Die Römer liebten Theateraufführungen: Ausdrucksstarke Pantomimen, klassische Tragödien, deftige Komödien, dazu Musik, Tanz und Masken – es waren große Spiele, zu denen die Menschen in Scharen kamen. Im antiken Mogontiacum stand ihnen dafür ein besonderer Ort zur Verfügung: das Bühnentheater am Südrand der Stadt. Klug in den Hang gebaut, fanden hier 10.000 Menschen Platz auf den hoch aufragenden Rängen – und doch verschwand das antike Prachtbauwerk für Jahrhunderte in der Vergessenheit. Eines der wichtigsten Denkmäler des römischen Mainz ist unser Mainz&-Adventskalender-Türchen Nummer 23.

Wer kennt es nicht, das antike Bühnentheater in Orange in Südfrankreich, ein imposantes Bauwerk mit phänomenaler Akustik in den hoch aufragenden Sitzreihen und der reich geschmückten Bühnenrückwand. Orange ist heute berühmt für sein antikes Bauwerk, und doch stand einst in Mainz ein Theater, das noch deutlich imposanter und größer war: 102 Meter maß das Zuschauerhalbrund in Orange – in Mainz stand ein Theater, dessen Sitzränge 116 Meter im Durchmesser aufwiesen.
Es muss ein imposantes Bauwerk gewesen sein, das sich da zu Füßen der heutigen Zitadelle erhob. Tausende strömten herbei wenn hier zu Ludi Publici, den römischen Spielen gerufen wurde oder zu dem feierlichen Gedenken an Drusus, jenen Feldherren, der einst um 13 vor Christus das Legionslager auf dem Kästrich und damit das antike Mogontiacum gründete. Die Fundamente, die sich heute hinter dem Bahnhof „Römisches Theater“ erheben stammen – und das ist besonders spannend – aber nicht etwa aus dieser frühen Zeit: Die Forscher datieren den Bau auf das 4. Jahrhundert nach Christus.
Megabau in der Spätantike, Vorgänger ab dem 1. Jahrhundert
Vor dem Jahr 310 nach Christus könne das Theater nicht erbaut worden sein, schließen die Archäologen aus speziellen Ziegelfunden, die in den Ruinen des Baus gefunden wurde – das aber würde bedeuten: Noch in der Spätantike war das römische Mogontiacum eine solche große und bedeutende Metropole, dass man ein Theater für satte 10.000 Zuschauer zu benötigen glaubte – in einer unbedeutenden Provinzstadt hätte man so ein gewaltiges Bauwerk sicher nicht errichtet.

Dabei hatten bereits Mitte des 3. Jahrhunderts Germanenstämme die Gebiete rechts des Rheins verwüstet, im Jahr 260 fiel gar der Limes – Mogontiacum war wieder Grenzstadt geworden und man baute Mauern zum Schutz der Bevölkerung. Und doch muss Mogontiacum gut 60 Jahre später noch einmal eine Blütezeit erlebt haben, bevor ab 350 die Alamannen mit Macht die römischen Grenzgebiete bedrängten, eroberten und schließlich ab 406 die Vorherrschaft der Römer am Rhein beendeten.
Der große Steinbau, dessen Reste wir heute sehen, war aber nur der Endpunkt einer langen Reihe von Theatern – das erste, so schreibt es Bernd Funke in seinem Buch „Das Römische Mainz“ , muss es spätestens um Jahr 39 nach Christus gegeben haben – womöglich ein Bau aus Holz. Denn zu diesem Zeitpunkt erwähnt der römische Schriftsteller und Verwaltungsbeamte Sueton in der Kaiservita über Galba ein Theater in Mogontiacum – es wird nicht die letzte literarische Erwähnung eines Theaters im antiken Mainz sein.
Mittelalter, Dornröschenschlaf und Wiedererweckung 1997
Im 6. Jahrhundert erwähnt der gallo-römische Schriftsteller und christliche Kirchenvater Salvian von Marseille in seinem Hauptwerk „De Gubernatione Dei“ ausdrücklich ein Bühnentheater in Mainz – allerdings beschreibt Salvian ihr Ende, wie Bernd Funke zitiert: „Man spielt nicht in der Stadt Mainz, weil sie verwüstet und zerstört ist…“ Die germanischen Stämme der Völkerwanderungszeit hatten ab dem Jahr 406 die prächtigen antiken Stätten zerstört und verwüstet, das Theater selbst war zum Steinbruch für andere Bauten geworden.

Im Mittelalter wurden die antiken Mauern wohl zu Wohnzwecken genutzt, wie Grabungen belegen, auch Bestattungen fanden hier statt – die letzte Erwähnung des Theaterbaus findet sich laut Funke im 11. Jahrhundert bei einem Domscholasten namens Gozwin, der in einer Chronik über den heiligen Märtyrer Alban von Mainz die Ruinen des antiken Theaters im römischen Stil erwähnt. Danach verliert sich indes die Spur des Theaterbaus, der immer mehr in den Hang versinkt – bis zum Jahr 1997. Da buddelte ein Mann in den Hang oberhalb des Mainzer Südbahnhofs ein Loch in den verwilderten Boden, und so mancher fragte sich: Was sucht der da bloß?
Der Mann hieß Gerd Rupprecht, war Landesarchäologe in Mainz – und einer Sensation auf der Spur. In alten Schriften des Mainzer Archäologen Ernst Neeb aus dem Jahr 1914 hatte Rupprecht Hinweise gefunden: Hier im Hang müsste das alte Bühnentheater aus der Römerzeit liegen. Rupprecht beschloss nachzuschauen, denn es war Gefahr im Verzug: Die Deutsche Bahn plante einen zweiten Eisenbahntunnel nach Mainz – und ein Bauweg sollte genau durch diesen Hang führen.
Ernst Neeb und ein Ingenieur namens Peisker
Nur zwei, drei Wochen grub Rupprecht mit ein paar Zivildienstleistenden, dann waren sie fündig geworden und die Sensation perfekt: Die ersten Steine dessen, was sich als größtes römisches Bühnentheater nördlich der Alpen entpuppen sollte, waren gefunden. Bis zum Sommer 1999 wurde ein erstes „Tortenstück“ des Bühnentheaters frei gelegt, bis heute eine rund 1000 Quadratmeter große Fläche. Und die belegte: Das hintere Bühnengebäude erhob sich einst in stolzer 42 Meter Breite, erbaut wohl bereits im 1. Jahrhundert nach Christus, und die Zuschauerränge reichten hinauf bis zum Giebel der heutigen Lutherkirche.

Die Fundamente des einst so stolzen Bühnenhauses allerdings waren 1884 dem Bau des damaligen Neutorbahnhofs zum Opfer gefallen, ein Bezirksingenieur namens Peisker notierte damals: Man habe mächtiges Mauerwerk gefunden, das aber für den Bau des Bahnhofs habe abgetragen werden müssen – wo einst die Mauern verliefen, kann man heute anhand der farbigen Pflastermarkierungen auf dem Bahnsteig 4 des Bahnhofs Römisches Theater noch erahnen. Heute erlaubt dort eine durchsichtige Wand auch den Blick auf das antike Theaterrund, doch bis dahin war es ein langer Weg.
Erst 1914 macht sich Ernst Neeb, Archäologe und Leiter des Mainzer Altertumsmuseums, an die Erforschung des Hangs und seiner verborgenen Schätze. Er fand Mauern und Inschriften, doch der Ausbruch des Ersten Weltkriegs setzte der Forschungsarbeit ein Ende. Als Rupprecht 1997 zu graben begann, stellte sich heraus: Die alten Pläne des Ingenieurs Peisker erwiesen sich als nahezu exakt: Er hatte schon die Orchestra-Mauer genauestens lokalisiert. Nur war leider beim Bau der Bahntrasse im Jahr 1872 wertvollstes Mauerwerk für immer zerstört worden: Quer durch das ehemalige Bühnenhaus wurde die Bahntrasse gefräst.
Ein Mauerfall der besonderen Art und das Ringen um die Zukunft
1997 verflog die Euphorie über die Entdeckung der antiken Sensation schnell, denn Geld war knapp, Personal ebenso. Also griff der Archäologe zu einem Kniff: Rupprecht grub mit der Hilfe von vielen, vielen Freiwilligen das antike Bühnentheater aus. Ganze Schulklassen machten sich an die Arbeit, Vereine, viele ehrenamtliche Helfer – sie alle vereinte das Gefühl, an etwas ganz Besonderem Teil zu haben. 2013 griff Rupprecht dann erneut zum Werkzeug, dieses Mal zum schweren Vorschlaghammer – und rief „Die Mauer muss weg!“

Es fiel die Mauer, die das Theater vom Bahnsteig trennte, seither können die Reisenden einen Blick von der Bahn auf die antiken Reste erhaschen, der Bahnhof wurde in „Römisches Theater“ umbenannt. Schon damals träumte Rupprecht davon, dass im antiken Theaterrund bald wieder Verse und Späße erklingen – daraus wurde erst 2024 etwas: Im Juni 2024 führte das „Theater in der Provinz“ mit der antiken Komödie „Amphitryon“ nach 2000 Jahren das vielleicht erste Bühnenstück seit der Antike in der alten Orchestra auf. Jupiter und Merkur kehrten zurück, und die Unsichtbare Römergarde füllte die Ränge.
Inmitten der antiken Mauern aber wurde im März 2024 der Wiedererwecker des Theaters geehrt: Gerd Rupprecht feierte seinen 80. Geburtstag in „seinem Wohnzimmer“. Die Mainzer Kultur- und Baudezernentin Marianne Grosse (SPD) versprach dabei wieder einmal, die Stadt habe nie aufgehört, sich um Mauern, Pfeiler und deren Konservierung zu kümmern – und man habe in naher Zukunft „Großes vor“: Ein Wettbewerb zum Bau eines neuen Besucherzentrums samt Nutzungskonzept für das Theater werde in Kürze gestartet – bis heute ist von den Ergebnissen nichts zu sehen.
Und so harrt das heutige Mainz noch immer einer würdigen Beachtung und Nutzung dessen, was als größtes antikes Bühnentheater nördlich der Alpen gilt. Rupprecht selbst schlug zuletzt vor,. den Bahnhof Römisches Theater zum Ausgangspunkt eines Freilichtmuseums samt „Römerpfad“ zu machen – der könnte dann über die Reste des antiken Bühnentheaters bis hinauf zum Drususstein auf der Mainzer Zitadelle führen, und ein neues touristisches Highlight werden.
Info& auf Mainz&: Mehr zum Leben und Wirken von Gerd Rupprecht in Mainz könnt Ihr hier in dem 6. Türchen unseres Römischen Adventskalenders nachlesen. Auch für diesen Text haben wir – Ihr habt es gemerkt – auf die Erkenntnisse des Buches „Das Römische Mainz“ von Bernd Funke zurückgegriffen. Ihr wollt die Türchen unseres Römischen Adventskalenders noch einmal nachlesen? Klar doch: Ihr findet sie hier auf Mainz&.








