Das ist ein neuer Brückengau für die Region Mainz-Wiesbaden: Die Salzbachtalbrücke der Autobahn 66 ist nach dem Einbruch eines Brückenlagers abgesackt und wird wohl für Wochen voll gesperrt bleiben. Der Unfall passierte am späten Freitagnachmittag, als urplötzlich ein Brückenlager aufgab. Das Ergebnis: Ein Betonpfeiler stellte sich schief, die darüber liegende Brücke sackte urplötzlich nach unten. Die Autobahnbrücke über die A66 musste sofort voll gesperrt werden – es herrscht Einsturzgefahr. Auch umliegende Straßen sowie die Bahnstrecke Mainz-Wiesbaden-Frankfurt sind derzeit komplett gesperrt. Das hat erhebliche Auswirkungen auf die Region: Der Bahnverkehr nach Wiesbaden ist komplett lahm gelegt, der Region Mainz-Wiesbaden droht ein Verkehrschaos über Wochen hinaus.

Die Salzbachtalbrücke der A66 über die Mainzer Straße ist hochgradig beschädigt und womöglich einsturzgefährdet. - Foto: gik
Die Salzbachtalbrücke der A66 über die Mainzer Straße ist hochgradig beschädigt und womöglich einsturzgefährdet. – Foto: gik

Der Unfall passierte am Freitagnachmittag gegen 17.00 Uhr: Völlig aus heiterem Himmel habe das Eisenlager an einem Brückenpfeiler unter der südlichen Autobahnbrücke aufgegeben und brach in den Betonpfeiler hinein, wie Experten der Autobahn GmbH des Bundes am Samstag vor Ort erklärten. Die Autobahnbrücke sackte daraufhin ab und stürzte auf den nun ungepufferten Pfeiler, der sich daraufhin schief stellte – der Pfeiler sackte um etwa 40 Zentimeter nach links ab, sagte ein Experte gegenüber Mainz&.

Die Salzbachtalbrücke gehört zu den maroden Brückenbauten der Republik, die Brücke aus dem Jahr 1963 hatte bereits im Januar 2019 wegen eines Bauunfalls für erhebliche Verkehrsprobleme gesorgt. Die marode Südbrücke sollte eigentlich im September 2021 endgültig abgerissen und erneuert werden, nun löst der Unfall eine Brückengau für die ganze Region aus. Das Absacken der Brücke habe einen erheblichen Knall verursacht, sagte Alexander Pilz, Leiter der Außenstelle Darmstadt der Autobahn GmbH des Bundes, am Samstag auf einer Pressekonferenz – verletzt wurde bei dem Unfalls niemand.

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Der beschädigte Pfeiler der Salzbachtalbrücke ist hier vorne gut zu sehen - auch die Schiefstellung im Vergleich zum zweiten Pfeiler. - Foto: gik
Der beschädigte Pfeiler der Salzbachtalbrücke ist hier vorne gut zu sehen – auch die Schiefstellung im Vergleich zum zweiten Pfeiler. – Foto: gik

„Das Ereignis war ungefähr um fünf Uhr, Viertel nach fünf“, berichtete Pilz bei einer eilig einberaumten Pressekonferenz am Samstag: „Ein Stahllager, ein Rollenlager hat versagt , dadurch ist der Überbau auf dem Pfeilerkopf gelandet.“ Der Aufprall verursachte zum einen Abplatzungen des Betons, es seien „kleinere Brocken vom Pfeilerkopf heruntergefallen“, sagte Pilz weiter, auch diese kleineren Brocken stellten eine Gefahr dar. Das Ereignis sei „von aufmerksamen Verkehrsteilnehmern gemeldet“ worden, „die genauere Ursache können wir noch nicht erkennen, das ist Bestandteil der Untersuchungen“, sagte Pilz weiter.

Die Autobahn GmbH setze derzeit aber „alle Hebel in Bewegung“, versicherte er weiter, am Freitagnachmittag habe bereits ein Polizeihubschrauber die Brücke in Augenschein genommen, am Samstag habe es eine Drohnenbefliegung gegeben. Weil der Brückenüberbau ungebremst auf den Pfeiler krachte, bildeten sich im gesamten Brückenbau massive Risse, die zentimeterbreit seien und sich bis auf die Fahrbahn hinauf ziehen. Problem Nummer drei: „Wir schließen nicht aus, dass auch der nördliche Überbau in Mitleidenschaft gezogen worden ist“, sagte Pilz weiter.

Pressekonferenz an der Salzbachtalbrücke der Autobahn GmbH des Bundes, von links: Ulrich Neuroth, Direktor West, Alexander Pilz und Matthias Hannappe. - Foto: gik
Pressekonferenz an der Salzbachtalbrücke der Autobahn GmbH des Bundes, von links: Ulrich Neuroth, Direktor West, Alexander Pilz und Matthias Hannappe. – Foto: gik

Das Absacken der Brücke hat denn auch gravierende Konsequenzen: Die A66 musste sofort gesperrt werden, auch die Überleitung zur Autobahn A 671 ist betroffen, denn auch das Umfeld musste sofort vollständig gesperrt werden: Unter der Salzbachtalbrücke führt die Mainzer Straße entlang, eine wichtige Verbindungsstraße Richtung Wiesbaden und zur A671, auch diese Bundesstraße 263 ist voll gesperrt. Unter der Salzbachtalbrücke führt aber auch die Eisenbahnstrecke nach Wiesbaden entlang, auch sie musste aus Sicherheitsgründen sofort still gelegt werden.

Damit ist derzeit der gesamte Eisenbahnverkehr zwischen Mainz-Wiesbaden und Frankfurt lahm gelegt, der Wiesbadener Hauptbahnhof ist für Züge nicht erreichbar. Es werde derzeit geprüft, ob eine „geschützte Gasse“ für den Zugverkehr angelegt werden könne, das sei aber „hoch anspruchsvoll“, sagte Pilz am Samstag weiter – die Salzbachtalbrücke ist derzeit sogar einsturzgefährdet. Dass das Bauwerk komplett zusammenbreche, könne nicht ausgeschlossen werden, räumte Pilz ein.

Der südliche Teil der Autobahnbrücke sei komplett marode gewesen, sagte Pilz, und betonte: „Es handelt sich um eine Brücke, die sowieso nie mehr unter Verkehr gehen sollte.“ Die südliche Brücke war „zum Abbruch planmäßig vorbereitet“ und sollte ab September „Stück für Stück abgebrochen werden“ – doch das ist jetzt wohl so nicht mehr möglich: Die notwendigen Vorrichtungen können jetzt wohl nicht mehr verankert werden, der abgebrochene Schutt kann wegen der Beschädigungen der Brücke nicht mehr wie vorgesehen abtransportiert werden. Die Brücke sei regelmäßig, etwa einmal pro Monat begutachtet worden, betonten die Experten weiter. „Wir haben bei keiner Prüfung sehen können, dass das Lager ein Problem war“, betonte Pilz, „es gab keine Hinweise, dass ein solcher Schaden im Raum steht.“

Die Salzbachtalbrücke 2019 von oben. - Foto: Hessen Mobil
Die Salzbachtalbrücke 2019 von oben. – Foto: Hessen Mobil

Die Nordbrücke war 2019 eigens verstärkt worden, um für die kommenden Jahre den zusätzlichen Verkehr tragen zu können, auch ihr droht nun aber das Aus: Die erste Hoffnung sei gewesen, dass der nördliche Überbau nach ein paar Tagen wieder freigegeben werden könne, „danach sieht es jetzt nicht aus“, sagte Pilz weiter. „Wir müssen komplett neu denken“, sagte Ulrich Neuroth, Direktor der Niederlassung West der Autobahn  GmbH: „Es ist nicht ganz klar, was macht das Bauwerk in den nächsten Tagen und Monaten.“ Derzeit herrschten sehr hohe Temperaturen, dadurch dehne sich das Bauwerk weiter aus – „und der Pfeiler macht alle Bewegungen mit“, sagte Neuroth. Womöglich waren auch die starken Temperaturschwankungen der vergangenen Tage ein Auslöser für den Zusammenbruch, das werde gerade untersucht.

Tatsächlich wird derzeit sogar eine Sprengung des Bauwerks diskutiert: „Heute morgen haben Sprengfachleute die Brücke angesehen“, sagte Neuroth weiter, diese würden nun ein Konzept auf den Tisch legen. Unklar sei aber noch, inwieweit eine Sprengung des südlichen Teils auch die nördliche Brücke beschädigen würde. Eine zweite Variante sei ein konventionelles Abbruchkonzept der südlichen Brücke mit Baggern die das Bauwerk abknabbern, auch das sei aber nicht einfach. Die Frage, ob es Versäumnisse der Behörden gegeben habe, wies Neuroth entschieden zurück: Es habe regelmäßige Brückenprüfungen gegeben, der Neubau sei bereits beauftragt worden, „wir sind in time“, betonte er: „Die Überwachung war gut, die Vorbereitung war gut, dass wir hier an der Stelle ein Versagen haben, das sehe ich nicht.“

Auch die Bahnstrecke Mainz-Wiesbaden-Frankfurt verläuft unter der Salzbachtalbrücke und ist derzeit voll gesperrt. - Foto: gik
Auch die Bahnstrecke Mainz-Wiesbaden-Frankfurt verläuft unter der Salzbachtalbrücke und ist derzeit voll gesperrt. – Foto: gik

Klar ist aber: Eine schnelle Lösung wird es für das Problem nicht geben – Neuroth sprach von Wochen, die eine Sperrung dauern könne. „Es ist im Moment keine Perspektive absehbar“, räumte Neuroth ein. Es werde am Sonntag ein Krisentreffen in der Stadt Wiesbaden „mit allen Playern“ geben, man werde Notfallpläne auf den Tisch legen, die bereits entwickelt worden waren – bereits 2019 hatte ein Bauunfall an der Salzbachtalbrücke für eine Sperrung gesorgt – und für erhebliche Verkehrsprobleme in der gesamten Region. 80.000 Fahrzeuge fahren pro Tag nach Angaben der Behörden über die Salzbachtalbrücke, etwa 40.000 queren sie unten darunter auf der Mainzer Straße.

Die Behörden rechnen deshalb mit massiven Stauproblemen am Montag, schon am Samstag versanken Teile von Wiesbaden in einem Verkehrschaos. Das Problem für Pendler: Auch der Öffentliche Nahverkehr ist nur teilweise eine Alternative, denn die direkte Bahnverbindung Mainz-Wiesbaden ist ebenfalls unterbrochen. Die Deutsche Bahn richtete am Samstag einen Busnotverkehr zwischen den Bahnhöfen Wiesbaden Ost beziehungsweise Mainz-Kastel zum Wiesbadener Hauptbahnhof ein. Es müsse überlegt werden, wie man mit dem ÖPNV umgehe, sagte Neuroth weiter, „wir hoffen, dass wir bis Mitte oder Ende der Woche die Konzepte haben, wie wir weiter vorgehen.“

Umleitungsempfehlung für die gesperrte Salzbachtalbrücke aus dem Jahr 2019 - dürfte jetzt wieder eine gute Idee sein. - Foto: Hessen Mobil
Umleitungsempfehlung für die gesperrte Salzbachtalbrücke aus dem Jahr 2019 – dürfte jetzt wieder eine gute Idee sein. – Foto: Hessen Mobil

Die Behörden raten schon jetzt, Wiesbaden möglichst großräumig zu umfahren, etwa auf dem Mainzer Ring – damit wird der Verkehr über die Weisenauer Brücke und auch durchs Mainzer Stadtgebiet erheblich steigen. Das weckt natürlich Erinnerungen an den großen Brückengau 2015: Damals verursachte ebenfalls ein Absacken eines Brückenpfeilers erhebliche Beschädigungen der Schiersteiner Brücke, die daraufhin wochenlang gesperrt war. Die Vollsperrung beeinträchtigte den gesamten Pendelverkehr im westlichen Rhein-Main-Gebiet über Wochen hinweg. Auch wenn die Salzbachtalbrücke nicht über den Rhein führt – die Sperrung der wichtigen A66 und angrenzenden Straßen ist verkehrstechnisch eine Katastrophe.

Info& auf Mainz&: Mehr zu den Problemen mit der Salzbachtalbrücke 2019 findet ihr hier bei Mainz&. Mehr zum Brückenunfall an der Schiersteiner Brücke könnt Ihr hier noch einmal bei Mainz& nachlesen. Und hier noch ein mal eine Nahaufnahme des betroffenen Brückenpfeilers, der verstärkte Pfeiler dahinter gehört zur nördlichen Brücke – er wurde bereits verstärkt. Auf dem Foto sieht man deutlich, wie die Brücke auf dem Brückenpfeiler aufliegt, das dort hingehörende Brückenlager ist verschwunden, die Brücke von großen Rissen durchzogen.

Beschädigter Brückenpfeiler an der Salzbachtalbrücke (vorne) mit beschädigter Brückenkonstruktion. - Foto: gik
Beschädigter Brückenpfeiler an der Salzbachtalbrücke (vorne) mit beschädigter Brückenkonstruktion. – Foto: gik

 

 

 

7 KOMMENTARE

  1. Jetzt Flucht nach vorne. Anstatt jahrelang vorsichtig zerkrümeln einfach sprengen, dann den Schutthaufen 14 Tage aufräumen und neu bauen. Diese Radikalmethode würde alles sehr beschleunigen. Es gab eine Zeit vor der Brücke. Wie haben wir da nur gelebt?

  2. Dass die Verantwortlichen bis sich selbst keine Schuld für das Desaster an der Salzbachtalbrücke sehen, ist der eigentliche Skandal und für mich ein Totalversagen der Behörden und der Autobahn Gmbh. Steuergelder werden seit Jahren zum Fenster rausgeworfen, eine ganze Region in ein ökonomisches und ökologisches Chaos geworfen und trotzdem “rollen keine Köpfe”. Wie man es richtig macht, kann man Italien lernen: Die viel längere und höhere Morandibrücke in Genua wurde komplett abgerissen und in Rekordzeit neu gebaut.

  3. Inzwischen wird tatsäcjhlich die Radikalmethode Sprengen in Erwägung gezogen. Dann ist es dicht für den Autoverkehr und die Bahn kann nach dem Wegräumen des Schutthaufens wieder fahren. Anschließend Brücke neu bauen. Bis dahin muss es so gehen wir vor der Brücke.

  4. Wo ist das kollabierte Lager geblieben? Heruntergefallen offenbar nicht. Also in den Pfeilerkopf oder in den Hohlkasten des Brückenkörpers eingebrochen. Hat da der Armierungsrost gehaust? Wenn dem so sein sollte, kann sich das jederzeit am anderen Brückenüberbau wiederholen. Dann bleibt nur die Holzhammermethode Sprengen und zwar beide Brückenteile. So könnte nach dem Wegräumen des Schutthaufens wenigstens der Schienenverkehr wieder aufgenommen werden.

  5. Es ist bekannt, dass sehr viele Autobahnbrücken nicht die geplante Lebensdauer von 100 Jahren erreichen werden. Materialermüdung durch, gegenüber den Vorschriften bei der Erbauung, ständig gestiegne Belastungen des LKW-Verkehrs und damalige Unkenntnis über die schädlichen Auswirkungen der Salzsteuung hätten eine gründlichere Kontrolle erfordert. Das war bei der Morandi-Brücke in Genua so und das gilt auch für die Salzbachtalbrücke. Zum Glück gab es keine Personenschäden. Warum sollen eigentlich die arbeitenden Menschen dafür bezahlen, dass die Konzernherren ihre Lagerhaltung eingespart und „just in time“ mit den LKW’s umherfahren?

  6. Das Management der Brücken im Rhein-Main-Gebiet ist mangelhaft. 6 setzen! Würde ich als Note vergeben. Zuerst die Schiersteiner, dann die A3 und nun das nächste Fiasko. Warum plant man ein überkomplexes Verfahren mit der Verlagerung des Verkehrs auf eine Brückenhälfte (die ja marode ist und ersetz werden soll). Wieso hat man nicht eine neue Brücke nebenan gebaut und dann den Verkehr verlagert? Nachdem diese überkomplexe Sch…. bei der Schiersteiner nicht geklappt hat, sollte es bei der Salzbachtalbrücke funktionieren? Ha, das ich nicht lache. Vielleicht will Hessenmobil das noch bei den nächsten zwei Brückenprojekten üben?

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