Die Mainzer Radwege sind mangelhaft – so sieht es jedenfalls ein Radwegetest des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs ADAC. Von zehn in Mainz in diesem Frühjahr getesteten Radwegen seien fünf mangelhaft gewesen, zwei seien mit „sehr mangelhaft“ komplett durchgefallen, berichtete der ADAC am Donnerstag auf seiner Webseite – lediglich zwei Radwege seien „gut“ gewesen. Mainz sei damit zusammen mit Hannover das Schlusslicht unter den zehn getesteten Städten gewesen – und landete noch hinter Wiesbaden. Es ist nicht die erste schlechte Note für die Mainzer Radwege: Erst im April 2019 bescheinigte der ADFC Mainz eine miserable Radwegeinfrastruktur.

Wieder einmal schlechte Noten für Mainzer Radwege: Viel zu eng, zu viele Hindernisse, urteilt dieses Mal der ADAC - hier der Radweg entlang der Binger Straße. - Foto: gik
Wieder einmal schlechte Noten für Mainzer Radwege: Viel zu eng, zu viele Hindernisse, urteilt dieses Mal der ADAC – hier der Radweg entlang der Binger Straße. – Foto: gik

Der ADAC hatte nach eigenen Angaben zwischen März und Mai 2020 in zehn deutschen Landeshauptstädten die Radwege unter die Lupe genommen – mitten im ersten Corona-Lockdown, also in einer Zeit, in der besonders viele Menschen Rad fuhren. Im Fokus des ADAC dabei: die Breite der Radwege. Der Verkehr auf den Radwegen nehme zu, die Bedeutung des Rades als tägliches Verkehrsmittel sei deutlich gestiegen, konstatiert der ADAC: Von 2002 bis 2017 stieg allein die Zahl der Fahrten bundesweit von 25 auf 28 Millionen täglich. Vor allem in den Metropolen sei der Anteil des Radverkehrs bundesweit von 9 auf 15 Prozent gewachsen.

Damit seien zum einen deutliche mehr Fahrradfahrer auf den alten Wegen unterwegs, gleichzeitig drängten aber auch neue Zweirad-Varianten wie Lastenräder, Fahrräder mit Anhängern, Pedelecs und E-Scooter auf die Radverkehrsanlagen, heißt es beim ADAC weiter: „Und alle sind mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten unterwegs: Bei Radfahrern liegt der Durchschnitt bei 18,2 Kilometern pro Stunde, bei Pedelec-Fahrern etwas höher.“ Es werde daher mehr überholt – der ADAC wollte daher wissen, ob die Radwege breit genug für die neuen Anforderungen seien. Zugrunde legte der Verkehrsclub dabei die Maße aus den „Empfehlungen für Radverkehrsanlagen“ (ERA) der Forschungsgesellschaft für Straßen und Verkehrswesen (FGSV): Demnach sollte ein Einwege-Radeweg zwei Meter, mindestens aber 1,60 Meter breit sein.

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Zu eng, zugewuchert, zugeparkt - die Mainzer Radwege schneiden seit Jahren extrem schlecht ab. - Foto: gik
Zu eng, zugewuchert, zugeparkt – die Mainzer Radwege schneiden seit Jahren extrem schlecht ab. – Foto: gik

Insgesamt nahmen die Tester in zehn deutschen Landeshauptstädten 120 Radwege unter die Lupe, pro Stadt wurden – je nach Einwohnerzahl – zwischen 10 und 18 Teststrecken mit durchschnittlich 3,5 bis 4,5 Kilometern Länge befahren. An Testnoten gab es dabei für Radwege mit deutlich überschrittener Regelbreite ein „sehr gut“ und für Radwege mit erfüllter Regelbreite ein „gut“. War die Mindestbreite erfüllt, gab es ein „ausreichend“, wurde die Mindestbreite um bis zu 30 Prozent unterschritten ein „mangelhaft“ – und bei mehr als 30 Prozent weniger als die Mindestbreite von 1,60 Metern gab es ein „sehr mangelhaft“.

Aus den gesammelten Daten ergab sich demnach ein Testurteil für jede Einzelstrecke und ein ADAC-Gesamturteil pro Stadt. Die Auswahl repräsentiere „typische Alltagswege zur Schule, Uni, Arbeit, Einkauf, Besuchen oder Freizeit“ und habe sich an der jeweils kürzesten Strecke orientiert, heißt es beim ADAC zur Auswahl weiter. Das Ergebnis: ernüchternd. Mit „sehr gut“ schnitt keine einzige Stadt ab, als beste kam die schleswig-holsteinische Landeshauptstadt Kiel auf ein „gut“. Von bundesweit 120 getetsteten Routen waren insgesamt nur 5 „sehr gut“, 16 wurden mit „gut“ bewertet, immerhin 59 mit „ausreichend“ – aber 23 Routen waren „mangelhaft“ und 5 „sehr mangelhaft“ – darunter alleine zwei in Mainz.

Gute Noten gab es lediglich für zwei von zehn Radwegen in Mainz - darunter, wieder einmal, die Untere Zahlbacher Straße. - Foto: gik
Gute Noten gab es lediglich für zwei von zehn Radwegen in Mainz – darunter, wieder einmal, die Untere Zahlbacher Straße. – Foto: gik

Fast ein Viertel der Radwegerouten fiel damit bundesweit komplett durch, 36 Prozent der Radwege waren schmaler als die jeweiligen Mindestbreiten aus den ERA-Empfehlungen und weitere 43 Prozent erreichten die empfohlenen größeren Regelbreiten nicht. Die häufigsten Mängel seien zudem Engstellen und Hindernisse gewesen, etwa durch Bäume, Masten und Schilde, auch wucherndes Grün und nicht zurückgeschnittene Büsche bemängelten die Tester – von den Hindernissen habe es besonders viele in Mainz gegeben. Vereinzelt seien Radwege wegen fehlender Sicherheitsräume zu den angrenzenden Parkstreifen durch Autos verengt oder wegen fehlender Parkmöglichkeiten blockiert gewesen, teilweise hätten Radwege vorübergehend als Abstellplätze für Mülltonnen, Fahrräder, E-Scooter und ähnliche Hindernisse gedient.

In Mainz rügten die Tester vor allem zahlreiche Hindernisse wie Einbauten, Bäume oder Masten auf Radwegen auf der Alicenbrücke, entlang der Rheinallee oder auf dem Kaiser-Karl-Ring, schmalere Radwege wurden auch entlang neuer Straßen wie der Hechtsheimer Straße gerügt, wo eigentlich mehr Platz zur Verfügung stände. Getestet wurden zehn typische Radrouten etwa von Bretzenheim in die Innenstadt, von Hechtsheim zur Uniklinik oder durch die Innenstadt oder Mainzer Neustadt. Nur ein Radweg wird als besonders positiv erwähnt: Der Radweg entlang der Unteren Zahlbacher Straße, gebaut einst vom grünen Verkehrsdezernenten Hands-Jörg von Berlepsch. Die genauen Ergebnisse für Mainz könnt Ihr hier nachlesen.

Mainzer Negativ-Klassiker: Der Radweg in der Großen Bleiche. - Foto: gik
Mainzer Negativ-Klassiker: Der Radweg in der Großen Bleiche. – Foto: gik

Die Empfehlung des ADAC für die Kommunen: Ganzheitliche Mobilitätskonzepte erarbeiten und vor der Planung von Baumaßnahmen den bedarf für Radwege sowie die Verlagerungschancen ermitteln – am Binger Schlag wurde das etwa vor dem Bau der neuen Rettungswache und des Me and All-Hotels versäumt, der Radweg blieb genauso schmal wie vor dem Neubau, obwohl die Strecke eine der wichtigsten Radwegeverbindungen der Stadt ist. Bei der Einrichtung von Radwegen mit hohem Nutzungspotential sollten Kommunen „die Breite großzügiger vorsehen, damit sie die steigende Verkehrsdichte, den erhöhten Überholbedarf und den größeren Platzbedarf breiter Fahrräder bewältigen können“, rät der ADAC. Verkehrszeichen und Maste sollten zudem nicht auf dem Radweg aufgestellt, auf kombinierte Rad- und Gehwege möglichst verzichtet werden – der Verkehrssicherheit wegen.

Erst im April hatten die Radnutzer selbst beim Radklimatest des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs ADFC der Stadt Mainz ein ausgesprochen schlechtes Radklima bescheinigt. Die Tester kritisierten vor allem häufige Hindernisse auf Radwegen, eine schlechte Oberfläche der Radwege, ein schlechtes Sicherheitsgefühl und erhebliche Konflikte mit Autofahrern –  die Breite der Radwege wurde gar mit der Note 5 bewertet. Schlimmer noch: 76 Prozent der Befragten gaben 2019 beim ADFC an, sich beim Radfahren in Mainz eher oder mehr gefährdet zu fühlen –  83 Prozent gaben an, man könne auf Radwegen und Radstreifen nicht sicher fahren.

Mainz verlegt statt dem Bau von eigenen Radwegen die Radfahrer lieber auf die Straße. - Foto: gik
Mainz verlegt statt dem Bau von eigenen Radwegen die Radfahrer lieber auf die Straße. – Foto: gik

Das Thema schlechte Radwege hatte auch eine große Rolle 2019 im Kommunalwahlkampf sowie Ende 2019 im Mainzer Oberbürgermeister-Wahlkampf gespielt, sowohl der unabhängige OB-Kandidat Nino Haase (CDU/ÖDP/FW), als auch die grüne OB-Kandidatin Tabea Rößner hatten nachdrücklich eine bessere Radwegeinfrastruktur gefordert. Vor allem Haase, aber auch die Mainzer CDU hatten dabei wiederholt kritisiert, dass Verkehrsdezernentin Katrin Eder (Grüne) zwar seit 2011 im Amt sei – die Radwegeinfrastruktur habe sich in dieser Zeit aber kaum verbessert. Eder hatte im April 2018 umfangreiche Verbesserungen der Radfahrinfrastruktur angekündigt, Anfang September dieses Jahres das neue Fahrradbüro der Stadt vorgestellt, das nun auf vier Mitarbeiter aufgestockt wurde.

Der ADFC führt übrigens derzeit gerade wieder seine aktuelle Umfrage zum Fahrradklimatest durch, noch bis zum 30. November können Interessierte an der Umfrage teilnehmen und Noten für Radinfrastruktur oder das eigene Sicherheitsgefühl beim Radfahren in der eigenen Stadt vergeben – zum ADFC-Fahrradklimatest geht es genau hier im Internet.

Info& auf Mainz&: Informationen zum Thema Radfahren in Mainz findet Ihr auf dieser Internetseite der Stadt Mainz. Unseren Bericht über das Fahrradklimaindex 2019 könnt Ihr hier nachlesen. Den ADAC-Radwegetest findet Ihr hier im Internet, die Details zum Test in Mainz gibt es auf dieser ADAC-Seite.

 

 

1 KOMMENTAR

  1. Mainzer Radwege wurden offenbar von „Herrenfahrern“ erfunden. Nie ging es um Funktionalität sondern um Meterware für die Statistik. Negativbeispiel ist die Große Bleiche. Genau so daneben ist die hochgelobte „Fahrradpromenade“ der Unteren Zahlbacher Straße. Hier bot die völlig überdimensionierte „Autobahn“ die Möglichkeit, eine ganze Fahrspur umzuwidmen. Da wurde in Wahrheit kein Radweg angelegt sondern eine Fehlplanung zurückgebaut. Also kein Anlass für großes Lob, zumal der Radweg an der Zahlbacher Engstelle entschwindet.

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