Drei große Würfel aus rotem Sichtbeton, Glas und Baubronze sollen künftig auf der Ludwigsstraße zu markanten Blickfängern des neuen Einkaufsquartiers werden: Die „Solitäre“ sollen die bisherigen Pavillons auf dem zentralen Mainzer Boulevard ersetzen und neu interpretieren, das Architekturkonzept setzt zudem auf einen Mix von Moderne und Altstadtflair rund um das Einkaufszentrum. Der Entwurf einer Mainzer Architektengemeinschaft aus den Büros Faerber, Jestaedt sowie den Landschaftsarchitekten Bierbaum.Aichele ist der Sieger des Architekturwettbewerbs zur Realisierung des Einkaufszentrums „Boulevard LU“. Noch bis zum 1. Juni sind die Entwürfe auf der LU in einem der alten Pavillons zu sehen.

So könnte das neue Einkaufszentrum "Boulevard LU" in Zukunft aussehen. - Grafik: Färber Jestaedt Bierbaum.Aichele
So könnte das neue Einkaufszentrum „Boulevard LU“ in Zukunft aussehen. – Grafik: Färber Jestaedt Bierbaum.Aichele

Die Ingelheimer Firma Molitor der Investorenfirma Gemünden plant auf der Ludwigsstraße mit dem „Boulevard LU“ ein Einkaufszentrum aus den Elementen Kultur, Shopping und Genuss, aus dem Dreiklang soll ein neuer Anziehungspunkt im Herzen von Mainz entstehen, ein Zentrum für Einkaufen, aber auch zum Treffen, mit Hotel, Restaurants und einer großen Dachterrasse. Nach jahrelangem Stillstand treibt die Firma Gemünden das Projekt mit Hochdruck voran – trotz Coronakrise und Unsicherheiten um Ankermieter Karstadt.

Am 16. Mai wurden nun die Ergebnisse des Architekturwettbewerbs zur Realisierung vorgestellt, der erste Preis ging an eine Gemeinschaft aus Mainzer Architekturbüros, die offenbar eines vermeiden wollte. Einen hermetischen, gleichförmigen Block an der LU. „Popup-Halle, Hotel, Pavillons, Fuststraße, noch mehr Bestandteile kann ein Projekt eigentlich nicht haben“, sagte der Vorsitzende der Wettbewerbsjury, der Architekt Markus Neppl. Das Team habe die Vielfalt der Nutzungsformen erkannt und auch in der Umsetzung eine gewisse Vielfalt der Baustile generiert – genau das habe die Jury überzeugt: „Die Vielfalt des Projektes wurde auf architektonischem Niveau umgesetzt“, sagte Neppl.

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Ansichten des Siegerentwurfs für den Boulevard LU der Architektenbüros Faerber, Jestaedt und Bierbaum.Aichele. - Fotomontage: gik
Ansichten des Siegerentwurfs für den Boulevard LU der Architektenbüros Faerber, Jestaedt und Bierbaum.Aichele. – Fotomontage: gik

Die Frontseite der Ludwigsstraße ist denn auch geprägt durch die würfelförmigen Solitäre, die die ursprüngliche Gliederung durch die alten Pavillons in gewisser Weise wieder aufnehmen. Die neuen Pavillions seien sehr gläsern und mit großen Fensterfronten gestaltet, vielfältig strukturiert, verleugneten aber trotzdem ihre Nutzung als Einkaufsorte nicht, sagte Neppl. Die große Eingangshalle ziehe in das Gebäude hinein, sei aber „keine Sackgasse“, sondern ende mit einer großen Freitreppe oben in einem Dachgarten – und dieser Dachgarten soll sich über die gesamte Fläche des Neubaus erstrecken.

„Es soll ein Weingarten mit Blick auf den Dom werden“, erklärte Neppl, eine neuer grüner Ort über den Dächern von Mainz. „Dadurch bekommt der Bau einen ganz anderen Charakter“, betonte Neppl, die Besucher sollten in Zukunft durch den öffentlich zugänglichen Dachgarten hindruchflanieren – es entstehe „ein grüner Ort in der Innenstadt, den es so in der Nähe bisher nicht gibt.“ Die Jury habe zudem angeregt, dass auch in der Frontfassade mehr grüne Elemente realisiert werden sollten.

Neue Optik für den Bischofsplatz, das weiße Haus mit dem Satteldach soll den Übergang in die Altstadt schaffen. - Grafik: Faerber, Jestaedt, Bierbaum-Aichele
Neue Optik für den Bischofsplatz, das weiße Haus mit dem Satteldach soll den Übergang in die Altstadt schaffen. – Grafik: Faerber, Jestaedt, Bierbaum-Aichele

Die bisher überbaute Fuststraße soll komplett nach oben geöffnet und wieder zu einer echten Straße werden, den Übergang der Architektur zur Altstadt hin soll ein Haus mit Satteldach bilden – das Eckhaus am Bischofsplatz. Einen hochmoderner Kontrast mit würfelförmiger Architektur soll dagegen das Hotel auf dem derzeitigen Parkhaus bilden – statt einer einheitlichen Formensprache spielt der Entwurf mit verschiedenen Baustilen. „Man wird um das Projekt herumlaufen, und immer neue Sichtweisen entdecken“, sagte Neppl.

Der Gewinnerentwurf setze konsequent das Nutzungskonzept von Einzelhandel, Kultur, Gastronomie und hoher Erlebnisqualität um, lobte Tina Badrot von der Boulevard Lu GmbH, ihr Bruder Tim Gemünden ergänzte: „Insbesondere der Gedanke, mitten in der Stadt eine grüne Oase auf dem Dachgarten zu schaffen, wurde durch den prämierten Entwurf in hervorragender Weise herausgearbeitet.“ Sieben Entwürfe seien für den Wettbewerb eingereicht worden, „wir als Jury waren ziemlich kratzig“, räumte Neppl ein, man habe „alles angesprochen, was nicht erfolgsversprechend war.“ Die alte Ludwigsstraße sei in einer Sackgasse gewesen, „es fehlt das städtische Leben“, sagt Neppl, und betonte: „Dieses Projekt hat daraus gelernt.“

Die Immobilie des Bistums Mainz an der Ecke Bischofsplatz heute - hier sollen neue Wohnungen entstehen. - Foto: gik
Die Immobilie des Bistums Mainz an der Ecke Bischofsplatz heute – hier sollen neue Wohnungen entstehen. – Foto: gik

„Wir reden hier über ein Projekt, das eine Schlüsselfrage für Mainz ist“, sagte Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) bei der Vorstellung der Siegerentwürfe: „Wenn das, was hier vorgestellt wird, gelingt, dann gelingt es uns die Mainzer Innenstadt zu beleben.“ Mit diesem Projekt entscheide sich, „ob wir auch in Zukunft mit Handel, Offenheit, Unterwegsseinkönnen und Mainzer Lebensgefühl auch in Zukunft in unserer Stadt bewegen können“, betonte Ebling.

Wirtschaftsdezernentin Manuela Matz (CDU) sprach von einem „wunderbaren Signal für den Einzelhandel: es geht weiter, es gibt eine Zeit nach Corona.“ Die Corona-Pandemie werde irgendwann vorbei sei, „dann kommt dieses Einkaufszentrum gerade zur rechten Zeit, um die Attraktivität der Einkaufsstadt Mainz zu unterstreichen“, sagte Matz.

Das Karstadt-Kaufhaus mit Übergang zum Parkhaus am Bischofsplatz heute. - Foto: gik
Das Karstadt-Kaufhaus mit Übergang zum Parkhaus am Bischofsplatz heute. – Foto: gik

Geradezu erleichtert zeigte sich Baudezernentin Marianne Grosse (SPD): Einen ganzen Tag lang habe die Jury mit den Entwürfen gerungen, bekannt Grosse: „Es war auch spannungsgeladen, es geht ja auch um was, aber am Ende bin ich erleichtert nachhause gegangen.“ Mit dem neuen Einkaufsquartier solle „ein attraktives und zukunftsfähiges Angebot“ geschaffen werden, das dem Standort LU gerecht werde, dem sei man einen wichtigen Schritt näher gekommen. „Es soll ein Treffpunkt entstehen, der zum Bummeln, zum Genießen einlädt, das ist in Krisenzeiten umso bedeutender“, sagte Grosse. Die Entscheidung der Jury sei zudem einstimmig getroffen worden, „das ist immer ein gutes Signal“, fügte die Bauderzenentin hinzu.

Und so könnten Parkhaus samt neuem Hotel on top künftig aussehen. - Grafik: Faerber, Jestaedt, Bierbaum-Aichele
Und so könnten Parkhaus samt neuem Hotel on top künftig aussehen. – Grafik: Faerber, Jestaedt, Bierbaum-Aichele

Auch Grosse betonte, die bisherige Struktur der Pavillons werde von den Architekten „sehr gut und einfühlsam interpretiert“ und in die neue Zeit transportiert, die unterschiedliche Nutzung lasse sich an den Fassaden ablesen, der Übergang in die Altstadt durch den Einsatz der Datteldach-Architektur sehr geglückt. „Das passt zu Mainz, dies war der einzige Entwurf, der diese Idee hatte“, sagte Grosse. Das Hotel werde wiederum sehr modern auf das Parkhaus aufgesetzt, das werde diesen Bereich stark aufwerten.

Andere Entwürfe wie der des Büros Blocher Partners aus Stuttgart interpretierten die Pavillonstruktur hingegen massiver und blockartiger oder großstädtisch-himmelsstürmend mit moderner Säulenform, ein Frankfurter Büro setzte gar große Glaspaläste an die Stelle der Pavillons – für den Einzelhandel sind solche Flächen kaum nutzbar, weil die Stellflächen im Inneren fehlen. Überhaupt sei die Frage der Anbindung der Pavillonsstruktur an das Hauptgebäude und die Wegebeziehungen der entscheidende Faktor gewesen, mit dem aber auch alle Büros zu kämpfen gehabt hätten, sagte Neppl: „Experten sagen, da entstehen Sackgassen, das sind keine Wege, wie man sich in der Innenstadt bewegt.“

Sonderpreis für Entwurf des Lissaboner Büros Promontorio für einen ganz anderen Städtebau an der LU. - Grafik: Promontorio
Sonderpreis für Entwurf des Lissaboner Büros Promontorio für einen ganz anderen Städtebau an der LU. – Grafik: Promontorio

Ein Sonderpreis ging an das Büro Promontorio aus Lissabon, die international hochrenommierten Architekten entwarfen für Mainz eine ganz eigene, mutige Neuansicht in fast schon klassizistischem Stil in warmen rot-braun-Tönen – ohne Rücksicht auf Gegebenheiten und Vorgaben zu nehmen. „Die haben eine Art Stadtreparatur vorgeschlagen“, sagte Neppl, das Büro habe sich einfach mal die Freiheit genommen, die ganze Gegend „auf links zu drehen“ und einen neuen, kreativen Gestaltungsvorschlag zu machen – mit neuen Nutzungsräumen rund um einen zentralen Platz mit einer Freitreppe, die an große italienische Plazas erinnert. „Wir haben uns lange damit beschäftigt, wollten aber letztlich das Projekt nicht gefährden“, sagte Neppl, letztlich sei der Entwurf „weit weg von dem, was realisierbar ist.“

Entschieden wurde in dem Wettbewerb aber auch über einen städtebaulichen Ideenteil für die gesamte Ludwigsstraße, der Preis ging hier an das Frankfurter Büro Albert Speer + Partner: Die Jury überzeugte hier vor allem eine Konzeption, die eine verbreiterte Vordere Präsenzgasse vorsieht, und eine Platzgestaltung im Übergang zum Schillerplatz. Alle prämierten Entwürfe werden noch bis zum 1. Juni in den Schaufenstern des Vorbaus der Deutschen Bank an der Ludwigsstraße präsentiert und sind natürlich auch im Internet abrufbar.

Info& auf Mainz&: Alle Wettbewerbsteilnehmer und Siegerentwürfe könnt Ihr Euch im Detail selbst ansehen und herunterladen – auf der Internetseite LU erleben, genau hier. Mehr zur Konzeption des Boulevard LU und den Unterschieden zu einer herkömmlichen Einkaufsmall könnt Ihr hier in diesem Mainz&-Bericht vom März 2019 nachlesen. Mehr zum Thema „Boulevard LU“ ohne Karstadt lest Ihr hier bei Mainz&.

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