Sie gehört sicherlich zu den jüngsten Politikern, die je in das Amt einer Mainzer Dezernentin gekommen sind: Die Sozialdemokratin Jana Schmöller hat einen steilen Aufstieg hinter sich. Herbst 2022 SPD-Fraktionschefin im Mainzer Stadtrat, Anfang 2023 Chefin der Mainzer SPD – und seit Juni 2025 Mainzer Sozialdezernentin, mit gerade einmal 33 Jahren. Zuständig ist sie dort für Kitas und Jugendhilfe, für Soziales und Gesundheit, und bis Februar 2026 auch noch für die Schulen in Mainz. Mitte Oktober hatte Schmöller genau 100 Tage im neuen Amt absolviert, im Mainz&-Interview berichtet sie, was (ihr) die ersten 100 Tage gebracht haben. Ein Gespräch über Babyklappe, Sprachförderung, Bäume für Senioren und die Herausforderung Ganztags in Grundschulen.

Mainz&: Frau Schmöller, Mitte Oktober waren sie genau 100 Tage im Amt als neue Mainzer Sozialdezernentin, was ist das für ein Gefühl?

Die Mainzer SPD-Chefin Jana Schmöller bei ihrer Vereidigung im Mainzer Stadtrat durch OB Nino Haase (parteilos) am 25. Juni 2025. - Foto: gik
Die Mainzer SPD-Chefin Jana Schmöller bei ihrer Vereidigung im Mainzer Stadtrat durch OB Nino Haase (parteilos) am 25. Juni 2025. – Foto: gik

Schmöller: 100 Tage im Amt, das ist sowohl lang als auch kurz zugleich: sehr viele Sachen, sehr viele Termine oder auch Gespräche, die man führt. Und gleichzeitig gehen 100 Tage auch schnell vorbei – das ist dann auch Auftrag, die Zeit, die man hat, auch zu nutzen.

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Mainz&: Diese 100 Tage, das ist ja traditionell ein Schonfrist-Modus, eine Frist, um sich erst einmal einzuarbeiten. Geben Sie uns doch mal ein Überblick: Was ist bei Ihnen in der Zeit passiert? Was haben Sie alles gemacht? Was haben Sie tun können – oder auch nicht?

Schmöller: Ich habe am Anfang schon versucht klarzumachen, dass ich keine Schonfrist will. Ich will, dass man schon auch den Anspruch an mich stellen kann, ab Tag eins da zu sein. Und klar, das bedeutet, dass man am Anfang immer noch ganz viel lernen muss. Aber die Wahrheit ist: das ist auch in acht Jahren noch so.

Aber ich will schon vor allem mit den Menschen reden: was belastet die? Was ist der Alltag für die Menschen? Was treibt sie um? Das ist ja von Zielgruppe zu Zielgruppe, die wir hier im Dezernat haben, super unterschiedlich. Also wenn ich an die an die Jüngsten denke, wir haben den Still- und Wickelwegweiser auf den Weg gebracht, so etwas ganz Einfaches, was aber für Familien einen riesigen Unterschied macht, wenn sie in der Stadt unterwegs sind.

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Zusätzliche Sprachdeputate in Kitas, Ganztags in Grundschulen

Bei den Kitas haben wir die zusätzlichen Sprachdeputate mit dem Land in die Kitas implementiert, einfach um noch mal zu sagen: Sprachentwicklung ist super, super wichtig. Und klar haben wir auch Kitas eröffnet, aber das machen wir in Mainz ja ohnehin dauerhaft, das geht auch weiter. Und wenn ich dann noch mal ein paar Jahre weiter gucke, in die Schulen, die ja noch bis zum 10. Februar auch bei mir verortet sind, da ist mir auch wichtig, dass die nicht stiefmütterlich behandelt werden, weil die in einem halben Jahr dann bei einem anderen Dezenten sind. Sondern mir war wichtig zu sagen: Auch da läuft in diesem halben Jahr was.

Kita in Mainz-Zahlbach: Sprachförderung und Ganztagsbetreuung sind zentrale Aufgaben im Sozialdezernat. - Foto: gik
Kita in Mainz-Zahlbach: Sprachförderung und Ganztagsbetreuung sind zentrale Aufgaben im Sozialdezernat. – Foto: gik

Deshalb habe ich den Fokus noch einmal ganz extrem auf die Frage der Ganztagsförderung ab 2026 gelegt. Also das Bundesgesetz sieht ja vor, dass wir ab kommendem Schuljahr für die Erstklässler, und dann mit jedem weiteren Schuljahr in den darauf folgenden Klassen aufsteigend, eine Ganztagsförderung anbieten bis 16.00 Uhr. Und da, wo das nicht die Ganztagsschule tut, müssen wir von Seiten der Stadt eine Lösung finden. 2026, das ist gefühlt morgen! Familien und Kinder brauchen eine Zuverlässigkeit, was das angeht.

Natürlich werden wir an jeder Schule diesen Rechtsanspruch erfüllen, aber es ist ja die Frage der Ausgestaltung. Und da ist mir sehr wichtig, dass wir eben nicht nur schauen, was gibt die Schullandschaft gerade her, sondern dass wir da auch aktiv eingreifen. Klar, das Land ist da der erste Player, weil Schule Landessthema ist. Aber mir ist schon wichtig, dass es für alle Eltern und Kinder auch da eine Chancengerechtigkeit gibt, und dass nachher nicht der Straßenzug, in dem ich wohne, darüber entscheidet, habe ich ein kostenfreies Angebot oder habe ich ein kostenpflichtiges Angebot.

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Fünf Grundschulstandorte bislang ohne Ganztagsangebot

Mainz&: Wie viele Schulen betrifft das denn in Mainz, die bisher kein Ganztagsangebot haben?

Schmöller: Wir haben 22 Grundschulen in Mainz, davon sind jetzt neun Ganztagsschulen in Angebotsform, ab dem übernächsten Schuljahr werden das zehn sein, weil die Pestalozzi-Grundschule dann dazu kommt. Dann bleiben noch 12 Schulen, davon sind Stand jetzt sieben betreuende Grundschulen und fünf ganz ohne Angebot im Nachmittagsbereich. Die betreuende Grundschule kann Rechtsanspruchserfüllend sein, wenn diese acht Stunden auch abdeckt, also von 8.00-16.00 Uhr zum Beispiel. Da sind wir gerade im Gespräch mit den Betreuenden Grundschulen, also den Fördervereinen vor Ort, inwiefern sie das stemmen können und wollen.

An den fünf Grundschulstandorten, an denen es bis jetzt gar kein Angebot gibt, da gehen auf jeden Fall wir als Stadt rein und machen mit einem Träger der freien Jugendhilfe ein entsprechendes Angebot für den Nachmittag. Das betrifft die Grundschule an den Römersteinen, die Grundschule Feldgarten in Ebersheim, Schillerschule und Maler-Becker-Schule und die Eisgrubschule. Es wird an jeder Grundschule nachher ein Angebot geben, das können wir garantieren.

Sprachdeputate in Kitas: Wie Mainz Spracherwerb fördert

Mainz&: Sprachdeputate in den Kitas: was ist da jetzt neu?

Schmöller: Wir haben immer schon gesagt, dass Sprachförderung in Kitas besonders wichtig ist. Wir haben auch immer schon Erzieher-Spezialfachkräfte gehabt, die den Blick darauf haben, dass man Alltagsintegriert mit Kindern so arbeitet, dass Spracherwerb da ist. Aber das Land hat jetzt noch mal ein Förderprogramm aufgelegt, in dem Deputate finanziert werden. Und das macht natürlich einen großen Unterschied, einfach zum einen, weil diese Arbeit in Kitas noch mal sichtbarer wird, und weil wir natürlich auch finanziell entlastet werden vom Land. Und wir können auch noch mal überlegen: Wie kann man Kitas auch noch mal anders unterstützen?

Spracherwerb ist gerade im Kita-Alter für Kinder essentiell - nicht nur für Kinder mit Migrationshintergrund., - Foto: gik
Spracherwerb ist gerade im Kita-Alter für Kinder essentiell – nicht nur für Kinder mit Migrationshintergrund., – Foto: gik

Das Programm betrifft 17 Kitas, die an die Startchancenprogramm-Schulen gekoppelt sind. Uns entlastet das schon, weil wir jetzt für die Sprachförderkräfte, die wir ohnehin schon in den Kitas hatten, vom Land eine Gegenfinanzierung bekommen. Wir haben es sogar geschafft, dass wir mehr Sprachdeputate bekommen haben, als uns rechnerisch zustünden. Weil wir sagen: Wir brauchen Sprachförderung in jeder Kita. Diese Sprachdeputate machen fünf Stunden pro Woche pro Kita aus, damit wir unser Spielraum größer.

Mainz&: Aber die Erwartung ist ja eigentlich nicht, dass Mainz damit dann endlich mal Geld spart, sondern dass man noch mehr Sprachförderung in die Kitas bringt.

Schmöller: Naja, es gab im Stadtrat ja letztens die Debatte, es gäbe in unseren Kitas keine Sprachförderung und keine Sprachtests – das ist natürlich Quatsch. Wir haben über das Erhebungstool BasiK immer schon geschaut, wie gut sind die Kinder im Spracherwerb, wie altersgerecht sind sie dabei unterwegs? Die Kinder sollen inzwischen auch schon mit viereinhalb in die Eignungsprüfungen der Schuleingangstests gehen. Deshalb: Ja, wir merken früh genug, ob die Kinder tatsächlich den Spracherwerb haben, den sie brauchen, um in die Grundschule zu kommen. Wir merken auch, dass die Kinder in den Mainzer Kitas überdurchschnittlich abschneiden in diesen Tests, was den Spracherwerb angeht.

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Keine massenhaften Sitzenbleiber in Mainzer Grundschulen

Mainz&: Das heißt, Phänomene wie sie aus der Gräfenauschule in Ludwigshafen Schlagzeilen gemacht haben, dass also nahezu ein ganzer erster Schuljahrgang nicht versetzt wird – so etwas gibt es in Mainz nicht?

Schmöller: Nein, so etwas haben wir nicht. Wir haben tatsächlich auch gute Verzahnungsmechanismen, was den Übergang von der Kita in die Grundschule angeht. Also in der Mainzer Neustadt etwa bringt man die Kita-Kinder im Vorschulalter an einem Tag in der Woche schon mal in die Schule, damit die das Gebäude kennen lernen, also: Wo ist die Toilette? Wie trage ich ein Tablet in der Mensa? Das macht einen riesigen Unterschied. damit Kinder sich im ersten Schuljahr tatsächlich auf das Lernen konzentrieren können und nicht darauf, eine neue Umgebung kennen zu lernen.

Kinder im Mainzer Jugendmaskenzug als Sterntaler-App. - Foto: gik
Kinder im Mainzer Jugendmaskenzug als Sterntaler-App. – Foto: gik

Mainz&: Experten und Lehrer in den Schulen schlagen ja immer wieder Alarm: der Spracherwerb sei massiv zurückgegangen, also einfach die Beherrschung der deutschen Sprache.

Schmöller: Ja, das ist so. Ich will überhaupt nicht negieren, was da wahrgenommen wird, das ist ja eine Realität. Aber Fakt ist auch: die Ergebnisse aus den BasiK-Erhebungen stehen dem diametral entgegen – das sind ja wissenschaftlich begleitete Spracherhebungen, die fortlaufend durchgeführt werden. Wir haben für jedes Kind den klaren Fokus auf Entwicklungsgespräche, die aufzeigen, in welchen Situation es sich sprachlich wie verhält. Das wird Kindern viel gerechter und garantiert uns viel mehr, dass wir sehen, in welcher Qualität der Spracherwerb tatsächlich da ist.

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Mainzer Babyklappe: Nach langen Verhandlungen Lösung in Sicht

Mainz&: Thema Babyklappe: Im letzten Stadtrat hieß es ja, da sei eine Lösung in Sicht für das Angebot, das gerade beendet wurde – wie ist der Stand?

Schöller: Ich möchte als erstes sagen: Ich bedaure es total, dass wie an einen Punkt gekommen sind, an dem eine Babyklappe schließt, und es nicht sofort ein Modell gibt, das da andockt – weil wir natürlich jetzt einen Leerlauf hatten. Das waren über die Jahre hinweg nicht viele Kinder, die dort abgegeben wurden, aber nachher ist jedes Kind wichtig. Und auch jede Mutter, die anscheinend ja den Bedarf hatte, ihr Kind irgendwo hinzugeben, wo sie wusste, dass es da sicher ist. Es braucht eine Babyklappe auch in Mainz, wichtig ist deshalb jetzt, dass wir so schnell wie möglich eine Lösung finden.

Für ungewollte Babys und ihre Mütter gibt es wohl ab 2026 eine neue Babyklappe zur anonymen Abgabe von Kindern. - Foto: Peter Pulkowski
Für ungewollte Babys und ihre Mütter gibt es wohl ab 2026 eine neue Babyklappe zur anonymen Abgabe von Kindern. – Foto: Peter Pulkowski

Mainz&: Tatsächlich ist ja die Frage: braucht es wirklich eine Babyklappe in Mainz? Als die Babyklappen damals eingeführt wurden gab es vehemente Kritik von Sozialverbänden, weil das anonyme Weggeben das Kind jeglicher Möglichkeit beraubt, später einmal herauszufinden, wer denn eigentlich seine Eltern sind. Tatsache ist zudem ja auch, dass es heute sehr viel mehr Möglichkeiten gibt für Mütter – Stichwort anonyme Geburten.

Schmöller: Die anonyme Geburt ist sicher immer der bessere Weg, weil sie auch einen sehr sicheren Rahmen bietet, in dem sich die Mutter auch noch einmal umentscheiden kann. Es wird aber immer Fälle geben, in denen die anonyme Geburt nicht genutzt wird – entweder, weil die Geburt schon im Versteckten stattfindet, auch das gibt es einfach, oder weil man erst nach der Geburt merkt, dass die Situation anders ist, als man sie sich wünscht und vorgestellt hat.

Wenn es nur ein Kind ist, dass wir mit dieser Babyklappe irgendwie davor retten – und ich sage das mal sehr drastisch – irgendwo hingelegt zu werden, wo es im Zweifel erfriert oder verhungert, dann ist es mir die Babyklappe Wert. Und solange ich nicht ausschließen kann, dass das passiert, und das wird man leider nie ausschließen können, glaube ich, wir brauchen eine Babyklappe auch in Mainz.

Neue Babyklappe wird an der Mainzer Unimedizin installiert

Wir sind derzeit mit dem Sozialdienst Katholischer Frauen im Gespräch, die sich klar zu der Babyklappe bekennen und als Träger eigentlich weitermachen wollen. Aber die Nonnen im Bruder-Konrad-Stift sahen sich aus Altersgründen nicht mehr in der Lage, die Klappe zu betreuen. Wir hatte deshalb Gespräche sowohl mit der Universitätsmedizin als auch mit dem Katholischen Klinikum geführt – inzwischen wissen wir: Die Universitätsmedizin wird als neuer Standort in Frage kommen.

Seit inzwischen rund vier Monaten im Amt: Sozialdezernentin Jana Schmöller (SPD) im Mainz&-Interview. - Foto: gik
Seit inzwischen rund vier Monaten im Amt: Sozialdezernentin Jana Schmöller (SPD) im Mainz&-Interview. – Foto: gik

Die technische Umsetzung ist allerdings nicht einfach: Man muss den Standort sehr schnell von außen finden können, aber eben auch nicht so, dass ihn jeder einsehen kann. Man braucht ein technisch aufwändiges Gerät vor Ort, das bei kleinsten Gewichten ausschlägt, aber eben auch erst, wenn die Tür hinter der Frau wieder zu ist. Wir werden jetzt die technische Umsetzung zeitnah besichtigen und besprechen, ich bin überzeugt, dass wir zeitnah in 2026 wieder eine Babyklappe in Mainz haben werden. Wir werden die Frauen und den SKF nicht im Stich lassen.

Mainz&: Zu Ihrem Tätigkeitsbereich gehören jetzt Kitas, Soziales, Jugend, Familie, Senioren, Schule und Gesundheit – hat man da noch einen Überblick?

Schmöller: Ja, ich habe einen groben Überblick, aber man ist trotzdem erst einmal gut beraten, auf die Fachstimmen aus den Ämtern zu hören. Und ich muss sagen, das ist mir auch in den ersten 100 Tagen noch mal ganz extrem aufgefallen, wie viele fachkundige Menschen, die super engagiert an diesen Themen arbeiten, wir in den Ämtern haben. Das ist schon beeindruckend und auch beruhigend, das muss man ja mal ganz ehrlich sagen. Dieser Wunsch, diese Stadt positiv zu gestalten, den würde man bei jedem einzelnen hier finden. Aufgabe der Politik ist es dann, den Leuten auch den Freiraum zu geben, das auch tun zu können.

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„Habe familiäre Erfahrung mit Jugendamt, Obdachlosigkeit Drogen“

Mainz&: Sie haben ja gesagt, man lernt da ganz viel, wenn man mal vor die Tür geht und das reale Leben trifft – was haben Sie denn gelernt?

Schmöller: Ich muss erst mal sagen, das reale Leben kenne ich ja schon. Zum einen bin ich Mutter, das ist mal das Einfachste, was man von außen sieht. Aber ich habe durchaus auch familiäre Erfahrung damit, dass das Jugendamt bei einem zu Hause ist, wie es in Familien ist, wenn Obdachlosigkeit und Drogenmissbrauch auftreten. Also das sind Themen die sind mir sowieso sehr nah, und die prägen einen auch – man braucht in solchen Jobs ja auch ein Verständnis dafür: Für wen macht man das?

Mainz&: Kommt es da auch schon mal zu Konfrontationen?

Schmöller: Also, mich sprechen schon viele Leute an, aber bisher ist das alles sehr respektvoll, muss ich sagen. Natürlich kommt es vor, dass Sachen nachgefragt werden – aber dafür bin ich ja auch da. Mein Job ist ja nicht, hinter dem Schreibtisch zu sitzen und niemandem Rede und Antwort zu stehen. Das meiste sind ja legitime Nachfragen, und dass die Menschen Antworten wollen auf das, was sie umtreibt – also wenn Politik das nicht leisten kann, was denn dann? Ich sage den Leuten deshalb immer: sprecht mich an, auch, wenn Euch was aufstößt, oder Ihr das Gefühl habt, da verrennt sie sich gerade – dann sagt Bescheid.

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„Möchte Stadt seniorengerechter denken“

Mainz&: Und was hat die Dezernentin Jana Schmöller jetzt in den nächsten acht Jahren vor?

Schmöller:  Ich möchte die Stadt Seniorengerechter denken. Ein Beispiel ist die Förderrichtlinie zum Wohnen ab 65 Jahre im Eigentum, bei der Projekte gefördert werden, wenn man das Haus klimatologisch ertüchtigen möchte. Also, ich habe etwa ein eigenes Häuschen, bin über 65 und würde gerne, weil ich merke die Sommer werden heißer und heißer, noch mal einen Baum in den Garten pflanzen – dann fördern wir das jetzt ab sofort, und zwar über die soziale Wohnraumförderung.

Mainz&: Nun ist das Problem der Hitze ja meistens nicht mit einem Baum getan, da geht es ja meistens eher um Dämmung oder eine Klimaanlage, also den teureren Problemen…

Mehr Bäume gegen die wachsende Hitze: Sozialdezernentin Jana Schmöller (SPD) will Bäume für Gärten finanzieren. - Foto: gik
Mehr Bäume gegen die wachsende Hitze: Sozialdezernentin Jana Schmöller (SPD) will Bäume für Gärten finanzieren. – Foto: gik

Schmöller: Wir haben uns angeschaut: Wir haben mit der Fehlbelegungsabgabe bei Wohnungen rund 1,94 Millionen Euro eingenommen, was können wir damit im Kleinen tun? Wir können mit einem solchen Topf keinen neuen Pelletofen fördern oder neue Fenster, aber eben den Baum im Garten für mehr Schatten. Das ist nicht die große, energetische Sanierung, aber es ist doch trotzdem schön, wenn Leute auch das machen können.

Ich finde das hat auch viel mit Respekt zu tun: Da hat sich eine Generation ja auch was aufgebaut, da will ich doch, dass die irgendwie gut in ihrem Häuschen wohnen können, auch wenn es nur eine kleine Witwenrente gibt. Es gibt ja immer so ein bisschen die Mär vom Eigentum als Reichtum, aber man muss ja mal ganz ehrlich sagen: Oft sind das keine Leute, die in Geld schwimmen. Aber sie haben in dieser Stadt jahrelang dafür gesorgt, dass die Stadt aufgebaut wird, dass es läuft, und dass wir hier heute wirklich gut in Mainz leben können.

Mainz ist eine sehr reiche Stadt, wenn man rausgeht, man trifft immer Leute, die Feste sind voll. Und man kann sich gar nicht vorstellen, dass nicht ganz Mainz hier unterwegs ist – aber die Wahrheit ist: Es ist nicht ganz Mainz, und die, die es nicht sind, die sehen wir dann nicht mehr. Wir reden uns immer ein: Es sind alle da, aber das ist nicht so. Ich möchte, dass wir uns noch mal das Thema Altersarmut angucken, weil das super Scham-besetzt ist. Ich glaube, es ist schon auch Aufgabe von Stadt und Stadtgemeinschaft zu schauen: Wie kann ich denn Begegnungsräume schaffen? Und wenn es nur der Euro für einen Kaffee ist, den ich dort nicht bezahlen muss, dass ich einfach nur vorbeikommen und reden kann.

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Bessere Netzwerke für Senioren, Mietenstrategie bei der Wohnbau

Also: Wie kann ich Netzwerke unterstützen, damit Seniorinnen und Senioren auch das Gefühl haben, sie können zu dem Fest in der Stadt überhaupt erst mal hinkommen? Solche Fragen betreffen viele Bereiche, die nicht nur meinem Dezernat liegen, aber dafür mal den Anstoß zu geben, das wäre mir sehr wichtig. Wir haben so ein kulturell reiches Leben in Mainz, und ich will, dass alle daran teilhaben können.

Nicht jeder Spielplatz in Mainz ist schon ein attraktiver Anziehungspunkt. - Foto: gik
Nicht jeder Spielplatz in Mainz ist schon ein attraktiver Anziehungspunkt. – Foto: gik

Mir ist auch wirklich wichtig, dass wir im Bereich Partizipation und Kinderrechte nie nachlassen. Wir haben in Mainz eine tolle Jugendbeteiligung aufgebaut, aber ich glaube schon, dass wir an manchen Stellen bei Stadtplanungsprojekten noch mehr tun müssen, Kinder und Jugendliche mitzudenken. Ja, wir denken heute bei neuen Stadtquartieren den Spielplatz mit, aber ist das alles, was Kinder und Jugendliche brauchen? Wie müsste der Straßenverkehr aus ihrer Sicht laufen? Welche Grünflächen gibt es und welche Treffpunkte? Und warum fährt denn der Bus da jetzt nicht? Ich glaube, dass Jugendliche ein sehr guter Spiegel dafür sein können, wie man eine Stadt gestaltet. Und deshalb glaube ich, bei Partizipation kann immer noch mehr rauskommen.

Mainz&: Apropos Teilhabe – da wären wir beim Thema bezahlbares Wohnen…

Schmöller: Ich habe ja auch den Aufsichtsratsvorsitz der Wohnbau inne, und mir ist wichtig, dass wir über das Thema, wie kann ich bezahlbar in Mainz wohnen, nie aufhören nachzudenken. Wir haben über den Sommer wirklich hart gerungen, was die Mietenstrategie anging. Wir haben über den Sommer gemeinsam mit der Wohnbau das Konzept erarbeitet mit der maximalen Mieterhöhung von 3,5 Prozent in 15 Monaten. Damit macht die Wohnbau weniger geltend, als sie gesetzlich dürfte, und das ist mir wichtig.

Klar bin ich dafür zuständig, dass die Wohnbau wirtschaftlich so stark aufgestellt ist, dass sie immer existent bleibt, weil es ohne sie im Wohnungsmarkt sehr ungemütlich würde. Aber trotzdem will ich, dass die Wohnbau auch ihrer Verpflichtung nachkommt, eben sozialverträglich zu bauen und Wohnraum anzubieten. Und dazu gehört auch, dass, wenn wir merken, sie braucht nicht die 4 Prozent Anhebung, dass wir dann auch weniger machen – und dass man immer schaut, wie kann man den Spielraum für die Mieter ausreizen.

Mainz&: Frau Schmöller, vielen Dank für das Gespräch!

Info& auf Mainz&: Mehr zur neuen Mainzer Sozialdezernentin könnt Ihr auch noch einmal hier bei Mainz& nachlesen.

Jana Schmöller zur neuen Sozialdezernentin für Mainz gewählt – Sozialdemokratin tritt Nachfolge von Eckart Lensch an