Sie sind die Überreste eines 2000 Jahre alten Monuments: Über das Tal des Zaybachs in Mainz führte einst ein veritabler Aquädukt – eine römische Wasserleitung, ähnlich imposant wie der Pont du Gard in Südfrankreich. Rund 30 Meter hoch war wohl der Aquädukt in Mainz, heute noch erinnern hohe Steinpfeiler an das einstige Bauwerk – doch die sind vom Zahn der Zeit bedroht. Nun gaben die städtischen Gremien Gelder für die Sanierung und Konservierung weiterer acht der antiken Steinpfeiler frei. Doch eine stolze und attraktive Präsentation des römischen Erbes von Mainz – sie lässt weiter auf sich warten.

Die Römersteine in Mainz-Zahlbach sind die imposanten Reste einer römischen Wasserleitung aus dem Jahr 70 nach Christus - sie bildeten einst einen Aquädukt. - Foto: gik
Die Römersteine in Mainz-Zahlbach sind die imposanten Reste einer römischen Wasserleitung aus dem Jahr 70 nach Christus – sie bildeten einst einen Aquädukt. – Foto: gik

Vor fast 2000 Jahren konnte man in Mainz Wasser über eine mehr als fünf Kilometer lange Wasserleitung von den von den Quellen auf den Hügeln im Nordwesten von Mainz bis in das Herz der römischen Siedlung plätschern sehen – eine imposanten Aquädukt inklusive. Heute heißt die Siedlung bei den Quellen Mainz-Finthen, der Berg mit dem Römerlager Kästrich – und neben den Resten der römischen Wasserleitung weiden Schafe.

Mainz-Zahlbach heißt das kleine Tal zwischen Uniklinik und Mainzer Universität, wo früher der Zaybach von Bretzenheim aus Richtung Innenstadt floss – heute versteckt unter der Straße und in die Kanalisation verbannt. Rechterhand der Straßenbahngleise stadtauswärts ragen hier aber noch heute rund ein Dutzend Steinpfeiler in den Himmel, ein bisschen versteckt in einer Parkanlage, die sich den Hang hinauf zum Stadion der Mainzer Universität zieht – es sind die Überreste der einstigen römischen Wasserleitung.

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Oben auf den Steinpfeilern ruhte vor knapp 2000 Jahren in 30 Metern Höhe das Konstrukt der Wasserleitung, die das wertvolle Nass über das Tal direkt zum Römerlager auf dem Kästrich brachte – erbaut wurde der Aquädukt in der Zeit des Kaisers Vespasian, wohl um 70 nach Christus, es war der höchste seiner Art nördlich der Alpen. Jahrzehntelang schlummerten die Steinreste ziemlich vergessen vor sich hin, erst vor rund zehn Jahren begann sich die Politik wieder für das uralte römische Erbe zu interessieren. Der damalige Landesarchäologe Gerd Rupprecht, Wiederentdecker des römischen Mainz und Ausgräber des Römischen Bühnentheaters am Mainzer Südbahnhof, legte ab 2007 weitere Römersteine in Zahlbach frei und leitete erste Schritte zu ihrer Konservierung ein.

Der frühere Landesarchäologe Gerd Rupprecht beim Abreißen der Mauer am Römischen Theater. - Foto: gik
Der frühere Landesarchäologe Gerd Rupprecht beim Abreißen der Mauer am Römischen Theater. – Foto: gik

Rupprecht war es auch, der den Verlauf der Wasserleitung näher erforschte: 62 Pfeilerreste entdeckte der Archäologe im Zahlbachtal zwischen der Mainzer Universität und dem gegenüberliegenden Hang unterhalb der Mainzer Uniklinik, die meisten Reste schlummern noch immer verborgen im Boden oder hinter Gesträuch versteckt – Rupprecht träumte stets davon, die Pfeiler und die imposante Wasserleitungsbrücke auf ihnen wieder sichtbar zu machen: der Aquädukt sei einzigartig, schwärmte er. Gut ein Dutzend seiner alten Pfeiler sind bis heute sichtbar, ein wenig angenagt von der Zeit, und stets bedroht von Zerfall – Rupprecht sammelte Gelder für ihren Erhalt.

Förderer der Römersteine wurden gar als „Ritter von Ageduch“ ausgezeichnet, das sei der Name eines angeblich hier einst ansässigen Rittergeschlechts, das gar die Bögen des Aquädukts auf in ihrem Wappen trügen – die Geschichte war zu schön um wahr zu sein: Schon 2013 dokumentierte eine Ausstellung des Mainzer Stadtarchivs gemeinsam mit Studierenden der Mainzer Universität, dass die angeblichen Ageduchs nichts weiter als eine Erfindung waren. Es war der Rechtsprofessor Franz Joseph Bodmann, der – 1806 zum Leiter der Stadtbibliothek ernannt – seiner Leidenschaft für Urkunden und alten Schriften so sehr frönte, dass er sie nicht nur aus dem Archiv entwendete – sondern auch fälschte.

Der ab 2007 freigelegte Sockel eines der Pfeiler des großen Aquädukts im Mainzer Zahlbachtal mit Blick in Richtung der Fortsetzung der Wasserleitung hinauf zum Kästrich. - Foto: gik
Der ab 2007 freigelegte Sockel eines der Pfeiler des großen Aquädukts im Mainzer Zahlbachtal mit Blick in Richtung der Fortsetzung der Wasserleitung hinauf zum Kästrich. – Foto: gik

Bodmann fertigte Anfang des 19. Jahrhunderts von den Grabsteinen des Zisterzienserinnenklosters Maria Dalheim in Zahlbach Zeichnungen an, bevor dieses abgerissen wurde. Darunter waren auch zwei Zeichnungen, die angeblich das Grab eines „Ritter Ortwin genannt von Ageduch“ aus dem Jahr 1266 sowie einer „Iutta“, Gemahlin des Ritters Heinrich von Ageduch, von 1322 zeigten, Wappen mit dem Aquädukt darauf inklusive. Erst 2007 wurden die Zeichnungen als Fälschungen und das Rittergeschlecht als Erfindung Bodmanns  entlarvt – in keiner Quelle oder Schrift taucht jemals der Name eines Rittergeschlechts „von Ageduch“ auf, und auch kein Ritter Ortwin oder eine Edle Jutta.  „Der Name „Ageduch“ kommt zwar vor, allerdings nur als Flurbezeichnung“, konstatierte die Ausstellung 2013.

Als Bezeichnung für die modernen Retter der Römersteine ist der Name aber natürlich ausgesprochen passend – zu einer öffentlichkeitswirksamen Präsentation der Römersteine an Ort und Stelle, geschweige denn zu einer Rekonstruktion weitere Pfeiler oder gar eines Aquäduktbogens aber kam es nie. Stattdessen genehmigte die Stadt Mainz neue Bauvorhaben in unmittelbarer Nachbarschaft, vor allem ein geplanter Baukomplex neben der Psychiatrie wird in nächster Zeit so dicht an die Trasse der Aquäduktsteine heranrücken, dass eine größere Präsentation über das Tal hinweg zunehmend unwahrscheinlich wird.

Infotafel an den Römersteinen - es ist der einzige Hinweis vor Ort auf den einst höchsten römischen Aquädukt nördlich der Alpen. - Foto: gik
Infotafel an den Römersteinen – es ist der einzige Hinweis vor Ort auf den einst höchsten römischen Aquädukt nördlich der Alpen. – Foto: gik

Immerhin stellten die städtischen Gremien nun erneut Gelder für die weitere Konservierung der römischen Pfeiler bereit: Mit 75.000 Euro sollen noch in diesem Jahr acht Steinsäulen konserviert und saniert werden. Bei den ausgewählten Exemplaren seien Teile herausgebrochen, teilte die Initiative Römisches Mainz mit: Hier müsse durch das Aufbringen einer Schutzschicht die dauerhafte Witterungsbeständigkeit hergestellt werden. „Wir freuen uns über die voranschreitenden Arbeiten an den Römersteinen als einen entscheidenden Schritt zur Bewahrung des Mainzer Römischen Erbes“, betont der Vorsitzende der Initiative, Christian Vahl.

„Die Römersteine im Zahlbachtal sind eines der wichtigsten und beliebtesten Zeugnisse der Römerzeit in Mainz“, sagt derweil Baudezernentin Marianne Grosse (SPD) in einer Mitteilung, und beteuert: „Wir wollen alles tun, um unser römisches Erbe angemessen zu bewahren und zu präsentieren.“ Doch von einer angemessenen Präsentation seines römischen Erbes ist Mainz noch immer weit entfernt: Das Römische Theater am Südbahnhof harrt weiter seiner Zugänglichkeit für Touristen. Das einst größte Bühnentheater nördlich der Alpen, das sich durchaus mit dem von Orange in Südfrankreich messen konnte, ist weiter weitgehend ungeschützt, seine einstige Bedeutung für auswärtige Besucher kaum nachzuvollziehen.

Beginn der Bauarbeiten am römischen Drususstein auf der Mainzer Zitadelle im Jahr 2018. - Foto: gik
Beginn der Bauarbeiten am römischen Drususstein auf der Mainzer Zitadelle im Jahr 2018. – Foto: gik

Noch in diesem Jahr soll immerhin die 2018 angekündigte Sanierung des Römischen Drusussteins fertig werden: Das einstige Grabmal für den im Jahre 9 vor Christus in Mainz verstorbenen römischen Feldherrn Drusus auf der Mainzer Zitadelle sollte eigentlich schon bis 2020 gesichert, konserviert und für die Besucher besser erlebbar gemacht werden. Doch bei der Freilegung der Fundamente tauchten zahlreiche Probleme auf, darunter auch eine instabile benachbarte Böschung – der Drussusstein drohte zum schiefen Turm von Mainz zu werden. Im Dezember 2020 konnte die Stadt dann erleichtert melden: die Konservierung des antiken Grabmals ist abgeschlossen. In diesem Frühjahr nun soll die Neugestaltung des Umfelds erfolgen – dann soll der Drususstein besser in das Bewusstsein von Mainzer und Touristen gerückt werden.

Info& auf Mainz&: Mehr zu den Fälschungen aus dem Mittelalter könnt Ihr hier in der Dokumentation der Ausstellung von 2013 nachlesen, die Geschichte der Schafe an den Römersteinen haben wir hier bei Mainz& erzählt. Mehr zum Drususstein, seiner Geschichte und den Sanierungsarbeiten findet Ihr hier bei Mainz&.

1 KOMMENTAR

  1. Warum nur Zement drüber gießen und nicht wenigstens einen Bogen rekonstruieren? Mainz hat seine römische Vergangenheit nie angemessen gewürdigt und gepflegt. Negativbeispiel ist das verkommene Amphitheater am Südbahnhof.

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