Es ist eines der umstrittensten Gebäude von Mainz: das denkmalgeschützte Rathaus des dänischen Architekten Arne Jacobsen. Viele Mainzer stoßen sich an der abweisenden Architektur des Gebäudes, das wie eine Trutzburg am Rhein thront – ein Grund für den Eindruck von Abschottung ist das Umfeld des Rathauses. Der Jockel-Fuchs-Platz vor dem Rathaus fristet seit Jahren ein tristes Dasein, der Platz wurde von den Mainzern nie angenommen – auch, weil er keine Öffnung zum Rhein hin bietet. Das soll sich nun ändern: Der Mainzer Stadtrat votierte am Mittwoch mit breiter Mehrheit für eine große Freitreppe zum Rhein. Gegner der Maßnahme: Der Denkmalschutz.

Das Mainzer Rathaus von der Rheinseite aus gesehen mit der Mauer zum "Stadtbalkon" Rathausplateau. - Foto: gik
Das Mainzer Rathaus von der Rheinseite aus gesehen mit der Mauer zum „Stadtbalkon“ Rathausplateau. – Foto: gik

Ein Platz am Rhein, ein Stadtbalkon zum Fluss, ein Plateau, das den Übergang von Rhein und Rathaus zu Stadt und Dom bildete – alles das sollte das Rathausplateau nach dem Willen seines Schöpfers Arne Jacobsen 1969 eigentlich werden. Doch daraus wurde so gut wie nichts: Das heute „Jockel-Fuchs-Platz“ getaufte Areal zwischen Rathaus und Rheingoldhalle wurde nie ein Platz im Herzen von Mainz – zu kalt der Wind und die Architektur, zu abweisend die umliegenden Wände, zu viel Beton, zu wenig Grün. Das Rathausplateau ist bis heute kein Platz, auf dem sich Mainzer gerne versammeln – die Mainzer Vereine, die Jahre lang hier an der Johannisnacht ihre Stände und Bühne hätten, können davon ein Lied singen.

Einer der Gründe für die Unbeliebtheit des Plateaus über der Rathaus-Tiefgarage: Von hier öffnet sich dem Betrachter auf den ersten Blick kein Weg zum Rhein. Lediglich eine schmale, enge Treppe führt von dem Plateau hinab zum Rhein, versteckt zwischen Betonwänden und auf den ersten Blick kaum zu finden. Der enge Schacht ist für Menschen mit Kinderwagen, Rollstuhl oder Fahrrad nicht zu überwinden, die versteckte Ecke wurde zum Schmutzeck und zur Pinkelecke – 2016 testete die Stadt Mainz hier sogar einen Speziallack gegen wildes Urinieren.

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Die derzeitige Treppe vom Rathausplateau zum Rheinufer: Eng, steil, unattraktiv. - Foto: gik
Die derzeitige Treppe vom Rathausplateau zum Rheinufer: Eng, steil, unattraktiv. – Foto: gik

Das soll nun anders werden, beschloss am Mittwoch der Mainzer Stadtrat: Eine große Freitreppe soll statt der bisherigen, hohen Mauer den Platz künftig zum Rhein hin öffnen, den Mainzern einen neuen Verweilraum bieten und einen attraktiven Übergang vom Rhein über das Brand-Einkaufszentrum zum Dom schaffen. Eine 20 Meter breite Treppe „ermöglicht es, den Rhein als Lebensader von Mainz zu erleben“ und biete Chancen für Leben am Rhein sowie eine barrierefreie Erschließung des Ufers, heißt es in dem Stadtratsantrag von Grünen, CDU, SPD, FDP und ÖDP.

Die Gelegenheit für so eine radikale Umgestaltung des Rheinufers an dieser Stelle ist denkbar günstig: Das Mainzer Rathaus selbst ist seit 2020 Baustelle, der Arne Jacobsen-Bau sieht einer Kernsanierung entgegen, die Stadtverwaltung zog an die Große Bleiche um. Doch nicht nur das Rathaus ist Baustelle: Anfang März kündigte die Parken in Mainz GmbH auch die Sanierung der Tiefgarage am Mainzer Rathaus an. Ab Mai wird das in die Jahre gekommene Parkhaus für eine umfassende Sanierung geschlossen, in dem Bau aus den 1970er-Jahren gibt es seit langem Probleme mit Wassereinbrüchen und maroder Bausubstanz, wie im Rathaus selbst auch.

Skizze für eine breite Freitreppe zum Rheinufer zwischen Rathaus und Rheingoldhalle. - Grafik Stadt Mainz
Skizze für eine breite Freitreppe zum Rheinufer zwischen Rathaus und Rheingoldhalle. – Grafik Stadt Mainz

Nun soll das zentral wichtige Parkhaus binnen 24 Monaten und für rund 12,5 Millionen Euro grundsaniert werden – die Mainzer Politik witterte daraufhin die Gelegenheit, auch den Platz auf der Tiefgarage umzugestalten. Die Idee einer Öffnung des Plateaus zum Rhein wurde 2014 im Zuge des Ideenwettbewerbs zur Rathaussanierung geboren, die städtischen Planer machten daraus nun die Idee einer gut 20 Meter breiten Freitreppe, die über die gesamte Breite der heutigen Mauer reichen würde – doch die Treppe droht zu scheitern: Die Denkmalschutzbehörde der Generaldirektion Kulturelles Erbe (GDKE) legte ihr Veto gegen die Freitreppe ein.

Eine große Freitreppe würde die „komplette Aufgabe der Schwellenwirkung des Rathausplatzes“ bedeuten, kritisiert die Denkmalschutzbehörde in einer Stellungnahme auf ihrer Internetseite: Architekt Arne Jacobsen habe ja gerade mit der hohen Mauer und der Gestaltung des Platzes eine „Schwellenwirkung“ erzielen wollen, geschaffen worden sei „ein Stadtbalkon“ mit „repräsentativen Fahnen als Ausdruck des bürgerschaftlichen Gemeinschaftswillens“ sowie dem Kunstwerk von Hans Arp an zentraler Stelle des Platzes. Einer Freitreppe über die gesamte Breite könne „aus Gründen der Eingriffsminimierung“ in die von Jacobsen verfolgte städtebauliche Wirkung der Gesamtanlage „denkmalfachlich nicht zugestimmt werden“, heißt es weiter.

Das Rathausplateau mit Rheingoldhalle und Blick Richtung Rhein. - Foto: gik
Das Rathausplateau mit Rheingoldhalle und Blick Richtung Rhein. – Foto: gik

Damit legten die Denkmalschützer de facto ihr Veto gegen eine Freitreppe und zugunsten der bisherigen schroffen und als abweisender Riegel empfundene Architektur ein – in Mainz stößt das auf Fassungslosigkeit. „Ein Festungscharakter, ein Bastionscharakter, kann für ein Rathaus einer Landeshauptstadt im Jahr 2021 nicht ernsthaft gemeint sein“, kritisierte FDP-Fraktionschef David Dietz am Mittwoch im Mainzer Stadtrat. Zudem sei „das Konzept eines Burggrabens nie wirklich die Idee Jacobsens, sondern dem Wunsch des damaligen Stadtrats geschuldet“, erinnerte SPD-Fraktionschefin Alexandra Gill-Gers.

Die Stadt und ihre Bürger bräuchten dringend mehr Freiflächen und Verweilflächen, eine Freitreppe würde den Bereich entscheidend aufwerten, betonte Gill-Gers: „Die einmalige historische Chance besteht jetzt, wo wir mit viel Geld Rathaus und Rheinufer aufwerten.“ Auch die Grüne Franziska Conrad unterstrich die Notwendigkeit für mehr Räume zur Naherholung und Freizeitgestaltung, doch mit dem Rheinufer verbinde die derzeitige Gestaltung den Platz eben  gerade nicht: „Wer Mainz vom Rheinufer sucht, steht an einer grauen Mauer“, kritisierte Conrad – diesen Fehler gelte es zu korrigieren.

Blick von der Mauer zum Rheinufer über das Rathausplateau in Richtung Dom. - Foto: gik
Blick von der Mauer zum Rheinufer über das Rathausplateau in Richtung Dom. – Foto: gik

Eine Freitreppe könne aber nicht nur neuen Freizeitraum bieten, sie sei auch „das Symbol einer Öffnung“, denn sie öffne das Rathaus als Sitz der demokratischen Verwaltung für die Bürger. „Transparent, offen und den Bürgern zugewandt“ wäre eine neue Freitreppe, betonte Conrad, Rathaus und Plateau wären nicht länger das Symbol einer abgewandten, institutionalisierten, bürgerfernen Verwaltung. „Lassen wir uns diese einmalige Gelegenheit nicht entgehen, den Bürgern einen langgehegten Wunsch zu erfüllen“, plädierte auch sie.

„Das Mainzer Rathaus und die Rathausplattform sind ein Musterbeispiel dafür, was man mit ausreichend Beton einer Stadtsilhouette antun kann“, schimpfte gar CDU-Bauexperte Thomas Gerster: „Der burgartige Charakter schreckt ab, und bildet eine massive Barriere von der Stadt zum Rhein.“ Jetzt sei die Chance, nach 50 Jahren diesen „Murks“ zu korrigieren und mit einer Freitreppe ein einladende Atmosphäre für Besucher zu schaffen, dazu einen Ort mit Aufenthaltsqualität und „endlich einen Treffpunkt“, der den Menschen wieder ein Stück ihres Rheins erschließe.

Blick vom Rathausplateau auf das Rheinufer darunter. - Foto: gik
Blick vom Rathausplateau auf das Rheinufer darunter. – Foto: gik

Doch genau das sieht man bei der Denkmalschutzbehörde offenbar kritisch: Eine Freitreppe werde die Aufgabe der heutigen Platzmöblierung mit Fahnen und Arp-Kunstwerk nach sich ziehen, klagen die Denkmalschützer, schlimmer noch: „Sie beeinträchtigt die Nutzung, aber auch die Würde eines Rathauses mit der hier arbeitenden Verwaltung durch den vorhersehbaren Lärmpegel und die Vermüllung durch ‚Eventisierung‘ sowie den mangelnden Schutz vor indiskreten Einblicken an der Rheinflügelfassade.“ Im Klartext: Eine Belebung des Platzes durch Besucher, gar durch belebende Events ist den Denkmalschützern offenbar ein Dorn im Auge, der Lärmpegel könnte die im Rathaus arbeitenden Stadtbediensteten stören, befürchtet man offenbar.

Die Leiterin der GDKE, Heike Otto, ließ sich gar in der „Allgemeinen Zeitung“ mit dem Satz zitieren, auf Freitreppen wie etwa am Kölner Dom würden sich viele Menschen niederlassen, die man „nicht unbedingt vor einem denkmalgeschützten Gebäude“ haben wolle. Im Stadtrat sorgte das für Empörung: Elitär sei das, kritisierte Conrad, absolut nicht zeitgemäß, urteilte Gill-Gers. Es könne doch nicht jemand ernsthaft schreiben, dass flanierende Bürger in der Nähe eines Rathauses nicht gewünscht seien, kritisierte Dietz: „Dass Bürger mit der Nähe zu ihrem eigenen Rathaus drohen“, könne im Jahr 2021 ja wohl keine ernst gemeinte Haltung sein.

Kompromissvorschlag der Denkmalschützer in Sachen Treppe zum Rhein. - Foto: gik
Kompromissvorschlag der Denkmalschützer in Sachen Treppe zum Rhein. – Foto: gik

Für Kritik und Unverständnis sorgte zudem, dass bei der Denkmalschutzbehörde auch eine ganze Reihe von im Oktober 2020 entwickelten Kompromisslösungen keine Gnade fanden: Eine „halbierte Freitreppe“ neben dem Nordpavillon „zerstört die Wirkung eines Stadtbalkons, indem sie diesen zu sehr reduziert, und zum Podest vor der neuen Treppe Richtung Süden degradiert“, schreiben die Denkmalschützer – abgelehnt. Die Kunst am Bau von Arp würde so „ein Hindernis im Laufweg.“ Eine kleinere Freitreppe in Trichterform wiederum habe „ebenfalls städtebauliche und funktionale Mängel“, denn der schräge Verlauf „findet kein Pendant in der Gesamtanlage des Komplexes und wirkt daher willkürlich gewählt“ – ebenfalls abgelehnt.

Auch eine kleine Freitreppe direkt neben dem Nordpavillon und parallel zu ihm ausgerichtet sei zwar „zunächst positiv zu bewerten“, wirke aber ebenfalls „städtebaulich wenig harmonisch“, moniert die Behörde. Immerhin entwickelte man bei der Denkmalschutzbehörde einen Kompromissvorschlag: Eine 12 Meter breite Treppe vom Plateau zum Rhein an der Seite des Restaurantpavillons, die „aus funktionalen Gründen ausreichend Abstand vom Rathaus hält“ – im Stadtrat stieß das auf wenig bis keine Gegenliebe. Nur eine echte Freitreppe schaffe einen Mehrwert für die Menschen, eröffne eine Sichtachse zum Dom und schaffe attraktive Verweilflächen, betonte Gill-Gers – es sei „Zeit, dieses aus der Zeit gefallene Hilfskonstrukt endlich zu beheben.“

Abendstimmung auf den Treppenstufen am Rheinufer Höhe Hyatt. - Foto: gik
Abendstimmung auf den Treppenstufen am Rheinufer Höhe Hyatt. – Foto: gik

Mit überwältigender Mehrheit, und nur gegen die Stimmen der AfD stimmte der Rat denn auch dem Antrag für eine Freitreppe zu, Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) kommentiert das mit den Worten: „Breite Mehrheiten für breite Treppen.“ Eine 12 Meter kleine Treppe sei „nicht der Wunsch dieses Rates“, stellte auch Bürgermeister und Baudezernent Günter Beck (Grüne) fest – im Gegenteil: Die als unnachgiebig und starr empfundene Haltung der Denkmalpflege führte zu Forderungen, man müsse jetzt aber auch gegenüber den Denkmalpflege die Freitreppe durchsetzen.

„Wir befürworten eine harte Debatte mit der Behörde“, unterstriche ÖDP-Fraktionschef Claudius Moseler, und CDU-Mann Gerster betonte: „Heute erwarte ich von uns und Ihnen allen ein kraftvolles Ja zur Freitreppe“ – das müssen dann aber auch Folgen haben, der Beschluss durchgefochten werden: „Wer die Lippen spitzt, der muss auch pfeifen“, mahnte Gerster. Wenn er im Sommer das Leben auf der Freitreppe am Hyatt sehe, „das ist doch hervorragend, das ist doch das Mainz-Gefühl“, sagte Dezernent Beck noch, „wir wollen dieses Mainz-Gefühl an dieses Plateau holen.“

Info& auf Mainz&: Die Pläne und Unterlagen zur Gestaltung des Rathausplateaus samt Protokoll der Sitzung des Beirats zur Rathaussanierung aus dem Oktober 2020 findet Ihr hier im Internet. Die Stellungnahme der Denkmalpflege zur Freitreppe am Rathaus könnt Ihr hier im Internet nachlesen. Mehr zur Sanierung des Mainzer Rathauses samt Kostenexplosion findet Ihr hier bei Mainz&.

2 KOMMENTARE

  1. Das Rathaus mitsamt Umfeld ist sehr wohl ein Denkmal – ein Mahnmal der Geschmacksverirrung. Eine Freitreppe könnte die abweisende Burgmauer durchlässiger machen. Was hat grauer Marmor in Mainz zu tun? Hier ist roter Mainsandstein Kulturgut. Und Teehausatmosphäre gehört nach Japan und nicht als „Drallje“ vor eine abweisende Burg.
    Drallje: Mainzer Idiom frankophiler Herkunft. Treillage = Gitter

  2. „You never expect the spanish inquiasition!“
    Oder so ähnlich könnte man das „Wirken“ des Denkmalschutzes in Mainz umschreiben.
    Ich reihe mich in die Legionen der Leidtragenden dieser obskuren Behörde ein, deren klandestine Machenschaften eher an oben genannte Institution, oder an das literarische Magisterium Pullmanscher Parallelwelten gemahnt.

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