Kaum hat das Jahr begonnen, sind wir schon wieder mittendrin im Thema Flüchtlinge. Gerade noch rechtzeitig wurde nun eine neue Unterkunft in der Wormser Straße fertig, bei der nächsten ist gerade Baubeginn. Und weil all das immer noch nicht reicht, wird die Stadt wohl die alten, noch leer stehenden Häuser in der Zwerchaellee reaktivieren – Anfang Februar soll der Stadtrat entscheiden.

„Es könnte alles immer noch viel größer und schöner sein“, brummelte Sozialdezernent Kurt Merkator (SPD) am Donnerstag in der Wormser Straße. Der Mainzer Dezernent fürs Soziale ist immer ein wenig bärbeißig, aber wir bei Mainz& finden das auch irgendwie charmant: Der Mann macht keine langen Reden, sondern kommt auf den Punkt. Irgendwie erfrischend.

Container als überraschend gute Lösung

Von innen kommt so gar kein Container-Gefühl auf - Foto: gik
Von innen sieht es gar nicht so sehr nach Container aus – Foto: gik

Merkators Ansage galt denn auch am Donnerstag der neuen Flüchtlingsunterkunft in der Wormser Straße: Hier sind auf zwei Stockwerken Wohn- und Schlafräume für 160 Personen entstanden – und zwar in Containerbauweise. Das klingt tatsächlich alarmierend, aber wir können Euch beruhigen: Innen erinnert nichts an Container, dafür alles an die anderen Unterkünfte: Dieselben Stockbetten, dieselben blauen Matratzen-Bezüge, dieselben Tische, Stühle, Spinde.

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Geschafft wurde das durch einen Trick: Die Container sind zwar aus Metall, werden aber mit einer Schicht Glaswolle isoliert, und mit wie Tapeten aussehenden Innenanstrichen versehen. „Ich bin überrascht von der positiven Qualität“, sagte niemand Geringeres als der Mainzer Flüchtlingspfarrer Friedrich Vetter, der gemächlich durch die Räume strich.

Die Container merkt man vor allem an der geringen Breite der Unterkunft: Nur 12 Meter ist der Bau breit, dafür 84 Meter lang, was insgesamt auf beiden Stockwerken zusammen ein Wohnfläche von 1691 Quadratmetern gibt. Die Zimmer innen haben zwischen zwei und vier Betten und sich damit nicht unnötig eng. In den Spinden standen am Donnerstag schon Zahnpasta und Duschgel bereit, auf den Tischen ein Willkommensgruß mit Mandarinen und Süßem – Willkommen in Mainz.

Ein schöne Geste - Foto: gik
Eine schöne Geste – Foto: gik

Die Mainzer helfen

Es sind dies die kleinen Gesten, die in Mainz so gut vermitteln, dass die Menschen aus fernen Ländern bei uns tatsächlich willkommen sind. Auch bilde sich derzeit gerade in Weisenau ein breites Bündnis von Ehrenamtlichen zur Betreuung, sagte Merkator – Leute, Ihr seid toll.

Die Schulkinder werden von hier in eine Weisenauer Grundschule gehen, vor dem Haus ist noch ein Kinderspielplatz geplant, sowie Fahrradständer. Innen warten Waschmaschinen und Trockner auf die neuen Gäste, eine Küche mit vielen Herde, Duschen und Sanitärräume sind nach Geschlechtern  getrennt und nagelneu. Das ist eben der Vorteil einer Containerbauweise.

Rund drei Millionen Euro hat der Bau die Woihnbau gekostet, verriet Wohnbaugeschäftsführer Thomas Will am Donnerstag Mainz&. „Zaubern können wir wirklich nicht“, seufzte Will, auch wenn man das mit Fug und Recht hätte bestreiten können 😉

Es wird noch mehr Platz benötigt

Nett sieht es aus, dennoch reicht der Platz nicht für alle - Foto: gik
Nett sieht es aus, dennoch reicht der Platz nicht für alle – Foto: gik

Noch diese Woche werden in den neuen Bau 61 Personen von der Alten Feuerwache am Barbarossaring hierher umziehen – die alte Feuerwache wird bekanntlich demnächst abgerissen. Weitere 69 Personen soll aus der Notunterkunft in der alten Turnhalle der früheren Peter-Jordan-Schule herkommen, Mainz& hatte über die innovative Umsetzung der Mainzer für diese Unterkunft berichtet.

Das Notquartier funktioniere gut, hieß es am Donnerstag, die Stadt will die Unterkunft für Notfälle bereit halten – bis weitere Unterkünfte bereit stehen. Denn die Realisierung der nächsten Wohnmöglichkeit wird noch dauern. In der Elly-Beinhorn-Straße wird jetzt der nächste Container-Bau angegangen, rund 240 Menschen sollen dort einmal wohnen. Die Fertigstellung ist nicht vor dem Sommer.

Und so rückte denn, wie wir Euch ja schon vorgewarnt haben, die alte Zwerchallee wieder in den Fokus. Die Grünen hatten ja vor Kurzem ihre Position zu der Unterbringung geändert – ursprünglich hieß es, hier drohe ein Ghetto zu entstehen, auch sei der Platz unter der Hochbrücke mit den vielen Abgasen alles andere als gut.

Pressekonferenz mit Merkator (SPD, mitte) - Foto: gik
Pressekonferenz mit Merkator (Mitte) – Foto: gik

Doch die Not macht wandelbar, und so änderten die Grünen am 5. Januar ihre Position, was nicht nur vonm Koalitiospartner SPD, sondern auch von der oppositionellen CDU begrüßt wurde. Tatsächlich ist das Gelände an der Alten Lokhalle so ziemlich das Hässlichste, was Mainz zu bieten hat. Die dortigen Häuser aber hätten einen großen Vorteil, betonte Merkator: Sie bieten abschließbare Wohnungen, also genau das, woran es in Mainz ganz besonders fehlt.

Zwei Häuser wurden bereits 2013 wieder reaktiviert, die Bewohner dort seien so zufrieden, „dass sie gar nicht wieder wegwollten“, sagte Merkator, und fügte hinzu: „So schlimm kann’s also nicht sein.“ Nun soll der Stadrat Anfang Februar den Weg für die Reaktivierung der übrigen drei Häuser frei machen – der Stadtrat muss dafür einen alten Beschluss korrigieren. Wandel, wohin man sieht 😉

Mangel an bezahlbarem Wohnraum

„Grundsätzlich sollte die Stadt dazu übergehen, die Flüchtlinge in Wohnungen unterzubringen“, sagte Pfarrer Vetter Mainz&. Und auf die Gegenfrage, wie das denn bei dem total überhitzten Mainzer Wohnungsmarkt gehen solle, sagte der langjährige Flüchtlingsexperte nur lapidar: „Die Stadt müsste mehr Wohnungen bauen, und zwar fürs kleine Geld“ – und verwies auf den Zollhafen.

Dort allerdings werden derzeit als erste Wohngebäude Luxusappartments und Luxus-Büros gebaut…. „In Mainz fehlt es nicht an Wohnungen“, rügte denn auch Vetter, „es fehlt an Wohnraum für die Leute mit wenig Geld.“ Er hat ja so Recht…

Flüchtlingsbetreuung: in Mainz funktionierts

Der kleine Helfer zur Verständigung - Foto -gik
Der kleine Helfer zur Verständigung – Foto: gik

Die Betreuung der Flüchtlinge übernimmt am Neuen Wort wieder einmal die Malteser, und im Gegensatz zu anderen Ländern, wo es teils massive Probleme mit betreuenden Firmen gibt, wird in Mainz offenbar reibungslos gearbeitet. In Hessen gab es gerade Probleme mit völlig vergammelten Sanitärräumen und schimmelnden Duschen – hochgradig igitt und natürlich gesundheitsschädlich.

„Ich kenne die Mentalität und die Kulturen“, versicherte uns in der Wormser Straße, Shideh Daghooghi, Teamleiterin für die Betreuung und selbst gebürtige Iranerin. Daghooghi spricht Kurdisch, Persisch und ein wenig Arabisch, wie sie sich mit anderen Flüchtlingen verständigen könne, zeigte sie uns: Mit einem Buch voller Symbole. Was es alles gibt…

Nur die Politiker kommen scheinbar nicht miteinander zurecht

Zeitgleich fand am Donnerstag übrigens der 1. rheinland-pfälzische Flüchtlingsgipfel statt. Der aber wurde von der CDU-Opposition veranstaltet und deshalb von SPD-Kommunen abgelehnt, während die SPD der CDU reine PR vorwarf. Gleichzeitig hatte aber die rot-grüne Landesregierung am Dienstag selbst eilfertig ein Paket zur Hilfe für die Flüchtlinge im Kabinett verabschiedet – was natürlich gaaar nichts mit dem Flüchtlingsgipfel zu tun hatte….

Wir müssen hier mal kurz einen Kommentar einwerfen: Schämt Euch! Und zwar alle! Mit der Not der Menschen Parteipolitik zu betreiben, geht wirklich gar nicht. Alle an einen Tisch zubringen, halten wir hingegen für eine ausgezeichnete Idee – aber dann tut es bitte auch sachlich und am Problem orientiert!

Luxus ist anders, Geld kostet das spartanische aber auch - Foto: gik
Luxus sieht anders aus, Geld kostet das spartanische aber auch – Foto: gik

Die Sache mit dem Geld

Das Paket der Landesregierung verspricht nun mehr Geld für Deutschunterricht, 1,2 Millionen Euro für Integrationsarbeit und einen deutlichen Ausbau der Erstaufnahmeeinrichtungen im Land. Dort sollen die Flüchtlinge dann drei  Monate bleiben, was den Kommunen mehr Zeit für die Vorbereitung geben soll. Das war’s im Wesentlichen…

„Natürlich reicht mir das Paket nicht“, grummelte Merkator, als Mainz& ihn danach fragte. Solange er weiter 502 Euro pro Flüchtling ausgeben müsse, aber nur einen Bruchteil erstattet bekomme, „fehlt da was“, kritisierte der Dezernent. Und in genau diesem Punkt hatte das Land keinen müden Euro bewegt.

Stattdessen wird lauthals nach dem Bund gerufen, was zwar Sinn macht, aber trotzdem die Frage nach Landesgeld ja nicht obsolet macht…. Tatsache ist: Der Bund gibt den Ländern mehr Gelder, das seien aber gerade einmal 500 Millionen Euro, „und davon kommen in Mainz nur 500.000 Euro an“, rechnete Merkator vor. Schon jetzt aber hat das Land für die Flüchtlingsunterbringung mehrere Millionen in die Hand nehmen müssen.

Erwartet werden für das Jahr 2015 erneut rund 600 neue Flüchtlinge in Mainz. Wenn das mal reicht… Solange Kriege und Krisen in der Welt so weiter gehen, wird das kaum der Fall sein. Und gerade hat die Terroroganisatrion Boko Haram im Norden Nigerias offenbar eine ganze Stadt samt Umgebung einfach vernichtet. Samt der Menschen wahrscheinlich. Amnesty International gab dazu am Donnerstag erschreckende Luftbilder heraus.

Gut also, dass sich das Open Ohr 2015 dem Thema Flüchtlinge widmet – zu Besprechen gibt es genug.

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