Wie bestatteten die Römer eigentlich ihre Toten? Nun, vor den Toren der Stadt – und entlang öffentlicher Straßen. Das mag seltsam anmuten, aber die Erinnerung an die Menschen wurde genau dort präsentiert, wo man mit dem Karren an ihnen vorbeirollte. Eine geradezu majestätische solche Straße muss die Via Sepulcrum gewesen sein, die sich von Mainz-Weisenau ins antike Mogontiacum erstreckte. Hunderte Gräber wurden hier gefunden, hier ruhte der Fischer Blussus und seine Frau, hier wurden ganze Töpfereifelder entdeckt. Unser Mainz&-Adventskalender-Türchen Nummer 13.

Antike Mauern samt Darstellung eines Mausoleums von der einstigen Gräberstraße in Mainz-Weisenau am Bettelpfad. - Foto: gik Memento Mori – bedenke, dass Du sterben wirst – ist einer der philosophischen Grundsätze der antiken Römerkultur, denn das Sterben und der Tod waren in der Antike, anders als heute allgegenwärtig. Und anders als heute wurde der Tod nicht weggeschoben und tabuisiert, sondern er fand mitten im Leben statt – buchstäblich. Denn Friedhöfe in unserem Sinne kannten die Römer nicht, sie bestatten ihre Toten entlang der großen Fernstraßen, an denen man von den Rändern der Stadt ausgehend entlang zog.

Und genau so eine „Via Sepulcrum“ wurde zwischen 1982 und 1992 ausgegraben, und zwar mit Schwerpunkt in Mainz-Weisenau. Der Hintergrund: Die Römer erlaubten keine Bestattungen im Stadtgebiet, vor allem aber auch galt im Tod in der Antike das Prinzip „Gesehen werden“: Entlang der Via Sepulcrum zogen sich über Kilometer hinweg Grabmonumente und Stelen vom Römischen Bühnentheater bis nach Mainz-Weisenau. Dort gab es übrigens nicht nur eine Zivilsiedlung, sondern auch ein zweites kleines Militärlager für Hilfstruppen – die Straße dazwischen dürfte viel genutzt worden sein.

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Hauptstraße der Antike mit Schnellstraße, Fußweg und Graben

Wie genau so eine römische Hauptstraße der Antike aussah, kann man auf einer kleinen Freilichtpräsentation im Mainzer Stadtteil Weisenau heute sehen: Mitten zwischen den Häusern am Bettelpfad, Ecke Westendstraße, liegt ein kleines Areal, auf dem ein etwas vernachlässigtes Gewächshaus-artiges Glashaus steht samt ein paar Zypressen und einem Freigelände daneben. Was auf den ersten Blick wie normaler Rasen aussieht, ist aber eine Nachbildung der Römerstraße: Eine einst sechs Meter breite Straße mit einem Unterbau aus Kalksteinbruch und Bachkieseln und einer Straßendecke aus Sand und Kalksteinen.

Skizze und Erklärung einer antiken römischen Fernstraße, die im Gelände vor der Schautafel nachgebildet ist - die illustrierenden Zeichnungen an der Wand sind leider kaum noch zu erkennen. - Foto: gik
Skizze und Erklärung einer antiken römischen Fernstraße, die im Gelände vor der Schautafel nachgebildet ist – die illustrierenden Zeichnungen an der Wand sind leider kaum noch zu erkennen. – Foto: gik

Doch das war nicht alles: Daneben verlief ein zweiter Fahrweg, ebenfalls sechs Meter breit und mit einer Fahrbahndecke aus Feinsand – eine deutlich glattere Fahrbahn, zumindest so lange es trocken war. Bei gutem Wetter lief der Verkehr denn auch hauptsächlich über diesen Streifen, doch wenn die Sandpiste im Schlamm versank, konnte man auf die befestigte Straße ausweichen, und kam trotz Regen oder Schnee gut voran. Dich die Beanspruchung war hoch, dichten Verkehr und Stau kannte man schon in der Antike – und Baustellen.

Nicht weniger als acht neu aufgetragene Straßendecken konnten bei den Ausgrabungen auf der Römerstraße identifiziert werden, denn  die Fahrbahn wurde immer wieder durch die eisernen Radreifen von Karren und Reisewagen schwer in Mitleidenschaft gezogen. Die Lastwagen der Antike verursachten also ähnliche Schäden, wie unsere modernen Transporter… ob die Römer schon Baustellenchaos kannten, ist indes nicht überliefert – zumindest gab es ja mit dem angrenzenden Sandstreifen eine Ausweichmöglichkeit.

 

Prachtvoller Grabbezirk entlang der Straße, Grabbeigaben, Urnen

Ergänzt wurde das ausgeklügelte Straßensystem durch einen breiten Graben, der für die Entwässerung sorgte, aber auch Verkehrsweg und Gräberstraße voneinander trennte – und die zog sich auf einem schmalen Streifen rechts und links der Straßen entlang hin. Es muss ein imposanter Anblick gewesen sein: Große umfriedete Grabbezirke, mit Gedenksteinen oder Figuren geschmückt, reihten sich auf neben kleineren, ummauerten Bezirken oder auch einzelnen Grabsteinen. 270 Beisetzungen fanden die Ausgräber allein auf einer Länge von 250 Metern  – und das war nur ein kleiner Teil der Gräberstraße.

Nachgestelltes Gräberfeld in der Freiluftausstellung am Bettelfpad in Mainz-Weisenau. - Foto: gik
Nachgestelltes Gräberfeld in der Freiluftausstellung am Bettelfpad in Mainz-Weisenau. – Foto: gik

Begraben war hier eine bunte Mischung an ethnischen Gruppen, Militärangehörige wie Zivilisten, die meisten wurden im Verlauf des 1. Jahrhunderts nach Christus hier bestattet, also in der Blütezeit von Mogontiacum. Einen einheitliche Bestattungskult gab es wohl nicht, doch sowohl Römer als auch Kelten verbrannten ihre Toten in der Regel – nur bei kleinen Kindern machte man eine Ausnahme. Die Römer gaben ihre Verstorbenen ein Abschiedsgeschenk mit, oft eine kleine Götterfigur, bei den Kelten und Germanen wurden den Toten oft Dinge mitgegeben, die ihnen im Leben teuer waren.

„In Weisenau bestanden die Beigaben oft aus Geschirr, gläsernen Salbölfläschchen und Nahrungsmitteln“, weiß man bei Regionalgeschichte.net, tatsächlich wurden hier große Mengen an Töpferwaren gefunden: Krüge und Lampen aus Ton, kleine Amphoren und auch mal Münzgeschenke. Wie das aussah, ist in Weisenau am Bettelpfad unter der einen Glasüberdachung zu sehen, die Grube zeigt verschiedene Grabanordnungen, auf der Zeichnung an der Wand dahinter ist ein aufgebahrter Verstorbener auf einem Scheiterhaufen samt trauernder Angehöriger zu sehen.

 

Größter erhaltener Töpferofen nördlich der Alpen

Tatsächlich wurde direkt nebenan ein enormer Töpferofen ausgegraben, der im Nachbarhaus zu sehen ist – er gilt als der am besten erhaltene Töpferofen nördlich der Alpen. Im Laufe des 2. Jahrhunderts siedelten sich entlang der Gräberstraße, neben der heutigen Göttelmannstraße, zahlreiche Töpfereien an, die in großem Stil Massenwaren produzierten. „Zu dieser Zeit verlor die Gräberstraße an Pracht“, heißt es auf einer Infotafel, „ältere Grabmäler wurden zerlegt  und bei späteren Bestattungen wiederverwendet.“

Der imposante antike Töpferofen, der in Mainz-Weisenau am Bettelpfad gefunden wurde. - Foto: gik
Der imposante antike Töpferofen, der in Mainz-Weisenau am Bettelpfad gefunden wurde. – Foto: gik

Die ersten Gräber wurden hier übrigens von einem frühen Forscher gefunden: Benediktinerpater Josep Fuchs entdeckte bereits 1771 zwei Grabsteine an der alten Fernstraße, die in Teilen noch die alten Pflastersteine trug, und beschrieb den Fund in seiner „Alten Geschichte von Mainz“. Dann geriet der Bereich der Gräberstraße wieder in Vergessenheit, bis der Kunsthistoriker Ernst Neeb 1911 hier erneut römische Gräber fand – eben jener Ernst Neeb, dem wir die Entdeckung des antiken Bühnentheaters zu verdanke haben. Aber das ist ein anderes Adventskalender-Türchen…

Tatsache ist aber auch: Zwischen 20 bis 69 nach Christus gab es hier in Weisenau ein ganzes Töpfereizentrum, das sich spätestens im 3. Jahrhundert allerdings in Richtung Stadt verlagerte, dann finde sich Töpfereien in der Nähe des antiken Tempelbezirks im heutigen Regierungsviertel und auch in der Mainzer Neustadt. Hier wurden Amphoren und Krüge gefertigt, in der Nähe der Tempel auch Götterfigurinen als Abschiedsgeschenke in Gräbern. Und wie sehr sich die einheimische Bevölkerung durch den Einfluss der Fremden romanisierte, beweist bis heute der Grabstein des Blusses.

Der reiche Fischer Blussus und seine Frau Menimane

Gefunden wurde er bereits am 28. Juni 1848 in Mainz-Weisenau, und zwar in Höhe der heutigen Jugendherberge, damals stand hier eine Siedlung der Aresaken, wohl eine Art Lagervorstadt zum Auxiliarlager. Der gut 1,55 Meter hohe Kalkstein zeigt in eindrucksvoller Darstellung eben jenen Fischer Blussus mitsamt seiner reich gekleideten Frau Menimane, der Fischer trägt einen Kapuzenmantel über einer Tunika und hält einen dicken Geldbeutel in seiner Hand – schlecht scheint es dem Ehepaar nicht gegangen zu sein.

Der Grabstein des Fischers und Transportunternehmers Blussus (rechts) und seiner Frau Menimane. - Foto: Landesmuseum Mainz
Der Grabstein des Fischers und Transportunternehmers Blussus (rechts) und seiner Frau Menimane. – Foto: Landesmuseum Mainz

Menimane hingegen trägt eine reichhaltige keltische Tracht mit mindestens drei Gewandstücken und Fibeln, wie Wikipedia beschreibt, dazu reichen Schmuck an Hals und Armreifen sowie Fingerringe. In der linken Hand trägt sie Spindel und Rocken, die Insignien einer fleißigen Hausfrau, auf ihrem Schoß sitzt ein kleiner Hund mit einer umgehängten Glocke. Im Hintergrund aber ist eine jugendliche männliche Gestalt zu sehen, und deren Identität ist nicht ganz klar: Entweder handelt es sich um Primus, den Sohn des Ehepaares, oder den Haussklaven Satto, der laut Inschrift am gleichen Ort begraben wurde.

Die Rückseite ziert die Abbildung eines Flachboden-Rheinschiffes samt vierköpfiger Besatzung – solche Grabsteine waren bei Kelten völlig unüblich, Blussus und Menimane hatten also in hohem Maße die Traditionen der Römer übernommen. Der Fischer wurde im Übrigen ungewöhnlich alt: Mit 75 Jahren starb er um 50 nach Christus, wie die Inschrift besagt, seine Gattin ließ den Grabstein bereits zu Lebzeiten anfertigen. Das berühmte Stück steht heute im Mainzer Landesmuseum und wurde 2024 aufwändig restauriert.

20 Gräberfelder entlang der Fernstraßen von Mogontiacum

Blusses hatte also zu seinen Lebzeiten die Gründung des Legionslagers auf dem Kästrich miterlebt, als Binnenschiffer und Frachtunternehmer versorgte er die große römische Garnison und wie auch die zivile Bevölkerung mit Gütern und Waren – und wurde damit reich. Natürlich hatte Blussus ein Prachtgrab an der Via Sepulchra – die war im Übrigen nicht die einzige Gräberstraße.

Eine grobe Karte des antiken Mogontiacums mit Legionslagern, Zivilsiedlungen und den in gelb markierten Gräberstraßen. - Foto: gik
Eine grobe Karte des antiken Mogontiacums mit Legionslagern, Zivilsiedlungen und den in gelb markierten Gräberstraßen. – Foto: gik

2019 wurde die Via Appia im Norden von Mainz bei Bauarbeiten in der Neustadt gefunden, zahlreiche Grabsteine aber auch auf dem Gelände des heutigen Hauptfriedhofs in Zahlbach sowie in Höhe des Zahlbacher Steigs und der Oberstadt. Mindestens 20 weitere Gräberfelder habe es gegeben, schreibt Bernd Funke in seinem Buch „Das Römische Mainz“, alle entlang von Ausfallstraßen, die sich sternförmig auf Mogontiacum zubewegten.

In der Antike führten in Rheinhessen eben alle Wege nach Mainz, die wie die Speichen eines Rades auf ein Zentrum zuführten: das antike Forum von Mogontiacum. Gefunden worden seien dessen Reste bisher nicht, schreibt Funke – seine Lage aber werde dort vermutet, wo auch heute das Feierzentrum von Mainz liegt: am Schillerplatz.

Info& auf Mainz&: Den ganzen Mainz&-Adventskalender zum Römischen Mainz findet Ihr hier auf Mainz& mit allen Türchen. Auch für dieses Türchen haben wir auf die Erkenntnisse des Buches „Das Römische Mainz“ von Bernd Funke zurückgegriffen, dieser Adventskalender entsteht zudem in Kooperation mit dem Verein „Rettet das Römische Mainz“, der Mainz& mit Informationen und Fotos unterstützt. Und Achtung, wer kein Türchen verpassen will: Mit dem Mainz& Solidar-Abo kommen alle neuen Artikel per Email-Newsletterins Haus!