Wenn das ehrwürdige Kurfürstliche Schloss zu Mainz im Trommelklang erbebt, dann feiert die älteste Mainzer Garde Fassenacht. Am Sonntagabend lud die Mainzer Ranzengarde traditionsgemäß zur letzten Sitzung der Kampagne, und Hunderte Narren feierten eine nicht enden wollende Hommage an Mainz und das große Fest der Mainzer Narretei. „Dann rockt bei uns der Schillerplatz, und es wackelt auch der Dom“, singt Oli Mager, „und unsere Stadt steht unter Strom.“ Wie wahr: Es wurde eine ganz besondere Sitzung, in der sich die Fastnacht selbst feierte.

Finale bei der Mainzer Ranzengarde: Die Saalfastnacht 2026 ist Geschichte, jetzt geht es auf die Gass. - Foto: gik
Finale bei der Mainzer Ranzengarde: Die Saalfastnacht 2026 ist Geschichte, jetzt geht es auf die Gass. – Foto: gik

Das Schloss auf den letzten Platz gefüllt, die Emporen ebenso – es ist das große Finale der Meenzer Saalfastnacht. Am nächsten Morgen wird ab 11.11 Uhr der Rosenmontagszug durch die Gassen rollen, doch hier, an diesem Abend, wird sie noch einmal zelebriert: Die Fassenacht in Meenz mit Reden, Klängen – und natürlich mit dem Herz der Fastnacht: Den Garden wird traditionell an diesem Abend viel Raum eingeräumt, denn es feiert die „Mutter aller Garden“ – die Mainzer Ranzengarde.

Gegründet 1838 als Parodie auf die „Langen Kerls“ von Preußenkönig Friedrich dem Großen, veranstaltete ihr der Gründer Johann Maria Kertell an jenem Fastnachtssonntag des Jahres zum ersten Mal einen närrischen Umzug durch Mainz: „Beeindruckende 37 Mann stark, überwiegend brave Handwerker, aber auch Geschäftsleute“, vermerkt die Chronik – es war der Urknall des Mainzer Rosenmontagszuges. Und so ist es nur folgerichtige Tradition, dass die Mainzer Ranzengarde an Fastnachtssonntag jeweils ihre letzte, und vielleicht auch schönste Prunksitzung feiert.

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Hymnen auf Mainz, das Leben und den Geist der Fastnacht

Es fängt an – mit Kölschen Tönen. Ja, richtig gelesen: Das Eröffnungsspiel der Ehrengardisten um Chefin Marie Luise Thüne entführt in diesem Jahr in die Kölner Narren-Geschwisterstadt und rockt mit kölschen Karnevalshits binnen Minuten den Saal – närrisches Dreigestirn inklusive. „Kölle goes Meenz“ hieß vor Jahren eine erfolgreiche Ko-Produktion der beiden Städte, nun schlagen die Ehrengardisten musikalisch eine Brücke in die große Narrenhochburg ein Stück den Rhein hinunter.

Grandiose Feier der Narretei: Auch die Mainzer Klinik Athleten wurden mit ihren Pyramiden begeistert gefeiert. - Foto: gik
Grandiose Feier der Narretei: Auch die Mainzer Klinik Athleten wurden mit ihren Pyramiden begeistert gefeiert. – Foto: gik

Völkerverständigung, so könnte man sagen, wird an diesem Abend groß geschrieben: „Ignaz“ Markus Schönberg widmet eine Hymne den Meenzern rechts des Rheins, und entzückt mit seinem Liebeslied auf Weck, Worscht und Woi sowie der Rettung des Marktfrühstücks derart, dass ihn der Saal gar nicht mehr von der Bühne lassen will. Damit ist der Ton des Abends gesetzt: Hier feiert eine große Narrenfamilie das Fest der Feste als Trösterin und einigende Klammer.

„Dann, getanzt, gesagt, gesungen, dringt der Geist der Fassenacht, zu den Alten und den Jungen – das ist Mainz wie’s singt und lacht“, proklamiert der „Bajazz“ von der Bühne. Und der Geist der Fastnacht, er weht stark durch die Hallen. Da setzen die „Bänkelsänger“ ihre gereimten Spitzen musikalisch unbeirrt gegen Epstein-Follower und die „Langen Kerls“ von den Regierungsbänken, und haben die passende Zugabe gleich selbst im Gepäck: „Uiuiuiui, auauauau“ singt der Saal, man hat Zeit an diesem Abend, niemand hetzt die Redner, niemand unterbindet Zugaben.

 

Eisbären mit viel Liebe, Pusteblume für die Bundeswehr

So haben die „Eisbären“ Zeit für ihre komplette Fastnachts-Revue samt Big Band Sound von den Kasteler Musikanten, die das Großes Gardemusikcorps der Mainzer Ranzengarde stellen, und denen der diesjährige Kampagnenorden der Ranzengarde gewidmet ist. Der Eisbär-Kreppel aus der Fastnachtsbäckerei ist natürlich mit viel Liebe gefüllt, und „Verliebt in die Eisbären“ ist ohnehin der ganze Saal. Von den fantastischen Pyramiden der Mainzer Klinik Athleten, die in diesem Jahr als Rockergang daher kommen, bekommt auch keiner genug – es ist ein Augenschmaus, ebenso wie die zauberhaften Bienen Majas der „Shining Motions“.

Protokoller mit Fußball: Gunther Raupach. - Foto: gik
Protokoller mit Fußball: Gunther Raupach. – Foto: gik

Doch der Saal kann nicht nur ausgelassen feiern und aus Hunderten Kehlen mitsingen – wenn die politischen Redner in der Bütt stehen, wird es auf einmal mucksmäuschenstill. Andächtig lauschen die Narren dem Protokoll von Gunther Raupach ebenso wie den scharfsinnigen Analysen des „Deutschen Michels“ Bernhard Knab. Ohrenbetäubender Beifall belohnt die Narren, wenn sie den Zuhörern aus der Seele sprechen, und das tun sie oft: „Es wird nach links und rechts gespielt, aber niemand in die Mitte zielt“, klagt etwa Raupach, und warnt: „Diese Politik macht nur die Rechten stark.“

Manche einem Redner hört man an, dass es das Ende der Kampagne ist – Bernhard Knab hat kaum noch Stimme, und seine blinkende Brille kämpft auch auf der letzten Batterie, es ficht ihn nicht an: Mit voller Power und großer Spielfreude hält der Narr den Großen noch ein letztes Mal den Narrenspiegel vor, gefeiert mit Ovationen durch den Saal. Apropos Spielfreude: Johannes, Junior aus dem Hause Pschierer, lästert sich durch Bundeswehr und Generation Z – wir sagen nur: Pusteblume! – und tröstet: „Im Notfall können wir uns bei der Helga verstecken.“

 

Frecher Junior, Sätze für die Ewigkeit vom Senior: Familie Pschierer

Der Junior spielt gekonnt mit dem Publikum, ist respektlos, frech und frisch – und hat doch auch die Moral im Gepäck: „Statt Bomben Bombenstimmung machen, statt Kämpfen das Leben genießen, und höchstens mit Konfetti schießen“, wünscht er sich – da zeigt sich die Schule des Herrn Papa. Der steht kurz darauf als „Bajazz“ in der Bütt und zeigt, was politisch-literarische Fastnacht in Meisterschaft bedeutet: Fein gereimte Reime, zielsicher gesetzte Spitzen, die weder Freund noch Feind verschonen – und Orientierung geben.

Weisheiten eines Altmeisters: René Pschierer als Bajazz. - Foto: gik
Weisheiten eines Altmeisters: René Pschierer als Bajazz. – Foto: gik

„Vielleicht kann in diesen Tagen, Fastnacht Orientierung sein“, gibt der „Bajazz“ zu bedenken: „Dass wir neu zu hoffen wagen, in den Garden, den Vereinen, wo sich alt und jung verbindet, voller Kreativität, Und sich immer neu erfindet, Sieht man doch, was alles geht! Bringt die Vielfalt unserer Fastnacht in das Alltagsleben ein, dass Gemeinschaft wieder Spaß macht – wie schön könnte Deutschland sein!“

Das sind Sätze, die auch lange nach Aschermittwoch noch nachhallen können, aber erst einmal gilt es ja noch, die Fastnacht auf ihrem Höhepunkt zu zelebrieren, noch einmal einzusaugen, was sie ausmacht. „An Rosenmontag hab ich dir mein Herz geschenkt“, singen „Handkäs und sei Mussig“, und man taumelt mit der Band von Wiesmann Junior auf der Suche nach der „Fee von letzter Nacht“ durchs Fassenachtsgetümmel.

Familie Wiesmann on stage: Narretei in Reinkultur

Den Altrheinstromern wurde der Strom geklaut, doch auch das macht jetzt nichts mehr, beginnt die Nummer halt ein bisschen später – wen stört`s? Das hier ist ein Familientreffen im wahrsten Sonne des Wortes. „Es ist mir ja fast schon peinlich, aber wir machen’s wie jedes Jahr: Ihr kennt den Vortrag nicht“, sagt Jürgen Wiesmann: „Die 4,4 Millionen Zuschauer – das wart nicht Ihr!“ Sein Ernst Lustig“ war einer der Abräumer bei der großen Fernsehsitzung „Mainz bleib Mainz“ vor zwei Tagen, jetzt steht Wiesmann auf gleicher Bühne und fragt sich: Können die da unten überhaupt noch drüber lachen?

Familientreffen on stage: Jürgen Wiesmann als "Ernst Lustig" rechts, seine Frau Sabine als musikalische Leiterin der Band links. - Foto: gik
Familientreffen on stage: Jürgen Wiesmann als „Ernst Lustig“ rechts, seine Frau Sabine als musikalische Leiterin der Band links. – Foto: gik

Sie können – und wie. Schuld daran ist indes nicht einmal der grandiose Kokolores mit virtuellem Hund Söder und den Weisheiten des Ernst Lustig – es ist die Komik, die den Vortragenden selbst einholt. Denn neben ihm auf der Bühne steht wenige Meter weiter niemand anderes als seine Frau Sabine Wiesmann – als musikalische Leiterin der Kasteler Musikanten.

Und die muss neutrale Miene bewahren, wenn ihr Mann kabarettistisch über ihre Ehe herzieht – „tut mir ja Leid“ sagt der mit einem Seitenblick nach Rechts, und dann gibt es kein Halten mehr: Der Saal kringelt sich vor Lachen über das doppelte Kabinettsstückchen auf der Bühne, und auch die Akteure selbst müssen prusten. „Nächstes Jahr machen wir ein Zwiegespräch“, sagt Wiesmann zu seiner Frau – und der Saal johlt.

Tanznummer des Komitees und das tolerante Narrenreich

Da legt dann sogar das Komitee eine ausgelassene Tanznummer auf das Bühnenparkett zum Tanzsong von Oli Mager – das Video dazu findet Ihr hier -,  und der verneigt sich begeistert vor den überhaupt nicht mehr steifen Herren des Komitee. Die Narren sind wahrhaft los, das Konfetti ist nicht mehr zu halten – der Rausch der Narrenfreiheit ist auf dem Höhepunkt. „Ich freu mich so-o, wenn wir zusammensteh’n und wieder feiern“, singt der Oli Mager: „Da rockt bei uns der Schillerplatz, da wackelt auch der Dom – und unsre Stadt steht unter Strom!“

Morgen, nein heute, geht’s auf die Gass‘, und die Mainzer Ranzengarde wird wie eh und je den großen Narrenumzug eröffnen. Dann wird mit Konfetti geschossen, und es liegt sich in den Armen, wer von fern und nah kommt. Wie sagte doch der Protokoller: „Ob Jude, Moslem oder Christ, ein jeder hier willkommen ist. Ein jeder Mensch, wer es auch sei, hat Anspruch auf die Narretei. Drum bauen wir heut, den Sternen gleich, ein tolerantes Narrenreich. Bedenke dies, dann seid Ihr schlau – das war’s von mir, Adieu, Helau!“

Info& auf Mainz&: Was Euch auf dem 122. Mainzer Rosenmontagszug erwartet, das lest ihr hier bei Mainz&. Und klar! Unsere Fotogalerie: