Das sieht nicht gut aus für die Lesselallee und ihre mehr als 70 Kastanien: Der Umweltausschuss der Wiesbadener Stadtverordnetenversammlung beschloss am Dienstagabend, vorerst nichts zu beschließen – nach einer äußerst merkwürdigen Sitzung. Der Ausschuss hörte sich nämlich zwar die Expertise des renommierten Baumprofessors Ulrich Weihs an, inhaltlich beharrten die Fraktionen von CDU und SPD aber auf ihrer Haltung als wäre nichts gewesen. Damit droht der 100 Jahre alten Allee allen Ernstes im Herbst die Fällung.

„Das ist ein absoluter Skandal“, reagierte Marion Mück-Raab kurz nach der Sitzung gegenüber Mainz&: „Für mich ist klar: die wollen fällen.“ Mück-Raab sitzt für den Arbeitskreis Umwelt und Frieden (AUF) als Parteilose im Ortsbeirats Mainz-Kostheim und ist Initiatorin einer Facebook Seite zur Lesselallee. Aber der Reihe nach.

Foto Lichter Lesselallee mit Menschen - Foto: privat
Aller Protest umsonst? Lichteraktion an der Lesselallee – Foto: privat

Bürger protestieren – Politik taucht ab

Ihr wisst ja, dass der Wiesbadener Ordnungsdezernent Oliver Franz (CDU) die einhundert Jahre alte Allee Ende März hat absperren lassen, angeblich weil die Kastanien bruchgefährdet sind und damit die Verkehrssicherheit nicht mehr gegeben ist. Die Kastanien seien vom Wurzelpilz Phytophtera befallen, die Allee nicht mehr zu retten. Deshalb beschloss die Stadt Wiesbaden, die Allee komplett (!) zu fällen, und durch eine neue Allee von Flatterulmen zu ersetzen.

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Was aber seitdem folgte, gleicht einem absurden Theater: Zahlreiche Kostheimer protestierten, am Bauzaun wurden Gedichte, Zitate und Parolen aufgehängt. Grundschüler malten ein Bild samt Unterschriften für die Lesselallee. Die Initiative sammelte 1.200 Unterschriften von Bürgern für den Erhalt, zusätzlich zu 3.000, die bereits 2013 gesammelt worden waren. Die Wiesbadener Politik aber blieb abgetaucht. Ordnungsdezernent Franz stand übrigens für ein Interview mit Mainz& bisher nicht zur Verfügung.

Bild Schulkinder Lesselallee - Foto privat
Schulkinder malen für die Lesselallee – Foto: privat

Am Dienstag nun hatte der Umweltausschuss der Stadt für Klarheit sorgen wollen. Der Ausschussvorsitzende Ronny Maritzen (Grüne) hatte nämlich beide Gutachter eingeladen, die sich bisher mit der Lesselallee befasst hatten. Wer nicht kam, war der städtische Gutachter Roland Dengler, der seit 2008 mehrere Gutachten für die Stadt erstellt hatte. Die Absage hatte Spekulationen genährt, Maritzen hatte sie „seltsam“ genannt.

Den Fragen der Ausschussmitglieder stellte sich hingegen Gutachter Nummer zwei: Ulrich Weihs, Professor aus Göttingen, hochangesehener „Baumprofessor“ und ausgewiesener Experte für alte Bäume. Ihn hatten die Grünen für eine Expertise beauftragt, und diese trug Weihs am Dienstagabend eindrucksvoll vor: „Ich kümmere mich seit 35 Jahren um Bäume“, sagte Weihs, und verwies darauf, dass er bestellter Fachgutachter in Niedersachsen sei.

Weihs: Bäume in Allee schützen sich gegenseitig vor Bruch

Baumreihen Lesselallee - Foto privat
Enge Reihe, großer Schutz: Lesselallee – Foto: privat

Eine Allee müsse man als Gesamtbestand sehen, erklärte Weihs, und in der Lesselallee mit ihrem gerade vier Meter großen Abstand zwischen den Bäumen schützten sich diese gegenseitig vor Wind. Ein Astbruch in die Allee hinein sei damit sehr

unwahrscheinlich, weil die meisten Äste der Bäume nach außen gebildet würden. Beim Abklopfen der Bäume mit einem fachgerechten Schonhammer habe er keinen einzigen toten Stamm gefunden, lediglich eine Kastanie am Rande der Allee habe Totholz in der Krone aufgewiesen. „Es ist nichts zu erkennen, was kritisch wäre“, betonte Weihs.

So ging es weiter: Weihs zitierte Fach-Experten und Fachliteratur, legte ausführlich dar, nach welchen Kriterien die Vitalität von Bäumen gemessen wird, und kam zu einem eindeutigen Ergebnis: Wichtigste Merkmale eines kranken Baumes seien „Kleinblättrigkeit, Vergilbung und Rindenläsionen“, also dunkle Bereiche am Stamm, sagte Weihs, und fügte hinzu: „Ich habe bei den weiß blühenden Bäumen nicht einen gesehen, der so etwas deutlich gezeigt hätte.“

Weihs: Bäume sind „nicht blöd“ und passen sich an

Bäume, sagte Weihs noch, seien nämlich „nicht blöd“, sondern hätten in ihrer Evolution in den vergangenen 270 Millionen Jahren durchaus Methoden zur Anpassung gefunden. „Die Bäume können nicht fliehen, die stehen da, und müssen sich an die Umweltbedingungen anpassen, und das tun sie auch“, betonte Weihs. Im Übrigen sei der Phytophtora-Pilz „überall, auch in Baumschulen“, entscheidend sei, wie der Baum damit zurecht komme, sagte Weihs und riet: „Keine Panik vor diesem Pilz.“

Baumprofessor Ulrich Weihs und das BGH-Urteil - Foto: gik
Baumprofessor Ulrich Weihs präsentiert das Urteil des BGH: allgemeines Lebensrisiko ist hinzunehmen – Foto: gik

Am Ende riet Weihs den versammelten Ausschussmitgliedern eindringlich, über die Entscheidung zur Fällung noch einmal nachzudenken: „Diese Allee ist ein Schatz, das kann man nicht anders sagen“, betonte Weihs. Bundesweit gebe es nicht viel solcher Alleen, man dürfe diese nicht „einfach wegschmeißen“. „Sie müssen sich wirklich klar machen: Sie brauchen über 100 Jahre, bis sie eine solche Allee wieder haben“, sagte der Professor.

BGH-Urteil: Astbruch gehört zum allgemeinen Lebesnrisiko

Weihs hatte außerdem dem Ausschuss noch ein aktuelles Urteil des Bundesgerichtshofes vom 6. März 2014 präsentiert, nach dem ein Astbruch „grundsätzlich zum allgemeinen Lebensrisiko“ gehöre, bei dem gewisse Gefahren „als unvermeidbar hingenommen“ werden müssten – genau lest Ihr das auf dem Foto hier. Man sollte meinen, nach einem solchen Vortrag sei alles klar, die Lesselallee gerettet – oder?

„Ich bin beeindruckt von Ihren Ausführungen“, hob der CDU-Abgeordnete Hans-Joachim Hasemann-Trutzel an, „gleichwohl“ beschäftige er sich als Jurist eben mehr mit dem Sicherheitsproblem, und angesichts von 336 Urteilen in den vergangenen zehn Jahren „passiert eine ganze Menge.“ Weihs habe aber doch bei seiner dreieinhalbstündigen Begehung „wegen der dichten Kronen“ der Bäume gar nicht alles genau sehen können, ob er denn jetzt hier dem Ausschuss mit 100-prozentiger Sicherheit sagen könne, die Lesselallee sei sicher?

Hasemann-Trutzel: beschränktes Gutachten, beschränkte Aussagekraft

Lesselallee Kronen mit Zaun - Foto gik
Lesselallee: dichte Kronen, alles Trug? – Foto: gik

Und überhaupt habe sich Weihs ja „nur mit bestimmten Aspekten“ beschäftigt, „dann ist das nur eine eingeschränkte Untersuchung mit eingeschränkter Aussagekraft“, vollendete Hasemann-Trutzel seine Ausführungen. Wir fassen das mal zusammen: Weil die Kronen der Bäume in der Lesselallee – die ja krank sind – so dicht sind, kann der Gutachter die Schäden gar nicht sehen, also das Totholz in den Baumkronen. Und weil sich der Experte mit den Aspekten der Bäume beschäftigt, die für die Vitalität zuständig sind, hat das Gutachten „nur eine beschränkte Aussagekraft, oder so…

Dezernent Franz legte kurz darauf nach: Weihs‘ Expertise sei „keine Inspektion der einzelnen Bäume“ gewesen, „damit ist unsere Expertise nicht aufgehoben oder widerlegt“, betonte der Dezernent. Die Expertise an den verschiedenen Bäumen sei durch eine Standardmethode gemacht worden, das Gutachten aus dem Februar empfehle eben eine ganzjährige Sperre, deshalb sei das „eine adäquate Reaktion“ der Stadt gewesen. Und wenn Ihr Euch jetzt verwundert die Augen reibt: Ja, alles das sagte Franz nach dem Vortrag des Herrn Weihs.

Weihs: Löcher bohren schädigt Bäume

Der wiederum musste den Dezernenten dann doch korrigieren: „Man muss nicht immer bohren und Löcher in die Bäume machen“, sagte Weihs süffisant, das nämlich schädige die Bäume nur und öffne Krankheiten Tür und Tor. Er könne dem Gremium gerne zeigen, wie sehr die Löcher des Herrn Dengler die Kastanien geschädigt hätten, diese Methode gelte heute aus gutem Grund als völlig veraltet. Die Untersuchung mit dem Hammer reiche übrigens „in 99 Prozent aller Fälle völlig aus, um die Sicherheit des Baumes einzuschätzen“, betonte Weihs – und das sei gerichtsfest.

So ging es immer weiter: Die Verwaltung wiederholte noch einmal alle Argumente, die sie aus den Gutachten Denglers gezogen haben wollte, was übrigens durchaus fragwürdig war, hat Dengler doch explizit einen Großteil der Bäume für gesund erklärt: Knapp 60 Prozent der Bäume seien weitgehend gesund, nur bei sechs Bäumen bestehe die erhöhte Gefahr eines Astbruchs – das sind gerade 8,5 Prozent.

Denglers Gutachten – nicht hinterfragt

Bäume hinter Gittern Lesellallee - Foto gik
Der Zaun bleibt: Lesselallee – Foto: gik

So langsam wurde in der dreistündigen Debatte im Ausschuss denn auch klar, warum Dengler nicht gekommen war: Seine Gutachten spielten in den Debatten überhaupt keine Rolle, seine Ergebnisse wurden nicht hinterfragt, seine Methoden nicht angezweifelt. Denglers Expertise wurde so als völlig unstrittig präsentiert – für die Antwort auf Fragen war ja keiner da.

Stattdessen bemühten sich CDU und SPD redlich, Weihs zu loben und gleichzeitig abzukanzeln. „Ich bin entsetzt über Ihre Interpretation, dass wir die Allee kaputt machen wollen“, sagte die SPD-Abgeordnete Michaela Apel, um gleich nachzuschieben: Aber das mit der Vitalität, das habe sie ja nicht so richtig verstanden. Und ihre Kollegin Michaela Ruf (SPD) ergänzte, wenn die Rate der sterbenden Bäume so bleibe, ob es dann „in ein paar Jahren einen Flickenteppich“ gebe…?

Grünamt-Behauptung vom Kastaniensterben – nicht hinterfragt

Wobei Weihs überhaupt nichts zu einer Rate sterbender Bäume gesagt hatte, diese Annahme wurde stillschweigend vom Grünamt übernommen, dessen Vertreter einfach behauptete, acht Kastanien seien schon gefallen, vier weitere seien „absehbar“, an vier bis acht weiteren Kastanien sei der Pilz „nachgewiesen“. Diese Behauptungen wurden von niemandem hinterfragt, und sie wurden durch nichts belegt.

Und schließlich warf Dezernent Franz noch in die Runde, dass „nach heute geltendem Recht keine neue Allee angepflanzt werden muss, wenn die alte abstirbt.“ Da fehlte dann nur noch der prompt kommende Hinweis von Seiten der SPD, die 255.000 Euro für eine neue Allee „werden wir nie wieder haben…!“

Die Kastanie – kein einheimischer Baum

Blatt Rosskastanie - Foto privat
Die Rosskastanie war übrigens Baum des Jahres 2005 in Deutschland – Foto: privat

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Diskussion längst absurde Züge angenommen, etwa als der SPD-Abgeordnete Hans Peter Schickel die Frage stellte, ob denn die Rosskastanie wirklich ein einheimischer Baum sei, schließlich sei sie ja mal „aus Modegründen aus dem mediterranem Raum eingeführt worden.“ Ah ja.

Letzteres konterte übrigens der Vertreter der Grünen mit dem Hinweis, die Rosskastanie sei durchaus vor vielen Jahrtausenden ein einheimischer Baum gewesen – und könne es im Zuge des Klimawandels wieder werden…Mainz& fand durch ein einfaches Nachschlagen bei Wikipedia heraus, dass die Rosskastanie Baum des Jahres 2005 war – in Deutschland.

Ansonsten aber machten weder Grüne noch die Linke irgendeinen Stich. Die Grünen schlugen eine Bürgerbefragung vor – abgelehnt. Die Linke verwies aufs Naturschutzgesetz, das eine Fällung einer Allee verbietet – ignoriert.

Auf den Punkt brachte es die CDU-Stadtverordnete Nicole Röck-Knüttel: „Sie sagen ja selbst, dass Sie kein Prophet sind“, hub sie in Richtung Weihs an, und er sage ja auch, man solle sich auf die Experten vor Ort verlassen. „Warum kann ich mich nicht jetzt schon auf die Einschätzung der Experten vor Ort verlassen?“, fragte sie ganz unschuldig.

Schild Lesselallee Denkverbot - Foto privat
Ob der Verfasser wohl Recht hat? – Foto: gik

Bürgerbeteiligung – abgelehnt

„Ich bin schwer enttäuscht“, sagte Ausschussvorsitzender Maritzen nach der Sitzung Mainz&: Sachliche Argumente seien nicht gewünscht gewesen und nicht gehört worden. „Die ziehen ihr Ding durch“, sagte Maritzen mit Blick auf die Fällungspläne der Großen Koalition aus SPD und CDU: „Hier geht es nicht um Sinn, sondern um Machtpolitik.“

Die Argumente des Baumprofessors hätten den Ausschuss „einen Dreck interessiert, die interessiert überhaupt nicht, was die Bürger wollen“, schimpfte Mück-Raab. OB Sven Gerich (SPD) lasse sich „feiern für Bürgerbeteiligung“, gleichzeitig ignoriere seine eigene Partei die Interessen der Bürger. „Ich bin fassungslos“, sagte Mück-Raab noch, „wie sich der Ausschuss zum Affen macht.“

Der Ausschuss beschloss am Abend übrigens, am 31. Juli eine weitere Ortsbegehung in der Lesselallee durchzuführen – dann mit Gutachter Dengler und einem ausgewählten Kreis von Teilnehmern. Die endgültige Entscheidung soll nun am 16. September im Umweltausschuss in Wiesbaden fallen.

Info& auf Mainz&: Die Pressemitteilung zum Urteil des BGH in Sachen Verkehrssicherungspflicht bei Bäumen (III ZR 352/13) findet Ihr hier, das Urteil selbst hier. Alles zu den Gutachten Denglers sowie die Gutachten selbst findet Ihr auf den Seiten der Stadt Wiesbaden, genau hier.

 

3 KOMMENTARE

  1. Da sollten am 31. Juli zur weiteren Ortsbegehung in der Lesselallee einfach alle mobilisiert werden und den Herren und Damen des Ausschusses zeigen, das man nicht den Bürgerwillen ignorieren kann! Vormittags, Mittags, Nachmittags? Wann soll die Begehung der „Auserwählten“ sein?

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