Die Sanierung des Mainzer Rathauses wird doppelt so teuer wie ursprünglich veranschlagt: Statt ursprünglich 50 Millionen Euro wie in 2015 angekündigt werden die Kosten nach neuester Schätzung voraussichtlich auf 97,4 Millionen Euro steigen, das gab der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) am Dienstag in Mainz bekannt. Und dieser neue Kostenrahmen würde auch nur eingehalten, wenn auf eigentlich geplante Verbesserungen wie ein Bürgerdach und ein offenes und transparentes Bürgerforum statt dem heutigen Foyer verzichtet würde. Die Realisierung des Stadtratsbeschlusses von 2018 würde 114 Millionen Euro kosten, sagte Ebling.

Das Mainzer Rathaus ist marode und muss dringend saniert werden, nun explodieren dafür die Kosten. - Foto: gik
Das Mainzer Rathaus ist marode und muss dringend saniert werden, nun explodieren dafür die Kosten. – Foto: gik

Der Mainzer Stadtrat hatte 2018 in einem Grundsatzbeschluss die Rathaussanierung mit einer Kostenprognose von 71,2 Millionen Euro beschlossen, nun räumte Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) nach nur zwei Jahren ein: „Dieser Auftrag von 2018 ist so in diesem Umfang nicht erfüllbar.“ Als Gründe nannte Ebling die allgemeine Kostensteigerung von rund 16 Prozent, aber vor allem die Denkmalpflege: Allein die Anforderungen der Denkmalpfleger würden mit rund 21 Millionen Euro zu Buche schlagen, sagte Ebling, das sei ein „erheblicher Kostenblock.“ Dazu kommen eine Steigerung der Baupreise, die mit 9,2 Millionen Euro veranschlagt wird, davon sind aber nur 3,1 Millionen Euro reale Baupreisentwicklung. Weitere Kosten entstünden durch die Abwicklung der Baustelle – so könne etwa kein Zentralkran im Innenhof des Rathauses errichtet werden, das ziehe höhere Kosten nach sich.

„Das hat mich dazu veranlasst, dass wir eine Stopplinie eingezogen haben“, sagte der Oberbürgermeister weiter. Er wolle dem Mainzer Stadtrat nun drei Dinge vorschlagen: Er wolle auf denkmalpflegerische Belange in Höhe von rund 9,2 Millionen Euro verzichten, sagte Ebling weiter. Das betrifft vor allem die Fassade: Statt einer Natursteinfassade will die Stadt nun eine Keramikfassade verwenden, die sei langlebiger, deutlich billiger und erlaube zudem eine bessere Gebäudedämmung. Zudem könne die Keramikfassade mit Hilfe von 3D-Druck so gestaltet werden, dass sie exakt wie die ursprüngliche Natursteinfassade aussehe.

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Den Original-Naturstein der Rathausfassade gibt es gar nicht mehr, nun soll er durch eine Keramikfassade ersetzte werden. - Foto: privat
Den Original-Naturstein der Rathausfassade gibt es gar nicht mehr, nun soll er durch eine Keramikfassade ersetzte werden. – Foto: privat

Ebling räumte auch ein, dass es den markanten Naturstein – den Porsgrunn-Marmor – der ursprünglichen Rathausfassade gar nicht mehr gebe, da der Steinbruch geschlossen sei – Kritiker hatten darauf schon vor Jahren hingewiesen. Die Denkmalpflege „besteht darauf, dass wir wieder einen Naturstein finden“, räumte Ebling zudem ein, bei einem Naturstein wisse man aber nicht, ob der in zehn Jahren nicht wieder die gleichen Probleme mit sich bringe wie heute. Die ursprüngliche Natursteinfassade bröckelt stark, die Platten sind absturzgefährdet – die markanten Gitter am Rathaus mussten deshalb Ende 2019 umgehend demontiert werden. Allein in der Fassadengestaltung zwischen Naturstein und Keramik liege ein Unterschied von mehr als zwei Millionen Euro, sagte Ebling weiter.

Sein zweiter Vorschlag an den Stadtrat sei, auf alle zusätzlichen Einbauten zu verzichten, insbesondere das Bürgerdach und das Bürgerforum, sagte Ebling weiter. „Das finde ich bedauerlich und sehr schade, ich wollte immer eine Aufwertung“, betonte der Oberbürgermeister. Allein das Bürgerforum werde aber mit 3,5 Millionen Euro Kosten veranschlagt, sagte Ebling weiter, eine Realisierung des Bürgerdaches würde mit rund 450.000 Euro veranschlagt. Auch eine Realisierung der geplanten neuen großzügigen Büroarbeitsräume, der „Co-Working“-Räume, soll es nicht geben.

Die Architekten hatten in der Machbarkeitsstudie zur Rathaussanierung ein transparentes Bürgerfoyer vorgeschlagen. - Foto: agn
Die Architekten hatten in der Machbarkeitsstudie zur Rathaussanierung ein transparentes Bürgerfoyer vorgeschlagen. – Foto: agn

Offenbar gibt es bis heute größere Unstimmigkeiten mit der Denkmalpflege, in der Vorlage für den Stadtrat ist von langanhaltenden und intensiven Diskussionen die Rede. Gestritten wurde offenbar über Fassade, Fenster und Bürogrundrisse, über Einzelteile wie Lochpaneeldecken sowie über Wände, Fliesen, Türen, Schränke und Lampen. Ebling sagte, in sozialen Netzwerken würde er den Beziehungsstatus mit der Denkmalpflege als „schwierig“ angeben. Überhaupt keine Einigung gab es vor allem bei dem vom Architekten Stefan Nixdorf und seinem Büro agn 2017 entworfenen Bürgerforum, einem luftigen Eingangsfoyer, das über zwei Etagen gehen, das Rathaus einladender machen und zudem für einen barrierefreien Zugang insbesondere der Besuchertribüne sorgen sollte. Die Denkmalpfleger sahen das als unzulässigen Eingriff in die Architektur von Arne Jacobsen.

„Ich würde dem Rat den Vorschlag machen, dass wir von einer anderen Kostenberechnung ausgehen“, sagte Ebling nun am Dienstag. Demnach würde die neue Kostenschätzung für die Rathaussanierung 81,1 Millionen Euro als Sockel betragen, darauf käme ein erhöhter Risikozuschlag von 20 Prozent – rund 16 Millionen Euro -, so dass am Ende ein Gesamtbudget von 95,1 Millionen Euro stände. Die Differenz zur neuen Kostenschätzung von 97,4 Millionen Euro käme unter Verzicht auf die ursprünglich geplanten Verbesserungen zustande. Bleiben würde ein neuer Zugang vom Rheinufer aus, sowie eine neue Gastronomie im Erdgeschoss, die die alte Kantine ersetzen würde – dem stimmte auch die Denkmalpflege zu.

Ideenskizze für ein Bürgerdach auf dem Mainzer Rathaus von 2017. - Grafik: agn / Stefan Nixdorf
Ideenskizze für ein Bürgerdach auf dem Mainzer Rathaus von 2017. – Grafik: agn / Stefan Nixdorf

„Ich weiß, dass das eine unglaublich hohe Summe ist“, sagte Ebling weiter, das sei aber trotzdem „für die Stadt eine handelbare Summe.“ Es gebe derzeit „eine ausgesprochen günstige Finanzierungssituation“, dazu würden die zuschussfähigen Kosten mit 60 Prozent kofinanziert. „Wir erschließen weitere günstige Finanzierungsoptionen“, sagte Ebling, das seien unter anderem günstige Darlehen der landeseigenen Investitions- und Strukturbank, die Finanzierung der Rathaussanierung würde über viele Jahre gestreckt, „ohne dass andere Projekte darunter leiden müssen“, betonte Ebling.

„Die Alternative ist, nicht zu sanieren und das Gebäude aufzugeben“, sagte der Oberbürgermeister, und betonte zugleich: „Für mich ist das keine Alternative.“ Der Stadtrat soll nun bereits am 21. September über die neue Kostenvorlage entscheiden. Der Aren Jacobsen Bau stammt aus dem Jahr 1974, 2015 hatte Ebling angekündigt, für die Sanierung des Rathauses einen Deckel von 50 Millionen Euro einzuziehen – die Sanierung dürfe nicht teurer werden, versprach Ebling damals.

Die markanten Gitter an der Rathausfassade sind bereits abgebaut, sollen aber wieder montiert werden. - Foto: gik
Die markanten Gitter an der Rathausfassade sind bereits abgebaut, sollen aber wieder montiert werden. – Foto: gik

2017 musste der Oberbürgermeister dann einräumen, die Sanierung werde doch teurer, die Kosten seien auf mindestens 60 Millionen Euro gestiegen, Anfang 2018 beschloss der Stadtrat dann die Sanierung auf der Basis von rund 71 Millionen Euro – inklusive Bürgerterrasse auf dem Dach, neuem Zugang vom Rhein aus und Bürgerfoyer. Ebling sagte nun, würde das Konzept aus 2018 mit der neuen Kostenprognose umgesetzt, würden 114 Millionen Euro anfallen.

Der Stadtrat soll nun bereits am 21. September über die neue Kostenvorlage entscheiden. Ziel sei, möglichst schnell, einen Bauantrag zu stellen, sagte Ebling weiter. 2021 solle dann ausgeschrieben, 2022 mit dem Umbau begonnen werden.

Info& auf Mainz&: Unseren Bericht von 2015 zum Kostendeckel von 50 Millionen Euro könnt Ihr hier nachlesen, unseren Bericht zur Machbarkeitsstudie und Kostenschätzung von 80 Millionen Euro aus 2017 findet ihr hier.

8 KOMMENTARE

  1. Wo bleibt denn da der natürliche Menschenverstand. Ein Haus das 1974 gebaut wurde und nach noch nicht mal 50 Jahren schon auseinander fällt hat doch keine Daseinsberechtigung. Das sollte schlichtweg als Fehler erkannt und entsorgt werden. Statt dessen sollte man ein Gebäude erreichten, dass nicht sofort zum Sondermüll wird.

  2. Manchmal muss ich den Kopf schütteln und gleichzeitig lachen und weinen.
    Erstens: Wenn ein privater Bauherr sich sein Eigenheim bauen will, wartet er da auch mehr als 5 Jahre, bis er überhaupt mal anfangen will? Kein Wunder, wenn ihm die Kosten davonlaufen.
    Zweitens: Die Stadtverwaltung Mainz stellt bald einen Bauantrag. Bei wem? Bei sich selbst. Und da wartet die Stadtverwaltung Mainz auf den Bescheid der Stadtverwaltung Mainz. Und wenn der nicht nach ihren Wünschen genehmigt wird, dann legt die Stadtverwaltung Mainz gegen die Stadtverwaltung Mainz Einspruch ein. Und wenn dem nicht abgeholfen wird, entscheidet ein Gericht darüber, ob die Stadtverwaltung Mainz oder die Stadtverwaltung Mainz Recht bekommt. („Die spinnen, die Römer.“)
    Drittens: In der Denkmalpflege sitzen Menschen. Und diese Menschen entscheiden darüber, was ein Denkmal ist. Türen, Schränke, Fliesen, Schreibtische, Stühle. Aha. Und was das kostet, ist denen sowas von egal. Ist ja nicht ihr Geld. Sind die denn allmächtig? Falls das Rathaus mangels Renovierung von selbst einstürzt, sind sie wahrscheinlich zufrieden. Dann gibt es eine schöne neue Ruine, die dann unter Denkmalschutz gestellt wird.
    Fortsetzung folgt.

    • Im Vergleich zum Taubertsbergbad in Mainz, dass vor 2 Jahren nach ca. 15 jährigem Bestand vor der Alternative Abriss oder Komplettsanierung stand, ist das Rathaus in Mainz mit knapp 50 Jahren Bestand richtig langlebig. Und bei der Kostenexplosion der Rathaussanierung von 80 % im Vergleich zu den 2015 errechneten Kosten der Sanierung hat Mainz sogar einmal Wiesbaden überholt. Die dort geplante Strassenbahn hat sich innerhalb von 4 Jahren nur um 35% verteuert oder von 300 Millionen Euro auf aktuell 420 Millionen Euro. Allerdings ist in beiden Städten bei den Kostensteigerungen die Beruhigungspille dieselbe, nämlich die zuschussfähigen Kosten.
      Ja und wer bringt die auf? Ein EU-Rettungsfonds zur Abwechslung einmal für Mainz und Wiesbaden ??

  3. Man könnte das endlos fortführen, was meine Vorschreiberin zu Recht anmahnt. Man baut Gitter ab, obwohl keine Baugenhmigung da ist, lagert diese ein und erzeugt damit Kosten. Es wird immer wilder. Und an die Herrn Denkmalschützer. Einsame Klasse was ihr da abliefert. Geld das nicht da ist und ihr fordert. Alle Entscheidungen sind umkehrbar. Besonders dann, wenn viel auf den Spiel steht, oder kein Basis, bzw. Geld mehr da ist. Wer vertäfeltes Holz, Stühle und anderes Mobiliar unter Denkmalschutz stellt, der lebt in einer Traumwelt und sieht veränderte Strukturen und Anforderungen nicht. Auch ich musste mich im Laufe meines Lebens von Sachen trennen, welche nicht mehr benutz- oder reparierbar waren. Auch wenn da sehr viele Erinnerungen und Herzblut dran hingen. Schafft alte Dinge, an denen Ihr hängt ins Museum und schreibt drunter was es war oder ist. Ein Rathaus soll ein lebendiger, moderner und zweckmäßiger Bau sein. Kein Museum. Von innen und aussen.

  4. Es ist doch offensichtlich: Die Rathaussanierung ist ein finanzielles Abenteuer. Wann begreift Ebling und die nachgeordnete Ampel aus SPD, Grünen, FDP, dass nur ein Neubau die sinnvolle Lösung ist? Wieviel Mio sollen noch in den Sand gesetzt werden?

  5. Einfach verfallen lassen das Ding. Als Mahnmal vorsichtig zu sein, wenn jemand meint sich Star Bindestrich irgendwas zu nennen. Star-Architekt! und das das Ding war schon immer eine Sammlung von Bau- und Planungsmängeln

  6. Sanierungen kosten oft mehr als ein Neubau. Gerechtfertigt mag das sein, wenn es um die Bewahrung von Werten geht. Ein Schloss reißt man nicht ab, weil ein Neubau billiger wäre. Das Rathaus ist kein Schloss, eher eine Trutzburg hinter hohen Mauern, von der Rheinstraße gar nicht zu sehen. Wenn eine Entkernung und Totalsanierung vom Denkmalschutz ausgebremst wird, bedeutet das eine teure Konservierung von Unfunktionalität. Die damalige Verirrung des Zeitgeistes hat so wenig zur Stadt gepasst. wie die heute gescholtenen Betonmonster.
    Ideal wäre ein auch optisch ansprechendes Rathaus auf dem ehemaligen Hertie-Gelände mit dem Gouvernement als Repräsentationsflügel..

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