14 schreibt er auf Seite 4: „Das größte Problem der Allee sind jedoch nicht die mechanischen Schäden sondern ist der der Vitalitätsmangel, unter dem die Bäume leiden.“ [..] „Neben dem eklatanten Vitalitätsmangel tritt Phytophthora durch Rindenaufplatzungen an den Stämmen in Verbindung mit schwarzem Sekretausfluss in Erscheinung“.

    Genau davon hat er ja im erstgenannten Gutachten 47 Bäume ‚frei gesprochen‘.

    (In diesem Gutachten zählt er übrigens auch „71 Altbäume und 3 Jungbäume“ auf, wer oben addiert hat, kommt ebenfalls auf 74 Bäume.)

    Interessant ist auch, was er am Ende des Fazit schreibt. Er vergleicht nämlich unter anderem in diesem Gutachten acht Bäume der Lesselallee mit zwei Referenzbäumen am „Kasteler Museumsufer“ (siehe „Prinzipieller Untersuchungsablauf“ auf S. 5) in Bezug auf Materialeigenschaften und Grünbruchgefahr und resumiert dann auf Seite 18 (vorher sind etliche Seiten mit Bildern und einem externen dendrochronologischen/Fraktrometrie-Gutachten eingefügt)
    „Die VERGLEICHSWEISE geringe Bruchfestigkeit und Biegesteifigkeit der Kastanien der Lesselallee gegenüber den beiden Vergleichsbäumen ist zwar auffällig, kann jedoch dem Phyophthorabefall BESTENFALLS INDIREKT angelastet werden [..]“
    „Eine andere Erklärung läge darin, dass die Vergleichsbäume, da diese mehr oder minder frei innerhalb eines windexponierten Uferbereichs stehen, mehr windtrainiert sind und DESHALB kräftigeres / belastbareres Holz ausgebildet haben.“ Quelle: Gutachten-Nr. 2.894-13 von Roland Dengler

    Ich interpretiere das so, dass die Vergleichsbäume besonders kräftig gewesen sein könnten (und nicht die Alleebäume besonders schwach) und dass der Phyophthorabefall nicht wirklich ausschlaggebend war.

    Da sei mir die Frage erlaubt, ob Dr. Franz die Gutachten gründlich genug gelesen und komplett verstanden hat?! Oder ob mir mit meinem naturwissenschaftlichen Background Schlussfolgerungen verschlossen bleiben, die ein Jurist aus den Gutachten herauslesen kann?

    Jedenfalls möchte ich dazu ermutigen, die Gutachten, die die Stadt Wiesbaden auf Ihrer Homepage veröffentlicht hat, einmal zu lesen. Die enthaltenen wissenschaftlichen Fakten rechtfertigen meiner Meinung die Fällung nicht. Über die enthaltenen Empfehlungen von Herrn Dengler und die von der Stadtspitze vorgenommene Interpretation möge sich dann jeder selbst seine Meinung bilden…

    PS: Nach dem Vergleich der Holzqualität (Blatt 70 von 74 in Gutachten 2.894-13) müsste man den einen der beiden Referenzbäume am Museumsufer wohl gleich auch noch fällen – er schnitt schlechter ab, als zwei Bäume der Lesselallee – ob dann allerdings der halbe Taunus ebenfalls dran glauben muss ist reine Spekulation…

    • Hallo Herr Pluntke, ziehe meinen Hut vor Ihrer Gutachten-Exegese! Tatsächlich hatte Mainz& ja auch schon in die Dengler-Gutachten geschaut und ist zum selben Ergebnis gekommen: nur 24 Bäume sind krank, haben wir immer geschrieben, das war die Zahl von Dengler. Wir waren mal großzügig und haben den höchsten Wert genommen 😉 und ob Her Franz die Gutachten gelesen hat? Wir vermuten mal, nein. Die Aussagen des Herrn Franz zeichnen sich nicht unbedingt durch hohen Faktengehalt aus 😉

      Und was den Taunus angeht: der ist definitiv gefährlich ;-))) (Achtung, Ironie…)

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