Als im September 2020 Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) verkündete, die alten Marmorplatten des Mainzer Rathauses sollten durch Platten aus Keramik ersetzt werden, rieben sich viele verwundert die Augen – die CDU sprach gar von „Disneyland“. Nun stellte Ebling die neuen Keramikplatten vor, und siehe da: Das Keramikgemisch aus dem 3D-Drucker sieht nicht nur täuschend echt aus, es fühlt sich sogar ein bisschen an wie die alte, raue Oberfläche. Mehr noch: Die neuen Keramikplatten sind nur halb so teuer wie Naturstein, deutlich haltbarer – und sie filtern Stickoxide.

Andreas Grund, Projektleiter für die Rathaussanierung, mit den alten Platten der Rathausfassade links, und den neuen Keramikplatten rechts. - Foto: gik
Andreas Grund, Projektleiter für die Rathaussanierung, mit den alten Platten der Rathausfassade links, und den neuen Keramikplatten rechts. – Foto: gik

Eine Naturstein-Fassade aus hellgrauem Porsgrunn-Marmor hatte Architekt Arne Jacobsen für den Bau des Mainzer Rathauses eingesetzt, doch die dünnen grauen Marmorplatten erwiesen sich als wenig haltbar: Schon seit Jahren bröckelt die Fassade, Platten brechen und drohen herabzustürzen – die komplette Rathausfassade ist marode. „Der alte Naturstein hätte damals, 1974, niemals an das Gebäude gedurft“, sagte nun Andreas Grund, Projektleiter für die Rathaussanierung: Die alten Platten seien mit einer Dicke zwischen 22 und 30 Millimetern viel zu dünn gewesen, das habe schon damals jeder Din-Norm widersprochen.

Am Freitag stand Grund nun vor einem Teil der Rathausfassade am Fuße des Gebäudes Richtung Rheinufer, die Hände breit nach links und rechts ausgestreckt, und sagte: „Sie sehen, dass Sie überhaupt keinen Unterschied sehen“. Grunds linke Hand ruhte dabei auf dem Original-Marmorstein des Rathauses, seine rechte auf den neuen Keramikplatten. Und tatsächlich: Mit bloßem Auge ist ein Unterschied nicht zu erkennen. „Die Keramik ist nicht nur ein Foto oder ein Bild“, erklärte Grund, die Platte sei im 3D-Druckverfahren hergestellt und dann gebrannt worden. Mit einer hochauflösenden Kamera wurden dafür einzelne Platten der alten Rathausfassade abfotografiert und als Keramik im 3D-Verfahren nachempfunden. „Sie werden feststellen: Sie sehen überhaupt keinen Unterschied“, betonte Grund.

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Projektleiter Andreas Grund vor den neuen Keramikfliesen für die Rathausfassade mit der heutigen Farbe (links) und der ursprünglichen Farbe (rechts). - Foto: gik
Projektleiter Andreas Grund vor den neuen Keramikfliesen für die Rathausfassade mit der heutigen Farbe (links) und der ursprünglichen Farbe (rechts). – Foto: gik

Dazu habe das neue Keramikmaterial eine ganze Reihe von Vorteile, die der alte Naturstein nicht hatte, betonte der Projektleiter: Die Unterkonstruktion des alten Rathausbaus von 1974 sei nämlich windschief, der ganze Bau habe jede Menge Verwerfungen – und die könne man durch die Keramikfliesen ausgleichen. Dazu sei die Keramikfassade um die Hälfte günstiger als ein Naturstein, doch einen Naturstein, der genau dem alten Porsgrunn-Marmor entspreche, habe man schlicht nicht gefunden, betonte Grund. Das Problem: Der alte Steinbruch, aus dem die Marmorplatten stammten, ist seit Jahren geschlossen.

Eigentlich hatte die Denkmalpflege von der Stadt verlangt, als Ersatz für den Porsgrunn-Marmor einen neuen Naturstein zu finden, das sei aber nicht gelungen, sagte Grund: Es habe zwar einen anderen Naturstein gegeben, aber der habe eben nicht genauso ausgesehen, „und knapp vorbei ist ganz daneben.“ Ein neuer Naturstein hätte zudem 44 bis 50 Millimeter dick sein müssen, führte Grund weiter aus, zusammen mit der notwendigen Dämmung wäre die neue Fassade ganze 12 bis 16 Zentimeter dicker geworden. „Das ganze Gebäude wäre wie so ein Michelin-Männchen aufgedunsen – die Anmut von dem Gebäude wäre völlig ruiniert gewesen“, sagte Grund.

Die Fassade des Mainzer Rathauses bröckelt, die alten Marmorfliesen brechen zunehmend. - Foto: gik
Die Fassade des Mainzer Rathauses bröckelt, die alten Marmorfliesen brechen zunehmend. – Foto: gik

Mit den Keramikfliesen soll nun eine vernünftige Dämmung kombinierbar sein, dazu winke ein KfW-Zuschuss von um die neun Millionen Euro, sagte der Projektleiter weiter. Ein weiterer Vorteil:  „Die Lebenszeit einer solchen Keramik ist um ein vielfaches höher als bei jedem Naturstein“, sagte Grund weiter: Keramik sei „das letzte was an einem Bauwerk übrig bleibt.“ Und schließlich habe diese Keramik auch noch eine weitere Besonderheit: Die Platten sind mit einer Titanoxid-Beschichtung versehen, die Stickoxide bindet und umwandelt. Die Fassade könne so die Stickoxide vom Straßenverkehr aufnehmen, „das macht sie wirklich, sie ist europaweit zertifiziert dafür“, betonte Grund: Die Fläche der Rathausfassade „entspricht ungefähr zwei Hektar Waldfläche in der Stadt“ – das sind 20.000 Quadratmeter.

Rund 13.000 neue Keramikplatten bräuchte es für die neue Fassade, schätzt die Planungsgruppe, im Ausführungsverfahren würden 60 bis 200 alte Platten fotografiert und als Vorlage für die neuen Platten dienen. Gefertigt werden die Platten bei einem Spezialunternehmen in der italienischen Lombardei, die Kosten lägen bei 590,- Euro pro Quadratmeter – das Tragegerüst schon mitgerechnet. Das Verfahren sei sehr anerkannt und ermögliche es, das Gebäude ins 21. Jahrhundert zu bekommen, betonte Ebling, und staunte: Die Rathausplaner hätten etwa eigentlich unmögliches geschafft: „das ist die Quadratur des Kreises oder die berühmte eierlegende Wollmilchsau.“

Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) vor der Demo-Wand mit den neuen Keramikfliesen für die Fassade des Mainzer Rathauses. - Foto: gik
Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) vor der Demo-Wand mit den neuen Keramikfliesen für die Fassade des Mainzer Rathauses. – Foto: gik

Allerdings bleibt nun eine Streitfrage noch immer mit der Denkmalpflege zu klären: „Der Stein war 40 Jahre der Witterung ausgesetzt und ist ausgeblichen“, sagte Grund – das Rathaus präsentiert sich heute in einem gelblichen Sandton, doch seine eigentliche Farbe war ein helles Grau. „Es ist der Denkmalpflege geschuldet, noch eine Diskussion zu führen“, sagte Grund, „welche Farbe man denn gerne hätte – die von damals oder die von der Verwitterung.“ Entschieden sei das noch nicht, betonte Ebling: Die Diskussion, ob die  neue Fassade die alte, graue Farbe bekommen oder die verwitterte Farbe widerspiegeln solle, sei nun eröffnet.

Info& auf Mainz&: Mehr über die Pläne und Probleme zur Rathaussanierung lest Ihr ausführlich hier bei Mainz&, der Stadtrat veränderte mit seinem Votum die Planungen im September 2020 noch einmal – mehr dazu lest Ihr hier bei Mainz&. Die Erklärungen über die neue Keramikfliesen für die Rathausfassade könnt Ihr Euch auch in einem Video ansehen – hier auf der Mainz&-Facebookseite.

1 KOMMENTAR

  1. Mensch findet es köstlich, dass Bürger nun Baupfusch im Rahmen einer obskuren (um nicht klandestineske Attitüde zu unterstellen) Denkmalpflege auch noch konservieren MUSS..
    Mensch schlägt vor, nun konsequenterweise endlich die Rheinbrücken (neben anderen diesbezüglich auffälligen Bauvorhaben ähnlichen Alters und Umfanges) unter Denkmalschutz zu stellen. Alleine die Forschung die zu wiederholenden Baufehler der Brückenbauer zu erkennen, zu analysieren und dann genauso wieder zu restaurieren – Köstlich!!!!
    Mensch schlägt als Kompromiss eine Einfärbung des Rathauses in Ultraviolett- oder Infrarottönen vor, damit bliebe das Denkmal erhalten, aber man müsste es sich nicht laufend ansehen.
    :-)=)

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