An Allerheiligen pilgern die Deutschen ja traditionell auf die Friedhöfe an die Gräber ihrer Verstorbenen, am morgigen Samstag, den 1. November, wird das auch dieses Jahr wieder der Fall sein. Die Mainzer Wirtschaftsbetriebe verwandeln den Tag aber jedes Mal wieder in eine spannende Geschichtsstunde. Denn die Gräber auf dem Mainzer Hauptfriedhof sind wie ein aufgeschlagenes Geschichtsbuch der Stadt: Hier liegen Größen, die das Schicksal von Mainz prägten, Pioniere und Erfinder. Und der Mainzer Hauptfriedhof gehört zu den schönsten Friedhöfen in ganz Deutschland.

Es war der französische Präfekt Jeanbon de St. André, der 1803 den Mainzer Hauptfriedhof gründete, und damit ein Problem löste. Napoleon hatte Kirchen und Klöster enteignet, auch in Mainz, doch in den Kirchen und auf den angrenzenden Kirchhöfen begruben die Mainzer seit Jahrhunderten ihre Toten. Nun war guter Rat teuer, denn auf den Kirchhöfen wurde es eng, und zuständig war nun der Staat.

Baumallee neuer jüdischer Friedhof - Foto: gik
Baumallee auf dem Neuen Jüdischen Friedhof – Foto: gik

Und der musste nun das Problem lösen, wie mit den Toten umgehen? Um 1782 herrschte ein heftiger  Expertenstreit über die Gefährdung der Lebenden durch die Ausdünstungen der Toten. Der französische Präfekt löste das Problem durch Auslagerung vor die Stadtmauern.

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Die Toten im Heiligen Tal der Mainzer

Dass St. André das Zahlbachtal zum neuen Friedhofsplatz wählte, war kein Zufall: Bereits die Römer hatten hier ihre Legionäre bestattet, der Legende nach starb hier auch um das Jahr 451 der erste Mainzer Bischof, der heilige Aureus, den Märtyrertod und wurde hier begraben. Das Tal zwischen Uni und Uniklinik ist bis heute ein „Heiliges Tal“, an den Hauptfriedhof grenzt nämlich auch der Neue Jüdische Friedhof an, und auch der ist definitiv einen Besuch wert.

Uralter Grabstein Neuer Jüdischer Friedhof - Foto: gik
Uralter Grabstein Neuer Jüdischer Friedhof – Foto: gik

Der alte jüdische Friedhof liegt übrigens an der Mombacher Straße, vergessen und verlassen wirkt das Feld mit den uralten Grabsteinen. Ist es aber nicht: Hier soll einmal ein Besucherzentrum entstehen, das Zeugnis gibt von dem reichen jüdischen Erbe des jüdischen Magenza im Mittelalter. Aber das ist eine eigene Geschichte 😉

Gruftstraßen und Fastnachts-Vortrag zum 11.

Tatsache ist, der Mainzer Hauptfriedhof wurde 2012 zum drittschönsten Friedhof Deutschlands gewählt. Es ist aber auch ein erhabener Ort, ein beeindruckender dazu: fast zwei Quadratkilometer ist das Gelände groß, es enthält mit die ältesten Bäume von Mainz und 230 Grabsteine, Grüfte und Denkmäler, die unter Denkmalschutz stehen. Die meisten stehen entlang der oberen und der unteren „Gruftstraße“, wie die Mainzer sie nennen.

Und seit genau elf Jahren veranstalten die Wirtschaftsbetriebe nun schon den Tag des Friedhofs. Auch in diesem Jahr gibt es Vorträge und Besichtigungen, und weil es das 11. Jahr ist, hält passenderweise der Präsident der Mainzer Ranzengarde, Lothar Both, einen Vortrag über „Fastnacht und Tod: Am Aschermittwoch ist alles vorbei.“ Diese Stadt ist einfach großartig, und der Vortrag findet 11 Tage vor Eröffnung der neuen Fastnachtssaison statt 😉

Gräber von Jockel Fuchs, Henkell und Haenlein

11. Tag des Friedhofs Mainz 2014Der Verein Geografie für alle lädt außerdem wieder zu Führungen zu den historischen Gräbern auf dem Friedhof, und das lohnt sich: Hier liegen natürlich die Mainzer Oberbürgermeister begraben, darunter der geliebte Jockel Fuchs. Aber auch deutsche Politiker aus der Frühzeit der Republik liegen hier begraben, wie Bernhard Adelung, Sozialdemokrat und Staatspräsident Hessens, und Eduard David, der erste Präsident der Weimarer Nationalversammlung von 1919 .

Begraben liegen hier aber auch Adam Henkell, Gründer der Sektkellerei Henkell (+1866), der Luftfahrtpionier Paul Haenlein, Carl Gassner, der Erfinder der Trockenbatterie (+1942), und der Chemiker Fritz Strassmann (1980), der zu den Entdeckern der Kernspaltung zählt. Mainzer war eben immer schon eine Stadt der Wissenschaft – und eine der Künste. Die Schriftstellerin Kathinka Zitz-Halein (+1877) liegt hier ebenso begraben wie der „Dichterkomponist“ Peter Cornelius.

Die letzte Ruhe des „Schinkenandres'“

Foto Hauptfriedhof Grab St. André - Foto: Mainzer Wirtschaftsbetriebe Christian Schulze
Grab St. André auf dem Hauptfriedhof – Foto: Mainzer Wirtschaftsbetriebe Christian Schulze

Und noch einer fand hier passenderweise seine letzte Ruhe: Jeanbon Baron de St. André, Präfekt der linksrheinischen Départements, liegt in der Stadt begraben, der er seinen Stempel aufgedrückt hat. Der neue Friedhof, ein Freihafen, eine Kunstsammlung, der Beginn der städtischen Bibliothek und der Prachtboulevard, die Ludwigstraße – St. André hat Mainz geprägt.

Die Mainzer hatten nach anfänglicher Skepsis den französischen Baron bald ins Herz geschlossen, und wie sie eben so sind, bekam er einen Spitznamen: „Schinkenandres“ nach St. André und Jeanbon – Jambon, französisch für Schinken. Bis heute gibt es übrigens einen Mainzer Schinken, der bis zum Ersten Weltkrieg als „Jambon de Mayence“ in die Markthallen von Paris exportiert worden sein soll…

Friedhofs-App ab 3. November

Wenn Ihr den Friedhof nicht am 1. November erkunden wollt oder könnt, aber trotzdem die historischen Gräber heimsuchen wollt – kein Problem: Es gibt nämlich demnächst eine Friedhofs-App, und das ist kein Scherz. Für das Projekt des Bundesbeauftragten für Kultur und Medien wurden bundesweit 1007 Gräber auf 37 Friedhöfen in 16 Bundesländern ausgewählt – und natürlich ist der Mainzer Hauptfriedhof darunter.

Dumm nur: Die App wird in Berlin vorgestellt – und zwar am Montag, den 3. November. Echt toll, dieses Berliner Timing. Aber keine Sorge, Ihr habt ja Mainz&: Wir werden die App natürlich für Euch testen, sobald sie da ist.

Info& auf Mainz&: Samstag, 1. November, 2014., Allerheiligen, 10.00 Uhr – 16.30 Uhr, 11. Tag des Friedhofs auf dem Mainzer Hauptfriedhof. Führungen zu den historischen Gräbern ab 10.30 Uhr und ab 14.30 Uhr alle 15 Minuten: Historisch Gewandete erzählen Geschichten und rezitieren Gedichte, Treffpunkt: Vorplatz der Trauerhalle. Programm und alle Infos im Internet und zwar hier.

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