Heute hat in Rheinland-Pfalz die Weinlese begonnen, jedenfalls offiziell. Inoffiziell haben die Winzer mancherorts längst mit der Lese begonnen, die Trauben fordern es. Denn durch die Wetterkapriolen im August geht in den Weinbergen die Fäulnis um, Ernteausfälle drohen, gerade beim Rotwein. Besonders betroffen: der Frühburgunder. Und mit noch einem Gegner haben die Winzer in diesem Jahr erstmals zu kämpfen: Mit der aus Asien eingewanderten Kirschessigfliege.

„Man muss da jetzt jeden Tag gucken“, sagt Arndt Werner, Chef des renommierten Öko-Weinguts in Ingelheim. 13 Hektar Rebflächen hat Werner, etwas mehr als die Hälfte sind mit Rotweinen bewachsen, typisch für Ingelheim. Das traditionelle Rotweingebiet gleich hinter Mainz ist der Hort einiger der besten Spät- und Frühburgunder Deutschlands, und gerade die bekommen es dieses Jahr gleich von zwei Seiten.

Saftige Weinberg im Rheingau bei der Domäne Rauenthal - Foto: gik
Saftige Weinberg im Rheingau bei der Domäne Rauenthal – Foto: gik

Rebblüte im Mai toll – August verregnet

Da ist zum einen der Regen: Die Rebblüte im Mai war ja noch von bestem Wetter begleitet, Sonne, warm, eine frühe Blüte – alles super. Doch dann kam der Sommer und mit ihm der August – und es hörte einfach nicht auf zu regnen. Der Reifevorsprung von der Rebblüte – dahin. Die Trauben – prall gefüllt mit Saft, jedoch noch nicht mit gereiftem Traubenextrakt. „Die Wasserversorgung ist sehr gut, Regen haben wir genug“, nennt das diplomatisch Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut (DWI) in Mainz, der Marketingorganisation der deutschen Winzer.

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Im DWI haben sie den Überblick über die 13 deutschen Weinanbaugebiete, vorn dort kam heute denn auch die Nachricht: die Weinlese hat begonnen! Kommt Euch früh vor? Ist es auch – und doch ist der frühe Lesetermin inzwischen schon üblich. „Dass Anfang September mit der Lese begonnen wird, ist mittlerweile nicht mehr so ungewöhnlich“, sagt Büscher.

Klimawandel = mehr Wärme, aber auch Wetterkapriolen

Weinlese Hände mit Traube nah - Foto DWI
Bei der Weinlese ist dieses Jahr viel Handarbeit gefragt – Foto: DWI

Der Klimwandel habe Blüte und Ernte nach vorne verschoben – und im der Regel sind die Winzer die Gewinner. Mehr Wärme und mehr Sonnenintensität treiben auch die Reife der Beeren nach oben, seit bestimmt 15 Jahren hat es deshalb keine richtig schlechten Weinjahrgänge mehr gegeben. „Seit 1988 wird es fast kontinuierlich wärmer und die Durchschnittstemperaturen liegen höher als das langjährige Mittel“, berichtet Büscher.

Doch nun bekommen die Winzer auch die negativen Auswirkungen des Wandels zu spüren: Wetterkapriolen mit starkem Regen und anhaltendem Regen im August, so etwas gab es früher nicht. In Ingelheim regnete es an einem einzigen August-Wochenende 65 Liter, 300 Liter waren es im gesamten Monat. „Die Feuchte hätten wir uns sparen können“, sagt Werner trocken.

Nötig: Sonne, Sonne, Sonne

„Die Niederschläge haben gerade noch rechtzeitig aufgehört“, sagt Büscher, der Gesundheitszustand der Trauben sei gut – noch. Denn nun brauchen die Weintrauben händeringend Trockenheit und Sonne, damit sie trocknen und Reife tanken können.

„Tatsache ist: wir haben Fäulnis, es muss entsprechend früh gehandelt werden“, sagt Werner, deshalb sei der Frühburgunder schon geerntet, und auch der Portugieser müsse zum Teil schon rein. „Bisschen was auf den Boden, bisschen was in den Eimer“, laute da jetzt die Devise, sagt Werner. Teilweise habe er „quasi mit der Pinzette die betroffenen Trauben aussortiert.“

„Es kann noch ein Jahrhundertjahrgang werden“

Rotweintrauben - Foto DWI
Armer Rotwein: Er ist in diesem Jahr gleich doppelt bedroht – Foto: DWI

„Das Lesegut hat ein erstaunlich gute Qualität“, sagt Ulrich Allendorf vom Rheingauer Weingut Fritz Allendorf in Oestrich-Winkel. Auch bei ihm ist die Fäulnis da, sogar beim spät reifenden Riesling, aber noch, sagt Allendorf, kann alles gut werden – wenn es trocken bleibt. „Wir glauben, dass das noch ein sehr guter Jahrgang werden kann“, betont Allendorf: „Wenn wir jetzt zwei trockene Wochen bekommen, dann wird das ein Jahrhundertjahrgang wie 2003, mit Edelsüße ohne Ende.“

2003, das war dieser Jahrhundertsommer, der die Oechsle-Werte – damit wird die Fruchtkonzentration in den Trauben gemessen – explodieren ließ. Der Nachteil damals: ungeheuer viel Süße, fast keine Säure. Genau umgekehrt verlief die Sache in 2013: Auch da gab es viel Regen im Sommer, die Säurewerte explodierten. Winzer, die nicht konsequent auf Qualität gesetzt hatten, waren die Verlierer – 2013 war ein Winzerjahrgang, wie man sagt, weil in solchen Jahren das Können und die Erfahrung des Winzers den Ausschlag gibt.

„2013 war ein spätes Jahr, aber ein Topjahr für die Betriebe, die auf Qualität gesetzt haben“, sagt Werner. Sein Weingut habe 2013 die die besten Prämierungen seit 2003 gehabt. In diesem Jahr seien Traubendruck, Schalenentwicklung und Reife „auf dem Stand wie 2013 im September“, sagt Werner.

Kirschessigfliege auf Flyer Julius-Kühn-Insitut
Winzige Fliege mit scharfem Werkzeug – Flyer des Julius-Kühn-Instituts, Bundesforschungsinsitut für Kulturpflanzen

Neuer Schädling: Drosophila suzukii, die Kirschessigfliege

Doch nun ist da noch ein neues Problem, ein neuer Schädling, eingewandert aus Asien: Drosophila suzukii, die Kirschessigfliege. Essigfliegen kennen wir hier ja auch, doch die neue Fliege ist anders: Sie verfügt über einen Sägeapparat, mit dem sie die Trauben anbohrt, um dann ihre Eier abzulegen – bis zu 400 Stück. Das Problem für die Traube: die angebohrten Stelle sind Einfallstore für andere Krankheiten und Pilze, wie den Botrytis-Fäulnis-Pilz.

Die Fliege wurden 2008 überhaupt erst in Europa entdeckt, berichtet Büscher, seither breitete sie sich explosionsartig aus. Durch den milden Winter 2013 auf 2014 vermehrte sich die Kirschessigfliege stark, nun fällt sie in Scharen über die Rotweinbeeren her. „Jetzt, wo die Obstbäume abgeerntet sind, wandert die Fliege in die Weinberge“, sagt Büscher, dort werde sie von der roten Farbe der Rotweinsorten angezogen.

Kirschessigfliege kommt vom Obstbau

„Ingelheim ist prädestiniert dafür, weil wir ja auch Obstbau haben“, sagt Winzer Werner. Die Fliege vermehre sich gar nicht auf den Weintrauben, sondern auf Süßkirschen und Brombeerhecken. Besonders befallen sind derzeit Dornfelder, aber auch Portugieser und vor allem der Frühburgunder. Ein richtiges Mittel gegen die Fliege gibt es noch nicht, einiges ist in Erprobung, wie Werner sagt.

„Entblättern“, sagt Büscher vom DWI, also die Trauben von umgebenden Blättern befreien, damit Wind und Sonne sie austrocknen können, denn das mag die Kirschessigfliege nicht.

Lisa Bunn bei der Weinlese im Weinberg - Foto Weingut Bunn
Winzerin Lisa Bunn bei der Lese im Weinberg – Foto: Weingut Bunn

Topjahrgang? Auch noch drin

„Probleme mit der Fliege haben wir auch, es sieht bös‘ aus“, sagt Jungwinzerin Lisa Bunn aus Nierstein, die sich vor allem Sorgen um ihren Dornfelder macht. Der wird deshalb auch morgen schon gelesen.  „Unser Merlot-Weinberg sieht aber topp aus“, sagt Bunn, der habe auch ein festere Schale als der Dornfelder, da kommt die Fliege nicht so gut durch.

Also noch ist der Weinjahrgang 2014 nicht verloren, noch ist alles drin: Topjahrgang oder kleine Ernte mit geringeren Qualitäten, „wir haben beides noch auf der Schippe“, sagt Winzer Allendorf: 2014 sei nun einmal „ein Jahrgang, der die Nerven und Qualität der Winzer herausfordert.“

„Ob sich noch einmal ein goldener Oktober einstellt, kann man jetzt überhaupt noch nicht sagen“, sagte Büscher: „Alles Weitere ist der Blick in die Glaskugel.“ Dann bleibt wohl nur eines: Daumen drücken!

 

Es wird sicher ein Jahrgang, der die Nerven und Qualität der Winzer herausfordert

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