Die unendliche Geschichte der Schiersteiner Brücke geht weiter, eine schnelle Öffnung für schwere Lkw über 3,5 Tonnen ist nun doch nicht in Sicht. Ende des Jahres werde die Brücke wieder für schwere Brummis geöffnet werden können, sagte Verkehrsminister Roger Lewentz (SPD) am Montag in Mainz. Geschafft werden soll das durch einen wahren Stützenwald: 80 (!) Stützpfeiler sollen die kaputte alte Vorlandbrücke tragen, denn über die muss der Verkehr 2016 rollen. Dann nämlich reißt das Land Rheinland-Pfalz die übrigen Teile der alten Vorlandbrücke ab und baut sie neu. Übrig bleibt nur ein schmaler Teil – und damit wohl nur eine Fahrspur pro Richtung.

Schiersteiner Brücke - Arbeiten am linken Pfeiler - Foto gik
Ein ganzer Wald von Pfeilern soll die Brücke tragen – Foto: gik

Die 80 Stützen sollen nun möglichst schnell in einem Abstand von vier Metern untereinander errichtet worden – das gibt ein schönes Gedränge unter der Brücke 😉 Und es sagt uns, dass die Ingenieure offenbar doch einiges an Bedenken haben, was die Stabilität der alten Brücke angeht. „Wenn Sie 40 Tonnen meinen – dann ja“, antwortet Bernd Hölzgen, Chef des Landesbetriebs Mobilität (LBM) am Montag unumwunden auf eine entsprechende Frage von Mainz&. Die 80 Stützen seien aber ja ohnehin geplant gewesen, allerdings für die komplette Vorlandbrücke, betonte Hölzgen. Nun werden sich die 80 Stahlpfeiler aber auf einem Drittel der Fläche drängen – Stützenwald, in der Tat. Die Stützen würden nun flach gegründet, das gehe schneller, sagte Hölzgen weiter. Ihr erinnert Euch, wir hatten ja ausführlich die verschiedenen Formen der Pfeiler-Verankerung erklärt, was Ihr hier noch einmal nachlesen könnt. 😉

Und so ist nun die Bau-Reihenfolge: Als erstes wird der Pfeilerwald gebaut, danach wird der westliche Teil der alten Vorlandbrücke abgerissen – das ist von Mainz aus der Brückenteil, wo jetzt gerade das berühmte „Herzstück“ gebaut wird. Das Herzstück verbindet ja ab Sommer 2016 die neue Rheinbrücke mit dem weiteren Verlauf der Autobahn auf Mainzer Seite – und dieses Anschlussstück an das Herzstück wird samt Mitte der Vorlandbrücke nun ebenfalls neu gebaut. Dafür muss, wie gesagt, der alte Teil abgerissen werden, und zwar bis auf die alte, beschädigte Vorlandbrücke auf östlicher Seite. Schiersteiner Brücke - Baumaßnahme Vorlandbrücke Ost und West

- Werbung -
Werben auf Mainz&

Wir müssen gestehen, wir haben ja immer gedacht die Schiersteiner Brücke verläuft von Ost nach West – aber das stimmt gar nicht. Tatsächlich verläuft die Brücke von Nord nach Süd – damit ist der beschädigte Teil der Vorlandbrücke der Ostteil, der unbeschädigte Anschluss an das Herzstück der Westteil. Nur, dass wir das hier mal geklärt haben 😉

Nur eine Fahrspur pro Richtung in 2016

Der Verkehr muss also 2016 über das schmale östliche Stück Vorlandbrücke rollen, das dann von den 80 Hilfspfeilern gestützt wird. Platz wird auf diesem Stück Brücke aber wohl nur für zwei Fahrspuren sein – pro Fahrtrichtung steht dann gerade eine Spur zur Verfügung. Das Nadelöhr Schiersteiner Brücke wird also 2016 nicht besser – sondern erst einmal schlechter. Man werde sich in einer Simulation anschauen, wie der Verkehr sich dann verhalte, sagte Hölzgen. Nun, das können wir schon jetzt sagen: Es wird sich stauen – was sonst?

Interessant ist dabei, dass derzeit noch nicht wieder dieselbe Menge Pkws über die Schiersteiner rollt wie vor ihrer Sperrung: Morgens rollen derzeit rund 2.700 Pkw Richtung Wiesbaden, 2,400 Richtung Mainz – vor der Sperrung waren das 4.372 morgens nach Wiesbaden und 3.765 nach Mainz. Abends dann kommen derzeit rund 2.900 Fahrzeuge von Wiesbaden nach Mainz, 2.400 rollen in die Gegenrichtung – vorher waren das 4.051 aus Wiesbaden und 3.110 aus Mainz wieder raus. Die Schiersteiner Brücke ist also noch lange nicht bei ihrer alten Leistungsfähigkeit angelangt.

Verkehrsführung Schiersteiner Brücke Bau Vorlandbrücke

Noch 30 verirrte Lkw pro Tag vor den Brückenzufahrten

Immerhin könnten dann 2016 die Schikanen gegen schwere Lkws abgebaut werden, wenn die Brücke Ende 2015 wieder für Brummis freigegeben werden kann. Zumindest hier würde der Verkehr also wieder geradeaus fahren. Derzeit fahren sich übrigens noch immer pro Tag rund 30 Lkw in den Schikanen fest und müssen von der Polizei herausgelotst werden. Doch viel wird der Abbau der Schikanen nicht bringen: Die Geschwindigkeit wird auf der alten Brücke und in der S-Kurve zur neuen Rheinbrücke weiter nur 40 kmh betragen können.

Im Übrigen wird der ganze Aufwand mit dem Pfeilerwald nur für etwa ein halbes Jahr veranstaltet: Die Pfeiler werden nämlich ab Mitte 2016 zusammen mit der alten Vorlandbrücke wieder abgerissen. Trotzdem verteidigten Lewentz und Hölzgen den Aufwand: Es gebe nur Mehrkosten von einer bis zwei Millionen Euro, sagte Hölzgen.

Lewentz: Stützenwald auch für ein halbes Jahr „volkswirtschaftlich sinnvoll“

Die Verluste für Wirtschaft und Logistikunternehmen seien so groß, dass die Maßnahme „technisch, zeitlich und volkswirtschaftlich sinnvoll“ sei, betonte Lewentz. Die Wirtschaft wiederum verwies am Montag noch einmal auf ihre Verluste: Jeder Tag der Sperrung für Lkw koste die Unternehmen in der Region rund 100.000 Euro durch Umwege und Autobahnmaut, hieß es vonseiten der Industrie- und Handelskammern (IHK) in Mainz und Wiesbaden.

Grünbrücke über die A 643 Mainzer Sand
So soll die neue Grünbrücke über die A 643 im Mainzer Sand aussehen – Grafik: LBM

Und über die Freigabe erst Ende des Jahres für schwere Lkw jubelte man hier auch nicht gerade: Die Ankündigung der Öffnung zum Jahresende „schafft wenigstens eine vorläufige Planungssicherheit“, hieß es schammlippig. Nun müsse aber auch alles daran gesetzt werden, diese Frist auch einzuhalten, mahnten die Wirtschaftsvertreter.

Auch der Mainzer CDU-Verkehrsexperte Gerd Schreiner fand, die „Flickschusterei“ sei kein Grund zur Freude: Erst verschleppe die Landesregierung „eine vernünftige Neuplanung der Schiersteiner Brücke über Jahre“, dann verursache sie eine Vollsperrung mit Millionenkosten, „und jetzt feiert sich Herr Lewentz dafür, dass er seinen Planungsmurks durch einen teuren Stützenwald unter einer maroden Brücke in Teilen notdürftig grade biegt“, kritisierte Schreiner. Die Zeche würden am Ende Pendler, Unternehmen und die Steuerzahler zahlen.

Ausbau durch Mainzer Sand 32 Meter breit, 7 Meter mehr als derzeit

Ausbau A 643 durch Mainzer Sand - Grafik LBM
Querschnitt durch den künftigen Ausbau der A 643 im Mainzer Sand – Grafik: LBM

Ein Update gab es schließlich noch in Sachen Planungen des Ausbaus der A 543 durch den Mainzer Sand: Aus jetzt 25 Metern Fahrbahnbreite sollen künftig 32 Meter werden – die sechsspurige Autobahn wird also gerade einmal sieben Meter breiter. Man versuche, möglichst wenig Gelände des Mainzer Sands nutzen zu müssen, erklärte Hölzgen. Zum Teil soll das an den Böschungen mit Spitzwänden gelöst werden, allerdings gebe es Bereiche, da werde man in den Mainzer Sand hinein bauen müssen.

„Wir versuchen, möglichst schmal zu bleiben“, dafür sei etwa der Mittelstreifen reduziert worden, betonte Hölzgen. Ob das die Naturschützer von Klagen gegen das Bauprojekt abhält, ist ungewiss und nach bisherigen Aussagen unwahrscheinlich. Die Planungen für den A 643-Ausbau werden nun vorbereitet, das Planfeststellungsverfahren soll aber erst im Sommer 2016 eingeleitet werden. Fertig wird diese Baustelle also keinesfalls vor 2021…

2 KOMMENTARE

  1. Mir wird von alledem so dumm,
    als ging mir ein Mühlrad im Kopf herum.
    (Goethe, Faust)

    Ich fürchte, das ist noch lange nicht das Ende der Fahnenstange :-((

HINTERLASSEN SIE EINEN KOMMENTAR

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein