Das gab es in der Weinszene schon länger nicht mehr: Die Reifeentwicklung der Trauben hinkt dem langjährigen Mittel in diesem Jahr deutlich hinterher. Erst am 23. August starteten die ersten Winzer in Rheinhessen in die Lese der ersten Trauben für den Federweißer – das war gut zwei Wochen später als in den vergangenen Jahren. Mit dem Start der echten Weinlese wird sogar nicht vor Mitte September gerechnet, die Entwicklung in den Weinbergen liege derzeit auf dem Reifeniveau der 1980er-Jahre, teilte das Deutsche Weininstitut mit – droht Deutschland ein so schlechter Weinjahrgang wie seit Jahrzehnten nicht mehr?

Üppige Trauben-Ausbeute, große Reife: Die Winzer wurden in den vergangenen Jahren von der Natur in den Weinbergen sehr verwöhnt, hier der Weinlesestart 2018. - Foto: gik
Üppige Trauben-Ausbeute, große Reife: Die Winzer wurden in den vergangenen Jahren von der Natur in den Weinbergen sehr verwöhnt, hier der Weinlesestart 2018. – Foto: gik

Schlechte Jahrgänge, das gab es bei den Winzern in Mainz und Rheinhessen eigentlich überhaupt nicht mehr: Spätestens seit dem Jahr 2000 kannte die Qualität der Weinjahrgänge Jahr für Jahr immer nur eine Richtung – nach oben. Die Oechslewerte – Gradmesser für die Süße in den Weintrauben – stiegen verlässlich Jahr um Jahr, denn das Klima wurde immer wärmer, die Trauben immer reifer, und vor allem auch immer früher reif: 2018 staunte die Weinszene gar über den frühesten Lesestart aller Zeiten, als schon am 6. August die ersten Federweißer-Trauben gelesen wurden, die Weinlesen 2019 und 2020 starteten nicht viel später. Eine Riesling-Lese im Oktober, wie in früheren Zeiten, das schien inzwischen völlig undenkbar.

Doch 2021 stellt diese Entwicklung kurzerhand auf den Kopf: Deutschland erlebte den regenreichsten Sommer seit zehn Jahren, rechnete der Deutsche Wetterdienst (DWD) aus. Statistisch gesehen gab es sechs Prozent weniger Sonne, dafür fiel 30 Prozent mehr Regen als sonst in einem durchschnittlichen Sommer – vor allem Juli und August waren zu kühl und viel zu nass. Mit 17,9 Grad Celsius lag der Temperaturdurchschnitt im Sommer zwar immer noch um 1,6 Grad über dem Wert der international gültigen Referenzperiode 1961-1990, doch das lag vor allem an den Hitzetagen im Juni, als bundesweit bis zu 36,6 Grad gemessen wurden – Rheinland-Pfalz ordnete sich im Sommer 2021 mit einer Mitteltemperatur von 17,6 °C bei den kühlen Bundesländern ein, so der DWD.

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Dunkelgraue Wolken Mitte Mai über Oppenheim: Kaltes Frühjahr, verregneter Sommer - 2021 war bislang kein vielversprechendes Weinjahr. - Foto: gik
Dunkelgraue Wolken Mitte Mai über Oppenheim: Kaltes Frühjahr, verregneter Sommer – 2021 war bislang kein vielversprechendes Weinjahr. – Foto: gik

„2021 war insgesamt gesehen für die Weinerzeuger bis dato kein einfaches Jahr“, heißt es denn auch beim Deutschen Weininstitut (DWI). Erst habe ein kühles und feuchtes Frühjahr für einen vergleichsweise späten Austrieb der Reben gesorgt, vor allem in Baden und Württemberg gab es teilweise sogar Spätfrostschäden, dann wuchsen die Reben im Juni so schnell, dass die Winzer Mühe hatten, mit dem Aufbinden nachzukommen. Die Rebblüte setzte denn auch schon leicht verspätet ein, ein Nachteil in Sachen Reife, rechnet man doch, dass die Trauben 100 Tage nach der Rebblüte bis zur Reife brauchen.

Dann aber kamen die völlig verregneten Sommermonate, und die Feuchtigkeit in den Weinbergen ließ Pilze und andere Schädlinge gedeihen. Bereitete 2020 noch die massive Trockenheit den Winzern Kopfzerbrechen, ist es nun genau das Gegenteil: Die ausgiebigen Niederschläge seien zwar „zum Auffüllen der Wasserreserven in den Weinbergsböden willkommen“ gewesen, sagte DWI-Sprecher Ernst Büscher, für die Gesunderhaltung der Reben seien sie aber problematisch gewesen: „Die außergewöhnlich feuchte Witterung brachte einen enormen Infektionsdruck durch den ‚Falschen Mehltau‘ mit sich“, die Peronospora habe „in allen Anbaugebieten zu merklichen Schäden geführt“, sagte Büscher weiter. Die Folge: Ertragseinbußen.

Weinlese-Start am 23. August in Lörzweiler mit der Deutschen Weinprinzessin und rheinhessischen Weinkönigin Eva Müller. - Foto: DWI
Weinlese-Start am 23. August in Lörzweiler mit der Deutschen Weinprinzessin und rheinhessischen Weinkönigin Eva Müller. – Foto: DWI

Damit stehen die Winzer vor einer Situation, wie sie sie viele Jahre nicht mehr hatten: Die Reifeentwicklung der Trauben liege „gut zwei Wochen hinter dem zehnjährigen Mittel und entspricht eher dem Niveau der 80er Jahre“, sagt Büscher. Die 80er Jahre waren aber nicht unbedingt eine Zeit, in der in Deutschland besonders hochwertige Weine gefertigt wurden, damals setzte man vielerorts vielfach noch mehr auf Massenwaren statt hochwertigen Qualitätsweinen. Das ist heute anders, die Winzer haben mehr Knowhow als damals, die Techniken sind ausgereifter – doch die Grundlage für die Weine liefert noch immer die Natur.

Und so wurde am 23. August im rheinhessischen Lörzweiler im Weingut Wolf zwar der erste Federweißer der Region gelesen, die Trauben der früh reifenden Sorte Solaris hatten aber nur einen Reifegrad von knapp 70 Grad Oechsle – für den Federweißer ist das genau richtig, für die Jahreszeit aber eher wenig. Gut möglich also, dass der Weinjahrgang 2021 von weniger Alkohol und mehr Säure geprägt wird – doch das hängt nun von den kommenden drei Wochen ab: Die Winzer hoffen inständig auf einen trockenen und sonnigen Spätsommer.

Die Winzer hoffen nun auf einen goldenen Herbst für eine gute Weinlese 2021. - Foto: gik
Die Winzer hoffen nun auf einen goldenen Herbst für eine gute Weinlese 2021. – Foto: gik

„In dieser finalen Reifephase ist die Witterung ganz entscheidend für die Jahrgangsqualität“, betonte Büscher: Gebe es im Idealfall einen schönen Altweibersommer, „dann steht einem qualitativ guten Weinjahrgang 2021 nichts entgegen.“ Zeit wäre immerhin noch: Mit dem Start der Hauptweinlese rechnet man beim DWI nicht vor Mitte September. Und bis die Rieslinglese beginnt, dürfte es sogar Ende September werden – erstmals könnte es also wieder eine Rieslingernte im Oktober geben.

Info& auf Mainz&: Mehr zur frühesten Weinlese aller Zeiten 2018 lest Ihr hier bei Mainz&, unseren Bericht von der Weinlese 2020 könnt Ihr hier noch einmal nachlesen. Noch gibt es wenig Mainzer Federweißer zu kaufen, auch die Verkaufsbuden in Mainz stehen noch nicht – kommt dieses Jahr alles etwas später. Einen Vorgeschmack auf den jungen Wein, auch Rauscher genannt, samt Rezepttipps könnt Ihr Euch schon mal hier beim DWI holen.

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