[v_icon color=“#dd3333″ size=“18px“ target=“_blank“ name=“moon-pencil-4″] Auf dem Tisch liegen Friedenspfeifen und ein halbfertiger Tomahawk, unter der Decke baumelt ein stilechtes Piraten-Skelett in einer Hängematte. Es ist ein Raum ganz oben im Mainzer Staatsheater, hoch oben unterm Dach, vollgestopft mit den skurrilsten Dingen. Da gibt es Hirschgeweihe und nackte Frauen, besagtes Piratenskelette und viel Kleinkram. „Requisitenmenschen sind sehr kreativ, und machen aus Nichts viel“, sagt Eva von Hülst.

–Die Reportage auf Mainz&– 

Es ist Samstagnachmittag, und im Mainzer Staatstheater dürfen die Besucher buchstäblich hinter die Kulissen schauen. „Unbekannte Theaterwege“ heißt die Führung, die einmal im Monat Erwachsene treppauf, treppab durchs Mainzer Staatstheater führt. Maske, Kulissen, Garderoben, überall dürfen Neugierige einen Blick hinein werfen.

In der Requisite unterm Dach erzählt Eva von Hülst, wie man mit kleinen Mitteln große Wirkung erzielt, ganze Pizzas aus Pappmaché macht, und was zu tun ist, wenn eine Leiche fehlt. Man nehme einfach eine ausrangierte, präpariere sie richtig, und werfe sie von weit oben hinunter auf die Bühne… „Die Leiche ist dann auf der Bühne gestorben“, sagt von Hülst mit einem Lächeln.

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Eine Wand für „La Traviata“

Das Theater, es ist seit jeher eine Spielstätte für Wünsche, Träume und Visionen, Ort des Scheins und des Möglichen, manchmal auch des Unmöglichen. Seit der Antike ist die Bühne Hort neuer, manchmal sogar revolutionärer Ideen, Ort der Kritik an den Mächtigen und Spiegel für die Gesellschaft. Mainz hat eine lange Theatertradition, schließlich wurden schon zur Römerzeit im Bühnentheater am Südbahnhof Komisches und Tragisches gegeben.

In Zeiten von Internet, Fernsehen und Mediatheken jedoch scheint die Bedeutung des Theaters seltsam geschrumpft, seine Anziehungskraft gesunken, seine Bedeutung für die Gesellschaft marginalisiert. Neue Ideen – vom Theater gehen sie heute nicht mehr unbedingt aus. Doch Diskussionen anstoßen, neue Blickwinkel aufzeigen, das will Theater auch heute noch. Nicht immer trifft das auf Verständnis und Geschmack des Publikums – so, wie der derzeit ziemlich umstrittene „Urfaust“ am Mainzer Staatstheater.

Ein Sheriffstern aus Pappmarché im Malerraum des Mainzer Staatstheaters - Foto gik
Sheriffstern im Malersaal – Foto gik

Doch eine Faszination ist nach wie vor ungebrochen: Der Blick hinter die Kulissen. Was vorne im Scheinwerferlicht glänzt, entpuppt sich hinter der Bühne als dünne Tünche auf Pappmaché, Styropor oder Holz. Direkt gegenüber der Requisite auf demselben Stock liegt der Malerraum, ein luftig-helles Atelier mit großen Dachfenstern. Hier wird aus Spanplatten eine Wand für die Oper „La Traviata“, werden aus nacktem Holz per Farbe Marmorsäulen und Stuckverzierungen am Wandfries.

Größter Kulissenaufzug Deutschlands

In Mainz gibt es die Tradition der Fastnachtsposse, sie spielt in diesem Jahr im Wilden Westen. So steht denn auch im Malerraum ein überdimensionaler Sheriffstern, der – Dank der richtigen Farbe – glänzt wie Metall. Gerade sind die Türen für den Saloon in Arbeit. Das Lager für bereits verwendete Kulissen befindet sich hingegen 25 Meter tief unter der Erde. „Das ist einmalig in Deutschland“, schwärmt von Hülst, die seit vielen Jahren die Gäste hinter die Kulissen führt: Mainz besitzt tatsächlich den größten Kulissenaufzug in Deutschland, in Europa gibt es überhaupt nur drei solcher Mega-Aufzüge, in die ganze Kulissenlandschaften passen.

Blick von der Großen Bühne des Mainzer Staatstheaters in den Zuschauerraum
Heute muss niemand mehr stehen – Foto: gik

Es war der Neubau des Staatstheaters in den Jahren 1998 bis 2001, der dem Theater die hochmoderne Bühnentechnik samt Aufzug bescherte. 1997 war der Neubau des Kleinen Hauses, der Spielstätte fürs Sprechtheater, eingeweiht worden. 1998 zogen dann Oper, Schauspiel und Ballett aus dem alten Mollerbau des Staatstheaters für drei Jahre in die Phönixhalle. Der altehrwürdige Sandsteinbau des Architekten Georg Moller, 1833 eingeweiht, war zu seiner Zeit eine Sensation: Moller brach mit der damaligen Tradition eines eckigen Theaterbaus und stellte – in Anlehnung an das Kolosseum in Rom – das Halbrund des Zuschauerraums nach außen sichtbar dar.

Erstes „Bürgertheater“ ohne Logen

Ein „Bürgertheater“ war der Mollerbau, weil er im Inneren die Logen abschaffte und stattdessen die Zuschauer auf vier Ränge verteilte – gleichsam demokratisierte. 1.200 Zuschauer fasste der Bau damals, deutlich weniger als die heutigen 952 Plätze. Der Grund: im 19. Jahrhundert gab es noch Stehplätze mit billigem Eintritt, „aber wer will heute noch drei Stunden stehen“, sagt von Hülst.

Im Zweiten Weltkrieg wurde der Mollerbau zerstört, aber 1951 bereits wiedereröffnet. 1989 wurde aus dem Stadttheater ein Staatstheater, das fortan vom Land Rheinland-Pfalz mitfinanziert wurde. Parallel dazu kam die Erweiterung mit dem Kleinen Haus – und die Glaskuppel oben auf dem Mollerbau, von den Mainzer gerne spitzzüngig „Handkäs“ oder „Suppenschüssel“ genannt. Die Mainzer haben irgendwie doch immer einen klaren Blick fürs Wesentliche…

Masken in der Maskenwerkstatt des Mainzer Staatstheaters, im Spiegel ein Besucher - Foto: gik
Mann & Maske, notfalls auch mit Schiff – Foto: gik

Im Theater hingegen stellen sie die Wirklichkeit mit Mitteln des Scheins dar – ganz besonders sichtbar wird das in der Maskenwerkstatt. In einem kleinen, ziemlich unscheinbaren Raum im 4. Obergeschoss werden aus Pappmaché, Gummi und echten Haaren Masken, die Menschen zu Monstern machen oder einfach in eine andere Zeit katapultieren. Ob Biedermeierzeit mit einer ganzen Galeere auf dem Kopf oder abgeschlagenes Haupt – hier entstehen die Illusionen für die Bühne. 60 bis 70 Arbeitsstunden braucht es für eine Perücke, erzählt Eva von Hülst.

Für die Schauspieler wiederum gibt es winzige Garderoben, vier auf engstem Raum und spartanisch eingerichtet. So glamourös die Bühne wirkt, das Leben dahinter ist nüchtern und einfach. Alles ist dem Spielbetrieb untergeordnet, und der alten Losung: The show must go on. Dafür, dass sie das auch tut, ist der Inspizient zuständig.

Sein Pult hinter der Bühne am Seitenrand erinnert ein wenig an das Cockpit eines Flugzeugs – und so ist es auch: Von hier wird gesteuert, wann auf der Bühne was passiert. Bei ihm müssen sich die Schauspieler vor ihrem Auftritt melden, in seinem Buch steht jeder Ton, jedes Wort vermerkt. Gibt es eine Panne, entscheidet der Inspizient – dessen Bezeichnung von „inspizieren“, „Aufsicht“ kommt -, ob abgebrochen wird, oder die Vorstellung weiter geht.

Das Cockpit des Inspizienten - Foto: gik
Das Cockpit des Inspizienten – Foto: gik

Dann geht es noch zur Probenbühne 17 Meter unter der erde, und zum Fundus mit seinen 40.000 Kostümen. Ein Teil davon, etwa 300 bis 500 Teile, wird übrigens jedes Jahr vor Fastnacht unters Volk gebracht – beim traditionellen Kostümverkauf des Staatstheaters. Der Andrang ist immer enorm, kurz nach Beginn wird das Angebot regelrecht geplündert. Wer also noch ein Kostüm für Fastnacht sucht: Der Kostümverkauf findet in diesem Jahr am Samstag, den 15. Februar statt, Beginn ist natürlich um 11.11 Uhr. Und es empfiehlt sich, frühzeitig da zu sein….

Infos: Die nächsten Führungen „Unbekannte Theaterwege“ gibt es am 15. Februar und am 29. März, Beginn ist jeweils um 14.30 Uhr. Details gibt es hier. Für Kinder gibt es übrigens spezielle Führungen hinter die Kulissen, unter anderem direkt nach einer Kinderaufführung. Bitte beim Staatstheater nachfragen, Kontaktdaten gibt es hier.

Tipp von Mainz&: Kostümverkauf im Mainzer Staatstheater am Samstag, den 15. Februar ab 11.11 Uhr. Infos hier.

Tipp 2 von Mainz&: Auch auf der anderen Rheinseite gibt es einen Kostümverkauf: Staatstheater-Wiesbaden, Samstag, 1. Februar, 11.00 Uhr – 16.00 Uhr. Mehr als 4.000 Kostüme aus allen Epochen stehen zum Verkauf! Akzeptiert wird nur Barzahlung. Infos hier.

 

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