Die Coronakrise reißt ein dickes Lock in die Kassen der Mainzer Mobilität: Wegen des Rückgangs der Fahrgäste in der Krise habe die Mainzer Mobilität schon jetzt ein Minus von sieben Millionen Euro, sagte Stadtwerke-Vorstandschef Daniel Gahr bei der Vorstellung der Jahresbilanz seiner Unternehmensgruppe: „Allein auf sich gestellt wäre die Mainzer Verkehrsgesellschaft (MVG) wohl vor dem Exitus“, betonte Gahr. Und die Sorgen sind noch nicht vorbei: Das Mobilitätsverhalten hat sich mit der Corona-Pandemie grundlegend verändert, die MVG hat derzeit nur etwa die Hälfte ihrer üblichen Fahrgastzahlen.

Deutlich weniger Fahrgäste als früher hat die Mainzer Mobilität in der Coronakrise. - Foto: gik
Deutlich weniger Fahrgäste als früher hat die Mainzer Mobilität in der Coronakrise. – Foto: gik

Mit dem Shutdown Mitte März blieben viele Arbeitnehmer Zuhause und arbeiteten vom Homeoffice aus. Schulen und Kindergärten wurden geschlossen, die Menschen waren aufgerufen, sich möglichst wenig außer Haus zu bewegen – für die Mainzer Stadtwerke bedeutete das vor allem bei der Tochterfirma Mainzer Mobilität enorme Einbußen: „Unter dem Einfluss von Corona stehen wir jetzt sieben Millionen Euro schlechter da“, sagte Stadtwerke-Chef Daniel Gahr vergangenen Donnerstag bei der Bilanz-Pressekonferenz. In den ersten beiden Märzwochen hätten Busse und Bahnen nur noch sieben Prozent der üblichen Fahrgastzahlen gehabt, das bedeuteten „Mindereinnahmen von 250.000 Euro pro Woche“, sagte Gahr.

Der öffentliche Nahverkehr ist ohnehin schon ein Zuschussgeschäft, für 2020 hatten die Mainzer Stadtwerke ein Defizit von 18,7 Millionen Euro für den Öffentlichen Nahverkehr der Landeshauptstadt geplant. Und dabei hatte die Mainzer Mobilität mit 56,9 Millionen Fahrgästen in 2019 gerade ein Rekordjahr hinter sich. Rund 140 Busse und 41 Straßenbahnen sind auf den Straßen von Mainz unterwegs, 2019 wurden 23 neue Dieselbusse der Euro 6-Norm in Betrieb genommen, mehr als 100 ältere Dieselbusse mit Stickoxidfiltern nachgerüstet.

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23 neue Dieselbusse präsentierte die Mainzer Mobilität 2019 stolz. - Foto: gik
23 neue Dieselbusse präsentierte die Mainzer Mobilität 2019 stolz. – Foto: gik

16,5 Millionen Euro betrug das durch den ÖPNV eingefahrene Minus im Jahr 2019, gleichzeitig überwiesen die Stadtwerke auch noch 15 Millionen Euro an Konzessionsabgabe an die Stadt Mainz. Ausgeglichen wurde das alles durch ein gutes Konzernergebnis der Mainzer Stadtwerke: 17,2 Millionen Euro verbuchte das Unternehmen am Ende unter dem Strich als Überschuss – das waren 40 Prozent mehr, als eigentlich erwartet. „2019 war ein sehr erfolgreiches Jahr, sogar erfolgreicher als geplant“, bilanzierte Gahr deshalb zufrieden: „Wir sind in allen Geschäftsbereichen gut vorangekommen und haben überall Kundenzuwächse.“

Die Eigenkapitalquote konnte auf 36,8 Prozent gesteigert werden, das Eigenkapital stieg um 16,1 Millionen Euro auf 269,1 Millionen Euro. „Eine gute Eigenkapitalquote ist wichtig, weil wir in den kommenden Jahren vor großen Herausforderungen stehen“, betonte Gahr. Es zeige sich nun auch, wie wichtig es sei, dass die MVG nicht auf sich allein gestellt sei, „sonst befände sie sich in einer existenziellen Krise“, betonte Gahr: „Es ist existenziell, dass Corona eben nicht auf ein geschwächtes Unternehmen trifft, sondern auf eine solide und breit aufgestellte Gruppe.“

Weniger Betrieb in Bussen und Straßenbahnen, weniger Ticketverkäufe - die Mainzer Mobilität leidet unter der Coronakrise. - Foto: gik
Weniger Betrieb in Bussen und Straßenbahnen, weniger Ticketverkäufe – die Mainzer Mobilität leidet unter der Coronakrise. – Foto: gik

Und nicht nur die Coronakrise sorgt für Herausforderungen: Der ÖPNV befindet sich im Umbruch, die Umrüstung der Busflotte auf elektrische Antriebe läuft, gerade hat der die Ampel-Koalition im Mainzer Stadtrat den weiteren Ausbau des Straßenbahnnetzes beschlossen. Nun kommt auch noch die Coronakrise hinzu, mit gravierenden Auswirkungen: Auf 5 bis 10 Prozent brachen im März und April nicht nur die Fahrgastzahlen ein, sondern auch die Ticketverkäufe, wie die Stadt Mainz auf Anfrage der Linken Anfang  Juni im Stadtrat mitteilte. Im Mai sei zwar eine leichte Erholung festzustellen gewesen, der Ticketabsatz liege aber noch immer unterhalb von 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, teilte Verkehrsdezernentin Katrin Eder (Grüne) weiter mit.

„Was uns noch mehr Sorgen macht ist, ob sich das Mobilitätsverhalten grundsätzlich ändert“, sagte Gahr denn auch. Denn auch im Juni sei die Mainzer Mobilität lediglich bei 45 bis 50 Prozent der Fahrgastzahlen vom Vorjahr gewesen. Die Menschen mieden weiter Busse und Bahnen aus Angst vor Ansteckung mit dem Coronavirus. „Das Mobilitätsverhalten hat sich verändert“, sagte Gahr, „die Leute fahren mehr Fahrrad, aber eben leider auch wieder mehr Pkw.“

Auto statt Straßenbahn: Viele Mainzer änderten in der Corona-Pandemie ihr Mobilitätsverhalten. - Foto: gik
Auto statt Straßenbahn: Viele Mainzer änderten in der Corona-Pandemie ihr Mobilitätsverhalten. – Foto: gik

Seit dem Lockdown am 23. März kündigten so denn auch 659 Abonnenten ihre Dauerkarten, wie die Stadt Mainz weiter mitteilte. Darunter waren 223 Jahreskarten, das entsprach 6,8 Prozent der insgesamt 3.305 Jahresabos bei der Mainzer Mobilität. Dazu wurden 77 Seniorentickets (von 2.494), 14 hessische Schülertickets (von 913), 64 Clever Cards (von 2,767) und 217 FirmenCards (von 4.814) gekündigt, das waren 4,5 Prozent der Firmenkarten. Rund 45 Millionen Euro erlöste die Mainzer Mobilität 2019 durch Fahrkartenverkäufe, das deckte rund 56 Prozent der Kosten, die sich auf rund 80, 58 Millionen Euro beliefen. Die Zeitkarten spielten davon allein knapp 30 Millionen Euro ein.

„Auf Dauer wird es mit diesen Zahlen nicht gehen, das ist eine ernste Lage“, betonte Gahr. Einzelne ÖPNV-Unternehmen im Land stünden bereits mit dem Rücken zur Wand. Man werde deshalb „nach dem Sommer schauen, ob wir Bereiche neu justieren müssen“, kündigte Gahr an. Einzelne Bereich müssten eventuell reduziert werden, Einsparpotenzial sah Gahr am ehesten bei Einzelprojekten: Es gebe da das Projekt „digitale Haltestellen“, bei dem geplant war, dass sich Fahrgäste die Fahrpläne auf einem Touchpad ansehen können. Das Projekt habe ein großes Finanzvolumen, „da fragen wir uns schon, braucht man das überhaupt noch“, sagte Gahr.

Der autonom fahrende Kleinbus EMMA fuhr erfolgreich am Winterhafen, die Coronakrise stoppt nun aber wohl eine Fortsetzung des Projektes. - Foto: gik
Der autonom fahrende Kleinbus EMMA fuhr erfolgreich am Winterhafen, die Coronakrise stoppt nun aber wohl eine Fortsetzung des Projektes. – Foto: gik

Auch das Projekt „Autonomes Fahren“ dürfte es treffen: Im August 2018 hatten die Stadtwerke mit EMMA einen autonom fahrenden Bus am Rheinufer erprobt, mit großem Erfolg. „Emma war ein Erfolg, wir haben da mit wenig Geld viel erreicht“, sagte Gahr. Aber die geplante Fortsetzung liegt jetzt erst einmal auf Eis: „Wir hatten geplant, vier Emmas anzuschaffen“, sagte Gahr, das werde jetzt wohl erst einmal nicht erfolgen. Das ebenfalls defizitäre Mietradsysteme MVGmeinRad sehe er aber nicht in Gefahr, betonte Gahr: „Dort einzusparen, das sehe ich nicht.“

Projekte wie ein 365-Euro-Ticket für Mainz dürften aber damit in der nächsten Zeit eher nicht realisierbar sein: „Im Moment, mit diesen wirtschaftlichen Auswirkungen, sehe ich so etwas im Moment eher nicht“, sagte Gahr auf Mainz&-Nachfrage: „Die Krise ist da, wir müssen uns darauf einstellen, dass wir einen längeren Zeitraum damit leben müssen.“Die Hoffnungen des Stadtwerke-Chefs ruhen nun auf dem Hilfspaket des Bundes: 2,5 Milliarden Euro an Hilfsmitteln hat die Bundesregierung zur Absicherung der ÖPNV-Unternehmen zugesagt, für Rheinland-Pfalz wären das 130 Millionen Euro.

Allerdings müssen die Länder das Hilfspaket gegenfinanzieren, Baden-Württemberg habe bereits angekündigt, die Bundesmittel zu 100 Prozent aufzustocken, sagte Gahr – Rheinland-Pfalz habe sich bislang mit Aussagen dazu aber noch zurückgehalten. „Wir erwarten schon, dass auch das Land einen Beitrag leistet, um die akuten Coronafolgen abzumildern, sagte Gahr.

Info& auf Mainz&: Mehr zum geplanten Ausbau des Straßenbahnnetzes findet Ihr hier bei Mainz&, mehr zu EMMA könnt Ihr hier auf Mainz& noch einmal nachlesen. Über die Debatte ums 365-Euro-Ticket haben wir unter anderem hier berichtet.

1 KOMMENTAR

  1. Ich bin gerade erst mit dem Bus vom Brückenkopf Kastel durch die Große Bleiche zur Umsteigehaltestelle Hbf West gefahren. Horror. Kein Vorankommen. Die Stadt ist rappelvoll mit Autos und immer nur einer drin.. Der Autoverkehr ist auf dem Wege, alte Dimensionen zu übertreffen. So kriegen wir das Dieselfahrverbot doch noch hin.

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