Das Mainzer Rathaus ist ja bekanntlich marode, und zwar gründlich: Wasser im Keller, bröckelige Fassade, undichtes Dach, überforderte Klimaanlage – das Mainzer Rathaus ist ein Millionengrab. Doch wo jeder Bauherr mit Verstand sagen würde: abreißen und neu bauen, heißt es in Mainz: Erneuern! Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) setzt voll auf Sanierung – dabei hat das bislang noch niemand beschlossen. Dafür lädt die Stadt nun zur Planungswerkstatt mit Begutachtung neuer Ideen für das marode Haus.

Graue Optik, zugige Weite - das Mainzer Rathaus mit seinem Vorplatz - Foto: gik
Graue Optik, zugige Weite – das Mainzer Rathaus mit seinem Vorplatz – Foto: gik

Das ist lang her, und die Aufgaben von Verwaltung, Rat und Bürgerschaft haben sich geändert. Der winzige Eingang zum Rathaus scheint heute kaum mehr zeitgemäß, die Blockade des Rheins schon gar nicht. Was also tun?

Ideen für bessere Einbindung zur Stadt

Die Stadt gab einen Ideenwettbewerb in Auftrag, kurz vor Weihnachten wurden in einer längeren Sitzung im Rathaus diskutiert und schließlich bewertet – und zwei erste Preise gekürt. Mehr als 30 Beiträge gab es, der Auftrag lautete, Konzepte für eine bessere Einbindung des Rathauses sowie funktionale Änderungen zu finden.

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„Ideen sind nicht Pläne“, betonte Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) bei der Vorstellung der Sieger – hier sei es vor allem darum gegangen, den Horizont zu weiten, Gestaltungsmöglichkeiten zu finden und ein Verbesserungspotenzial aufzuzeigen, „das wir auch heben wollen.“

Änderungen am Innern abgeblockt

Um es gleich vorweg zu sagen: Das Innere des Rathauses wurde nur gestreift – und selbst das führte zu heftigen Auseinandersetzungen mit der Denkmalpflege. Ein Rathausfoyer schlug ein Entwurf vor, ein Lichtdach im Ratssaal – alles heftig bekämpft. Ob denn einer mal überlegt habe, den Ratssaal zum Rhein zu öffnen, fragte Mainz& ganz unschuldig? „Das wäre ein Frevel gewesen, dem hätten wir die Hand abgehackt“, lautete die Antwort des OBs. Ah ja.

Die Mainzer Spitze hat es nämlich noch kurz vor dem Anlauf in Richtung Sanierung geschafft, das Rathaus unter Denkmalschutz zu stellen – das Gebäude des dänischen Architekten Arne Jacobsen gilt als herausragendes Beispiel für moderne Architektur in den 1970er Jahren.

Marode Trutzburg am  Rhein: das Mainzer Rathaus - Foto: gik
Marode Trutzburg am Rhein: das Mainzer Rathaus – Foto: gik

Es gibt keinen Beschluss pro Sanierung

Übrigens muss das nicht in jedem Fall ein Ausschlussargument für einen Abriss sein: In Ludwigshafen sprengte der Chemieriese BASF jüngst das BASF-Hochhaus, ein Wahrzeichen der Stadt. Der 1960er Jahre-Bau war einfach zu marode… Also lasst Euch nicht einreden, da gehe nichts mehr! Auch steht unseres Wissens noch immer der Beschluss der Rates über die mehr als 2.000 Unterschriften aus, mit denen ein Bürgerbegehren gefordert wurde.

„Bisher hat der Rat nicht gesagt, dass er es unbedingt sanieren will“, räumte Ebling auf die kritische Nachfrage von Mainz& ein, im Klartext: Es gibt keinen Sanierungsbeschluss! Auch gebe s unter den 60 Ratsmitgliedern „vielleicht auch noch einen, der es anders sieht“, sagte der OB weiter. Der Rat sei aber das legitiierte Gremium, um über so etwas zu entscheiden. „Ich bin für jede Form der Bürgerbeteiligung offen“, sagte Ebling weiter – wir sollten den OB da beim Wort nehmen, finden wir 😉

Bürgerdach, Absenkung Rathausplateau

Bürgerdach, Lichtsaal, abgesenktes Plateau: Pläne von AGN fürs Rathaus - Foto: gik
Bürgerdach, Lichtsaal, abgesenktes Plateau: Pläne von AGN fürs Rathaus – Foto: gik

Für die Prämierung beim Ideenwettbewerb wurden schließlich Entwürfe prämiert, „die einen hohen Ideengehalt haben“, wie Ebling sagte. „Wir haben eher etwas gesucht, was in der Stadt diskutiert werden kann“, sagte der Vorsitzende des Preisgerichts, der Karlsruher Professor für Quartiersplanung Markus Neppl. Dazu gehörte unter anderem die Idee des „Bürgerdachs“, also das Dach des Gebäudes zur Aussichtsplattform zu machen. 

Dies ist einer der Vorschläge des ersten Siegerentwurfs des Büros AGN Niederberghaus & Partner von Stefan Nixdorf – jenem Architekt, der die Coface-Arena entwarf.Der AGN-Entwurf sieht vor, den Rathausplatz in zwei Ebenen abzusenken. Das Plateau bliebe aber im Wesentlichen erhalten, die Verbindung zum Rhein wird durch eine breite, etwa drei Meter hohe Treppe geschaffen. Das Rathaus bekäme auf Rheinebene einen neuen Zugang.

Begrünter Durchgang zwischen Rathaus und Rheingoldhalle

Ideen Rathaus Achswerk Frankfurt Platz 1 BDer zweite Entwurf der Arbeitsgemeinschaft Thomas Schommer aus Saarbrücken und dem Frankfurter Achswerk ist radikaler und aus unserer Sicht auch spannender: Hier würde das Plateau verkleinert und ein begrünter Durchgang zwischen Rathaus und Rheingoldhalle geschaffen, ebenerdig und mit neuer Sicht auf die Innenstadt und den Brückenturm. Das Rathaus stehe dann wie auf einem Sockel, sein zugiger Vorplatz werde aber deutlich verkleinert, erklärte Neppl.

Das Charmante an dem Entwurf: „Das ganze Rathaus nimmt sich zurück und ist ein Element in der Rheinfront“, sagte Neppl, die Rheinpromenade bekäme endlich attraktive Durchgänge zur Promenade. Dafür aber entfalle das oberste Stockwerk der Tiefgarage. Das sei noch nicht einmal abwegig, erklärte Neppl: Die Stadt müsse sich sowieso mit der undichten Oberfläche und Decke befassen…

Riesige Freitreppe zum Rhein, Ballons über Mainz

Freitreppe zum Rhein, Heißluftballons über Mainz: Luftschlösser zum Mainzer Rathaus - Foto: gik
Freitreppe zum Rhein, Heißluftballons über Mainz: Luftschlösser zum Mainzer Rathaus – Foto: gik

Übrigens sind auch die übrigen Ideen zum Rathaus durchaus interessant, manche allerdings eher zum Schmunzeln: Ein Büro plante einfach mal eine riesige Freitreppe direkt in die Fluten des Rheins – in völliger Ignoranz der gefährlichen Rheinströmung gerade vor der Brücke. Allerdings gab es auch hier einen grünen Durchgang zum Rhein mit Liegewiesen und Heißluftballoons, was immer die damit zu tun haben 😉

Tatsache ist: die beiden Siegerbüros werden heute Nachmittag bei einer Planungswerkstatt im Rathaus ihre beiden Entwürfe erläutern. Dann ist das Ratssaalsrund zur Diskussion frei gegeben – das ist Eure Stunde 😉 Übrigens sind alle Ebntwürfe und Ideen in einer sehr uncharmanten Ausstellung im Rathausfoyer (linke Seite) aufgereiht.

„Wir wollen die Bürger einladen, uns dazu ihre Ideen zu sagen“, betont Ebling jedenfalls. Danach werde man die Ergebnisse dem Rat der Stadt vortragen und fragen, welche Ideen vertieft mit Kosten untersucht werden sollten.

Info& auf Mainz&: Planungswerkstatt zu den Siegerentwürfen für die Rathauserneuerung Freitagl, 9. Januar, 13.00 Uhr bis 16.00 Uhr, Ratssaal im Rathaus. Eine erste Planungswerkstatt fand schon am 2. Januar statt, eine dritte Planungwerkstatt folgt am 30. Januar. Hingehen!

 

3 KOMMENTARE

  1. Endlich einmal bin ich total anderer Meinung als gik ;-))

    Ich liebe das Rathaus von Beginn an and forever.

    Fassade, Foyer und Ratssaal solltenauf jeden Fall erhalten bleiben.

    Ansonsten läßt sich viel Sinnvolles machen.

    Toll find ich die Idee mit den Luftballons;
    endlich eine Verwendung für die viele heiße Luft, die da produziert wird.

    • Was ich vor allem will ist: eine offene Diskussion! Die MAINZER sollen entscheiden, ob sie dieses Rathaus wollen oder ein anderes, oder… Und das sollte nicht die Politik im Rathaus heimlich und leise beschließen! Wenn dann am Ende herauskommt: Ja, wir wollen DIESES Rathaus, dann finde ich das großartig.

  2. Manchmal haben Politiker Angst, daß die Bürger sich nicht für das „Richtige“ entscheiden könnten
    und stehen daher Bürgerentscheiden skeptisch gegenüber.

    Ein Beispiel;
    Die Politik war in Dresden gegen die Waldschlösschenbrücke, eine Mehrheit der Bürger dafür;
    der Verlust des Weltkulturerebs war ihnen wurscht.

    Leider kann man diese Denke nicht völlig von der Hand weisen.
    Begründung: der Mann auf der Straße sei leicht von Demagogen zu verführen.
    Wenn wir jetzt Pegida sehen, muß man zumindest nachdenklich werden.

    Bin da etwas ratlos …

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