Wir sind ja noch immer auf der Suche nach der geheimnisvollen Weisheit, warum eine Mehrheit aus CDU und SPD in Wiesbaden die uralten Kastanien der Lesselallee eigentlich unbedingt fällen will. Tatsache ist: Man bekommt auf die Frage nach dem “Warum” weiter keine Antwort. Stattdessen werden Volten geschlagen, Pirouetten gedreht und – wir können es nicht anders sagen – Ausflüchte gesucht. Mainz& hat sich deshalb gefragt: Wem ist die Kastanienallee etwas wert – und wem nicht?

Vorbeugung gegen Astbruch Lesellallee - Foto gik
Was ist eine Rosskastanie wert? – Foto: gik

Anschaffung, Herstellungszeit, Wertminderung

Das Gutachten, Ihr könnt es Euch wahrscheinlich schon denken, liegt Mainz& natürlich vor, und beim Lesen haben wir herzlich geschmunzelt. Denn man sollte es nicht für möglich halten – aber die Wertermittlung vollzieht sich bei einer Kastanie tatsächlich ähnlich wie bei einem Gebrauchtwagen: Einberechnet werden die Anschaffung, die Pflanzung, die Anwachsphase, die “weitere Herstellungszeit”, sowie Wertminderung (sic!) durch Mängel und Schäden.

Das Verfahren zur Wertermittlung ist natürlich ein branchenübliches, erprobtes Verfahren, was die Verfechter der Allee-Fällung sicher wieder bestreiten werden. “Die Methode KOCH”, schreibt Weihs dazu, “wird seit dem als „Kastanienbaumurteil“ bekannt gewordenen Urteil des BGH vom 13.5.1975 – VI ZR 85/74, K6 – bei der Gehölzwertermittlung seit fast 40 Jahren angewandt.” Wir glauben dem Herrn Professor das jetzt einfach mal, bis uns jemand eines Besseren belehrt.

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Wertsteigernde Anwachszeit – verzinst

Wenn wir das richtig verstanden haben, fließen in den Wert einer Kastanie also der Kaufpreis ein, die Pflanzkosten samt Fahrt- und Nebenkosten, dann die wertsteigernde Anwachszeit von drei Jahren, sowie weitere Pflegekosten der kommenden 25 Jahre – wobei Pflegemaßnahmen wertsteigernd sind. Dem werden Mängel und Schäden als wertmindernd entgegen gestellt.

Und die Herstellungskosten werden auch noch verzinst, damit wird das weitere Wachstum des Baumes als Wertsteigerung berechnet, bei den über 100 Jahre alten Bäumen kommt da einiges zusammen. “Mit der Verzinsung wird der Tatsache Rechnung getragen, dass die Herstellung in der Vergangenheit erfolgte und im Gegensatz zur Herstellung von Gebäuden eine längere Zeit in Anspruch nahm”, schreibt Weihs dazu, und dass der Zinssatz sogar inflationsbereinigt wurde. Sachen gibt’s….

Eine Rosskastanie ist 5.876,07 Euro wert

Nach diesem Schema kostet eine Rosskastanie in der Anschaffung 1.695,75 Euro zuzüglich Pflanzung von 743,75 Euro, macht zusammen: 2.439,50 Euro. Dazu kommen die Pflege in der Anwachszeit von drei Jahren plus Anwachsrisiko, macht zusammen: 687,77. Jetzt noch die Kosten der “weiteren Herstellungszeit” von 25 Jahren hinzu, das errechnet sich aus Pflegekosten von 497,99 Euro plus der Verzinsung der bisherigen Herstellungskosten von 6.547,81 Euro – pro Baum, wohlgemerkt. Wertmindernd werden dann Schäden gegen gerechnet, so dass am Ende jeder Baum einen Wert von 5.876,07 Euro hat.

Meterweise Zaun entlang der Allee - Foto gik
Wertvolle Allee – Foto: gik

Die Vertreter der Pro-Fällen-Fraktion im Ortsbeirat von CDU, FDP und Freien Wählern beeindruckte das sichtlich wenig, sie nahmen es schweigend zur Kenntnis. Im Ortsbeirat Kostheim wurde am Mittwochabend aber immerhin zum ersten Mal sachlich über die Zukunft der Lesselallee diskutiert, so zumindest signalisierten es Vertreter von AUF und Grünen.

Allerdings beschlich den Beobachter dabei ein Gefühl der vergeblichen Liebesmüh’: “Für mich ist das einen Glaubensfrage”, sagte der stellvertretende Ortsvorsteher Gerd-Josef Weckbacher von den Freien Wählern, und fügte gleich noch hinzu: “Sie können Argumente bringen, wie Sie wollen, die Entscheidung muss die Stadt Wiesbaden treffen.” Ah ja.

Und dann wiederholte Weckbacher die Aussage des Wiesbadener Ordnungsdezernenten Oliver Franz (CDU), dass in zehn Jahren kein Geld für eine neue Allee da sein werde, deshalb müsse man jetzt handeln. Jetzt voraus zu sagen, es gebe in zehn Jahren kein Geld, “das halte ich für eine Drohung”, sagte dazu SPD-Vertreter Walter Losem. Diese Entscheidung könne die Stadt jetzt doch noch gar nicht treffen, er sei sich sicher, “die Stadt wird die Allee auch noch in zehn oder zwanzig Jahren ersetzen.” Hört, hört.

Wer aber nicht hörte waren die Mehrheitsvertreter von CDU, FWG und FDP, die schmetterten mit ihrer Mehrheit fast alle Anträge von SPD, AUF, Grünen und Linken ab. Ein eigenes Gutachten zu jedem Baum in der Lesselallee, um Klarheit zu erhalten, wie krank die Bäume denn nun wirklich sind? Abgelehnt. Verschiebung des Termins der Begehung in der Lesselallee? Abgelehnt.

Das Seltsame dabei: Argumentiert wurde hier nicht wirklich – außer von der Opposition. Trotzdem stimmten alle Mitglieder von CDU, FWG und Freien Wählern brav gegen die Anträge. Derweil sprach Weckbacher munter von einer “sterbenden Allee” und einem “strukturellen Umbau” – als Fällungsbefürworter wollte er nicht gerne bezeichnet werden.

Baumreihen Lesselallee - Foto privat
Ab in die Allee heißt’s am 31. Juli, nur nichit für jeden… – Foto: gik

“Wir in der CDU haben einen regen Austausch mit unsere Fraktion in Wiesbaden”, lehnte Ortsvorsteher Stephan Lauer ab: “Ich brauch’s nicht.” Klar, die CDU ist ja sehr prominent mit Ordnungsdezernent Oliver Franz vertreten, der ein CDU-Mann ist. Aber es zeugt doch von einer sehr zweifelhaften Demokratiehaltung, würde man einen Antrag ablehnen, der allen anderen Fraktionen das gleiche Recht der Informationsbeschaffung verwehren würde.

Da mochte denn auch Lauers eigene Fraktion nicht mehr folgen: Es sei “doch sinnvoll”, wenn ein Vertreter jeder Fraktion vor Ort sein könne, sagte CDU-Frau als Sigrid Gebhardt. Am Ende wurde die Stadt Wiesbaden gebeten, genau dies zuzulassen – Ortsvorsteher Lauer enthielt sich. Es wäre ja in der Tat ein seltsames Vorgehen, wenn ausgerechnet der Ortsbeirat des betroffenen Stadtteils außen am Zaun stehen bleiben müsste, während in der Allee Experten über das Schicksal der Allee verhandeln… Und Losem von der SPD warnte, “wenn alle Fraktionen außer der CDU außen vor gehalten werden, so sät das doch nur Misstrauen.”

Allerdings blieb dann auch die Frage ungeklärt, welche Form denn die Informationsveranstaltung für die Bürger am 31. Juli im Anschluss an die Begehung haben wird. “Wenn die Bürger dahin kommen und nur informiert werden, dann fühlen sie sich veräppelt”, warnte Losem. Das hätte dann auch “nichts mehr mit Mitnehmen der Bürger zu tun.”

Derweil wachsen die Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Fällung weiter. Das Risiko bei einer Neuanpflanzung von Flatterulmen sei hoch, dass die Bäume gar nicht überlebten, sagte Mück-Raab, zudem wisse doch “niemand, wie die Flatterulme mit dem Phytophtora-Pilz klar komme – der sei dann ja immer noch im Boden. Auch habe es in den vergangenen Jahren ein richtiges Ulmensterben wegen einer bestimmten Käfers gegeben: “Es steht keine einzige Ulme mehr in Kostheim”, fügte Mück-Raab hinzu. Interessant….

 

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