Das tut mal richtig gut: Der Begriff „Lügenpresse“ ist das Unwort des Jahres 2014. „Dass Mediensprache eines kritischen Blicks bedarf und nicht alles, was in der Presse steht, auch wahr ist, steht außer Zweifel“, teilte die Sprach-Jury für das Unwort des Jahres am Dienstag mit. Mit dem Ausdruck „Lügenpresse“ aber, so begründete die Jury ihre Wahl „werden Medien pauschal diffamiert, weil sich die große Mehrheit ihrer Vertreter bemüht, der gezielt geschürten Angst vor einer vermeintlichen ‚Islamisierung des Abendlandes‘ eine sachliche Darstellung (…) entgegen zu setzen.“

Das Unwort des Jahres wird von einer unabhängigen Jury aus vier Sprachwissenschaftlern, einem Journalisten sowie weiteren wechselnden Mitgliedern pro Jahr gekürt. Grundlage sind eingesandte Vorschläge, das Wort „Lügenpresse“ wurde sieben Mal eingeschickt. Und egal, wie Ihr zur Arbeit „der Presse“ steht – das Wort „Lügenpresse“ solltet Ihr ersatzlos aus Eurem Wortschatz streichen. Zumindest wenn Ihr Euch nicht mit Nationalsozialisten alter und moderner Herkunft gemein machen wollt.

Lügenpresse: Begriff aus der Nazizeit

Die Pressemeute, hier mal in geballter Form - Foto: gik
Die Pressemeute, hier mal in geballter Form – Foto: gik

Das Wort „Lügenpresse“ nämlich wurde schon im Ersten Weltkrieg als zentraler Kampfbegriff gegen kritische Veröffentlichungen benutzt und diente gerade auch den Nationalsozialisten „zur pauschalen Diffamierung unabhängiger Medien“; wie die Jury zur Begründung schrieb. Diese „sprachgeschichtliche Aufladung des Ausdrucks“ aber dürfte, so die Jury weiter, einem Großteil derjenigen, die ihn seit 2014 als „besorgte Bürger“ skandieren und auf Transparenten tragen, nicht bewusst sein. Das aber mache den Begriff „zu einem besonders perfiden Mittel derjenigen, die ihn gezielt einsetzen.“

- Werbung -
Werben auf Mainz&

Im Klartext heißt das: Hier wird ein Begriff der Nationalsozialisten bewusst verwendet, um dumpfe Ressentiments gegen Journalisten zu schüren – weitab von der Realität dessen, wie im allergrößten Teil der Medien in diesem Land gearbeitet wird. „Eine solche pauschale Verurteilung verhindert fundierte Medienkritik und leistet somit einen Beitrag zur Gefährdung der für die Demokratie so wichtigen Pressefreiheit“, schreibt die Jury weiter. Und die sei ja gerade in diesen Tagen besonders bedroht worden.

Rößner: Hetze gegen die Medien entgegen treten

Die Mainzer Bundestagsabgeordnete Tabea Rößner (Grüne) – auch eine Journalistin – sprach denn auch von der „richtigen Entscheidung zur richtigen Zeit.“ Gerade in diesen Tagen einen Kampfbegriff zur Diffamierung der freien Presse aufzudecken, „das spricht vielen dieser Tage aus der Seele.“ Die „Hetze extremer Gruppe gegen die Medien“ diene dazu, „Journalisten einzuschüchtern und Mundtot zu machen, das dürfen wir nicht hinnehmen“, sagt Rößner weiter: „Den Rattenfängern dieser Republik müssen wir entschiedener die Stirn zeigen.“

Schließlich hat gerade das Attentat gegen die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo klar gemacht: Werte wie die Pressefreiheit haben wir uns in Europa über Jahrzehnte hinweg erkämpft. Das Attentat „mahnt uns, entschiedener für unsere Werte einzutreten“, betont Rößner. Gerade Deutschland hat eine „vielfältige Medienlandschaft, die es zu bewahren gilt.“ Verlagshäuser und Rundfunkanstalten sind nichts weniger als die Grundpfeiler unsere Demokratie.

Unwort des Jahres
Unwort des Jahres

Und wenn Ihr Euch wundert, dass wir im ersten Absatz eine Auslassung markiert haben: Nun, es geschah, um den Satz auf den ersten Blick verständicher zu machen. Denn die Jury hatte noch eingeschoben: Die große Mehrheit der Medien und ihrer Vertreter bemühten sich, der gezielt geschürten Angst vor einer vermeintlichen ‚Islamisierung des Abendlandes‘ „eine sachliche Darstellung gesellschaftspolitischer Themen und differenzierte Sichtweisen entgegen zu setzen.“ Nur damit Ihr nich glaubt, wir würden hier was unterschlagen…

Für das Unwort des Jahres 2014 erhielt die Jury insgesamt 1246 Einsendungen, dabei wurden 733 verschiedene Wörter genannt. Die häufigsten Einsendungen nach „Lügenpresse“ und mit mehr als 10 Nennungen waren: Putin-Versteher/Russland-Versteher, PEGIDA/Patriotische Europäer gegen Islamisierung des Abendlandes, Social Freezing, tierische Veredelung / Veredelungsindustrie / Veredelungswirtschaft und Gutmensch / Gutmenschentum.

Als Unwort des Jahres werden solche Begriffe angeprangert, die gegen die Menschenwürde oder Prinzipien der Demokratie verstoßen, die gesellschaftliche Gruppen diskriminieren oder Zustände euphemistisch, verschleiernd oder gar irreführend sind. Die Jury diskutiert dann eingehend über die Begriffe mit den meisten Nennungen. Das Unwort 2013 war übrigens „Sozialtourismus“.

Info& auf Mainz&: Mehr Infos zum Unwort des Jahres, der Auswahl und der Jury findet Ihr auf der Internetseite www.unwortdesjahres.net

HINTERLASSEN SIE EINEN KOMMENTAR

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein