Einen Monat nach dem verheerenden Brand des Flüchtlingslagers Moria auf der griechischen Insel Lesbos hat sich die Lage der Menschen dort kaum verbessert: „Das Entsetzen ist kaum in Worte zu fassen“, berichtete die Mainzerin Ulla Brede-Hoffmann nach ihrem Besuch aus Lesbos: Die hygienischen Zustände seien katastrophal, Essen und Trinken knapp, die Menschen traumatisiert. Derweil stockt die Aufnahme von Flüchtlingen: Aus Lesbos kam seit dem Brand kein einziger Flüchtling nach Rheinland-Pfalz.

Das Flüchtlingslager Moria nach dem verheerenden Brand am 9. September. - Foto: Trabert
Das Flüchtlingslager Moria nach dem verheerenden Brand am 9. September. – Foto: Trabert

In der Nacht zum 9. September hatte ein verheerendes Feuer das große Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos völlig zerstört, 13.000 Flüchtlinge wurden obdachlos. Tausende Menschen mussten danach auf der Straße campieren, die Menschen schliefen zum Teil auf bloßem Asphalt, es fehlte an Essen, Wasser und dem Nötigsten. Hilfsorganisationen und auch der Mainzer Arzt Gerhard Trabert richteten eindringliche Appelle an die Politik, den Menschen müsse sofort geholfen, die menschenunwürdigen Zustände umgehend beendet werden. Trabert forderte die umgehende Evakuierung aller Flüchtlinge aus dem seit Jahren hoffnungslos überfüllten Lager Moria, in Mainz demonstrierten spontan rund 600 Mainzer für die Aufnahme von Flüchtlingen und riefen: „Wir haben Platz!“

Geschehen ist seither in Sachen Flüchtlingsaufnahme so gut wie nichts. Das Land Rheinland-Pfalz hatte sich zur Aufnahme von 250 Flüchtlingen bereit erklärt, gekommen ist fast einen Monat danach noch niemand. Das Land nahm zwar bereits sieben Familien mit behandlungsbedürftigen Kindern aus Griechenland auf – insgesamt 33 Personen -, doch die kamen bereits im Juli, vor dem Brand von Moria. Nach aktuellem Stand sollten am Mittwoch weitere drei Familien mit 12 Personen nach Rheinland-Pfalz kommen, weitere 21 Menschen werden noch erwartet.

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Nach der Zerstörung von Moria mussten Tausende in Freien campieren. - Foto: Trabert
Nach der Zerstörung von Moria mussten Tausende in Freien campieren. – Foto: Trabert

Aus Lesbos und speziell aus Moria kamen hingegen noch gar keine Flüchtlinge nach Rheinland-Pfalz, am 7. Oktober sollte eigentlich eine Gruppe unbegleiteter Minderjähriger aus Moria ausgeflogen werden. Der Transport sei aber kurzfristig wegen einer Corona-Infektion abgesagt worden, teilte das Mainzer Integrationsministerium auf Mainz&-Anfrage mit. Rheinland-Pfalz soll aus der Gruppe der 150 sogenannten UMAs voraussichtlich sechs aufnehmen. Für den Transfer von weiteren 1.553 anerkannten Flüchtlingen aus Griechenland ist der erste Flug für den 12. Oktober geplant. Rheinland-Pfalz würde davon nach dem Königsteiner Schlüssel 76 Flüchtlinge bekommen, wann diese kommen, ist noch unklar.

Derweil berichten Helfer von katastrophalen Zuständen auch in dem inzwischen neu errichteten Flüchtlingslager Kara Tepe. „Ich war in diesem Lager und ich stand auf der verbrannten Erde von Camp Moria“, berichtet Behrouz Asadi, Leiter des Migrationsbüros der Malteser in Rheinland-Pfalz. Asadi hatte gemeinsam mit der langjährigen Mainzer Landtagsabgeordneten Ulla Brede-Hoffmann (SPD) Ende September einen Transport mit Hilfsgütern nach Lesbos gebracht, darunter 25.000 Masken, aber auch Medikamente, Decken und andere Hilfsmittel.

Das neue Flüchtlingslager Kara Tepe auf Lesbos. - Foto: Asadi
Das neue Flüchtlingslager Kara Tepe auf Lesbos. – Foto: Asadi

Brede-Hoffmann berichtete nun auf Facebook entsetzt von den Zuständen auf Lesbos, auch in dem neuen Lager: Die Menschen, die das Feuer von Moria überlebt hätten, hätten oft nicht mehr als die Kleider auf ihrem Leib, „manche auch ohne Schuhe“, schreibt Brede-Hoffmann. Die Menschen seien „alle traumatisiert“, in dem neuen Lager herrschten „drangvollste Enge, kein einziger Schattenplatz.“ Es gebe keine Duschen, Wasser nur aus Lkw-Tanks, die Chemietoiletten würden viel zu selten entleert.

Die Zelte von Kara Tepe stehen auf bloßer Erde, wie Bilder und Videos zeigen, es gibt weder ordentliche Straßen noch Schatten oder irgendwelches Grün. „Staub und Dreck wohin man sich dreht, Warteschlangen fürs Essen, für die Beantwortung von Fragen, für einfach alles“, schreibt die Mainzerin entsetzt. Es gebe keine sonstige Infrastruktur, geschweige denn eine Schule, medizinische Hilfe gebe es „nur soweit die auch völlig überforderten NGOs dazu in der Lage sind.“ Sie empfinde Scham, aber auch „eine große Wut über das europäische Versagen“, sagte Brede-Hoffmann: Warum sei Europa nicht in der Lage, die Flüchtlinge menschenwürdig unterzubringen?

Kein Schatten, keine Infrastruktur: das neue Flüchtlingslager Kara Tepe auf Lesbos. - Foto: Asadi
Kein Schatten, keine Infrastruktur: das neue Flüchtlingslager Kara Tepe auf Lesbos. – Foto: Asadi

„Die Fotos, die die Verzweiflung dieser Tage und Nächte nicht hart genug wieder geben, sollen dennoch schreien: Holt sie alle heraus aus diesem Wahnsinn und gebt jedem dieser Leben wieder die Chance einer Lebensperspektive! Um der puren Menschlichkeit Willen“, schreibt Brede-Hoffmann weiter. Die Verteilung von Spenden sei kompliziert, teilweise seien ihre Spenden sogar von einer Hilfsorganisation abgelehnt worden – obwohl die Menschen sie dringend bräuchten, berichtete Brede-Hoffmann. Letztlich habe man ein kleines Krankenhaus und einen jungen syrischen Arzt mit den Sachspenden erfreuen können.

Hilfstransport der Malteser aus Mainz für Lesbos mit Behrouz Asadi (ganz links) und Ulla Brede-Hoffmann (Mitte). - Foto: Asadi
Hilfstransport der Malteser aus Mainz für Lesbos mit Behrouz Asadi (ganz links) und Ulla Brede-Hoffmann (Mitte). – Foto: Asadi

Das Lager Kara Tepe ist nach Angaben Asadis für 9.000 Menschen konzipiert und besteht aus 1.000 Zelten, in denen jeweils zwei Familien mit vier bis fünf Personen oder bis zu neun Einzelpersonen lebten. „Die Männer gehen sich im Meer waschen, die Frauen und Kinder haben keine Möglichkeit sich zu waschen“, berichtete Asadi. Er befürchte nun, dass auch Kata Tepe eine Dauereinrichtung werde, sagte Asadi, und forderte: „Europa muss ein Zeichen setzen, und die Menschen gerecht in Europa aufnehmen.“ Besonders Kinder und Minderjährige ohne Eltern sowie Corona-Infizierte bräuchten dringend Hilfe.

„Die aktuelle Situation zerstört die Geflüchteten und führt längerfristig zu einer ganzen Generation an posttraumatisch kranken Menschen“, warnte Asadi – die aber würden dann „nicht mehr die Fähigkeit besitzen“, sich aktiv in die jeweiligen Aufnahmegesellschaft zu integrieren.

Info& auf Mainz&: Auch der Mainzer Arzt Gerhard Trabert hatte live von seinem Besuch auf Lesbos nach dem Brand von Moria berichtet, seinen Bericht findet ihr hier auf Mainz&. Mehr zum Brand von Moria lest Ihr hier auf Mainz&, über die Mainzer Demo haben wir hier berichtet.

 

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