Ausgerechnet kurz vor Weihnachten mehren sich Proteste gegen die Menschen, die hier bei uns Zuflucht suchen. Angefangen hat es mit Pegida in Dresden, dort protestieren seit Wochen Menschen gegen eine vermeintliche Islamisierung Deutschlands – an diesem Montag waren es 15.000. Experten sprechen von einer gelungenen Agitation der extremen Rechten, doch Pegida hat längst Ableger in anderen Städten, Bonn etwa und Darmstadt. Auch vor diesem Hintergrund veröffentlichten die Stadt Mainz und die Kirchen nun einen Aufruf: Helft bei der Unterbringung von Flüchtlingen – “gebt den Menschen eine Zuflucht!”

Pegida steht für Patriotische Europäer Gegen die Islamisierung des Abendlandes, und ausgerechnet kurz vor Weihnachten steigt die Zahl derer, die diesem Aufruf folgen. Ob diese selbst ernannten Patrioten wissen, dass die Wiege des Christentums im Nahen Osten stand, in Bethlehem? In einer Region, in der sich seit Jahrtausenden die Religionen von Christen, Juden uns Moslems mischen – eine Multikulti-Religions-Region sozusagen? Und dass damals ein verfolgtes Ehepaar eine Zuflucht in einem Stall fand?

In den Flüchtlingen Menschen sehen, mit ihnen feiern

Die Krippe auf dem Mainzer Weihnachtsmarkt - Foto: gik
Zuflucht vor 2000 Jahren: Jesus, Maria, ein Kind – Foto: gik

Zuflucht, die suchen in diesen Tagen und Wochen immer mehr Menschen auch bei uns in Deutschland und in Mainz. Und was wir grandios finden: Die Hilfsbereitschaft der Mainzer – also von Euch da draußen! – ist einfach überwältigend. Da werden Weihnachtsgeschenke für Flüchtlinge gesammelt, Möbel, Kleidung, Deutschbücher, Spielsachen.

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Ihr erinnert Euch ja vielleicht noch an das Benefizkonzert für Flüchtlinge in der Mainzer Neustadt im November, organisiert von der Charlie Crow-Band. Das Besondere dabei war nicht nur das Konzert, sondern auch das Buffet hinterher – mit internationalen Speisen aus allen Ländern und von den Flüchtlingen mit organisiert. Genau so geht Vorbeugung gegen dumpfe Ängste: miteinander Reden, Lachen, Feiern – “merken, dass der andere ein Mensch ist”, wie es gerade Patrick Hofmacher, Generalsekretär der Malteser, in Mainz sagte.

Aufruf zur Hilfe und für geeigneten Wohnraum

Hofmacher kam, Mainz& berichtete, zur Eröffnung des Notquartiers in der alten Turnhalle der ehemaligen Peter-Jordan-Schule nach Mainz, und er fand lobende Worte: Wenn schon Turnhalle, dann bitte so mit diesen Schlafkabinen wie in Mainz, sagte Hofmacher und forderte auch, es dürfe keine Denkverbote (mehr) geben. Wenn irgendwo Lagerhallen, ehemalige Kliniken oder andere großen Gebäude frei stehen – her damit.

Zuflucht Notunterkunft: ein Kinderbett wartet auf kleine Bewohner - Foto: gik
Zuflucht Notunterkunft: ein Kinderbett wartet auf kleine Bewohner – Foto: gik

Denn die Probleme sind groß, geeignete Unterbringungsmöglichkeiten zu finden, gerade in Mainz. Der Wohnungsmarkt – leer gefegt. Große leer stehende Gebäude – vielleicht zwei Kasernengebäude. Vielleicht. Das alles wird nicht reichen, es braucht jetzt Unterkünfte. Die Stadt Mainz rief deshalb jetzt gemeinsam mit Vertretern der katholischen und der evangelischen Kirche in Mainz dazu auf, sich weiter für die Flüchtlinge zu engagieren und “wenn irgend möglich” auch geeigneten Wohnraum preisgünstig zur Verfügung zu stellen. Mainz& dokumentiert den Aufruf im Wortlaut.

Wir werden überrannt? So ein Unsinn!

All das könnte den Eindruck erwecken, wir würden “überrannt” – was überhaupt nicht stimmt. 740 Flüchtlinge leben derzeit in Mainz, die Zahlen sind ganz aktuell. Etwas mehr als 500 davon kamen in diesem Jahr, das zeigt die Entwicklung auf. Aber was sind denn 740 Flüchtlinge in einer Stadt mit 200.000 Einwohnern? Richtig: Ein kleiner Tropfen auf einem sehr heißen Stein. Und selbst wenn 2015 noch einmal 600 Flüchtlinge dazu kommen – und? Wir würden es eigentlich gar nicht merken.

Flur in einer Mainzer Flüchtlingsunterkunft: Neiden wir das Fremden? - Foto: gik
Flur in einer Mainzer Flüchtlingsunterkunft: Neiden wir das Fremden? – Foto: gik

Ganz klar: die Proteste von Pegida wurden initiiert und geschürt von Rechtsextremen, sie nützen die Demonstrationen für den Versuch, dumpfe, rechte Parolen salonfähig zu machen. Und sie haben Erfolg: Statt “Deutschland den Deutschen” skandiert die Menge “Wir sind das Volk” – eine Verhöhnung der Proteste, die einst Freiheit für den Osten forderte und die Mauer zum Einsturz brachten. Heute wollen die Demonstrierenden eine Mauer zurück – gegen das Fremde. Das ist widerwärtig und eines weltoffenenen Landes wie Deutschland unwürdig,

“Die interessieren sich doch gar nicht für uns”

Doch das ist nicht alles: Hört man den Menschen in Dresden und anderswo zu, die da protestieren, mischen sich in die dumpfen Ressentiments gegen Fremde längst andere Töne: Die interessieren sich doch nicht für uns. Die tun ja nichts für den kleinen Mann. Wir sind denen doch egal. Die – das sind natürlich die Politiker, die vielen immer abgehobener, unerreichbarer erscheinen. Das Raumschiff Berlin hat diesen Eindruck einer um sich selbst rotierenden Gruppe gestärkt, die nur noch sich selbst wahr nimmt. Und zu dieser Gruppe gehören Politiker und  Journalisten.

Es geht gar nicht darum, hier irgendeine Schelte zu betreiben, doch um einen Weckruf geht es schon: Die Kluft zwischen Politikern und ihrem Volk wächst. Und das wird immer dann verstärkt, wenn Bürgerappelle ungehört verhallen, wenn Bürgermeinung nicht ernst genommen, sondern arrogant übergangen wird. In Wiesbaden wurde gerade nach der Lesselallee auch ein zweites Bürgerbegehren – das zum Stadtmuseum – von der Stadtspitze einfach ignoriert.

Erst Gericht schrieb der Politik vor, Bürger ernst zu nehmen

Protestschild am Zaun der Lesselallee: "Wir haben nichts zu sagen" - Foto: gik
Protestschild am Zaun der Lesselallee: “Wir haben nichts zu sagen” – Foto: gik

Die Kastanien der Lesselallee wurden gefällt, obwohl ein Bürgerbegehren über die Fällung schon gestartet war. Beim Stadtmuseum versuchte die Stadtspitze mit dem Abschluss eines Mietvertrages Fakten zu schaffen – trotz deutlicher Kritik aus Kulturszene, kritischen Bürgern und den eigenen Reihen. Erst ein Gericht (!) musste dem Wiesbadener Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD) vorschreiben, er habe gefälligst das Bürgerbegehren abzuwarten.

Es sind genau solche Vorgänge, die Frust und Wut bei Bürgern wecken und ein enttäuschtes Abwenden von Bürgern von der Politik nach sich ziehen. Wer eine lebendige Demokratie will, muss Bürger ernst nehmen und Bürgerinitativen lieben – weil sich dort engagierte und meist hoch kompetente Bürger daran machen, etwas für das Gemeinwesen zu tun.

Bruchstelle: die Angst, etwas zu verlieren

Wer aber frustriert wird, wer Angst vor der Zukunft hat, gar seinen Lebensstandard bedroht sieht – der tendiert eher dazu, andere Gruppen von Menschen abzuwerten. Das ergab jüngst eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung “Fragile Mitte, feindselige Zustände”. Die Studie stellte fest, dass rechtsextremes Gedankengut in Deutschland stark auf dem Rückmarsch ist: Im Jahr 2014 sank die Zustimmung zu rechtsextemen Tendenzen auf ganze sieben Prozent. Einerseits.

Zuflucht, ganz einfach. Zimmer in einer Mainzer Flüchtlingsunterkunft - Foto: gik
Zuflucht, ganz einfach. Zimmer in einer Mainzer Flüchtlingsunterkunft – Foto: gik

Andererseits steigt die Zahl derer, die sich Sorgen machen – Sorgen wegen der Eurokrise, Sorgen um die Ersparnisse, um die Zukunft der Kinder oder der Enkel. Die Folge davon kann sein, andere gesellschaftliche Gruppen abzuwerten in dem Bedürfnis: solange noch jemand unter mir ist, steht es um mich (noch) nicht so schlimm. Ungleichheit und Bedrohung des eigenen Lebensstandards, so die Studie, sind die Bruchstellen der Demokratie. Je mehr die Ränder der “Mitte” ausfransen, umso stärker ist die Gefahr des Bruchs – wie in Dresden, Bonn und anderswo.

Die Angst vor dem Fremden ist eigentlich die Angst, selbst etwas zu verlieren. Dass einem etwas weggenommen wird. Dass man zu kurz kommt. Es ist diese Angst, gegen die Politik etwas tun muss, dieses Gefühl: Ihr interessiert Euch doch gar nicht für mich. Er demonstriere, weil “die (Politiker) seit Jahren nichts für mich getan haben”, sagte sinngemäß ein Demonstrant. Genau hier liegt das Problem.

Info& auf Mainz&: Einen ausführlichen Bericht über die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung könnt Ihr hier auf Mainz& lesen: Pegida und die Bruchstelle in unserer Gesellschaft – die Studie “Fragile Mitte”.

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