Wer von der Innenstadt durch Zahlbach Richtung Bretzenheim fährt, kommt irgendwann an einer Reihe hochaufragender, kegelförmiger Steine vorbei. Es ist eines der markantesten und bemerkenswertesten Denkmäler aus der Antike, ein Weltwunder eigentlich, und doch irgendwie verwunschen: Über Mainz-Zahlbach ragte einst nichts weniger als der Pont du Gard von Mogontiacum empor. In 30 Metern Höhe führte eine Wasserleitung zum Legionslager auf dem Kästrich, erforscht von einem Benediktinerpater. In der Moderne kämpften die „Ritter vom Ageduch“ für ihren Erhalt – ein eifriger Fälscher spielte dabei auch eine Rolle. Unser Türchen Nummer 10 des Römischen Adventskalenders.

Die Römersteine von Mainz-Zahlbach sind die Reste des einst höchsten römische Aquädukts nördlich der Alpen. - Foto: gik
Die Römersteine von Mainz-Zahlbach sind die Reste des einst höchsten römische Aquädukts nördlich der Alpen. – Foto: gik

Die Zivilisation der Römer hatte einen ungeheuren Wasserbedarf: In allen Städten und auch in Legionslagern gab es öffentliche Badeanstalten, in denen man gerne und oft verweilte. Auch private Villenbesitzer hatten gerne ihr eigenes Badehaus, dazu brauchte es Wasser für die Fußbodenheizungen – und natürlich auch zum Trinken für Mensch und Tier. Nun sollte man meinen, dass den Römern der Rhein, der vor den Toren von Mogontiacum lag, da gerade Recht kam, aber Nein: Wahrscheinlich war der Fluss schon in der Antike von dem Dreck und Unrat der großen Provinzhauptstadt ordentlich verschmutzt.

Die Römer setzten jedenfalls auf Quellwasser, da kam ihnen gerade Recht, dass ganz in der Nähe von Mogontiacum eine reiche Fülle von Quellen sprudelten – fontanetum oder ad fontes nämlich, wovon das heutige Mainz-Finthen seinen Namen hat. Auch bei der Frage, wie das kostbare saubere Nass zur Stadt und zum Legionslager kommen sollte, waren die Römer um eine Antwort nicht verlegen: Sie besaßen die besten Ingenieure der damaligen Welt, die den Zementbau ebenso beherrschten wie die Statik, und so schwindelerregend hohe Bauten errichten konnten.

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Ein Aquädukt wie der Pont du Gard mit 30 Metern Höhe

Und so ergab sich um das Jahr 70 nach Christus ein höchst imposanter Eindruck im Tal westlich des Legionslagers von Mogontiacum: 30 Meter hoch ragten massive Steinpfeiler in die Höhe, auf den stolz geschwungenen Bögen der Konstruktion ruhte eine Wasserleitung aus Holz – ein Aquädukt, den man sich getrost genau wie den berühmten Pont du Gard in Südfrankreich vorstellen darf. Über eine genau berechnete Steigung – oder besser: Fällung – plätscherte hier Wasser von den Finther Quellen in Richtung Stadt.

Eine Skizze auf einer Infostele zeigt, wie das Aquädukt über das Zaybachtal einmal ausgesehen haben muss. - Foto: gik
Eine Skizze auf einer Infostele zeigt, wie das Aquädukt über das Zaybachtal einmal ausgesehen haben muss. – Foto: gik

Mehr als fünf Kilometer lang war die Wasserleitung in der Römerzeit, der Benediktinerpater Joseph Fuchs ging 1771 gar von einer Länger von neun Kilometern aus. Fuchs beschrieb in seinem Werk „Alte Geschichte von Mainz“ erstmals die römische Wasserleitung in ihrer Konstruktion und ihrem Verlauf, und gab als Ursprung den Königsborn bei Finthen an, wie das  Internetlexikon Wikipedia weiß. Der forschungseifrige Pater legte nach eigenen Angaben außerdem eine hölzerne Quellfassung am Königsborn frei, die als Fundmaterial auch Ziegel mit dem Stempel der XIV. Legion G.M. lieferte.

Vergleichbare Ziegelstempel wurden immer wieder entlang der Leitung entdeckt, die XIV. Legion gilt deshalb als Erbauer des Aquädukts – ihr Beiname lautete „Gemina Martia Victrix“, in Mogontiacum war sie seit 13 vor Christus stationiert, als sie unter dem Feldherrn Drusus an den Rhein kam und hier das erste Legionslager errichtete.  Es war eine höchst traditionsreiche Legion, die in den Germanenfeldzügen eine wichtige Rolle spielte, wir werden noch mehr von ihr hören. Im Jahr 92 nach Christus wurde sie nach Pannonien verlegt, weswegen klar ist: Der Aquädukt muss vorher errichtet worden sein.

 

62 antike Steinpfeiler zwischen dem Kästrich und Mainz-Finthen

Im 19. Jahrhundert mutmaßte man, dass auch Quellen bei Drais von der Wasserleitung angezapft wurden, ein Nebenarm der Leitung wurde aber nie gefunden. Tatsache ist: noch heute finden sich auf den Feldern bei Mainz-Bretzenheim entlang der Koblenzer Straße Fundamentreste des imposanten Bauwerks, ebenso auf dem Sportgelände der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität. Nicht überall ragte die Wasserleitung so weit in die Höhe, das war ja auch gar nicht nötig. Doch über dem Tal des Zaybachs erhob sich einst das höchste Aquädukt nördlich der Alpen – wieder einmal setzte das antike Mogontiacum Maßstäbe in Sachen Bauwerke, ein Zeugnis davon wie wichtig den Römern die Stadt war.

Die Römersteine, Reste der antiken Steinpfeiler, links unten ist Zahlbach, dahinter der Hang zum Kästrich. - Foto: gik
Die Römersteine, Reste der antiken Steinpfeiler, links unten ist Zahlbach, dahinter der Hang zum Kästrich. – Foto: gik

Heute weiden Schafe neben steinernen Stumpfresten des einstigen Aquädukts, ein Dutzend Pfeilerreste sind erhalten, jahrzehntelang schlummerten sie ziemlich vergessen vor sich hin – bis Gerd Rupprecht kam. Der damalige Landesarchäologe legte ab 2007 weitere Römersteine in Zahlbach frei, leitete erste Schritte zu ihrer Konservierung ein und zeichnete den Verlauf der Wasserleitung nach.

62 Pfeilerreste entdeckte der Archäologe im Zahlbachtal zwischen der Mainzer Universität und dem gegenüberliegenden Hang unterhalb der Mainzer Uniklinik sowie im weiteren Verlauf in Richtung Finthen, die meisten Reste schlummern noch immer verborgen im Boden oder hinter Gesträuch versteckt. Rupprecht träumte stets davon, die Pfeiler und die imposante Wasserleitungsbrücke auf ihnen wieder sichtbar zu machen: Der Aquädukt sei einzigartig, schwärmte er.

Ein Archivar & Fälscher namens Franz Joseph Bodmann

Doch Regen und Wind nagen an der Pfeilerstümpfen, schon Rupprecht sammelte Gelder für ihren Erhalt. Förderer der Römersteine wurden gar als „Ritter von Ageduch“ ausgezeichnet, das sei der Name eines angeblich hier einst im Mittelalter ansässigen Rittergeschlechts, das auf seinem Wappenschild einen Aquäduktbogen führte.

Ein grober Stadtplan des antiken Mogontiacum findet sich bei Wikipedia, entworfen von Martin Bahmann - die blaue Linie links im Bild soll den verlauf des Aquädukts markieren. - Screenshot: gik
Ein grober Stadtplan des antiken Mogontiacum findet sich bei Wikipedia, entworfen von Martin Bahmann – die blaue Linie links im Bild soll den verlauf des Aquädukts markieren. – Screenshot: gik

Die Geschichte ist zu schön um wahr zu sein: Schon 2013 dokumentierte eine Ausstellung des Mainzer Stadtarchivs gemeinsam mit Studierenden der Mainzer Universität, dass die angeblichen Ageduchs nichts weiter als eine Erfindung waren. Es war der Rechtsprofessor Franz Joseph Bodmann, der seiner Leidenschaft für Urkunden und alten Schriften so sehr frönte, dass er sie nicht nur aus dem Archiv entwendete – sondern auch fälschte. Bodmann war 1806 Leiter der Mainzer Stadtbibliothek geworden, seit 1780 lehrte er bereits als Professor der Rechte an der Mainzer Universität.

Bodmann machte sich als Landesgeschichtler einen Namen, seine Schriften wie das Hauptwerk „Rheingauische Alterthümer“ wurden lange hochgeschätzt – bis man Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte: Bodmann hatte gefälscht, was die Tinte hergab. „Als Mainzer Stadtbibliothekar entfremdete er ihm anvertraute Bestände, verstümmelte Handschriften und Drucke“, heißt es bei Wikipedia, auch andere Institutionen bestahl er: „Wo er ein Archiv benutzte, riß er das, was er in seine Werke aufnehmen wollte, aus den Originalen heraus und fügte es seinem Manuskript bei“, urteilte 1903 ein Kollege über den Herrn Archivar.

 

Ritter Ortwin von Ageduch, seine Iutta und ein übereifriger Gelehrter

Schade eigentlich, denn Bodmann erfand höchst kreativ einen gewissen „Ritter Ortwin genannt von Ageduch“, der im Jahr 1266 starb, und dessen Grabmal Bodmann gezeichnet haben wollte – ebenso wie das einer „Iutta“, Gemahlin des Ritters Heinrich von Ageduch, gestorben 1322. Die Zeichnungen wollte Bodmann von Grabsteinen des Zisterzienserinnenklosters Maria Dalheim in Zahlbach angefertigt haben, bevor dieses abgerissen wurde – das Kloster existierte tatsächlich in unmittelbarer Nachbarschaft der Römersteine, dort, wo heute die Psychiatrie steht.

Die Zeichnungen des Franz Bodmann von dem angeblichen Grabstein von Ritter Ortwin und Ageduch und seiner Frau Iutta. - Quelle: Stadtarchiv Mainz via Mainz.de
Die Zeichnungen des Franz Bodmann von dem angeblichen Grabstein von Ritter Ortwin und Ageduch und seiner Frau Iutta. – Quelle: Stadtarchiv Mainz via Mainz.de

Doch ach: „Weder eine Iutta noch ihr Gemahl Ritter Heinrich von Ageduch lassen sich in den Quellen nachweisen“, weiß man bei der Stadt Mainz. Die Römersteine aber erheben sich bis heute, unverrückbar und ganz real, nach einem Streit zwischen der Stadt Mainz und der „Unsichtbaren Römergarde“ wurde das Umfeld gelichtet und die Steine von Pflanzenwuchs befreit.

An die einstige Majestät des Aquädukts erinnert aber nur eine grobe Skizze auf einer Infostele. Wo übrigens der Ausgang der Wasserleitung auf dem Kästrich war, ist bis heute unklar: Forscher vermuten das Ende auf dem Gelände der Mainzer Uniklinik, irgendwo in der Nähe der Frauenklinik.

Info& auf Mainz&: Mehr zu dem Thema Fälschungen aus dem Mittelalter könnt Ihr hier in der Dokumentation einer Ausstellung von 2013 nachlesen, da geht es auch um die „Ritter von Ageduch“. Dieser Adventskalender entsteht in Kooperation mit dem Verein „Rettet das Römische Mainz“, der Mainz& mit Informationen und Fotos unterstützt. Gerd Rupprecht gehört zu den Gründungsmitgliedern dieses Vereins. Den ganzen Mainz&-Adventskalender zum Römischen Mainz findet Ihr hier auf Mainz& mit allen Türchen.