Die Vorwürfe sind gravierend, sie sind hochgradig ekelerregend, und sie weisen auf hohe potenzielle Gesundheitsgefahren hin: In der Supermarktkette Kaufland haben verdeckte Ermittler von Stern und RTL massenweise Schimmel an Kühltruhen und Lebensmitteln, dazu Mäusekot und Fäkalkeime auf Hähnchenfleisch entdeckt. Das Team von „Inside Kaufland“ hat bundesweit 50 Supermärkten von Kaufland unter die Lupe genommen, in 48 davon fanden sie teils schwere Mängel. Beanstandet wurden dabei auch die Filialen in Mainz und Wiesbaden. Kaufland hat bereits reagiert.

Titelbild des Magazins Stern zu "Inside Kaufland", einer großen Undercover-Recherche von Stern und RTL zu massiven Mängeln bei der Supermarktkette. - Screenshot: gik
Titelbild des Magazins Stern zu „Inside Kaufland“, einer großen Undercover-Recherche von Stern und RTL zu massiven Mängeln bei der Supermarktkette. – Screenshot: gik

Es ist eine der größten Undercover-Aktionen im deutschen Journalismus der vergangenen Jahre: Ein Rechercheteam von Stern und RTL  unter der Führung des legendären Enthüllungsjournalisten Günter Walraff hat in monatelanger Recherche massive Mängel bei der Supermarktkette Kaufland aufgedeckt. Bundesweit wurden nach Angaben der Magazine 50 Filialen von Kaufland untersucht, in 48 Läden wurden dabei teils schwere und schwerste Mängel entdeckt: Verschimmelter Käse in der Frischetheke, Mäuse in der Backabteilung und gravierende Probleme mit den Kühlsystemen.

In mehrere Filialen schleusten sich Reporter verdeckt als Mitarbeiter ein, was sie nun berichten, wirft ein verheerendes Licht auf die Zustände in manchen Filialen. Da würden Mitarbeiter angewiesen, Schimmel von Lebensmitteln abzuschneiden und die dann einfach weiter zu verkaufen, es werde mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum getrickst und Kühlvorschriften einfach nicht eingehalten. Besonders an den Frischetheken fanden die Reporter Probleme, aber auch mit den Kühlgeräten: Vielerorts fand sich Schimmel an Dichtungen, auslaufende Kühlschränke und undichte Kühltruhen.

- Werbung -
Werben auf Mainz&

Real in Mainz und Wiesbaden: 2022 von Kaufland übernommen

Die Vorwürfe sind gravierend, und sie sind alarmierend: In Mainz übernahm der Supermarktriese Kaufland, der wie der Discounter Lidl zur Unternehmensgruppe Schwarz gehört, 2022 den ehemaligen real-Markt im Gutenberg Center in Mainz-Bretzenheim, in Wiesbaden den real in der Äppellallee. Beide Filialen gehören nun auch zu den „beanstandeten“ Märkten von Kaufland, wie eine Übersichtskarte auf Stern.de zeigt. Welche Mängel in den Filialen in Mainz und Wiesbaden gefunden wurden, wird dabei nicht angegeben.

Im Sommer 2022 übernahm Kaufland den insolventen real-Markt im Mainzer Gutenberg-Center: zeit für was Neues? - Foto: gik
Im Sommer 2022 übernahm Kaufland den insolventen real-Markt im Mainzer Gutenberg-Center: zeit für was Neues? – Foto: gik

Kaufland hatte nach der Übernahme einen Millionenbetrag in den alten real im Mainzer Gutenberg-Center investiert, schöner wurde der Laden dadurch nicht: Der vollgestopfte Lebensmittelmarkt wirkt stets schäbig und ungepflegt, an den Kühlschränken fehlen schon mal ganze Türen, andere schließen nicht richtig. Die Verfasserin dieser Zeilen kauft dort regelmäßig ein, und kennt diese Zustände aus eigener Beobachtung. Kaufland betreibt eigenen Angaben zufolge allein in Deutschland 770 Lebensmittelmärkte, sieben Logistik-Verteilzentren und vier Fleischwerke und beschäftigt 90.000 Menschen.

Trotzdem berichten die Undercover-Reporter von überlasteten Mitarbeitern und viel zu wenig Personal, vor allem das Putzen und die Hygiene kämen viel zu kurz. In 80 Prozent der untersuchten 50 Filialen dokumentierte das Team von Stern und RTL Schimmel an und in Kühlregalen, in einer Filiale in Homburg im Saarland wurden sogar Mäusekot, angefressene Lebensmittel und Mäuse in der Backabteilung entdeckt.

Fäkalkeime und antibiotika-resistente Keime auf Hühnerfleisch

Schlimmer noch: In zehn Märkten in zehn verschiedenen Bundesländern wurden im Oktober 2024 Proben von unterschiedlichen Hähnchenfleischprodukten genommen und von einem unabhängigen Labor untersucht. Das Ergebnis: 15 von insgesamt 30 proben waren mit Campylobakterien verseucht – Fäkalkeime, die schwere Durchfallerkrankungen auslösen können. In 11 von 30 Proben wurden gar antibiotika-resistente Erreger gefunden, die Deutsche Umwelthilfe sprach von einer akuten Gesundheitsgefahr – Fleisch, das mit antibiotika-resistenten keimen belastet sei, sei sogar gefährlich.

Karte der untersuchten und belasteten Kaufland-Märkte in Deutschland. - Grafik: Stern.de - Inside Kaufland
Karte der untersuchten und belasteten Kaufland-Märkte in Deutschland. – Grafik: Stern.de – Inside Kaufland

„Fleisch mit Antibiotikaresistenzen und Ekelkeimen ist eine echte Gesundheitsgefahr“, warnte Reinhild Benning, Expertin der Deutschen Umwelthilfe (DUH) für Landnutzung und Agrarökologie. Das Problem finde sich oft in Billigfleisch, Schuld sei auch der zunehmende Preisdruck von Supermarktkonzernen, weil Lieferanten mit dem massiven Einsatz von Reserveantibiotika versuchen würden, Hähnchenfleisch in Massen zu Niedrigstpreisen zu produzieren. Die Umweltorganisation fordere daher von der neuen Bundesregierung, den Preisdruck in der Lebensmittelkette zu stoppen und rate allen Verbrauchern, Fleisch aus Billig-Erzeugung zu vermeiden.

Andere EU-Staaten greifen längst strenger durch gegen die Missstände, die durch die Marktmacht von Handel und Industrie ausgelöst werden. „In Spanien, Frankreich, Italien und Belgien gibt es bereits Regeln gegen Preisdrückerei in der Lebensmittelkette, die teils aktuell für die ganze EU diskutiert werden und von der neuen Bundesregierung verbessert und zügig umgesetzt werden müssen“, forderte Benning.

Kaufland reagiert: Filialen geschlossen, Investitionen angekündigt

Die Supermarktkette reagierte umgehend auf die Enthüllungen: Am Tag nach den großen Berichten auf Stern.de und im RTL-Fernsehen habe Kaufland Filialleiter ausgewechselt, zwei besonders belastete Märkte geschlossen – darunter auch den Markt n Homburg – und Krisensitzungen einberufen, berichtete Stern.de. Mitarbeiter hätten von „Putzorgien“ berichtet – und die Enthüllungen regerecht gefeiert: Endlich tue sich etwas, endlich würden Hinweise der Mitarbeiter ernst genommen.

Titelbild der Enthüllungsstory von "Inside Kaufland" bei Stern.de - Grafik: Stern
Titelbild der Enthüllungsstory von „Inside Kaufland“ bei Stern.de – Grafik: Stern

Allerdings hatte zuvor eine Sprecherin gegenüber Stern und RTL auch behauptet, man lasse die Kühlmöbel zwei Mal im Jahr umfangreich warten – die bemängelten Truhen seien überwiegend Altmöbel, die nach und nach ausgetauscht würden. Mit Blick auf die Proben von Hähnchenfleisch hieß es, staatliche Behörden hätten im gleichen Zeitraum keine Mängel bei Hähnchenfleisch gefunden. Das wirft indes Fragen zu den Kontrollen auf: Seit Jahren klagen Lebensmittelkontrolleure über massive Unterbesetzung in den Bundesländern.

Am Freitag kündigte Kaufland dann einen „5-Punkte-Plan“ an: Man wolle eine halbe Milliarde Euro in neue Kühlmöbel investieren, jede Filiale in Deutschland werde in den kommenden Wochen „noch einmal umfassend grundgereinigt“, schrieb das Unternehmen Stern und RTL. Ferner will man künftig auf unabhängige externe Institute zur Schulung der Mitarbeiter in Frische und Hygiene zurückgreifen. Punkt vier und fünf betreffen die Filialen in Homburg und Bad Tölz, die zeitweise geschlossen und überprüft beziehungsweise saniert werden sollen.

Info& auf Mainz&: Das gesamte Dossier „Inside Kaufland“ mit allen Rechercheergebnissen, Reportagen und Konsequenzen findet ihr hier auf Stern.de im Internet.