Deutschland ächzt unter der Hitzewelle, täglich werden neue Temperaturrekorde von um die 38 Grad aufgestellt – da fordert Grünen-Chef Robert Habeck Hitzepläne für deutsche Städte: „Kühlräume“, „Wasser für coole Städte“ und Warnsysteme für besonders betroffene Gruppen, schlug der Grünen-Chef vor. Mainz könnte so einen Hitzeplan längst haben: Die ÖDP hatte im September 2018 im Mainzer Stadtrat genau so einen Hitzeplan für Mainz gefordert – alle größten Parteien im Mainzer Stadtrat lehnten ab, darunter auch: die Grünen.

Ausgetrocknetes Flussbett des Rheins im Oktober 2018. - Foto: gik
Ausgetrocknetes Flussbett des Rheins im Oktober 2018. – Foto: gik

„Wir spüren alle ganz deutlich die Ergebnisse eines Klimawandels, die Tage jenseits der 30 Grad haben enorm zugenommen“, sagte der Mainzer ÖDP-Chef Claudius Moseler – das war am 12. September 2018. Mainz hatte gerade einen Super-Sommer hinter sich, die Stadt stöhnte unter einer Hitzewelle, kühles Nass war rar – der Rhein sank gar auf ein historisch niedriges Niveau, bei dem man im Flussbett spazieren gehen konnte. „Wir müssen die Folgen des Klimawandels abmildern“, forderte Moseler, und schlug einen städtischen Rahmenplan zur Klimaanpassung vor sowie einen Hitze-Aktionsplan für Mainz.

Mit Hitzeaktionsplänen könnten sich Kommunen für länger dauernde Hitzeperioden rüsten, um die Gesundheit der Bürger zu schützen, argumentierte die ÖDP, dafür habe das Umweltbundesamt (UBA) eigens einen Leitfaden mit entsprechenden Handlungsempfehlungen entwickelt. Genau diese wollte die ÖDP 2018 auf Mainz anwenden: Warnsysteme mit Informationen, Tipps und Verhaltenshinweisen für die Bevölkerung, die Einrichtung von Nachbarschaftsgruppen, um Risikogruppen aktiv zu unterstützen, Bereitstellung von Trinkwasserbrunnen und die Reduzierung von Hitze im öffentlichen Nahverkehr waren einige der Punkte des Hitze-Aktionsplans.

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Der öffentliche Trinkwasserbrunnen der Mainzer Mobilität an den Markthäusern ist bis heute der einzige in Mainz. - Foto: gik
Der öffentliche Trinkwasserbrunnen der Mainzer Mobilität an den Markthäusern ist bis heute der einzige in Mainz. – Foto: gik

So ein Aktionsplan sei als eine Art „Masterplan zu verstehen, um Menschen und ihre Gesundheit bei lang anhaltenden hohen sommerlichen Temperaturen besser zu schützen“, hieß es damals im Antrag der ÖDP weiter. Dabei solle etwa das Zusammenspiel unterschiedlicher Akteure in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, Seniorenwohnheimen und Kitas und Schulen verbessert werden, denn Hitze sei auch eine Gefahr für die Gesundheit: Allein in Deutschland wurden 2003 etwa 7.000 Todesfälle der Hitzeperiode des Sommers zugerechnet, der Grund waren hitzebedingte Krankheitsfälle aufgrund von Dehydrierung, Hitzschlag, Herz- und Kreislauferkrankungen. In Frankreich zog man aus dem damaligen Supersommer und seinen Tausenden Toten Konsequenzen und etablierte Warnsysteme und Hitzepläne.

Nun fordert auch Grünen-Chef Robert Habeck just zur aktuellen Hitzewelle des Sommers 2020 Hitzepläne für deutsche Städte. Damit solle sich Deutschland besser für Hitzewellen wappnen, die Gesundheit gerade von Risikogruppen solle geschützt werden und Grünflächen in Städten für Abkühlung sorgen, sagte Habeck laut einem Bericht von Spiegel Online. In Gesundheitseinrichtungen sollten „kühle Räume“ für Abkühlungssuchende eingerichtet werden, ein 800 Millionen Euro schweres Förderprogramm „Grüne Freiräume und Wasser für coole Städte“ die Einrichtung von Grünflächen, Grün an Gebäuden und Frischluftschneisen fördern, für Schatten sorgen und öffentliche Wasserspender finanzieren.

Im tschechichen Znaim helfen schon seit einigen Jahren Freiluftduschen bei der Abkühlung. - Foto: Thomas Lippert
Im tschechichen Znaim helfen schon seit einigen Jahren Freiluftduschen bei der Abkühlung. – Foto: Thomas Lippert

Im September 2018 befand der Mainzer Stadtrat mit großer Mehrheit: Ein Hitze-Aktionsplan für Mainz sei überflüssig. „Wir erwarten nicht zwangsläufig eine Zunahme der Hitze“, sagte SPD-Stadtrat und baupolitischer Sprecher Henning Franz damals, der heiße Sommer sei „nicht die Regel“, ein Rahmenplan nicht nötig. Das Thema werde doch „eher hochgehängt im Moment“, befand die FDP, „Aktionspläne führen dazu, dass keiner mehr weiß, wie man sich noch verhalten soll.“

CDU-Umweltexperte Norbert Solbach meinte gar, Klimaschutz und Luftreinhaltung sei zwar wichtige Güter und dürften „nicht dem Betonwahn zum Opfer fallen, ich bin aber der Auffassung, dass es für einen Aktionsplan zu früh ist.“ Es mache keinen Sinn, „einen weiteren Masterplan hinzuzufügen“ – Mainz diskutierte da gerade über die Ausrufung des Klimanotstandes. Doch auch die Grünen mochten dem Vorstoß der ÖDP nicht zustimmen: Die ÖDP poche „zu sehr auf Verbindlichkeit“, die Verwaltung werde sicherlich Konsequenzen aus der Klimastudie Klimprax ziehen, sagte der Ortsvorsteher der Altstadt, Brian Huckl (Grüne).

Und die heutige Grünen-Chefin Katharina Binz meinte: „Wir haben schon vielfältige Maßnahmen auf den Weg gebracht und unternommen“, die Information sollten „mal zusammengefasst“ und „stärker ins Bewusstsein der Bevölkerung gerückt werden.“ Und Bürgermeister Günter Beck (Grüne) schlug vor, man könne ja mal einen Newsletter ins Leben rufen. Da half es auch nichts, dass ÖDP-Stadtrat Felix leinen die Verwaltung inständig bat, sich die Empfehlungen doch mal durchzulesen, man müsse sich doch vor der nächsten Hitzewelle mal Gedanken machen – der Stadtrat lehnte den Antrag der ÖDP mit großer Mehrheit ab.

Projektion der Tropennächte für Mainz und Wiesbaden im Modell Klimprax. – Grafik: DWD
Projektion der Tropennächte für Mainz und Wiesbaden im Modell Klimprax. – Grafik: DWD

Tatsächlich hatte schon 2017 das Umweltbundesamt Hitzeaktionspläne zum Schutz vor länger dauernden Hitzeperioden vorgeschlagen und dafür einen Masterplan nach Empfehlungen einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe „Gesundheitliche Anpassung an die Folgen des Klimawandels“ erarbeitet. Auch die groß angelegte Stadtklima-Untersuchung Klimprax des Hessischen Landesamtes hatte im Oktober 2019 eindringlich vor einer enormen Aufheizung der Städte durch kommende Hitzewellen gewarnt: 27 Tropennächte pro Jahr, wochenlange Hitzewellen und ein Glutofen in den Innenstädten – Mainz drohe in Zukunft, ein Hitze-Hotspot zu werden

Ratschläge zur Abhilfe hatten die Experten auch: eine andere Stadtplanung, das unbedingte Freihalten von Frischluftschneisen, dazu umfangreiche Dachbegrünung und Kühlinseln wie Brunnen, Wasserspiele oder gar Kühlräume für besonders bedrohte Bevölkerungsgruppen – mehr dazu lest Ihr hier bei Mainz&. Auch mehr öffentliche Trinkwasserbrunnen wurden immer wieder gefordert – im August 2019 beschloss der Mainzer Stadtrat zwar, Mainz solle mehr Trinkwasserbrunnen bekommen, geschehen ist das bisher aber nicht: Der Trinkwasserbrunnen an den Mainzer Markthäusern ist weiter der einzige in Mainz.

Info& auf Mainz&: Ausführliche Informationen zur Klimastudie Klimprax und drohenden Hitzewellen für die Mainzer Innenstadt findet Ihr hier bei Mainz&.

2 KOMMENTARE

  1. Wenn eine ungeliebte Partei in die Pfründe der Etablierten eindringt, gilt diese als Gegner oder gar Feind des Systems und jeder noch so vernünftige Vorschlag wird niedergemacht. Oft genug wird das gleiche Thema unter anderer Flagge wieder präsentiert und natürlich durchgebracht. So ist das mit der Fundamentalopposition vom Ortsbeirat bis zum Europaparlament.

  2. Komisch, dass der Antrag der ÖDP vor zwei Jahren einfach mal vom Tisch gewischt wurde. Noch komischer ist es, dass jetzt die Grünen mit genau dem selben Antrag ums Eck kommen.
    Dabei wäre ein Hitzeplan für Mainz ganz sicher nötig, denn mit derartigen Hitzeperioden wie 2018 und 2019 muss immer gerechnet werden.

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