Rund 250 Jahre lang währte die Blütezeit von Mogontiacum – dann kamen die Alamannen, und eroberten die rechtsrheinischen Lande von den Römern zurück. Das Schicksal des antiken Mainz ist eng damit verknüpft, denn es war hier, am Rhein, dass die germanische Stämme aus dem Nordwesten gegen das Römische Reich anrannten. Davon zeugen noch heute massive Steinfundamente, die 1985 auf dem Mainzer Kästrich ausgegraben wurden: ein spätantikes Stadttor markiert das Ende der Römerzeit am Rhein. Funfact: Mit den Alamannen kamen „die Deutschen“ – und die Schweizer. Unser Mainz&-Adventskalender, Türchen Nummer 12.

Römische Legionäre, originalgetreue Nachbildung eines Reliefs einer Spolie, die dem Praetorium des Legionslagers, der Hauptkommandozentrale, zugeordnet wird. - Quelle: Wikipedia, von Martin Bahmann
Römische Legionäre, originalgetreue Nachbildung eines Reliefs einer Spolie, die dem Praetorium des Legionslagers, der Hauptkommandozentrale, zugeordnet wird. – Quelle: Wikipedia, von Martin Bahmann

Es war um 250 nach Christus, das Römische Reich wurde von Krisen geschüttelt – von innen wie von außen. Rund 15 Jahre zuvor war in Mogontiacum ein folgenschwerer Mord passiert: Kaiser Alexander Severus und seine Mutter Julia Mamea wurden von den eigenen Truppen ermordet – ein schier beispielloser Vorgang. Das Ganze begab sich übrigens vor den Toren von Mogontiacum, beim heutigen Vorort Bretzenheim, der Vorfall läutete die zeit der Soldatenkaiser ein – Severus war der letzte der Kaiserdynastie der Severer. Denn der Kaiser hatte einen schweren Fehler begangen, aus Sicht seiner Truppen: Er wollte mit den aufständischen Alamannen verhandeln…

Rund 150 Jahre lang hatte das stolze Mogontiacum eine goldene Zeit erlebt: Zu Füßen des Legionslager auf dem Kästrich war eine wahre Handelsmetropole erblüht, in der – das ist belegt – Kelten, Germanen, Römer und Legionsangehörige aus allen Teilen des Römischen Reiches friedlich und einträchtig beisammen lebten. Doch jetzt erbebte der antike Schmelztiegel an der Rheinfront, denn die Welt war nicht mehr die gleich: Rechts des Rheins fielen immer öfter germanische Stämme ein, verwüsteten ab dem Jahr 233 Orte wie Dieburg oder Seligenstadt – und 259/260 fiel gar der schützende Limes im Taunus unter dem Ansturm.

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Hilfe, die Alamannen kommen!

Die Folge: Das quirlige Mogontiacum wurde wieder zur Frontstadt, der Rhein zur Grenze – und erstmals baute man in Mainz Mauern gegen die Fremden. Geschützt werden musste vor allem die Canabae, die Vorstadt um das römische Legionslager herum, das ohnehin eine Mauer besaß. „Für den Schutz der Bewohner wurde die erste Stadtmauer gebaut“, schreibt Bernd Funke in seinem Buch „Das Römische Mainz“, denn „die alleinige Präsenz der römischen Truppen schien nicht mehr auszureichen.“

Das Hauptgebäude der 1985 erbauten Wohnanlage auf dem Mainzer Kästrich mit Blick Richtung Rhein. - Foto: gik
Das Hauptgebäude der 1985 erbauten Wohnanlage auf dem Mainzer Kästrich mit Blick Richtung Rhein. – Foto: gik

Wer da so massiv an den Grenzen des Römischen Weltreiches klopfte, war eine ganze Gruppe germanischer Stämme, hauptsächlich wohl Sueben und Semnonen. Ihr Name: Alamannen, das bedeutete „alle Männer“, und sie wichen dem Druck der von Norden her kommenden Franken nach Süden hin aus – die ersten Vorboten der großen Völkerwanderung in der Mitte des 4. Jahrhunderts. Ihre Heimat war das Gebiet an der Mittelelbe und Saale – ihre neue Heimat wurden Süddeutschland, das Elsaß und die Schweiz.

Ja, die Alemannen standen vor den Toren von Mogontiacum, ein Römer nannte sie „die Feinde des Erdenkreises“. Sie müssen gefürchtet gewesen sein, und so floh um die Mitte des 3. Jahrhunderts denn auch ein gewisser Dativius Victor, ein Ratsherr aus dem rechtsrheinischen Nida bei Frankfurt ins sichere Mogontiacum über den Rhein – wo er aus Dankbarkeit für seine Rettung einen Säulengang samt Ehrenbogen stiftete. Ihr habt es natürlich erkannt: Es ist die Geschichte des Dativius-Victor-Bogens aus unserem Adventskalender-Türchen Nummer 2.

 

Ansturm auf die Grenzen Roms, Plünderung von Mainz

Gut 100 Jahre hielt Mogontiacum noch Stand, dann verwüstete 368 der Alemannenfürst Rando die Stadt links des Rheins. Vermutlich wurde aus diesem Grund um 370 nach Christus eine zweite Stadtmauer gebaut, weitgehend wohl auf den Fundamenten der erste Mauer. Und es sind die Reste dieser spätantiken Mauer aus dem 4. Jahrhundert die 1985 beim Bau der neuen Wohnanlage auf dem Kästrich in drei Metern Tiefe gefunden wurden.

Die gewaltigen Fundamente der spätantiken Stadtmauer auf dem Kästrich in Mainz. - Foto: gik
Die gewaltigen Fundamente der spätantiken Stadtmauer auf dem Kästrich in Mainz. – Foto: gik

Mehr als vier Meter Breite maß die Durchfahrt, die Mauern sind gewaltig und ragten vermutlich einmal acht Meter weit empor. Das Tor in der Mitte – wohl um die zehn Meter hoch – war wohl ein schmuckloser rechteckiger Kasten, die Durchfahrt konnte mit zwei gewaltigen Flügeltüren verschlossen werden. Das Besondere ist aber nicht das Tor an sich, sondern auch seine Lage: Errichtet wurde es nämlich exakt über der Via Principalis, also jener Hauptstraße, die einst vom Legionslager in Richtung Rhein führte.

Die diagonal verlegten Sandsteinplatten, die man noch heute sehen kann, sind der Original-Straßenbelag aus der ersten Zeit des Lagerbaus, in sie hat sich eine 1,90 Meter breite Fahrspur eingegraben – das war genau die Breite der damaligen Karren. So schützte das Tür die Hauptstraße nach Mogontiacum, so wie die Mauer die zivile Siedlung gegen die Feinde schützte – Mainz war endgültig zur Stadt geworden, denn das Legionslager war um 350 nach Christus aufgegeben worden.

Die Zerstörung von Mainz 406 und das Ende der Rheinflotte

406 drangen ein zweites Mal die Stämme der Vandalen, Sueben und Alanen in der Silvesternacht nach Mogontiacum ein, plünderten und zerstörten die Stadt – es kam in der Folge zum Zusammenbruch der Grenzverteidigung, auch die römische Rheinflotte hörte zu diesem Zeitpunkt auf zu existieren, weiß man bei Wikipedia. Es war das Ende des bis dahin bekannten Welt, eine echte Zeitenwende, die heute den Endpunkt des Römischen Reiches markiert.

Blick über die Reste der spätantiken Stadtmauer auf den Alexanderturm auf der Ecke der Kupferbergterrasse: So verlief einst die Stadtmauer. - Foto: gik
Blick über die Reste der spätantiken Stadtmauer auf den Alexanderturm auf der Ecke der Kupferbergterrasse: So verlief einst die Stadtmauer. – Foto: gik

Mainz geriet in der Folge unter den Einfluss der Burgunden, und noch einmal kamen gefürchtete Feinde bei Mainz über den Rhein: 415 fiel Hunnenfürst Attila mit seinen Truppen in Gallien ein – und überquerte bei Mogontiacum den Rhein. Die spätantike Stadtmauer aber verlief einst von der Wohnanlage auf dem Kästrich zum Alexanderturm am Kupferberg, der ebenfalls auf antiken Mauern steht, und von dort weiter den Berg hinunter und die Hintere Bleiche entlang zum Rhein.

Die Fundamente der Mauer samt Durchfahrt und Fahrspuren aber könnt Ihr noch heute besichtigen: In einer Grube neben oder hinter dem Haus Kästrich 61 (je nachdem). Und natürlich ist es kein Zufall, dass das Haupttor der Wohnanlage sich mit großen Bögen zur Kupferbergterrasse und zum Rhein hin öffnet: Es ist eine Verbeugung vor den Römern, den Gründern von Mainz.

Info& auf Mainz&: Mehr zum Römischen Adventskalender lest Ihr hier auf Mainz&: Im ersten Türchen haben wir Euch die Hintergründe erklärt. Das Türchen Nummer 2 mit der Geschichte des Dativius Victor findet Ihr hier, für diesen Artikel haben wir aus dem Buch „Das Römische Mainz“ von Bernd Funke zitiert. Dieser Adventskalender entsteht übrigens in Kooperation mit dem Verein „Rettet das Römische Mainz“, der Mainz& mit Informationen und Fotos unterstützt.