Es ist der 18. März, und vom Balkon des ehrwürdigen Deutschhauses flattert die französische Fahne, während auf dem Platz davor ein Schauspieler erhabene Worte zitiert: „Bürger! Möge der Gesang der Republikaner in den Lüften widerhallen, mögen die Tyrannen über dem Rheine erzittern, wenn sie vernehmen, dass die Mainzer frei sind!“

Eingang Landtag Rheinland-Pfalz - Foto Felix König
Der Eingang zum Landtag Rheinland-Pfalz – Foto Felix König

Es waren historische Worte, die der Naturforscher Georg Forsten 1793 in Mainz sprach, zitiert wurden sie zu einer historischen Stunde: Vor genau 220 Jahren, am 18. März 1793, wurde in Mainz die erste demokratisch legitimierte Republik auf deutschem Boden ausgerufen. Am 18. März 2013 erinnerten die Mainzer daran mit einem Namen: der Platz vor dem Deutschhaus, dem Sitz des rheinland-pfälzischen Landtags, trägt seitdem den Namen: „Platz der Mainzer Republik“.

Fragiles Gebilde, jähes Blühen und Leuchten

Die Mainzer Republik war ein fragiles Gebilde, das nur wenige Wochen Bestand hatte – und dennoch war sie eine Initialzündung für die deutsche Demokratiebewegung. Am 18. März 1793 ausgerufen, war sie am 23. Juli desselben Jahres schon wieder Geschichte. Dennoch sei von „dem jähen Blühen und Verblühen ein faszinierendes Leuchten“ ausgegangen, das in einer Linie mit dem Hambacher Fest von 1832 und dem Paulskirchenparlament 1848 stehe, sagte der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) bei der Feier der Umbenennung in Mainz.

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Es waren die Franzosen, die den Gedanken von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit an den Rhein trugen. Nach der Französischen Revolution von 1789 brachten französische Eroberungstruppen die Republik quasi als Exportprodukt mit. Nachdem Mainz im Oktober 1792 von französischen Truppen besetzt worden war, gründeten Mainzer nach französischem Vorbild einen Jakobinerklub, hielten Wahlen ab und traten am 17. März zu einem „Nationalkonvent der freien Deutschen“ zusammen. Wer wählen wollte, musste erst eine Eid schwören auf die revolutionären Staatsideen, es gab zu Gesinnungsterror und Gewaltexzessen durch die Franzosen.

Die Mainzer Republik sei deshalb „sicher keine eigenständige deutsche Revolution und ganz sicher nicht der glanzvolle Beginn einer stabilen deutschen Demokratie gewesen“, betonte Bundestagspräsident Norbert Lammert, der eigens zur kleinen Feier des Vor-Vor-Vorläufers seines Parlaments nach Mainz gekommen war. Die kurzlebige Republik habe einen „frühen Markstein in die verworrenen Anfänge deutscher Demokratie“ gesetzt, und sie habe weit über ihre kurze Geschichte hinaus gewirkt.

18. März – Schicksalstag der Deutschen

Lammert war übrigens auch deswegen als Festredner zu der Feierstunde in Mainz eingeladen worden, weil er in der Bundesversammlung zur Wahl von Bundespräsident Joachim Gauck im März 2012 der Mainzer Republik gedacht und von einer „bemerkenswerten Traditionslinie“ gesprochen hatte. Der 18. März, so hatte Lammert gesagt, sei „ein Schicksalstag“ der Deutschen: An einem 18. März 1848 trat das Paulskirchenparlament in Frankfurt erstmals zusammen, das erste frei gewählte Parlament auf deutschem Boden. Und an einem 18. März wurden die ersten freien Wahlen in der früheren DDR abgehalten: am 18. März 1990.

Die erste demokratische Republik auf deutschem Boden aber war die Mainzer Republik. Nach der Besetzung von Mainz durch die Franzosen am 21. Oktober 1792 waren im Frühjahr 1793 in über 200 Orten in Rheinhessen und der Pfalz Wahlen für einen „Nationalkonvent der freien Deutschen“ abgehalten worden. Die Begeisterung für die Franzosen war groß, ungefährlich war sie nicht. Und so dichtete der Mainzer Bibliothekar und Altertumsforscher Friedrich Lehne (1771-1836) auch politische Lyrik und darunter das »Lied des freien Wöllsteiners«:

„Geblendet von dem schnöden Glanze, den ihnen unser Fleiß
verschafft, war stolz und stark durch unsre Kraft
manch fetter Pfaff, manch geiler Schranze.
Wohlan, die Wahl ist leicht! Nur Freiheit oder Tod;
weh dem, Fluch dem, der es je wagt und unsrer Freiheit droht!“

Der rheinisch-deutsche Nationalkonvent trat am 17. März 1793 zusammen, und tagte ganze 15 Tage lang – bis zum 31. März 1793 .Und am 18. März 1793 wurde durch den Konventspräsidenten Andreas Josef Hofmann vom Balkon des Deutschhauses aus die Mainzer Republik ausgerufen. Doch das Aufflackern einer neuen Hoffnung von Freheit und Demokratie, es wurde schnell beendet: Preußische und deutsche Truppen belagerten und zerstörten Mainz, mit der Kapitulation der Franzosen am 23. Juli 1793 war auch die Mainzer Republik Geschichte.

Bundespräsident Gauck vor dem Hambacher Schloß - Foto gik
Der Bundespräsident und das Hambacher Schloss – Foto: gik

Mainzer Republik und Arabischer Frühling

Die Mainzer Jakobiner damals seien „mutige Ausnahmeerscheinungen“ gewesen, die „das Wagnis eingingen, frei zu denken“, betonte Lammert. Freiheitskämpfe verdienten aber nicht nur dann Respekt, wenn sie erfolgreich gewesen seien, sondern auch, weil sie überhaupt stattgefunden hätten. Denn auch der deutsche Weg zur Demokratie sei steinig gewesen, sagte Lammert 2013, mitten im Aufflackern des Arabischen Frühlings.

Auch auf deutschem Boden hätten sich mancher Wege „als Sackgasse entpuppt“, für andere habe der Atem nicht gereicht. „Daran“, sagte Lammert weiter, „sollten wir uns erinnern, wenn wir auf Schauplätze schauen, wo die Menschen um die Errichtung einer Demokratie kämpfen – wie in der arabischen Welt.“ Es gebe eben „keine Blaupause für die Entwicklung demokratischer Systeme“, sagte Lammert, und sprach damit ein weises Wort.

Die Mainzer Republik von 1793 aber sei ein wichtiges „Experimentierfeld deutscher Demokratie“ gewesen, dessen Ziel erst 200 Jahre  später Wirklichkeit wurde: „ein deutscher Rechtsstaat, demokratisch verfasst und vom Volke legitimiert.“ Die Mainzer Republik, sprach Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD), sei „ein unfertiges Produkt, aber kein Muster ohne Wert“ gewesen. Denn bei diesem ersten parlamentarischen Gehversuch wurde „völliges Neuland betreten“, die erste Republik auf deutschem Boden sei zu einer Initialzündung auf dem Weg zur Demokratie gewesen. „Deshalb gehört die Mainzer Republik in das kollektive Gedächtnis unseres Volkes.“

Plenarsaal Landtag RLP mit Fahne und Wappen - Foto gik
Alter Plenarsaal des Mainzer Landtags mit einer Originalfahne des Hambacher Festes – Foto gik

„Hinauf! Hinauf zum Schloss!“

In dieses Gedächtnis gehört aber natürlich auch der berühmte Gang aufs Hambacher Schloss in der Pfalz: Dort marschierten 1832 die deutschen Freiheitskämpfer auf das Hambacher Schloss, um für Freiheit und Demokratie auch in Deutschland zu kämpfen. Berühmt wurde ihr Ruf: „Hinauf! Hinauf zum Schloss!“ Aus jenem Treffen ging die Bewegung hervor, die 1848 zur Bildung des Paulskirchenparlaments führte.

Die Fahne, die die Streiter für die Freiheit damals trugen, war jenes Schwarz-Rot-Gold, das heute die Farben der Fahne der Bundesrepublik Deutschland sind. Und eben jene Fahne von damals hängt heute im Plenarsaal des Landes Rheinland-Pfalz, links vom Rednerpult. „Das sind Mosaike, die zusammengehören: die Mainzer Republik, das Hambacher Fest und die Frankfurter Paulskirche“, sagte Landtagspräsident Joachim Mertes 2013.

Diese Tatsachen in das Mainzer Stadtbild und das öffentliche Bewusstsein zugleich zu rücken, sei „überfällig“ gewesen, bekannte der Mainzer OB.  Die Umbenennung des Platzes, sagte Ebling, sei „ein Akt historischer Gerechtigkeit.“

3 KOMMENTARE

  1. Mein Gott, welch mühsamer Weg, bis endlich die Umbenennung des Deutschhaus Platzes geglückt war;
    welche Leserbriefschlachten und sonstigen Widerstände waren zu überwinden.
    Die protestierenden Mainzer Bürger vergaßen dabei, daß es ja gerade IHRE Rechte als CITOYENS waren,
    die in der GRANDE RÉVOLUTION erkämpft wurden. (Oder sehen sie sich eher als Bourgeois ?)

    Gewiß,die Jacobiner waren keine idealen Demokraten, was wohl auch für die Protagonisten der Mainzer Republik gegolten haben mag. Die Revolution ist ein Orkan, sagte Forster sebst.; und hätte ihn nicht in Paris eine Lungenentzündung rasch dahingerafft,
    hätte er vermutlich das Schicksal von Danton und anderen geteilt. Aber deswegen die Revolution als Ganzes verdammen ? Für einen Franzosen zumindest absolut abwegig.

    Immer wenn ich Besuch aus Frankreich habe, führe ich sie an DIESEN Platz, sage. Mayence war dabei,
    und sie sind beglückt.

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