„Gebt die Sau wieder her!“ Günter Beck versuchte alles, aber der Saal war nicht zu bremsen. Wieder und wieder tanzte die rosa Sau der Meenzer Drecksäcke durch den Saal, drehte eine Runde, und noch eine. Vielleicht lag es daran, dass es eine neue rosa Sau war – die alte war in Berlin geblieben. Vielleicht aber auch nur einfach daran, dass die Sitzung der Meenzer Drecksäcke 2015 saugut daher kam – voller saumäßiger Nummern und mit der Rückkehr von einem, der vor zehn Jahren gegangen war: Jürgen Girtler.

Emblem der Meenzer DrecksäckeEs ist eine Tragödie: die Mudder ist weg, und bei Familie Becker geht es drunter und drüber. Sohn Peter verkommt zwischen Plastikmüll, Tochter Margit weiß auch nicht, was los ist, und überhaupt fehlt das Rezept für Mutters Kartoffelsalat. Also gehen Margit und Peter auf die Suche – bei der Polizei, beim Metzger Peter in der Neustadt und schließlich im fernen Berlin. Da rollt die rosa Sau entlang der Mauer und quer durch den Bundestag.

Die Sau im Berliner Bundestag und bei Claudia Roth

Der Eröffnungsfilm ist bei den Meenzer Drecksäcken das närrische Entree in die Sitzung und der Ort, an dem herrlich skurril Aktuelles aufs Korn genommen wird. Da seufzt OB Michael Ebling (SPD) im Angesicht des auf den Bademantel gekommenen Günter Beck: „Niemand konnte besser mit Geld umgehen, als Du.“ Im schmierigen Bademantel steckt niemand Geringeres als der Bürgermeister und Finanzderzenent von Mainz, der Grüne Günter Beck, und der ist seit 1995 Chef der Meenzer Drecksäcke.

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Sau tanzt im Saal 2
Da tanzt die Sau im Saal: bei den Meenzern Drecksäcken – Foto: gik

„Fliegen darf ich ja nicht“, nörgelt der im Film, weil das im Anti-Fluglärm-Lager gar nicht gut käme, und so fährt „Peter Becker“ mit dem Reisebus nach Berlin, der aber wegen Stau, Reifenpanne und Verirrens zehn Stunden in die Hauptstadt braucht. Dort warten am Brandenburger Tor Schwester „Margit“ alias Birgit Schütz sowie die Mainzer Bundestagabgeordnete Tabea Rößner, auch eine Grüne. Und selbst die Grüne Bundestags-Vizepräsidentin Claudia Roth spielt in dem Film mit, der schließlich die Mutter an der Spree findet – und in einer herrlichen Casablanca-Hommage endet.

Neu dabei: Nostradummy

Der Hintergrund: Die Gewerkschafterin Angelika Spautz, die bei den Drecksäcken „Mutter Becker“ mimt, hat es durch den Job in die ferne Hauptstadt verschlagen, nun fehlt den Drecksäcken eine wichtige Figur. Und auch sonst haben die Drecksäcke Federn – pardon: Borsten – gelassen: Die wunderbare Gesangstruppe rund um Angelika Spauz fällt gleich ganz weg, schade.

Vater und Tochter Beck bei den Meenzer Drecksäcken auf der Bühne - Foto: gik
Vater und Tochter Beck bei den Meenzer Drecksäcken auf der Bühne – Foto: gik

Dafür haben die Drecksäcke gleich mehrere Neuzugänge: Ottmar Schwinn, Abteilungsleiter im Mainzer Bildungsministerium hält als „Nostradummy“ eine Art Protokoll und glossiert Burkaverbot, Pegida, die Mainzer Ampel-Koalition und vor allem die FDP. Und um es gleich zu sagen: Christopher Sitte, Wirtschaftsdezernent von der FDP kriegt an diesem Abend ständig die völlig verkorkste Weihnachtsmarkt-Neuausschreibung um die Ohren gehauen. „Keinem anderen ist es gelungen, in einem Jahr die Zahl der Weihnachtsmärkte zu vervierfachen“, lästert Schwinn.

„Pegida, Pegidum“ bei Mauteintreiber Knapp

Immer noch ein bisschen neu ist Melia Pace. Die Tochter von Günter Beck hatte im Vorjahr einen Kurzauftritt, in diesem Jahr hat sie gleich eine ganze eigene Nummer – und bringt ihren Vater schlitzohrig und charmant zum Tanz auf dem närrischen Parkett. Herrlich.

Mauteintreiber Joachim Knapp bei den Drecksäcken auf der Bühne - Foto: gik
Mauteintreiber Joachim Knapp – Foto: gik

„Pegida, Pegidum“, heißt es beim „Mauteintreiber“ Joachim Knapp, und auch der wird jedes Jahr besser. Das mit den Flüchtlingen lässt ihn ganz entspannt, schließlich heißt es in Mainz „Wolle mer se roilasse?“ Und auch die trübsinnigen Exilanten aus dem (Humor-)fernen Wiesbaden werden mit offenen Armen aufgenommen. Der Mainzer Rosenmontagszug ist schließlich ein „großer Umzug der Kulturen – da laufen sogar Scheichs mit.“ Zuckmayer goes Drecksäcke…

Die Rückkehr des Jürgen Girtler: „Hatschi oder Dschihad?“

Einer allerdings ist nicht zu toppen: Jürgen Girtler ist zurück auf der Drecksack-Bühne! Vor zehn Jahren hatte der Polizist die Alternativfastnachter verlassen, um mit den Bummtschaks auf Comedy zu machen. Nun lernten die jüngeren Besucher der Drecksäcke, was ein Girtlerscher Zwerchfell-Krampf ist. Schon im Eröffnungsfilm sorgt Girtler als Polizist in der Weißliliengasse für erste Lachsalven. Das Polizeisystem ist von Hackisten gehackt worden, und Girtler muss die Schreibmaschine auspacken – großes Kino.

Star des Abends bei den Drecksäcken: Jürgen Girtler - Foto: gik
Star des Abends: Jürgen Girtler – Foto: gik

Noch größer ist das Kino einigen  Stunden später, als Girtler allein auf der Bühne steht. Mit nichts als einem Rasierspiegel mit aufgeklebtem Tablet-Display bewaffnet, betreibt der Mann die Narren-Sichere Ausforschung, erstellt ein Bewegungsprofil eines Zuschauers samt Bier-metrischer Vermessung, startet als Bundeswehr-Heimarbeiter eine „Drohne, von wo ich wohne“ und stellt ganz unschuldig die Frage: „Hatschi oder Dschihad?“

Vielleicht sollten sich die Verantwortlichen von „Mainz bleibt Mainz“ mal überlegen, ob nicht Jürgen Girtler den gerade verstorbenen „Boten vom Bundestag“ beerben kann… Also mit Worten spielen kann er mindestens so gut. 20 Minuten lang schießt Girtler ein Feuerwerk ab, wie zu seinen besten Drecksack-Zeiten. Ein großartiges Comeback!

Saubande „im Jahr zwei unter Uschi“

„Im Jahr zwei unter Uschi“ findet sich die Saubande wieder, und auch diese Formulierung ist eine Anlehnung an den „Zoten vom Bundestag“. Merkwürdig… aber es zeigt eines: Das satirische Verhältnis der Drecksäcke zur etablierten Fastnacht ist ein entspannt-liebevolles Ritual geworden, während Rituale der etablierten Fastnacht fröhlich karikiert werden. Und tatsächlich wird bei den Drecksäcken sogar ein wenig geschunkelt, der „Uferlosen“ dürfen das.

Saubande mit Frontmann Christof Eder in Action - Foto: gik
Saubande mit Frontmann Christof Eder in Action – Foto: gik

Die Saubande lädt in Reimen zur Kneipenfassenacht, erobert nach Putin-Vorbild  die AKK-Gemeinden Amöneburg, Kastel und Kostheim für Mainz zurück und besingt närrisch den Wowi, den Jogi und den Weselsky – ihr erkennt natürlich mühelos, dass es sich um Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit, um Bundestrainer Jogi Löw und um den Chef der Lokführer-Gewerkschaft Claus Weselsky handelt. Und bei der Laienspielgruppe – bei denen startet die Bundeswehr jetzt vom Leyen-Hof – singen die Hofsänger Hip Hop, gar keine schlechte Idee 😉

Prediger trällert „Scharia, Scharia ho!“

Prediger Eisenhuth mit Chor - Foto: gik
Prediger Eisenhuth mit Chor – Foto: gik

Noch einer spielt in diesem Jahr eine – unrühmliche – Rolle: Michael Hartmann, Mainzer Bundestagsabgeordneter von der SPD, droht in dem Strudel rund um seinen Drogenkonsum von Crystal Meth und Kinder-Pornos von Sebastian Edathy zu versinken. Die Laienspieltruppe lässt Hartmann „Crystal Mett“ schnupfen, was ihm ganz böse Mainzer Träume von Weihnachtsmärkten einbringt… Prediger Peter Herbert Eisenhuth wiederum lässt Hartmann „Ich mag Christel, was magst du?“ trällern.

Überhaupt ist der Prediger wieder einmal der gnadenloseste Karikaturist politischen Wahnsinns. „Lustig ist das Islamisten-Leben“, schmettert Eisenhuth, „Scharia, Scharia, ho!“ Dann singt er mit der CSU (und Udo Jürgens) „Ein bisschen Sprach‘ muss sein“, und aus Reinhard Meys Musikanten wird „Asylanten woll’n in die Stadt“. Der Prediger in Hochform!

Das Frutarier-Kommando hat sich am Waldrand angekettet

Vegetarischer Jäger Markus Höffer-Mehlmer bei den Drecksäcken - Foto: gik
Vegetarischer Jäger: Markus Höffer-Mehlmer – Foto: gik

Das ist allerdings auch ein anderer: Markus Höffer-Mehlmer kommt in diesem Jahr als Jäger daher, dessen Spitze kein Mündungslauf ziert – sondern eine Schaufel. Damit geht der Jäger „auf Kartoffeln und Möhren“, schleicht sich im Frühjahr an den Spargel an und kämpft mit an den Waldrand geketteten Frutariern. Vegetarier, Veganer und Frutarier – alle kriegen vom Narren-Mund ihr Fett weg.

Doch Höffer-Mehlmer macht auch Jagd auf die Konvertiten und erklärt endlich mal, was Sunniten und Shiiten sind: Die Shiiten zählten einst ihre Leute, erst mit „Er, Sie, Es“, dann mit „He, She, It“… daraus entstanden die Shiiten. Und wie es zu den Sunniten kam, erzählen wir Euch nicht – wir wollen doch, dass Ihr auch so vor Lachen vom Stuhl fallt wie wir. Unglaublich, auf welche Ideen man kommen kann…

Sumpf um das Stadion und Schweinenasen beim Metzger

Birgit und Günter beim Metzger - Foto: gik
Birgit und Günter beim Metzger – Foto: gik

Apropos Ideen: Das Moderatorenduo Günter Beck und Birgit Schütz glossiert in ihren Zwischennummern den Zank um die Zuwege zum Mainz05-Stadion („Sumpf! Moor!“ – „Ich hab‘ Glühwürmchen dabei“) und variiert im Übrigen Ideen der vergangenen Jahre. Aus dem Fenster hängend lästern sie sich durch Stehung (Fastnacht), Liegung (Krankenhaus) und Verwesung (Altenheim) und ziehen die „Respect“-Kampagne der Stadt Mainz durch den Kakao.

Den Hit schießen aber mal wieder Günter Beck als verstorbener Mainzer Zugmarschall Ady Schmelz ab, der den Mainzern den Kölner Motivwagen zu Charlie Hebdo ans Herz legt. Und ein geniales Zwischenspiel um Schweinenasen beim Metzger – das saumäßig närrisch eine legendäre Nummer wieder aufleben lässt, bei dem es um die unendliche Langsamkeit des einstigen Fastnachts-Geschäft Jacques Herrmann ging („Ich geh‘ mal runter in den Keller“).

Ständchen auf die rosa Sau

Die Sau tanzt kopfunter - Foto: gik
Die Sau tanzt kopfunter – Foto: gik

Die Drecksäcke zitieren sich selbst, warum,merkt man erst so langsam während der Sitzung: Die Alternativfastnachter sind heimlich und leise 20 Jahre alt geworden. Gefeiert wird das eigentlich nicht, oder doch: die rosa Sau bekommt ein Ständchen nach dem anderen. „Ein Prost auf uns, und auf die Sau“ singt die geniale Hausband „Toni, Ernst und die Hämmerle“.

Die „Uferlosen“ kommen gleich alle als rosa Säue mit wunderschönen Kostümen und Masken daher, und singen frei nach den Ghostbustern: „Was ist heißt begeht und wird heiß verehrt? Die Drecksau!“ In der Tat, nie flog die Sau länger über die Hände im Publikum als im 20. Jahr – und stell sogar einen „Pig Speed Record“ auf. Oder wie sang es der Prediger: „Gnadenlos – durch den Saal!“ Herzlichen Glückwunsch Drecksau!

Und wie immer hier die Mainz&-Fotogalerie zur Drecksack-Sitzung. Viel Spaß dabei!

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