Die Bundesregierung hat die Priorisierung für Impfungen mit AstraZeneca ab sofort komplett aufgehoben. Damit kann sich nun jeder unabhängig von Alter oder Vorerkrankung mit AstraZeneca impfen lassen – Voraussetzung: die Impfung erfolgt in einer Arztpraxis. Hintergrund ist, dass sich viele Menschen zuletzt nicht mehr mit AstraZeneca impfen lassen wollten, weil die Spanne bis zur Zweitimpfung bei Astra deutlich länger ist als bei Biontech. Lockerungen für zweifach Geimpfte sowie für Genesene könnte es schon ab dem Wochenende bei Ausgangsbeschränkung und Treffen mit Freunden geben.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU): AstraZeneca ab sofort für alle frei. - Foto: gik
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU): AstraZeneca ab sofort für alle frei. – Foto: gik

„Wir haben heute entschieden, die Priorisierung mit AstraZeneca völlig aufzuheben“, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Donnerstagabend überraschend in Berlin. „Wir wollen das in die Hände der Ärzte geben, dass sie selbst mit dem Impfling gemeinsam entscheiden“, sagte Spahn weiter. Ziel sei, den Impfstoff von AstraZeneca „möglichst schnell zur Verimpfung zu bringen.“ Damit kann sich nun jeder Impfwillige unabhängig von Alter oder Vorerkrankung mit AstraZeneca impfen lassen, bisher waren die Ärzte an die Priorisierungsreihenfolge gebunden.

Hintergrund sind zum einen die Debatten um schwere Sinusvenenthrombosen im Hirn, die in Zusammenhang mit Impfungen mit AstraZeneca aufgetreten haben – aber auch die Debatte über die Lockerungen der Corona-Regeln für Geimpfte: Es gebe zunehmende wissenschaftliche Belege dafür, dass von Geimpften und Genesenen eine erheblich geringere Ansteckungsgefahr ausgehe, teilte die Bundesregierung mit – das Robert-Koch-Institut hatte jüngst entsprechende Untersuchungen bestätigt. Danach sind doppelt Geimpfte nicht nur weitgehend gegen das Coronavirus immun, sondern können die Viren auch so gut wie nicht mehr weiterverbreiten. Damit aber entfällt für die Regierungen  auch die Begründung, diesen Menschen weiter die scharfen Beschränkungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie aufbürden zu dürfen – es geht schlicht um die Rückgabe von Grundrechten.

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AstraZeneca für alle: Die Priorisierung ist ab sofort für diesen Impfstoff aufgehoben. - Foto: AstraZeneca
AstraZeneca für alle: Die Priorisierung ist ab sofort für diesen Impfstoff aufgehoben. – Foto: AstraZeneca

Wer das Virus nicht mehr weiterverbreiten kann, darf in seinen Grundrechten nicht länger eingeschränkt werden, betonten Juristen in den vergangenen Tagen wiederholt, und kritisierten: Mit „Privilegien für Geimpfte“ habe das nichts zu tun. Die Politik stand nun aber vor dem schwierigen Spagat, doppelt Geimpften sowie von der Krankheit Covid-19-Genesenen ihre Grundrechte zurückgeben zu müssen, während gleichzeitig aber ein Großteil der Bevölkerung noch gar keine Chance hatte, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen.

In Deutschland waren am Donnerstag insgesamt 30,6 Prozent der Bevölkerung zum ersten Mal geimpft, allerdings nur 8,6 Prozent vollständig – immerhin rund 7,14 Millionen Menschen. In Rheinland-Pfalz sind inzwischen laut Impfmonitor des RKI 29.8 Prozent der Bevölkerung zum ersten Mal geimpft, das Land liegt damit im bundesweiten Vergleich auf Rang 11 – hinter Hessen. Bei den Zweitimpfungen hat Rheinland-Pfalz inzwischen aufgeholt und liegt nun mit 9,9 Prozent auf Platz sechs.

Für diese zweifach geimpften Personen sowie für alle, die eine Covid-19-Erkrankung überstanden haben, sollen nun aber Lockerungen gelten – stimmt am Freitag der Bundesrat zu, sogar schon ab dem Wochenende. Danach würden Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen nicht mehr für Geimpfte und Genesene gelten, bei privaten Zusammenkünften würden dann geimpfte und genesene Personen nicht mehr mitgezählt. Auch nächtliche Ausgangsbeschränkungen entfallen für diese Personengruppen. Auch müssen diese Personen dann etwa keinen negativen Coronatest mehr vorweisen, wenn sie zum Friseur gehen oder Einkaufen wollen, Maskenpflichten oder Abstandsgebote müssen trotzdem eingehalten werden.

Blieb immer öfter liegen: der Impfstoff von AstraZeneca. - Foto: AstraZeneca
Blieb immer öfter liegen: der Impfstoff von AstraZeneca. – Foto: AstraZeneca

In den vergangenen Tagen hatten Impfzentren zunehmend gemeldet, dass Impfwillige ihre Termine mit AstraZeneca absagten oder gar nicht erst erschienen – offenbar auch, weil die Spanne zur Zweitimpfung bei AstraZeneca deutlich länger ist als etwa bei dem Impfstoff mit BionTech. Hintergrund ist offenbar die Debatte um die Freigabe von Rechten für Vollständig Geimpfte: Weil hier Lockerungen bis hin zu Urlaub winken, suchen viele nun nach einer Impfung mit Biontech, weil dort die Spanne zur zweiten Impfung nur rund vier Wochen beträgt anstatt 12 Wochen wie bei AstraZeneca.

Geimpfte müssen einen Nachweis für einen vollständigen Impfschutz vorlegen – etwa den den gelben Impfpass. Seit der letzten erforderlichen Einzelimpfung müssen zudem mindestens 14 Tage vergangen sein. Genesene benötigen den Nachweis für einen positiven PCR-Test, der mindestens 28 Tage und maximal sechs Monate zurückliegt. In den rheinland-pfälzischen Pflegeheimen gelten inzwischen auch wieder erste Lockerungen für Geimpfte, sie dürfen nun zum Beispiel wieder gemeinsam Essen oder Spielen, auch mit externen Besuchern. Dazu hatten in den vergangenen Tagen mehrere Bundesländer angekündigt, auch Reisen und Urlaub mit Übernachtungen schon ab Pfingsten wieder zu ermöglichen – und das vorrangig für Geimpfte.

Impfung als Weg in die Freiheit: Ab dem Wochenende gelten wohl schon Lockerungen für zweifach Geimpfte. - Foto: Foto: BKK Mobil Oil/Sven Hoppe, Thinkstock
Impfung als Weg in die Freiheit: Ab dem Wochenende gelten wohl schon Lockerungen für zweifach Geimpfte. – Foto: BKK Mobil Oil/Sven Hoppe, Thinkstock

Gerade die Debatte um Urlaubsmöglichkeiten für Geimpfte aber hatte erhebliche Folgen für die Impfzentren: Berichten zufolge sagten nun vermehrt Menschen ihre Impftermine ab oder erschienen einfach nicht – und zwar dann, wenn sie mit AstraZeneca geimpft werden sollten. Ein Grund dafür ist offenbar die lange Zeitspanne zwischen der ersten und  der zweiten Impfung, die bei AstraZeneca mit meist 12 Wochen deutlich länger ist als etwa bei Biontech, wo meist um die vier Wochen angesetzt werden.

Die Zulassung von AstraZeneca mache es möglich, die zweite Impfung erst bis zu 12 Wochen nach der Erstimpfung durchzuführen, sagte Spahn, und räumte ein: „Wir haben bisher auf möglichst langes Ausreizen des Intervalls gesetzt, auch weil die Wirksamkeit erwiesenermaßen dann besser ist.“ Viele Menschen „überlegen jetzt aber: wir haben Anfang Mai, wenn ich nächste Woche erstmals mit Astra geimpft würde, wann kommt dann die zweite Impfung“, sagte Spahn weiter. Das größere Intervall bei der zweiten Impfung mache „nachvollziehbarerweise einen Unterschied“.

Da aber nun vermehrt AstraZeneca-Impfstoff liegen bleibt, soll die Aufhebung der Priorisierung dabei helfen, den Impfstoff schneller zu verimpfen. Spahn betonte zudem erneut, es handele sich bei AstraZeneca um einen „sehr guten und sehr wirksamen“ Impfstoff. Umsetzen sollen das die Hausarztpraxen, sie sollen dann auch gemeinsam mit dem Impfwilligen entscheiden, wie lang die Spanne zur Zweitimpfung sein soll – bei AstraZeneca ist das zwischen vier und 12 Wochen möglich. Die Aufhebung der Priorisierung beschloss am Donnerstag die Bundesregierung, die Lockerungen für Geimpfte und Genesene beschloss am Donnerstag bereits der Bundestag – hier muss am Freitag noch der Bundesrat zustimmen.

Info& auf Mainz&: Mehr zu den Lockerungen für Geimpfte und Genesene lest Ihr hier bei der Bundesregierung. Mehr zu den schweren Sinusvenethrombosen und der Änderung der Impfempfehlung für AstraZeneca lest Ihr hier bei Mainz&. Mehr zum Impfchaos in Rheinland-Pfalz lest Ihr hier bei Mainz&.

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