Ihr habt ja schon gemerkt, dass uns das Schicksal der Lesselallee auf der Maaraue am Herzen liegt – man hat ja auch nicht jeden Tag 71 Kastanien, die gefällt werden sollen. Die Grünen hatten ja am Gründonnerstag eine Expertise eines ausgewiesenen Baumexperten vorgelegt, die da besagt: die Lesselallee solle unbedingt erhalten werden, die Bäume seien vital und kein unmittelbares Risiko.

Mainz& hat sich seither gefragt: Wie sieht eigentlich Ordnungsdezernent Oliver Franz (CDU) diese neue Expertise? Nun, Mainz& hat einfach mal nachgefragt, und erlebte viel Beharren auf der eigenen Meinung – und am Ende eine faustdicke Überraschung.

Die Lesselallee abgesperrt mit Zaun - Foto: gik
Wir müssen draußn bleiben: die geperrte Lesselallee – Foto: gik

Ordnungsdezernent Franz war zwar für Mainz& nicht persönlich zu sprechen, aber sein persönlicher Assistent Thomas Kroppen nahm sich die Zeit, mit Mainz& das Thema zu diskutieren. Und zu diskutieren gab es einiges. Kroppen vertrat nämlich den Standpunkt: „Die Expertise gibt uns keinen Grund, unseren bisherigen Standpunkt zu ändern.“

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Der bisherige Standpunkt – das ist das Fällen eines Großteils der 71  Bäume, die seit 100 Jahren die Lesselallee auf der Maaraue ausmachen. Die Stadt Wiesbaden hat die Allee seit dem 27. März gesperrt, weil die Bäume angeblich „nicht mehr verkehrssicher“ seien. Ordnungsdezernent Franz beruft sich dabei auf vier Gutachten, die die Stadt in Auftrag gab – bei ein und demselben Gutachter. Nicht verwunderlich also,dass bei den vier Gutachten überall dasselbe heraus kam: die Bäume sind krank, die Allee ist eine Gefahr.

Der Gutachter der Grünen, Baumprofessor Ulrich Weihs aus Göttingen, hatte den Bäumen hingegen Vitalität und Lebenskraft bescheinigt: Der schädliche Wurzelpilz Phytophtora sei zwar da, die Baumkronen aber weitgehend gesund, das könne man an der Belaubung, der Blütenentwicklung, sowie an den Ästen selbst sehen. Von Bruch bedrohte Äste ragten waagerecht heraus, Äste hingegen, die gerade nach oben wachsen, seien nicht gefährdet.

„Mehrheitlich Astbruch“?

Meterweise Zaun entlang der Allee - Foto gik
Meterweise Zaun, meterlange Baumallee – Foto gik

Diese Allee hat mehrheitlich eine erhöhte Astbruchgefahr“, insistierte nun Kroppen im Gespräch mit Mainz&, was dann in dieser Gewichtung doch ein wenig überraschte. Kroppens Argument: Der städtische Gutachter habe Proben genommen, und das von jedem einzelnen Baum. Und aufgrund der so ermittelten Werte sei Dengler zu der Erkenntnis gekommen, dass die Verkehrssicherheit der Allee eben nicht gegeben sei.

Wirklich nicht?

Gutachter Dengler zählt in seinem Werk von 71 Bäumen lediglich 6, bei denen die Gefahr eines Astbruchs höher als 50 Prozent liegen – das entspricht 8,5 Prozent. 28 Bäume und 39,4 Prozent sind komplett gesund, bei 14 weiteren Bäumen besteht lediglich eine Bruchgefahr von 1 bis 10 Prozent. Damit sind knapp 60 Prozent der Bäume weitgehend gesund. Kopflastige Äste, also solche, die vom Gewicht ihrer Blätter und Seitenäste nach unten gezogen werden und akut bruchgefährdet sind, zählt Dengler – ganze drei.

Kroppen: mussten auf Gutachten reagieren

Vorbeugung gegen Astbruch Lesellallee - Foto gik

Kroppen aber sagte nun gegenüber Mainz&, wenn man nur die befallenen Äste herausschneide, „dann würde man die ohnehin geschwächte Bäume dort weiter schwächen.“ Weihs habe ja aber keine Proben genommen, sondern die Bäume nur angesehen. „Aus der einen In-Augenscheinnahme zu schließen, wie der Grad des Pilzbefalls ist, uns erschließt sich nicht, wie das gehen soll“, sagte Kroppen.

Dass Weihs ein ausgewiesener Experte sei, das bezweifele die Stadt gar nicht. Aber das „fundiertere Gutachten“ Denglers besage eben, dass die Verkehrssicherheit nicht gegeben sei, „darauf mussten wir reagieren“ sagte Kroppen: Die neue Expertise „gibt uns keinen Grund, unseren bisherigen Standpunkt zu ändern.“

Baumprofessor Weihs hingegen bescheinigt in seinem Gutachten den weißblühenden Rosskastanien „in ganz überwiegendem Maße eine altersentsprechende gute Vitalität“, die er an „vitalem Neuaustrieb, prächtiger Blüte zur Zeit der Begehung“ und „dicht belaubten Kronen mit großen, sattgrünen Blättern“ festmacht. Diese Parameter gelten übrigens in der Fachliteratur als verlässliche Hinweise, um die Lebenskraft eines Baumes einschätzen zu können. Und der Baumprofessor kommt zu dem Ergebnis, die Lesselallee sei „unbedingt erhaltenswert“, die überwiegende Anzahl der weiß blühenden Kastanien zeige „keine besorgniserregende Anzeichen“ eines Pilzbefalls. Die Lesselallee könne „bei fachgerechter Pflege und vertretbarer (!) Kosten noch über viele Jahre erhalten werden.“

Der eine nimmt Proben, der andere hat „nur geguckt“

Hat Weihs also „nur geguckt“, wie Kroppen das suggerierte? Und warum kommt er dann weitgehend zum gleichen Ergebnis? Und was ist mit der wissenschaftlichen Erkenntnis, dass der Wurzelpilz bei rotblühenden Kastanien viel aggressiver verläuft, als bei weiß blühenden, von den Rotblühenden aber in der Allee nur drei Bäume stehen?

Okay, ich erspare Euch weitere Einzelheiten 😉

Tatsache ist: das Ordnungsamt vertraut einem Baumexperten, weil er „Proben genommen“ und „Daten vorgelegt“ hat, während ein zweiter Gutachter abgewertet wird, weil er „nur geguckt“ hat – O-Ton Kroppen: „Einfach nur eine Einschätzung, das reicht nicht.“ Das „Gucken“ des Herrn Professors dauerte übrigens satte drei Stunden, und mit dabei war auch ein Mitarbeiter des Grünflächenamtes sowie der zuständigen Baumkontrollör. Ob der auch an den Stämmen rüttelt, wie seine Kollegen in Mainz?

Bäume hinter Gittern Lesellallee - Foto gik
Bäume hinter Gittern: die Lesellallee – Foto gik

Mit den beiden Mitarbeitern habe er übrigens nicht gesprochen, sagte Kroppen noch.  Nein, und in der Allee sei er auch nicht gewesen. Wann die Bäume zuletzt begutachtet worden seien? Ähh… Ihr ahnt es schon. Sobald Mainz& die Nachricht erhält, wann das zuletzt war – wir sagen’s Euch weiter.

Wird gefällt? „Das steht noch gar nicht fest“

Was also wird jetzt aus der Lesselallee? Fallen die 71 Bäume der Motorsäge zum Opfer? Das fragte Mainz&, und bekam eine ausgesprochen überraschende Antwort: „Das steht noch gar nicht fest“, sagte Kroppen: Diese Frage werde am 6. Mai im Umweltausschuss der Stadt Wiesbaden Thema sein. Und es könne dann sein, sagte Kroppen. „dass der Ausschuss zum Ergebnis kommt, dass die Allee in Würde altern und sterben darf.“ Wenn das der Fall sei, dann müsse sich eben das Fachamt „ein Bild machen, wie man weiter vorgeht.“

4 KOMMENTARE

  1. Ist der Zaun eigentlich Eigentum der Stadt Wiesbaden oder nur gemietet?
    Falls gemietet… Wie hoch sind da die monatlichen Kosten?

  2. Vielen Dank für den Bericht, der tief blicken lässt in die PR- und Handlungsstrategien des zuständigen Dezernenten und dabei trotzdem Hoffnung macht. Wir sollten daraus den Schwung nehmen und weiterhin unseren kommunalen Volksvertretern, auch Bürgermeister Gerich, unsere Meinung sagen! Achim Forst

  3. Der Streit um den Gefährdungsgrad gut und schön – wieso genügt komischerweise bei ungestreuten Wegen im Winter auch ein simples Schild mit Verweis auf das Eigenrisiko der Benutzung…. ???

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