Noch aktueller kann man nicht sein: Das Open Ohr 2014 beschäftigt sich ausgerechnet mit dem Thema Krieg und Frieden. „Maikäfer flieg!“ lautet in diesem Jahr das Motto des politischen Jugendkulturfestivals, vier Tage lang wird an Pfingsten auf der Mainzer Zitadelle über aktuelle und vergangene Kriege und die Sehnsucht nach Frieden diskutiert, sinniert und manchmal auch gelacht. „Krieg ist ein zeitloses Thema“, sagte Yana Prinsloo von der Open Ohr Projektgruppe bei der Programmvorstellung am Mittwoch. Wohl war.

Plakat Open Ohr 2014Natürlich konnte die unabhängige Projektgruppe bei der Festlegung des Mottos nicht wissen, dass an Pfingsten 2014 mit der Ukraine ein Krisenherd entstehen würde, der sich erschreckend zügig in Richtung Krieg bewegt. Anlass für das Festival-Thema war nämlich ein ganz anderes Thema: Cyberwar und Drohnenkrieg habe die Projektgruppe auf die Kriegs-Idee gebracht, erzählte Prinsloo Mainz&. Dass gleichzeitig in diesem Jahr dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren gedacht wird, passte dann gut dazu.

„Wir blicken auf die Ukraine, den Bürgerkrieg in Syrien und auf die Unruhen in Ägypten – gleichzeitig gedenken wir des Ersten Weltkriegs“, sagte Prinsloo. Auf dem Open Ohr werde all das miteinander verknüpft, der Krieg, der durch die Ukraine auf einmal ganz nahe rückt, und die Sehnsucht nach Frieden, nach einer besseren Welt. „Wir wollen gemeinsam für Frieden einstehen“, sagte Prinsloo, und dabei auch die Frage stellen: „Wo ist eigentlich die Friedensbewegung von heute?“

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Gute Frage. Am ersten Mai konnte man eine ganze Menge davon sehen, die traditionellen Ostermärsche sind genau das: Proteste für den Frieden, Treffen von Pazifisten und Antimilitaristen. Ob die junge Projektgruppe das wohl noch kennt? Oder sind die Ostermärsche wie die Friedensbewegung in Ritualen erstarrt, leere Hüllen, die kaum noch etwas bewirken? Okay, wir hören jetzt mal auf, das Open Ohr-Thema weiter zu spinnen 😉

Sein Symbol und sein Motto findet das Thema Krieg und Frieden – außer bei Dostojewski natürlich – in dem alten Kinderlied „Maikäfer flieg“. Es ist ein altes Lied, das laut Wikipedia bereits seit 1800 existiert. Das Lied kommt im ersten Band der Liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“ vor, einer Liedersammlung der Dichter Achim von Arnim und Clemens Brentano aus den Jahren 1806/1808. Sein Text ist kurz, und er spiegelt die Ausweglosigkeit des Krieges:

Maykäfer, flieg!
Der Vater ist im Krieg.
Die Mutter ist im Pommerland.
Und Pommerland ist abgebrandt. Maykäfer, flieg!

Kein schöner Text, eigentlich. Und es gibt Variationen, in denen Pommernland durch Engelland ersetzt wird, Engelland aber ist nicht England, sondern das Land der Engel. Und wenn das abbrennt…

Bühne am Drususstein Open Ohr 2009 - Foto gik
Die schöne Bühne am Drususstein 2009 – Foto: gik

Aber natürlich wird auf dem Open Ohr keineswegs Trübsal geblasen. Gerade in diesem Jahr wird besonders viel gefeiert – das Open Ohr hat nämlich 40. Geburtstag. Für ein politisches Jugendkulturfestival ist das sensationell – und eigentlich ist man mit 40 ja auch sehr erwachsen. Das Open Ohr ist zwar das einzige politische Jugendkulturfestival, das die 1970er und 1980er Jahre überlebt hat – gediegen oder gar langweilig ist es beileibe nicht geworden.

40 Jahre Open Ohr, das sei „eine Erfolgsgeschichte“, sagte Sozialdezernent Kurt Merkator (SPD) am Mittwoch bei der Programmvorstellung. Und das Open Ohr sei ein Erfolg, eben weil „es inhaltlich gut ist, kontrovers, bunt, vielfältig, weil es eben kein Mainstream ist“, betonte Merkator. Dabei ist das Festival dennoch zu einer Institution geworden, vorbei die Zeiten, als die CDU alle Jahre wieder forderte, das Open Ohr abzuschaffen. Gut, dass sich das nie durchgesetzt hat…

So blieb Mainz ein außergewöhnliches Event erhalten, auf dem gefeiert und getanzt, getrommelt und eben auch viel diskutiert wird. Das Eröffnungsforum, das traditionell am Festivalsamstag gehalten wird, dreht sich um „Kriege in der Zukunft“, ein Jugendpodium stellt die Frage von „Jugend zwischen Krieg und Frieden“. In weiteren Podien geht um „Soldaten: Opfer und Täter“, um „Neues von der Front“ und um den „Krieg in den Medien, die Medien im Krieg“ – letzteres stellt auch die Frage nach der Objektivität von Journalisten, die aus dem Krieg berichten.

Auch der Erste Weltkrieg spielt eine große Rolle auf dem Open Ohr: Da vertont das Liedermacher-Ensemble „Grenzgänger“ Texte aus dem Ersten Weltkrieg, da macht der New Yorker Musiker Scott Matthew Musik für den Frieden, und das Duo „Schwankhalle“ stellt die Frage: „Krieg. Stell Dir vor, er wäre hier.“

Volle Hauptwiese Open Ohr 2012
Treffpunkt Hauptwiese – Open Ohr 2012 – Foto: gik

Die Macher des performance art depots, kurz pad, aus der Mainzer Neustadt wiederum wagen ein Experiment: Zwei Tage lang wollen Regisseurin Nic Schmitt und Regisseur Peter Schulz sich auf dem Festivalgelände „ich KRIEG dich“ spielen, als eine Art Dauerperformance-Improvisation. Und bereits Freitag präsentiert das Frankfurter Antagon TheaterAKTion „Gingko“, ein Stück, das die Brutalität der Atombombe zeigt, aber auch, wie sich Menschen und Natur der Zerstörung widersetzen. Ein „erschreckend schönes Stück“ werde das, sagen die Organisatoren.

Und dann gibt es da natürlich die Musik-Acts, und da hat sich das Open Ohr zum 40. Geburtstag ein paar Leckerbissen gegönnt: 26 Mal gibt es Musik, Topact ist niemand anderes als Judith Holofernes, Sängerin der Band „Wir sind Helden“, die aber zurzeit auf Solotripp unterwegs ist. Holofernes tritt Sonntagabend auf, am Tag zuvor kommt die Norwegische Kultband Kakkmaddafakka aufs Ohr mit ihrem Mix aus Pop, Disco, Funk, Reggae, Ska und Rock. Wie dem auch sei: da ist Abtanzen angesagt!

Große Bühne Open Ohr 2012
Abtanzen vor der großen Bühne auf der Hauptwiese 2012 – Foto: gik

Weitere Highlights dürften Irie Révoltés, die Kanadier von Rah Rah, die Ska-Band Rapid und die bayrischen Die Well Brüder aus’m Biermoos sein. Den Auftakt am Freitag bestreitet die Mainzer Band Sugar from Soul um 19.00 Uhr, bevor die Flensburger Punkband Turbostaat ab 20.30 Uhr die Hauptwiese rocken – passenderweise mit ihrem neuen Album, das „Stadt der Angst“ heißt.

Und dann ist da noch das Mitternachtskabarett mit FiL, El Mago Masin, Anton Grübener und dem Open Ohr-Veteranen Matthias Brodowy. Und dann sind da noch die Filme im Festungskeller. Und die Workhops und Projekte. Und das Kinderprogramm. Ach, was: geht doch einfach hin und guckt selbst! Selten las sic h ein Open Ohr-Progamm so spannend.

Die Geburtstagsfeier im engeren Sinne findet am Festivalsamstag statt, dann gibt es um 15.30 Uhr einen Empfang mit Gästen, Gesprächskreis und Ausstellung, und dabei sollen auch Anekdoten aus 40 Jahre Open Ohr erzählt werden, wurde uns versprochen. Um 17.30 Uhr findet dann ein kleiner Empfang statt mit Fotoausstellung. Rückblick, Bildern und Programmheften aus 40 Jahren. Da bleibt dann nur noch eines zu sagen: Happy Birthday, Open Ohr! Und auf weitere 40 Jahre 😉

Info& auf Mainz&: Das 40. Open Ohr Festival findet vom 6. bis 9. Juni auf der Zitadelle in Mainz statt. Vier Tage lang wird am Pfingstwochenende diskutiert und gefeiert. Eintrittskarten kosten wie im Vorjahr 35,- Euro für alle vier Tage, die Tageskarten für einen Tag gibt’s für 10,- Euro, am Montag 10,- Euro.

Die Zeltplätze um die Zitadelle herum sind geblieben und öffnen am Freitag, den 6. Juni um 11.00 Uhr. Das Platzangebot ist begrenzt, deshalb heißt es hier, schnell sein – die Organisatoren rechnen mit einem Run auf die Plätze. Auch die Festivalkarten sind offenbar schwer begehrt.

Getränke: Wasser darf unbegrenzt auf das Festivalgelände mitgenommen werden, Alkohol  nur bis zu einem Liter, harte Sachen sind verboten. Denkt dran, eine Picknickdecke mitzubringen und Kleidung für alle Wetter-Optionen. Das Open Ohr versinkt traditionell an Pfingsten im Schlamm – oder es wird glühend heiß.

Alle Infos rund ums Open Ohr findet Ihr hier.

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