„Ich will hier nie wieder weg!“, rief Cynthia Nickschas von der großen Bühne des Open Ohr, und Erstaunen und Entzücken waren der Liedermacherin aus Bonn deutlich anzuhören. „Was für ein friedliches Festival“, staunte später auch Felix Schönfuss von „Adam Angst“, „wie geil ist das denn hier?“ Ja, es war die Musik, die beim Open Ohr 2017 mitriss – das Titelthema war es leider nicht. „Moderne Sklaverei“ lautete das diesjährige Diskussionsthema und obwohl hervorragende Referenten aufgeboten wurden, blieb das Thema irgendwie an der Oberfläche hängen. Dazu überfüllte Mülleimer, Zucker in Tütchen und Billigarmbänder für 5,- Euro – das Open Ohr 2017 schwächelte.

Nicht wirklich überrannt: Eröffnungspodium zum Festivalthema „Wegwerfware Mensch“. Das Thema „Moderne Sklaverei“ bewegte nur schwer. – Foto: gik

Nein, ein Wohlfühlthema war das zentrale Thema „Wegwerfware Mensch“ wahrlich nicht, das war allen im Vorfeld klar gewesen. Doch eigentlich wären bei Zwangsarbeit, Menschenhandel, Kinderarbeit und Ausbeutung als Folge eines hemmungslosen Konsums eigentlich spannende Diskussionen und tiefe Einsichten zu erwarten gewesen – so, wie es in den vergangenen Jahren ja bei den Themen Flucht und Heimat auch geschah. In diesem Jahr aber blieb die Umsetzung des Themas merkwürdig an der Oberfläche – und das lag vor allem an der Präsentation des Themas.

„Also mich hat der Blick ins Programmheft nicht wirklich motiviert, zu den Podien zu gehen“, sagte eine Festivalbesucherin. Die Podien hätten alle gleich geklungen, was sie dort an Erkenntnissen zu erwarten habe, wäre ihr nicht klar gewesen. „Wir hatten Schwierigkeiten, unser Thema von den anderen Podien abzugrenzen“, sagte ein Diskussionsleiter. „Ich hätte gerne mehr gehört, was ich denn in meinem Alltag tun kann“, lautete eine weitere Stimme.

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Hochkarätige Experten auf den Podien, ernüchternde Fakten

Bewegt war hingegen Liedermacherin Cynthia Nickschas von der tollen Festivalstimmung und den Reaktionen auf ihre kritischen Lieder. – Foto: gik

Dabei tummelten sich auf den Bühnen gleich reihenweise echte Experten zum Thema „Moderne Sklaverei“: Soziologen und Sozialethiker, Menschenrechtsaktivisten, Experten, sogar ein waschechter Kriminalhauptkommissar gab Einblicke in seine Arbeitswelt. Und alle machten klar: Das Problem ist alles andere als einfach zu lösen – und es weckt eine gehörige Portion Ohnmacht. Seit 1833 ist die Sklaverei eigentlich abgeschafft, dennoch sprechen Menschenrechtsorganisationen von 45,8 Millionen Menschen, die noch heute von Sklaverei oder Zwangsarbeit betroffen sind. Sklaverei in moderner Form ist definiert als soziales und wirtschaftliches Abhängigkeitsverhältnis, in dem ein Mensch durch Gewalt oder die Androhung von Gewalt gezwungen wird, seine Arbeit unentgeltlich zu leisten.

„Es kommt auf die Umstände an“, machte denn auch Dietmar Roller, Vorstandschef der International Justice Mission (IJM) Deutschland deutlich: Nicht jede Prostitution geschehe unter Zwang, nicht jede Kinderarbeit sei erzwungene Kinderarbeit. „Gewalt, Zwang, Freiheitsentzug – das sind konkrete Dinge, die Menschen hindern, ihre Arbeit in Freiheit zu tun“, nannte Roller als Definition moderner Sklavenarbeit. Die IJM kämpft weltweit gegen Sklaverei und Menschenhandel, befreit Betroffene aus Unterdrückung, schult Beamte und überführt Täter, wo es geht. „Menschen“, lautete Rollers ernüchterndes Fazit, „sind heute nichts mehr wert – im Schnitt kosten Sklaven gerade noch 90 Dollar.“ Er habe im Kongo Sklavenhalter getroffen, die sich überlegten, ob sich eine medizinische Behandlung ihrer Sklaven überhaupt noch lohne.

Ein Elefant namens Kapitalismus, von dem wir alle profitieren

Bewegend: Der Auftritt des 80 Jahre alten Ebo Taylor aus Ghana mit hochgradig tanzbarem Afro-Blue. – Foto: gik

Menschenhandel, Sklavenarbeit, Schleuserei, das Ganze sei „ein Riesengeschäft“, sagte die Linken-Bundestagsabgeordnete Inge Höger, ebenfalls auf dem Eröffnungspodium, „davon profitieren auch Industrieunternehmen – und da traut sich die Politik nicht ran.“ Gesetzliche Regelungen forderte sie, die Politik müsse die Konzerne verpflichten, Standards einzuhalten, anstatt auf freiwillige Regelungen zu setzen. Warum komme so wenig in Gang, wollte Moderator Andreas Schwarzkopf, Journalist von der Frankfurter Rundschau, wissen? „Weil wir von der Ordnung profitieren, die große Mehrheit von uns“, entgegnete der Münchner Soziologieprofessor Stefan Lessenich: „Es steht ein riesiger Elefant im Raum – und der heißt Kapitalismus.“

Die Wirtschaftsordnung des Westens schaffe zwar einerseits „produktive Dinge, aber sie ist auch enorm destruktiv“, sagte Lessenich, denn der Kapitalismus zerstöre, nutze aus und beute aus. „Wir alle sind in einer schizophrenen Situation, weil wir profitieren“, erklärte Lessenich: Jeder im Westen profitiere nun einmal, wenn Unternehmen ihre Produkte von den Kinderarbeitern in der dritten Welt fertigen ließen. „Es ist eine erzwungene Komplizenschaft, dennoch sind wir aktive Mitgestalter und Teilhaber der Verhältnisse“, machte der Soziologe klar.

Billigarmbänder auf dem Open Ohr, Ohnmachtsgefühl beim Zuschauer

Bewegten sich gekonnt zwischen den Massen: Grandiose Stelzenläufer. – Foto: gik

Das übrigens galt vermutlich auch für die Besucher des Open Ohr: Die Billigarmbänder an den Ständen seien mit großer Wahrscheinlichkeit durch Kinderarbeit hergestellt, behauptete einer der Menschenrechtsexperten – nachprüfen ließ sich das natürlich nicht. Dennoch warf es die Frage auf: Wie geht das Open Ohr selbst mit dem Thema um? „Warum kaufen wir das T-Shirt aus Bangladesh eben noch“, obwohl wir inzwischen alle um die Bedingungen der dortigen Textilindustrie wissen, wollte Moderator Schwarzkopf wissen und seufzte: „Ich habe geahnt, dass wir an einen Punkt kommen, an dem man sich schlecht fühlt.“ Damit dürfte er wohl ziemlich genau das Gefühl der meisten Zuhörer ausgedrückt haben – es machte sich Ohnmacht breit, von Resignation ganz zu schweigen…

„Es kann nicht sein, dass ein T-Shirt drei Euro kostet“, machte Roller klar und nahm die Konsumenten in die Pflicht: „Wer so etwas duldet und wer so etwas kauft, der macht sich mitschuldig.“ Längst könne man beim Einkaufen fragen, wo etwas herkomme, wie es hergestellt wurde, es gebe ja auch Alternativen wie etwa fair gehandelte Produkte. „Großbritannien hat es vorgemacht“, nannte Roller ein konkretes Beispiel: Dort müssten Firmen nachweisen, dass in ihren Produkten keine Sklavenarbeit enthalten sei. „Das ist eine ganz einfache Sache, warum können wir das nicht machen?“, fragte Roller.

Shrimps aus Zwangsarbeit, T-Shirt für 3,- Euro – warum kaufen wir das noch?

Gar nicht bewegungs-, sondern genussfreudig: Rappelvolle Hauptwiese beim Open Ohr am Sonntag. – Foto: gik

Ein weiteres Beispiel für Jedermann nannte der Menschenrechtsexperte: „Wir essen alle gerne Shrimps“, sagte er, wenn die aber aus Südostasien stammten, dann sei da mit großer Wahrscheinlichkeit Sklavenarbeit drin. Die Shrimps würden gefangen und verpackt von Hochseefischern, die ihren Kahn nie verlassen dürften – und wenn sie nicht mehr zu gebrauchen seien, würden sie schlicht über Bord geschmissen, behauptete Roller: „Lasst uns eine Kooperation zwischen Zivilgesellschaft, Politik und großen Gesellschaften machen, dass so etwas nicht geht“, forderte er. Veränderung könne sehr wohl entstehen, in dem jeder Einzelne sein Verbraucherverhalten ändere.

„Das Problem wird nicht gelöst, in dem wir anders kaufen“, fand dagegen Soziologie Lessenich: „Warum handeln wir nicht anders? Weil wir davon gut leben.“ Das Denken müsse sich ändern, die Einstellung zur Profitabilität als zentrale Logik. „Wir müssen unseren Alltag politisieren, das, was wir tun“, forderte er – das Private müsse wieder als Politisches begriffen werden. Und das sei doch auch gar nicht zu schwierig, meinte er: „Schauen Sie doch mal abends in Ihrem Betrieb hin, wer da putzt? Und zu welchen Bedingungen?“

Egoschweine und Konsum-Viren

„Es wurde ein Virus frei gesetzt“, berichtete passenderweise im kleinen Zelt der Schauspieler, ein Virus namens Apple-Computer, ohne den man nicht mehr könne… „Die Agonie des Steve Jobs“ machte überdeutlich, wie das System Konsum funktioniert, weil ja auch die Produktion weit weg entrückt ist. Mit der „Freien oder Unfreien Jugend“ beschäftigte sich denn auch ein anderes Forum, um Frauen als Sexobjekte drehte sich eine andere Diskussion – und Cynthia Nickschas sang passenderweise von den „Egoschweinen“.

Da bewegte sich auch nix: Überquellender Mülleimer auf der Mauer am Sonntagnachmittag gegen 17.00 Uhr (links) und am Montagmittag gegen 13.00 Uhr (rechts). Da standen noch genau dieselben Flaschen, lag noch genau derselbe Müll… – Foto: gik

Doch die großen, packenden Diskussionen wie in den vergangenen Jahren beim Thema Flucht oder Heimat, sie blieben in diesem Jahr aus. Am Samstag war das Open Ohr gar erstaunlich leer, sogar zum Eröffnungspodium, während am Sonntag die Massen strömten. 12.000 Besucher seien auch in diesem Jahr wieder gekommen, hieß es am Montag, ausverkauft aber war das Festival im Gegensatz zu den Vorjahren erst am letzten Festivaltag, dem Montag.

Einzelne Zuckertütchen beim Kaffee und überquellende Mülleimer

Auch sonst schwächelte das Open Ohr irgendwie: Im Kaffeezelt gab es allen Ernstes Plastikrührstäbe und einzeln verpackte Zuckertüten – so etwas wäre früher undenkbar gewesen. Und die überquellenden Mülleimer bekam man auch nicht in den Griff – trotz Hinweisen sah der Mülleimer etwa auf der Mauer am Montag noch genauso aus wie am Sonntag – nur mit mehr Müll. Leerung? „Unsere Leute sind gerade ‚rumgegangen“, hieß es dazu im Festivalbüro.

Am Samstag machte zudem das Wetter zu schaffen: Am Mittag ging ein gewaltiger Wolkenbruch über dem Festivalgelände nieder, am Abend sorgten wiederholte Regenschauer für gedämpfte Festivallust. An den übrigen Tagen aber herrschte großartiges Festivalwetter: Sonne, warme Temperaturen, herrliche Luft – und die Gewitter machten brav einen Bogen um die Zitadelle in Mainz.

Da bewegten sich alle: The Inspektor Cluzo auf der Hauptbühne am Sonntagabend. – Foto: gik

Tolle Musik von Ebo Taylor bis Punkrock mit Adam Angst

Und dann war da ja noch die Musik: Mit einer enormen Bandbreite warteten die Festivalmacher in diesem Jahr auf. Da war der 80 (!) Jahre alte Ebo Taylor, der trotz Platzregens auf dem Drususstein mit Gitarre und Stimme die Besucher verzauberte und mühelos zum Tanzen brachte – ein absoluter Supergig des Ghanaers. „The rain can’t stopp us!“, rief er der tanzenden Menge zu. Wie wahr.

Beim Rockbuster-Wettbewerb durften wieder junge Talente glänzen, die Britin Findlay rockte die Hauptbühne am ersten Abend. Nicht ungeteilte Zustimmung fanden The Correspondents am Samstag, „zu viel Krach ohne wirkliche Klasse“ lautete das Urteil vieler Festivalbesucher (wir waren persönlich nicht da).

Am Sonntagabend dann riss nach der fantastischen Cynthia The Inspektor Cluzo die Menge vom Hocker: Zwei Leute, eine wummernde Gitarre – und eine Hammer-Bandbreite mit einer unglaublichen Männerstimme waren ein echter Hingucker.

Gänsehaut und Bewegung in Vollendung: Die Platzbespielung „Convoi“ am Sonntagabend mit Riesenvögeln und Stelzentänzerinnen. – Foto: gik

„Adam Angst“ sorgte danach für Festivalstimmung pur: Klare Texte, knallharte Songs – deutscher Punkrock vom Feinsten. Open Ohr at it’s best! Den Gänsehaut-Schlussakkord setzte am Sonntagabend dann noch die Platzbespielung: Riesige Vögel und Stelzentänzerinnen ließ die niederländische Close-Act Theatre Company aufmarschieren, ein unheimliches und faszinierendes Schauspiel mit atemberaubenden Figuren.

Info& auf Mainz&: Natürlich gab es noch viel mehr auf dem Open Ohr 2017, Kabarett, Theater, Film, der komplette Montag – aber leider können wir nicht alles sehen oder aufzählen. Wer mehr über moderne Sklaverei erfahren will, sollte mal bei der International Justice Mission vorbeischauen oder bei Fight Global Human Trafficking, einer Organisation gegen Menschenhandel. Mainz& hat übrigens von einigen tollen Acts auf dem Open Ohr 2017 kleine Videofilme gedreht – Ihr findet sie auf unserer Mainz&-Facebookseite. Wir freuen uns sehr, wenn Ihr die Seite liked und die Beiträge teilt! Sonst ignoriert Facebook nämlich einfach, dass es Mainz& gibt…

Und natürlich, last but not least: Unsere Bildergalerie zum Open Ohr 2017!

 

2 KOMMENTARE

  1. Allgemeine Ratlosigkeit, wenn frau / man dies liest.

    Was kann die / der Einzelne tun, um das Maß seiner Mitschuld zu verringern ?

    Es bedarf praktischer Anleitung.

    Könnten Sie z.B. – sehr geehrte Frau Kirschstein – nachbessern,
    indem Sie ihren interessierten Leser*inne*n den einen oder anderen Buchtitel nennen,
    wo sie erfahren welche Produkte man wo kauft oder welche besser nicht,
    und was der Einzelne sonst noch tun kann … ?

    • Lieber Paul Laib, kann da auch nur sagen: Den Tipps im Text folgen und ansonsten den Links unter dem Text zu den betreffenden Organisationen – mehr Erkenntnis wurde mir leider auch nicht zuteil. Das genau war ja das Problem mit dem diesjöhrigen Open Ohr. Wie übrigens eine ganze Reihe meiner Gesprächspartner fanden.

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