Wir schulden Euch noch Fotos, viele Fotos – die Fotos vom Tod der Lesselallee. Alle Kastanien der Allee wurden am Dienstag in einer einzigen Hauruck-Aktion gefällt. Anwohner äußerten sich entsetzt und geschockt, Kinder weinten, ältere Menschen auch. Viele werden erst heute realisieren oder auch überhaupt erst mitbekommen, was da gestern geschehen ist. Eine mehr als 100 Jahre alte Kastanienallee, Geschenk der Stadt Mainz an die Kostheimer zu ihrer Eingemeindung nach Mainz, wurde auf einen Schlag vernichtet.

Dann wird der Baum zur Seite gezogen - Foto: gik
Eine gefällte Kastanie wird zur Seite gezogen – Foto: gik

„Ich könnte heulen“, sagte ein Kostheimer dem Hessischen Rundfunk, und hatte dabei Tränen in den Augen: „Die Lesselallee, das war so das Highlight von Kostheim.“ – „Wir trauern um die Lesselallee“, schrieb der renommierte Baumprofessor Ulrich Weihs, der der Lesselallee noch viele Jahre Vitalität bescheinigt hatte. Und Weihs schickte auch gleich eine Trauermusik mit: zwei Largos der Komponisten Georg Friedrich Händel und Antonin Dvorák.

Auf der Facebookseite „Aktuelles zur Lesselallee“ manifestierte sich am Dienstag wütender Protest:“Ich könnte kotzen vor Wut“, schrieb ein Nutzer, die Fällaktion sei „krank“, die Meinungen der Bürger nichts wert, sogar von „Lügnern“ und „Verbrechern“ war die Rede. Ein User schlug vor, er werde jetzt seinen Hund ins Rathaus bringen „und lasse ihn unter dem Schreibtisch von Dr. Oliver Franz scheißen.“

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Franz ist Ordnungsdezernent, gehört der CDU an und hatte die Fällung der Lesselallee durchgedrückt, obwohl eine Beschwerde bei Gericht anhängig ist und obwohl ein Bürgerbegehren zur Rettung der Allee läuft. „Die Besatzungsmacht Wiesbaden hat wieder zugeschlagen. Was faseln da die dummen Kostheimer von Demokratie? Schlimm, schlimm, diese Wiesbadener Volksvertr… sorry VOLKSVERBRECHER!“, schrieb wütend ein Bürger.

„Das Vertrauen in die hessische Politik ist unwiederbringlich zerstört. Nicht das auf die Meinung und das Befinden der Bürger gehustet wird, es wird gelogen was das Zeug hält“, schrieb eine andere Nutzerin. Und eine dritte Kommentiererin riet, doch mal auf die Seiten der Grinsekatzen“, also der Wiesbadener Politiker zu gehen, dort sehe man „überwiegend Party und Bullshit… Anstelle sich für Bürgerbegehren einzusetzen.“

Dezernent Oliver Franz und Thomas Hoffman vom Dezernat VII in der Allee - Foto: gik
Dezernent Oliver Franz und Thomas Hoffman vom Dezernat VII in der Allee – Foto: gik

Das richtete sich wohl gegen den Wiesbadener Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD), an den gleich drei Parteien vor der Fällung appelliert hatten, die Fällung zu stoppen, um dem Bürgerbegehren für den Erhalt und behutsamen Umbau der Lesselallee Zeit und Raum zu geben. Gerich antwortete auf diese Appelle nicht. Das könnte sich rächen: Insbesondere auf Facebook gaben viele Kommentatoren Gerich eine eindeutige Mitschuld an dem Kahlschlag in der Kastanienallee.

„Wo sind da die Grenzen Herr Gerich, haben sie keine moralische Verpflichtung?“, fragte User Josef Rösler: „Werden sie alles umsetzen was von wem auch immer beschlossen wird?“ Gerich sei als OB „verpflichtet, Fehlentscheidungen des Magistrates zu korrigieren bzw. zu stoppen“, schrieb Gisela Runkel.

„Keine Inhalte, keine Prinzipien, schwach, Grüßonkel bei der Feuerwehr. Keine politische Substanz. Wer will den wählen? Nicht einmal mehr die Kostheimer SPD“, hieß es auf der Facebook-Seite.

Und Facebook-Nutzer Wolfgang Kahnt schreibt: „Es ist einfach traurig, drei Tage nach Allerheiligen maßt sich der Baummörder und Naturzerstörer Oliver Franz (CDU) an, auch in der Natur für Trauer zu sorgen und die Obrigkeit in Person von OB Sven Gerich schaut seinem Treiben einfach zu. Beide gehören in die Wüste geschickt -auf Nimmerwiedersehen.“

Der Wiesbadener Politik könnte noch ein böses Erwachen drohen.

Und für alle, die den Tag gestern verpasst haben. und für alle die dabei waren – hier die Mainz& Fotogalerie.

3 KOMMENTARE

  1. Fehler bereinigt:

    Ich würde dem Franz als Antreiber und Taktiker für die Fällung auch eine hohe Verantwortung zuschreiben. Diese aber allein auf ihn zu personalisieren entschuldigt die MitläuferInnen. Bekannt ist doch, dass der Kostheimer Ortsbeirat von CDU-FWG-FDP der Erneuerung mit Flatterulmen und damit der Rodung ihrer Allee zugestimmt hat.

    Ebenso sollten wir den AnwohnerInnen, die nicht protestiert haben sagen, dass sie sich den Kahlschlag der Allee durch ihr Schweigen selbst eingebrockt haben. Demokratie heißt nicht nur beteiligt werden, sondern auch sich zu beteiligen! Eine kleine Anzahl Aktiver hat ohne die Rückendeckung aus der Bevölkerung wenig Chancen gegen diese geballte Macht des Parteienfilz.

    Ein ganz anderer Aspekt: Der Berliner Sozialwissenschaftler und Professor Peter Grottian hat in einem Feature im Deutschlandfunk (Thema: Recht auf Stadt) wegen der “Waffenungleichheit” von Bügerinitiativen gegenüber der Politik, die sich teuere Gutachter leisten kann, gefordert, dass auch den Initiativen Gutachter aus Steuermittel bereitgestellt werden sollten.

    Die Politik in Wiesbaden stützte sich bei ihrer Argumentation über den Zustand der Lesselallee immer auf ihren eigenen Gutachter Roland Dengler. Die Expertise von Prof. Ulrich Weihs war aus finanziellen Gründen nicht genauso umfangreich und wurde deshalb vom Wiesbadener Umweltausschuss abgewertet. Sie war dankenswerter Weise von den Wiesbadener Grünen bezahlt, deren Etat damit sicherlich schon überfordert war.

    Dies könnte eine Lehre auch der Auseinandersetzung mit der Arroganz der Macht sein. Nur, diese muss das zulassen und dafür braucht es Druck auf die Politik.

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