Die Coronavirus-Epidemie wird in den kommenden Wochen das öffentliche Leben in Deutschland erheblich einschränken – doch das bietet auch Chancen für Neues. Gerade im Kulturbereich wird mit viel Kreativität nach neuen Wegen gesucht, Musik und Theater auch ohne Publikum zu den Menschen zu bekommen. Einkaufen, Theater, Besuche – viele soziale Aktivitäten werden sich in den kommenden Wochen in die digitale Welt verlagern und kreative neue Veranstaltungswege generieren. Aber auch offline geht noch was: Viele Winzer laden jetzt einfach zum Besuch ihrer Weingüter und Vinotheken.

Die italienische Rocksängerin Gianna Nannini will am Donnerstag ein Konzert via Livestream auf Instagram gegen die Einsamkeit durch die Coronavirus-Isolation geben. - Foto: gik
Die italienische Rocksängerin Gianna Nannini will am Donnerstag ein Konzert via Livestream auf Instagram gegen die Einsamkeit durch die Coronavirus-Isolation geben. – Foto: gik

So fand das Konzert des Barden James Blunt am Mittwochabend in der Hamburger Elbphilharmonie zwar statt – aber Blunt spielte ohne Publikum und vor leeren Rängen. Seine Fans konnten trotzdem live dabei sein – ein Livestream machte es möglich. Den konnten dann auch Menschen nutzen, die gar kein Ticket für das Konzert hatten, Tausende kamen so ganz kostenlos und bequem von zuhause in den Genuss eines ganz besonderen Konzertevents.

Das Beispiel könnte Schule machen: In Italien kündigte Rocksängerin Gianna Nannini für Donnerstag ein Konzert gegen die „Corona-Einsamkeit“ an, wie etwa die Westdeutsche Zeitung berichtet. Nannini wolle das Konzert live aus ihrem Haus in Mailand ins Internet übertragen: „Ich bin in Mailand und möchte einige Rocksongs online spielen, damit wir uns alle etwas näher fühlen und trotzdem sicher sein können“, schrieb die Sängerin auf Instagram: „Das brutale an diesem Virus ist die Einsamkeit.“ Das Konzert soll um 16.00 Uhr am Donnerstag über Instagram gestreamt werden.

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Doch auch Fans von Klassik und Theater können sich freuen: Just am Mittwoch kündigte der Fernsehsender RBB an, ausgewählte Kulturveranstaltungen im Livestream zu übertragen. „Durch Corona entstehen erhebliche Leerstellen im kulturellen und gesellschaftlichen Leben. Der rbb tritt an, um diese gemeinsam mit den Kulturinstitutionen zu schließen“, sagte rbb-Intendantin Patricia Schlesinger. Man gehe aktuell auf verschiedene Bühnen zu, um mit ihnen gemeinsam ihre Produktionen, sei es Theater, Oper oder Konzert, zu den Menschen zu bringen. „Wenn das Publikum nicht mehr in die Häuser kann, bringt der rbb die Programme eben zum Publikum. Dafür sind wir da“, betonte Schlesinger.

Oper und Theater per Livestream statt vor Publikum - für die kommenden Wochen könnte das öfter der Fall sein. - Foto: gik
Oper und Theater per Livestream statt vor Publikum – für die kommenden Wochen könnte das öfter der Fall sein. – Foto: gik

Den Auftakt soll am 12. März die Aufführung von Georges Bizets „Carmen“ aus der Staatsoper Unter den Linden bilden. Der rbb zeige die ganze Aufführung, die ansonsten ausgefallen wäre, im Livestream und übertrage sie live bei rbbKultur im Radio, kündigte der Sender an. Auch im rbb Fernsehen solle die Oper zu erleben sein. „Die Theater haben ihre Aufführungen vorbereitet, wir haben die Möglichkeit, sie trotz Quarantäne zur besten Sendezeit sichtbar und hörbar zu machen“, sagte Schlesinger. Diese Chance wolle man in Zusammenarbeit mit den Künstlern nutzen. Das könne eine breit angelegte Offensive werden, um die Lücken, die das Corona-Virus im gesellschaftlichen Leben hinterlasse, zu füllen. Denkbar seien dabei Sendungen aus Museen, von Sportveranstaltungen oder Diskussionsrunden, im Radio, im Fernsehen oder im Livestream, sagte Schlesinger.

Ebenfalls über kostenlose Livestreams wird unter Hochdruck im Bereich Fußball nachgedacht – viele Bundesligaspiele werden in den kommenden Wochen vor leeren Rängen ausgetragen. Ebenfalls ins Netz verlagert die Umweltbewegung Fridays for Future ihre Aktivitäten: F4F sagte die geplanten Klimastreiks für den kommenden Freitag ab: In Krisenzeiten sei es „wichtig, angemessen zu reagieren und auf das zu hören, was die Wissenschaft sagt“, teilte die Bewegung auf ihrer Facebookseite mit. In Zeiten des Coronavirus bedeute das eben auch, verantwortungsbewusst zu handeln, um Menschen zu schützen und Gesundheitssysteme zu entlasten. Deswegen müsse man „schweren Herzens“ diverse Klimastreiks absagen – für Mainz gilt das für kommenden Freitag.

Netzstreik fürs Klima statt Demo auf der Straße: Fridays for Future reagierte bereits kreativ. - Foto: gik
Netzstreik fürs Klima statt Demo auf der Straße: Fridays for Future reagierte bereits kreativ. – Foto: gik

Dennoch wolle man in dem Protest gegen die Untätigkeit der Regierungen und für schnelle Aktionen gegen die Klimakrise nicht verstummen – und den Protest einfach ins Internet verlegen: „Poste jetzt dein Demoschild auf Social Media und benutze den Hashtag #NetzstreikFürsKlima“, heißt es in dem Aufruf, den Ihr hier findet: „Lasst uns laut sein und Platz einnehmen. Denn was wir gerade sehen ist: Wenn der Wille da ist, dann ist es möglich auf Krisen zu reagieren.“ So könne der Protest auch in Zeiten des Coronavirus weiter gehen: „Statt Menschenmassen auf den Straßen, sind wir jetzt Menschenmassen im Netz!“

Auch in der realen Welt gibt es aber durchaus Möglichkeiten für individuelle Erlebnisse: Nach der Absage der großen Weinmesse ProWein an diesem Wochenende laden nun zahlreiche Winzer zum Besuch in ihre Weingüter und Vinotheken vor Ort ein. „Kommt uns besuchen“, lädt da etwa die Hechtsheimer Winzerin Malenka Stenner zum Besuch der Vinothek und zum Verkosten der Weine – Besucher seien herzlich Willkommen. „Weinproben auf dem Hof sind für uns gerade ein bisschen der Ersatz für den Wegfall der großen Messen, aber auch von Events wie den Hechtsheimer Probiertagen“, sagte Stenner im Gespräch mit Mainz&.

Statt Weinmesse einfach den Winzer vor Ort im Weingut besuchen - wie hier Malenka Stenner. - Foto: gik
Statt Weinmesse einfach den Winzer vor Ort im Weingut besuchen – wie hier Malenka Stenner. – Foto: gik

Für die Winzer bedeutet der Wegfall, keine neuen Kunden auf sich aufmerksam machen zu können, „für mich ist das in diesem Jahr umso schlimmer“, berichtet Stenner: Die Jungwinzerin hat nämlich nicht nur einen neuen Jahrgang zum Vorstellen, sondern auch ihren ganzen optischen Auftritt samt Etiketten und Logo neu kreiert. Den neuen Look wollte sie nun auf den Veranstaltungen den Kunden vorstellen, nun fallen die öffentlichen Foren weg. „Kommt uns besuchen“, wirbt Stenner deshalb nun, in der Vinothek könne man „den neuen Jahrgang probieren, und bekommt noch ein bisschen Infos dazu.“

Im Weingut Hinkel im rheinhessischen Framersheim laden sie ebenfalls kurzerhand die Besucher zu sich auf den Hof: Unter dem Motto „ProWein goes Rheinhessen“ lade man Neugierige herzlich ein, das Weingut einfach von Sonntag bis Dienstag vor Ort zu besuchen – das wären die Messetage in Düsseldorf gewesen.

Info& auf Mainz&: Das Statement des RBB in Sachen Livestreams von Kulturveranstaltungen findet Ihr hier im Internet, den Aufruf von Fridays for Future könnt Ihr zum Beispiel hier nachlesen. Wir sind sehr gespannt, was sich da in den kommenden Wochen noch alles entwickelt – wie gut, dass wir eine Internetzeitung sind! Uns könnt Ihr nämlich immer und von überall her lesen, gefahrlos, unterhaltsam und mit Erkenntnisgewinn 😉 Mehr zum Verbot der Stadt Mainz von Großveranstaltungen lest Ihr hier bei Mainz&, einen Ticker, welche Veranstaltungen abgesagt sind, findet Ihr hier.

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