Die geplante dauerhafte Nutzung der Steinhalle im Mainzer Landesmuseum als „Demokratie-Labor“ für den Mainzer Landtag hat einen wahren Empörungssturm ausgelöst. Zahllose Wissenschaftler, die CDU Mainz, ein offener Brief an Wissenschafts-Staatssekretär Denis Alt – sie alle kritisieren die Pläne von Landtagspräsident Hendrik Hering (SPD), die Steinhalle nicht wie ursprünglich versprochen, dem Landesmuseum zurückzugeben. Mainz verliere damit einen wertvollen und einmaligen Präsentationsort für seine römischen Altertümer, lautet die einhellige Kritik – das sei ein Armutszeugnis für die Kulturstadt Mainz. Nun setzt sich gar eine Online-Petition für den Erhalt der Steinhalle als Hort des römischen Erbes ein.

Die Steinhalle des Mainzer Landesmuseums wurde Ende 2015 in einen Interims-Landtag mit Lobby umgewandelt. - Foto: gik
Die Steinhalle des Mainzer Landesmuseums wurde Ende 2015 in einen Interims-Landtag mit Lobby umgewandelt. – Foto: gik

Vor einer Woche hatte der Freundeskreis des Mainzer Landesmuseums Alarm geschlagen: Der Landtag wolle nicht, wie ursprünglich versprochen, die Steinhalle dem Landesmuseum zurückgeben, sondern das eigentlich als Interims-Plenarsaal eingebaute Parlamentsrund einfach eingebaut lassen – entstehen solle stattdessen ein „Demokratiemuseum“. Das Landesmuseum werde dadurch aber massiv an Fläche verlieren, seine Attraktivität in Frage gestellt – Mainz drohe zudem der Verlust einer einmaligen historischen Präsentationsfläche, das römische Erbe werde „im Lager eingemottet“, kritisierte die Vorsitzende Elisabeth Kolz im Gespräch mit Mainz&: Das sei nicht im Interesse von Mainz und den Mainzern. „Wir fühlen uns hinters Licht geführt“, schimpfte Kolz.

Beim Mainzer Landtag bestätigte man daraufhin die Pläne: Das alte Plenarrund solle auch künftig in der Steinhalle bleiben, um „einen Ort der politischen Bildung zu schaffen“ – das „Reallabor Demokratie“ solle künftig für die Demokratie begeistern, teilte Landtagspräsident Hering mit: Damit werde ein neuer Ort der politischen Bildung und des gesellschaftlichen Austausches geschaffen, „an dem Lust auf die freiheitliche Demokratie geweckt wird.“ Die Steinhalle werde im Zuge der Neuaufstellung des Mainzer Landesmuseums ein neues Konzept erhalten, ein Gestaltungskonzept solle bis zum Herbst entwickelt werden – wie hier künftig noch römische Exponate in größerem Stil Platz finden sollen, sagte Hering nicht. Der Landtag betonte hingegen, man habe über die Pläne seit 2019 informiert, doch einer breiten Öffentlichkeit wurden die Pläne nie vorgestellt.

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Der Landtag Rheinland-Pfalz bei seiner konstituierenden Sitzung am 18.05.2016 in der Steinhalle des Landesmuseums in Mainz. - Foto: gik
Der Landtag Rheinland-Pfalz bei seiner konstituierenden Sitzung am 18.05.2016 in der Steinhalle des Landesmuseums in Mainz. – Foto: gik

Die Ankündigung hat derweil einen breiten Empörungssturm ausgelöst: Die Mainzer CDU forderte, die ursprüngliche Bestimmung der Steinhalle wieder herzustellen und sprach davon, es stehe „der Vorwurf des Wortbruchs im Raum“ – diesen hatte vor allem Kolz erhoben. Der Protest des Freundeskreises, des Mainzer Altertumsvereins und des Deutschen Verbandes für Archäologie zeigten, dass „von von einer transparenten Planung unter Einbeziehung aller relevanten Gruppen nicht die Rede sein kann“, kritisierte der kulturpolitische Sprecher der CDU-Stadtratsfraktion, Markus Reinbold: „Soll ein Demokratiebewusstsein gedeihen, wenn gleichzeitig das einzigartige römische Erbe in Gestalt wertvoller Steindenkmäler wie der Jupitersäule zum Teil versteckt wird?“

„Außer Allgemeinplätzen liegt bislang keinerlei Konzept zur zukünftigen Nutzung der Steinhalle vor“, kritisierte Reinbold weiter. Die Verlautbarungen zur Neukonzeption klängen „eher nach einem Sammelsurium, bei dem historisch wertvolle antike Relikte der alten Bestuhlung des Mainzer Landtags weichen sollen.“ Nicht einmal die Positionierung der Museumsdirektorin sei öffentlich bekannt. Demokratieförderung sei wichtig und habe in Mainz mit dem „Haus des Erinnerns – für Demokratie und Akzeptanz“ einen sichtbaren Ort, betonte Reinbold weiter, und kritisiert: „Wer Demokratie glaubhaft fördern will, sollte zudem in seinem eigenen Wirkungsbereich damit anfangen: nämlich der Einbeziehung der Öffentlichkeit und ehrenamtlich engagierter Bürgerinnen und Bürger – und nicht mit Entscheidungen nach Gutsherrenart!“

Bis Ende 2015 war die Steinhalle ein international renommierter Ausstellungsort für römische Denkmäler, Grabsteine und die große Jupitersäule. - Foto: gik
Bis Ende 2015 war die Steinhalle ein international renommierter Ausstellungsort für römische Denkmäler, Grabsteine und die große Jupitersäule. – Foto: gik

Der Deutsche Verband für Archäologie hatte bereits im Februar die Pläne scharf kritisiert und gefordert, die Steinhalle als einzigartiger Präsentationsort des römischen Erbes gleichsam wie zu Zeiten der Römer dürfe auf keinen Fall verloren gehen – es drohe der Verlust eines international renommierten Ausstellungsortes: „Der Ruf der
Landeshauptstadt Mainz auf dem kulturellen Sektor wäre irreparabel beschädigt“, heißt es weiter.

Die Archäologen sind nicht die einzigen: Eine Offene Petition wirbt nun im Internet für den Erhalt der Steinhalle als Präsentationsort der historischen Schätze, zu den Unterzeichnern gehören Wissenschaftler aus ganz Deutschland, darunter auch der renommierte Mainzer Historiker und Professor für Mittlere und Neuere Geschichte, Michael Matheus. „Der Vorgänger des jetzigen Landtagspräsidenten, der von mir geschätzte, leider zu früh verstorbene Joachim Mertes, hatte (auch mir gegenüber im Gespräch) immer wieder betont, der Einbau des Gestühls im Steinsaal sei ein Provisorium auf Zeit“, schreibt Matheus auf der Petitionsseite: „Was jetzt geplant ist, ist ein Wortbruch, und dies im Namen eines ‚Demkratielabors.‘ So wird Vertrauen zerstört.“

„Eine solch bedeutende Sammlung zur Dekoration herabzustufen ist ein Zeichen von Geschichtsvergessenheit“, schreibt ein anderer Unterzeichner: „Geschichtsvergessenheit steht der Stärkung von Demokratie diametral entgegen.“ Andere verweisen darauf, dass der einmalige Raum der ehemaligen kurfürstlichen Reithalle verloren gehe, für Mainz, die Wissenschaft und die Bildungslandschaft gehe „ein einzigartiges Wissenslabor“ an römischer Kultur und Geistesgeschichte verloren. Auch werde die Steinhalle für das römische Erbe schlicht gebraucht – eine andere Lokalität dafür gebe es schließlich nicht.

 

Eine Stadtführerin im römischen Kostüm mit der antiken Jupitersäule. - Foto: GDKE
Eine Stadtführerin im römischen Kostüm mit der antiken Jupitersäule. – Foto: GDKE

Die Initiatoren selbst argumentieren, die Römische Steinhalle sei „eine der wichtigsten Sammlungen lateinischer Inschriften aus der Antike in ganz Europa“, es drohe der Verlust eines „zentralen Wissenslabors, eines Ortes der Nachwuchsausbildung und der Zukunftsförderung, ferner ein wichtiges Schaufenster in unmittelbare antike Lebenswelten und Diversitäten.“ Die Reduktion auf „kulturelle Highlights“ verkenne den Aussagewert der 2000 Jahre alten Inschriften und Denkmäler, doch nun drohe die Antike „zu einer reduzierten Schaubühne, einer Kulisse ohne Inhalt und Wert werden.“

„Mit einer Umwidmung der Mainzer Steinhalle verliert das Mainzer Landesmuseum, die Stadt Mainz, ein identifikatives Alleinstellungsmerkmal“, kritisiert die Petition weiter: Nicht viele europäische Städte waren bereits vor 2000 Jahren Hauptstadt und sind es noch heute – und noch weniger von ihnen haben einen derart reichen Schatz von Zeugnissen vorzuweisen, in denen man noch heute „normalen“ antiken Menschen so nahe kommt, wie Mainz mit seiner Steinhalle.“ 186 Unterstützer haben die Petition nach wenigen Stunden bereits unterschrieben, die Unterzeichner hinterließen bereits 68 Kommentare.

„Die Mainzer Steinhalle war bisher eines der wichtigsten altertumswissenschaftlichen Exkursionsziele, das auch aus Köln kommenden Studenten in einer ganz einzigartigen Form eine antike Welt, eine antike Lebenswelt und deren Äußerungen vorführen konnte“, schreibt da etwa der Kölner Professor Walter Ameling: „Es gibt in Deutschland sicher keinen vergleichbaren Ort, wohl auch sonst nicht nördlich der Alpen.“ Eine der sammlungs-und geistesgeschichtlich wichtigsten und ältesten Präsentationen Deutschlands mit einzigartigen Zeugnissen der römischen Epoche drohe verloren zu gehen, warnt Bernd Steidl aus Landsberg, und Professor Markus Scholz aus Mainz-Kostheim schimpft: „Hier droht die Beseitigung bzw. Einmottung von einzigartigen Kulturdenkmälern europäischen Ranges! Demokratie gehöre zudem „nicht in ein Museum, sondern sollte gelebt werden.“

Die Demokratie als Baustelle und Experimentierlabor? Hier der Einbau des alten Landtagsgestühls in der Steinhalle des Landtags. - Foto: gik
Die Demokratie als Baustelle und Experimentierlabor? Hier der Einbau des alten Landtagsgestühls in der Steinhalle des Landtags. – Foto: gik

Diese Haltung teilen viele: Ein „Reallabor Demokratie“ sei zwar sehr unterstützenswert, heißt es vielfach, aber die Steinhalle sei der vollkommen falsche Ort für so ein Projekt. Die Steinhalle sei einst die Reithalle der Mainzer Kurfürsten gewesen, die nicht wirklich demokratisch zu nennen gewesen seien, und auch die Römische Republik sei keine Demokratie gewesen, schreibt der Buchverleger Jörn Kobes aus Gutenberg in einem Offenen Brief an Wissenschafts-Staatssekretär Denis Alt, der Mainz& vorliegt: „Unbestritten mag das Arbeiten an der Demokratie, den demokratischen Ideen, Entwicklungen und Strömungen auch in heutiger Zeit ein wichtiges Anliegen sein – möglicherweise ist es aber auch nur ein „Totschlag-Argument“, um jegliche weitere Diskussion zu lähmen“, schreibt Kobes weiter – jedem Einspruch scheine man dann das Eintreten für die Demokratie abzusprechen.

„Ich frage mich, ob Mainz ein nächstes Haus der Demokratie benötigt“, schreibt Kobes weiter, schließlich leiste sich Mainz mit dem „Haus des Erinnerns für Demokratie und Akzeptanz“ bereits „ein herausragendes Forum zur Demokratieforschung, -vermittlung und -stärkung“ – worin liege denn der Sinn, ein zweites Haus aufzumachen, das womöglich lediglich zu Konkurrenz führe? Und auch Kobes spricht von „Wortbruch“ gegenüber dem einst gegebenen Versprechen der Rückgabe. Anstelle von Fachleuten, entschieden hier nun einfach „Politiker, fachfremde Beamte, Juristen, Physiker und die Leitung der GDKE, die beileibe keine grabende Archäologin ist“, während Bürgerschaft, die die Mainzer historischen Vereinigungen und selbst ausgewiesene Universitätsfachleute ohne Mitspracherecht außen vor blieben, kritisiert er.

Das Römische Theater am alten Südbahnhof harrt noch immer einer angemessenen Präsentation. - Foto: gik
Das Römische Theater am alten Südbahnhof harrt noch immer einer angemessenen Präsentation. – Foto: gik

Zu den wichtigen historischen Vereinigungen gehört auch die Mitgliederstarke Initiative Römisches Mainz, die kritisiert nun: Es brauche vor allem ein Konzept zur Präsentation, und das sei bislang nicht in Sicht. „Wo ist das Konzept für die Jupitersäule? Wo soll sie stehen, wo soll sie gezeigt werden? Was ist der beste Bestimmungsort für den Dativius-Victor-Bogen“, fragt der Vorsitzende der IRM, Christian Vahl – und schlägt vor, in ganz neuen Bahnen zu denken: Die Steinhalle sei nicht zwingend die beste Lösung, die in ihr gezeigte Präsentation sei nicht mehr zeitgemäß gewesen, sagte Vahl gegenüber Mainz&: „Die Steinhalle hat bisher überhaupt keinen Beitrag geleistet für eine lebendige römische Kultur in Mainz. Sie so zu erhalten wie sie war, erscheint mir sinnlos und perspektivlos.“

Stattdessen werbe er dafür, die Exponate im Mainzer Stadtbild zu integrieren, betonte Vahl: „Man muss die Relikte der Steinhalle zusammendenken mit dem Römischen Theater, mit dem Viadukt, mit den römischen Gräbern, dem Drususstein – und vielleicht gelingt es ja, die Mainzer Bürger für eine Art Freilichtmuseum Römisches Mainz zu begeistern, in dem es sich zu leben lohnt.“ Gerade mit der anstehenden Bewerbung für die Landesgartenschau gebe es dafür eine Chance – Römisches Erbe dürfe nicht im Depot landen und „nicht als Schausammlung ein nicht mehr zeitgemäßes Dasein fristen.“

Info& auf Mainz&: Mehr zu den Plänen für eine Demokratiemuseum in der Steinhalle lest Ihr hier bei Mainz&, mehr zum Protest gegen die Pläne von Archäologen und Freundeskreis haben wir hier aufgeschrieben. Die Petition für den Erhalt der Steinhalle als historischer Ausstellungsort römischer Denkmäler findet Ihr hier bei Openpetition.de.

7 KOMMENTARE

  1. Ein Freilichtmuseum ist keine gute Idee. Das haben die Erfahrungen von Köln und Augsburg gezeigt. An beiden Orten mussten entsprechende Exponate nach Jahrzehnten durch Wind und Wetter, aber auch Vandalen schwer verschmiert und beschädigt rein geholt werden. Draußen hinstellen geht nur bei Kopien.

  2. Ich glaube die Landesregierung will einfach die Kosten verschleiern welche ihr zu luxuriöses angebliches ´Ausweichquartier´ gekostet hat.
    Der Abriss der jetzt überflüssigen Mobiliars kommt noch oben darauf. Da macht es sich auch Sicht der ´Verschleierer ´ gut den eigenen Abfall zu verklären und sich selbst überhöhen.
    Sozialisten Logik: Eine Lüge soll Demokratie darstellen.

    • Ich glaube, dass Herr Lowin als erster den Mut hat, den Nagel auf den Kopf zu treffen.
      Wenn ein Bürger gelebte Demokratie erleben und erfahren will, dann kann er es nur im debattierenden Landtag, nicht in aufgelassener Bestuhlung.

  3. Ich bin erschüttert, wie diese ungebildeten Menschen mit den Denkmälern der Menschheitsgeschichte umgehen. Offenbar haben
    diese Politiker nicht einmal an eine Alternative gedacht.

  4. Für den Erhalt der Mainzer Steinhalle und gegen dessen Zweckentfremdung! Hoffe, die Enscheidung faellt im Sinne der Kultur aus.

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