Marode Brücken sind ja gerade mal wieder Topthema in der Region, da verkündet die Stadt Mainz das endgültige Aus für eine andere Problem-Brücke: Ab Montag ist die Mombacher Hochbrücke für den Verkehr Geschichte. Ab dem 5. Juli werde das Bauwerk aus den 1960er-Jahren voll gesperrt, kündigte Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) am Mittwoch an: „Der Zustand ist so schlecht, dass wir eine Befahrung einfach nicht mehr verantworten können.“ Das Aus für die Brücke steht seit 2015 fest, das marode Bauwerk soll abgerissen werden – doch ein Konzept für den Abriss gibt es bislang nicht. Die Stadt will dafür nun ein Fachbüro suchen, bis die Brücke endgültig fällt, wird es Jahre dauern. Anwohner und der Verein „Unser Mainz in Rheinhessen“ kritisieren: Die Hochbrücke werde die nächsten fünf Jahre als Bauruine in der Stadt stehen.

Die Mombacher Hochbrücke wird ab dem 5. Juli voll gesperrt. - Foto: gik
Die Mombacher Hochbrücke wird ab dem 5. Juli voll gesperrt. – Foto: gik

Die Mombacher Hochstraße verbindet die Rheinallee vom Autobahnanschluss Schiersteiner Brücke direkt mit der Mombacher Straße, gebaut wurde sie in den Jahren 1966 bis 1969 – in einer Zeit, als man die autogerechte Stadt plante. Die Hochstraße sollte Teil einer ganzen „Stadtkerntangente“ werden, die über die Oberstadt und die Mainzer Altstadt weitergeführt werden sollte – doch dazu kam es nie: Der Widerstand der Mainzer war zu groß. „Das Bauwerk bereitet uns große Probleme“, sagte Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) am Mittwoch vor Ort. Seit 2015 habe die Stadt gewusst, „dass die Brücke abgängig sein wird“, sagte Ebling, doch jetzt sei das Risiko eines Weiterbetriebs zu groß geworden.

Das Problem ist genau 1,327 Kilometer lang, denn die Brücke wurde einst in Spannbetonbauweise errichtet. „Man baute für die Ewigkeit, und die Ewigkeit hält 50 Jahre“, kommentierte Ebling trocken: Spannbetonbrücken sorgen inzwischen deutschlandweit für massive Probleme – so wie die Hochstraße in Ludwigshafen oder auch die Salzbachtalbrücke in Wiesbaden. Auch an der Mombacher Brücke bröckelte bereits seit Jahren der Beton, die Grundstücke unter ihr mussten beriets mit Sicherheitsnetzen gegen herabfallende Teile geschützt werden. Bei einer Inspektion Ende 2020 stellten die Prüfer zunehmende Betonabplatzungen vor allem im Bereich der Dehnfugen fest, auch weil der völlig rissige Fahrbahnbelag weitere Schäden am darunterliegenden Bauwerk verursacht hatte.

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Die Hochbrücke ist seit Jahren marode, das Bauwerk aus den 1960er-Jahren ist nicht mehr zu retten. - Foto: gik
Die Hochbrücke ist seit Jahren marode, das Bauwerk aus den 1960er-Jahren ist nicht mehr zu retten. – Foto: gik

Der schlechte Zustand ist lange bekannt: 1980 sei der Brücke noch ein „guter“ Zustand bescheinigt worden, erinnerte Ebling, auch 2005 sei die Note der Brückenprüfer „noch gut“ gewesen. 2012 aber, nach einer Grundreinigung der Brücke von Taubenkot, stellten die Prüfer gravierende Mängel fest – fortan war der Bauzustand der Brücke „ungenügend“. 2015 entschied sich die Stadt gegen eine Sanierung, die sei wegen der Materialien geradezu unmöglich, betonte der Leiter des Stadtplanungsamtes Axel Strobach am Mittwoch. „Das Bauwerk ist so geschädigt, dass es nicht saniert werden kann“, betonte er, und das liege nicht einmal an den Pkws: „Das Gewicht des Bauwerks an sich ist das dauerhafte Problem“, sagte Strobach. Die Stadt hatte 2015 die Brücke bereits für Lkw gesperrt, einen Vorschlag, die Brücke als Radfahrtangente zu nutzen, lehnt sie ab: Das Risiko sei zu groß.

Mit der Salzbachtalbrücke und deren Zusammenbruch vor knapp zwei Wochen habe das aber nichts zu tun, betonte Ebling, die Sperrung und der Rückbau der Mombacher Hochbrücke sei schon lange geplant gewesen. Tatsächlich sollte die Hochbrücke schon zum 1. Mai gesperrt werden, doch der Ausbau einer wichtigen Kreuzung für den Ausweichverkehr war nicht rechtzeitig fertig geworden. „Wir haben immer gesagt, wir sperren erst, wenn die Nulllösung fertig ist“, betonte Strobach, das sei nun der Fall.

Die neue Verkehrsführung für die Hochbrücke läuft über die Mombacher Straße unter der alten Brücke. - Foto: gik
Die neue Verkehrsführung für die Hochbrücke läuft über die Mombacher Straße unter der alten Brücke. – Foto: gik

Die „Nulllösung“ ist die Umleitung des Verkehrs über die Mombacher Straße unterhalb der alten Hochbrücke, die Straße an der Alten Lokhalle wurde dafür von einer Einbahnstraße in eine Zwei-Wege-Straße umgerüstet. Von dort führt die neue Tangente über die Zwerchallee zur Rheinallee, man habe Ampelsteuerungen an wichtigen Kreuzungen wie der Zwerchallee optimiert, sagte Strobach. Das komplette Konzept werde „in diesen Tagen fertig sein“, sagte Ebling, die Firma Siemens „bastele“ noch an den letzten Einzelheiten der Ampelsteuerung. Dann werde es auch möglich, die Ampel an der Zwerchallee so zu steuern, dass man auf ein erhöhtes Verkehrsaufkommen bei Veranstaltungen in der Halle 45 reagieren könne.

Derzeit ist die Kreuzung an der Zwerchallee in Richtung Mombach ein Verkehrsengpass, gerade Autofahrer in Richtung Mombach müssen lange warten, weil nur drei bis vier Fahrzeuge bei einer Grünphase über die Kreuzung kommen. Manch Besucher der Halle 45 kam deshalb schon zu spät zu einer Veranstaltung oder einem Konzert. „Das ist die komplizierteste Kreuzung, die wir in Mainz haben“, räumte Strobach auf Mainz&-Nachfrage ein, die Stadt habe aber gerade dort in die Ampelanlage investiert. „Es kann ein Programm gestartet werden, dass es dann Richtung Halle 45 besser fließt.“

Die neue Verkehrsführung als Ersatz für die Mombacher Hochbrücke. - Grafik: Stadt Mainz, Foto gik
Die neue Verkehrsführung als Ersatz für die Mombacher Hochbrücke. – Grafik: Stadt Mainz, Foto gik

Rund 10.000 Fahrzeuge nutzen derzeit nach Angaben der Stadt pro Tag die Hochbrücke 5.000 seien es pro Richtung. „Wir sind fest überzeugt, dass die 10.000 Fahrzeuge gut aufgefangen werden können“, betonte Strobach. Anwohner der Mombacher Straße und des Mainzer Hartenbergs befürchten hingegen ein veritables Verkehrschaos durch die Mehrbelastung der existierenden Straßen. „Das gibt Chaos“, sagte Ulrich Drechsler, Vorsitzender des Vereins „Unser Mainz in Rheinhessen“ gegenüber Mainz&. Er teile den Optimismus der Stadt nicht, dass der zusätzliche Verkehr von der Hochbrücke problemlos aufgefangen werden könne.

„Man hat die Instandsetzung nie berücksichtig, sonst wäre es zu diesem Zustand nie gekommen“, kritisierte Drechsler, der in der Mombacher Straße das Tinten-Center führt. „Die Belastung auf der Mombacher Straße wird zunehmen“, glaubt auch Walter Konrad (ÖDP), stellvertretender Ortsvorsteher des Stadtteils Hartenberg-Münchfeld. Mehr Verkehr werde es zusätzlich auch durch die neuen Wohngebiete auf dem Hartenberg geben wie etwa die Neubauten an der Peter Jordan-Schule, „die sind bei der Verkehrszählung gar nicht berücksichtigt“, kritisierte er.

Die Tage der Mombacher Hochbrücke sind gezählt. - Foto: gik
Die Tage der Mombacher Hochbrücke sind gezählt. – Foto: gik

Für die Einzelhändler in der Mombacher Straße sei es aber „wichtig, dass der Kunde noch mit dem Auto in die Stadt kommen kann“, betonte Drechsler. „Der Kunde braucht die Option, die Geschäfte noch anfahren zu können“, sagte er, „einen Drucker transportieren Sie nun einmal nicht auf dem Citybike.“ Bis der erste Bagger an der Hochbrücke rolle, werde es locker noch fünf Jahre dauern, glaubt Drechsler: „Diese Brücke wird mindestens fünf Jahre als totes Gebilde stehen bleiben.“

Mit der Sperrung ab dem 5. Juli beginne die Phase des „geordneten Rückbaus“, sagte Ebling weiter, und betonte: „Wir sprengen nicht.“ Die Brücke solle Stück für Stück rückgebaut werden, einfach ist das nicht: Unter der Brücke verlaufen eine Schnellstraße, drei kreuzende Bahnlinien, eine Straßenbahnlinie, mehrere innerörtliche Straßen sowie private Bebauungen samt Gewerbebetrieben. Doch trotz des jahrelangen Vorlaufs: Ein Konzept für den Abriss gibt es noch nicht. Die Stadt werde dafür ein eigenes Projektteam einrichten, sagte Ebling, nach Mainz&-Informationen sind dafür zwar zwei Stellen ausgeschrieben, aber noch nicht besetzt.

„Wir müssen erst einmal ein Büro finden, das uns ein Konzept erstellt“, räumte Strobach ein, danach könne man die Maßnahme ausschreiben. Wann der Abriss starten kann, wann die Brücke gar weg ist – dazu wollte sich am Mittwoch niemand festlegen. Allein die Verhandlungen mit der Deutschen Bahn über die Sperrung der Gleise habe „eine Vorlaufzeit von vier Jahren“, sagte Ebling, die Kosten wurden im Vorfeld schon mal auf 25 Millionen Euro geschätzt. Klar ist deshalb derzeit nur eines: „Es wird ein kompliziertes Vorhaben“, sagte Ebling.

Info& auf Mainz&: Mehr zum Bauzustand der Mombacher Hochbrücke lest Ihr in einem Mainz&-Artikel aus dem Jahr 2015 und in unserem jüngsten Bericht vom Februar 2021. Die Geschichte vom Zusammenbruch der Salzbachtalbrücke und ihrer geplanten Sprengung könnt Ihr hier auf Mainz& lesen. Wir haben außerdem ein kleines Video von unserer (voraussichtlich) letzten Fahrt über die Mombacher Hochbrücke gedreht, wer sich die Brücke also in voller länge noch einmal ansehen will, kann das hier auf der Mainz&-Facebookseite tun.

 

2 KOMMENTARE

  1. Ursache ist der alles zerbröselnde Armierungsrost. Darunter leidet auch der Unterbau des Rathauses. Sanierung der Substanz praktisch unmöglich. So wehrt sich die Natur gegen das Menschenwerk.

  2. Seit 6 Jahren wissen „Die“, dass da ein Abriss kommen wird, und es gibt noch kein Konzept, nicht mal eine Beauftragung. Setzen 6, so geht Mainzer Verkehrspolitik……

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