Am ersten Werktag nach dem Absacken der südlichen Salzbachtalbrücke hat in Hessen der Streit um die Verantwortlichkeit begonnen. Verkehrsminister Tarek- Al-Wazir (Grüne) lobte die Entscheidung für die sofortige Sperrung aller Straßen und Schienen rund um die Brücke und plädierte für eine schnelle Sprengung des beschädigten Bauwerks. Derweil fordert die SPD-Opposition vom Minister Aufklärung, wie es so weit kommen konnte, während die Wirtschaft entsetzt schnelle Lösungen forderte. Währenddessen quälten sich am Montag vor allem Wiesbadener Arbeitnehmer und Schüler durch einen Dauerstau rund um das gesperrte Stück der A66 – in Mainz blieb die Lage dagegen vergleichsweise ruhig.

Die Salzbachtalbrücke der Autobahn 66 ist am Freitag abgesackt und schwer beschädigt worden, als ein Lager an dem vorderen Pfeiler wegbrach. - Foto: gik
Die Salzbachtalbrücke der Autobahn 66 ist am Freitag abgesackt und schwer beschädigt worden, als ein Lager an dem vorderen Pfeiler wegbrach. – Foto: gik

Am Freitag war der südliche Teil der Salzbachtalbrücke der Autobahn 66 mit einem lauten Knall auf einen Brückenpfeiler geprallt, der Oberbau der Südbrücke sackte um gut 30 Zentimeter nach unten, weil ein Stahllager eines Brückenpfeiler aufgab und nach unten in den Betonpfeiler verschwand. Der Brückenpfeiler selbst sackte um gut 40 Zentimeter zur Seite, es platzten Betonteile ab, der Oberbau der Brücken ist seither von zentimeterbreiten Rissen quer durch das Bauwerk durchzogen.

Für die Brücke ist seit Januar 2021 die neu gegründete Autobahn GmbH des Bundes zuständig, die Verantwortlichen sperrten sofort die Brücke sowie die Straßen und Bahngleise, die unter der Brücke durchführen – dazu gehöret die Mainzer Straße als Verbindungsstück zwischen Wiesbadener Innenstadt und A671, ein wichtiger Radweg Richtung Innenstadt, aber auch sämtliche Bahngleise, die Wiesbaden mit Mainz und Frankfurt verbinden.

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Das Ergebnis: Am Montag ging in Wiesbaden so gut wie nichts mehr. Rund um das gesperrte Teilstück der A66 bildeten sich kilometerlange Staus, vor allem auch auf den Ausweichrouten durch Biebrich, der Wiesbadener Hauptbahnhof war aus Richtung Frankfurt und Mainz gar nicht mehr zu erreichen. Zehntausende Pendler und Schüler kamen zu spät, weil Busse große Umwege fahren mussten und/oder im Stau steckten, dazu kommt auch noch ein unbefristeter Busstreik der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, der vor allem Busverbindungen zwischen Mainz und Wiesbaden traf – viele Pendler waren stinksauer.

Die Brücke über die Mainzer Straße sowie über die Bahn musste umgehend komplett gesperrt werden. - Foto: gik
Die Brücke über die Mainzer Straße sowie über die Bahn musste umgehend komplett gesperrt werden. – Foto: gik

Die hessische Linke forderte deshalb am Montag: „Als Sofortmaßnahme muss nun unverzüglich die Mobilität der Menschen wiederhergestellt werden, die sonst den Wiesbadener Hauptbahnhof nutzen.“ Ein Not-Ersatzverkehr mit Bussen allein könne die vielen ausfallenden Bahnverbindungen nicht auffangen und sei auch kein attraktives Angebot. „Der RMV muss schnellstmöglich die Fahrkarten für alle denkbaren Umfahrungen freigeben, etwa über Niedernhausen, da von dort mit der ‚Ländchesbahn‘ die einzig verbliebenen Züge nach Wiesbaden Hauptbahnhof abfahren“, forderte Linken-Chefin Janine Wissler. Auch eine Verstärkung dieser Züge wäre sinnvoll.

Tatsächlich ist die Verbindung Richtung Limburg derzeit die einzige Bahnverbindung aus Wiesbaden heraus, mit Umstieg in Niedernhausen kann man so Frankfurt erreichen – manch ein Nutzer wunderte sich, dass die Bahn offenbar wenig genutzt wurde. Wissler forderte zudem mehr Platz für Radfahrer, damit ein Umstieg auf das Rad erleichtert werde: „Mit etwas gelber Farbe und Warnbaken könnten von heute auf morgen Pop-Up-Radwege zu den derzeitigen End-Bahnhöfen Wiesbaden Ost und Kastel entstehen“, sagte Wissler. Auch entsprechend vergrößerte und sichere Rad-Abstellanlagen wären an diesen neuen Umsteigestationen nötig.

Menschenleerer Wiesbadener Hauptbahnhof am Montag. - Foto: Silke Gutjahr
Menschenleerer Wiesbadener Hauptbahnhof am Montag. – Foto: Silke Gutjahr

Im Übrigen sei die Linke „der Ansicht, dass das Thema marode Infrastruktur eines ganz deutlich zeigt“, betonte Wissler: „Die Schuldenbremse ist ganz sicher kein Segen für nachfolgende Generationen, was deren Befürworter gerne behaupten, sondern eher ein Fluch.“ Die Linke macht die „Schwarze Null“ seit Jahren dafür verantwortlich, dass notwendige Unterhaltungsmaßnahmen in Brücken, Straßen und Schienen jahrelang ausblieben und die Infrastruktur „kaputtgespart wurde“ – und findet sich damit sogar beinahe auf einer Linie mit der hessischen Wirtschaft.

„Das darf doch nicht wahr sein“, schimpfte Klaus Rohletter, Vorsitzender des Verkehrsausschusses des Verbandes hessischer Unternehmerverbände, Bürger und Unternehmen erwarteten vorausschauende Schadenvermeidung durch nachhaltige Bestandspflege der Verkehrsinfrastruktur: „In den Erhalt und den Neubau unserer Straßen muss rechtzeitig und laufend investiert werden“, forderte Rohletter, Bund und Landesregierung müssten gemeinsam mit den Behörden für ausreichend finanzielle und personelle Ressourcen sorgen. „Das Salzbachtalchaos muss zum Anlass genommen werden, den Zustand aller wichtigen Brücken an Autobahnen, Bundesstraßen und Landesstraßen in Hessen zu überprüfen“, betonte er weiter. Die hessische AfD forderte gar einen Notfallfonds für Infrastruktur.

Oberbau und Pfeiler wurden bei dem Absturz am Freitag stark beschädigt. - Foto: gik
Oberbau und Pfeiler wurden bei dem Absturz am Freitag stark beschädigt. – Foto: gik

Die marode Salzbachtalbrücke stehe „für Fehler der Vergangenheit“, schimpfte auch der Bauindustrieverband Hessen-Thüringen e.V., der Fall der Brücke sei „symptomatisch“: Immer wieder habe man auf den schlechten Zustand gerade der Brücken im Land hingewiesen, geschehen sei viel zu wenig – und das betreffe „Hunderte Brücken mit gleicher und ähnlicher Konstruktion in Deutschland“, klagte der Verband. „Wir haben immer wieder mit Nachdruck gefordert, dass die Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur gesteigert werden müssen, um die gefährlichen Versäumnisse der Vergangenheit zu beseitigen“, kritisierte der Hauptgeschäftsführer Burkhard Siebert: „Der tragische Einsturz einer Großbrücke in Genua 2018 hätte ein letzter Weckruf sein müssen – auch für uns.“

In Genua war 2019 die das Tal überspannende Ponte Morandi am 14. August 2018 urplötzlich eingestürzt und hatte dabei 43 Menschen in den Tod gerissen. Auch die Ponte Morandi war ein Bauwerk der frühen 1960er Jahre, genau wie die Salzbachtalbrücke, die Brücke war und ist für Genua von zentraler Bedeutung und ist Teil des italienischen Autobahnsystems, etwa für den Transitverkehr. Die Brücke wurde praktisch binnen eines Jahres neu gebaut, Ende 2019 wurde bekannt, dass die Betreibergesellschaft bereits seit 2014 gewusst hatte, dass die Brücke marode war.

Die Salzbachtalbrücke lässt die A66 das kleine Tal direkt am Stadteingang nach Wiesbaden überqueren. - Foto: Hessen Mobil
Die Salzbachtalbrücke lässt die A66 das kleine Tal direkt am Stadteingang nach Wiesbaden überqueren. – Foto: Hessen Mobil

Die Parallelen zur Salzbachtalbrücke sind groß: Auch die Wiesbadener Brücke war ein Bauwerk der 1960er Jahre, auch von ihr war seit Jahren bekannt, dass sie marode sei – schon 2015 hatte das Land Hessen deshalb einen Ersatzneubau beschlossen. Doch der kam nicht voran: Ende 2018 wollte der damals zuständige Landesbetrieb Hessen Mobil den nördlichen Teil der Brücke verstärken, um den Verkehr mit drei Fahrsteifen über die eine Brückenhälfte führen zu können, doch die beauftragte Baufirma bohrte mehrere Spannglieder an und beschädigte sie schwer – das fiel am 18. Januar 2019 auf. Die Salzbachtalbrücke musste schon damals voll gesperrt werden, der Abriss verzögerte sich weiter.

Nun hätte der Abbau der Südbrücke im September 2021 beginnen sollen  – sechs Jahre nach dem Neubaubeschluss. Die hessische SPD-Opposition fordert deshalb nun Aufklärung von Verkehrsminister Al-Wazir: „Die jüngere Geschichte dieses Bauwerks steckt voller Fehleinschätzungen, Pannen und Peinlichkeiten“, schimpfte SPD-Verkehrsexperte Tobias Eckert am Montag: Das reiche „von der angeblich überraschenden Feststellung, dass die Brücke baufällig ist, über Reparaturversuche, die in noch größeren Schäden mündeten, bis zu dem monatelangen Streit zwischen Land, Bund und Baufirmen über den richtigen Weg zum Abriss der Konstruktion.“

Die Opposition sieht die Schuld für die marode Brücke auch bei Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne). - Foto: Wirtschaftsministerium Hessen
Die Opposition sieht die Schuld für die marode Brücke auch bei Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne). – Foto: Wirtschaftsministerium Hessen

Die Verantwortung dafür sieht Eckert bei Hessen Mobil und damit dem Land Hessen – schließlich habe das Land bis Ende 2020 die Verantwortung für die Brücke getragen. Al-Wazir müsse nun am Mittwoch im Verkehrsausschuss aufklären und Vorschläge zur Lösung der erheblichen Verkehrsprobleme vorlegen, fordert Eckert. Auch die FDP, in Hessen ebenfalls Opposition, schimpfte, die Landesregierung habe „massive Bauverzögerungen“ sowie den maroden Zustand der Brücke zu verantworten: „Da wurde eine gefährliche Altlast übertragen“, kritisierte der verkehrspolitische Sprecher Stefan Naas.

Der Minister verteidigte sich: „Die aktuelle Situation zeigt einmal mehr, wie wichtig es war und ist, die Sanierung maroder Straßen prioritär zu behandeln“, sagte Al-Wazir. Genau aus diesem Grund habe sich die Landesregierung 2014 entschlossen, den Grundsatz „Sanierung vor Neubau“ als Leitlinie der Straßenbaupolitik des Landes zu etablieren – die Neuerung hatten die Grünen gegen den Koalitionspartner CDU durchgesetzt. „Als das Land noch zuständig war, haben wir daher 2015 den Ersatzneubau beschlossen und auf den Weg gebracht“, betonte Al-Wazir weiter.

Leere Bahngleise am Montag vor dem Wiesbadener Hauptbahnhof. - Foto: Silke Gutjahr
Leere Bahngleise am Montag vor dem Wiesbadener Hauptbahnhof. – Foto: Silke Gutjahr

Das Land habe bereits am Samstag Kontakt mit der Autobahn GmbH aufgenommen, „uns wurde versichert, dass mit Hochdruck an der Prüfung der Schäden gearbeitet wird“, sagte Al-Wazir weiter: „Erst wenn diese Prüfung abgeschlossen ist, werden wir wissen, wie lange auch der Nordteil der Brücke gesperrt bleiben muss“, fügte er hinzu – eine Aussicht auf eine schnelle Lösung scheint es damit vorerst nicht zu geben. Ebenfalls am Samstag hätten sich Verantwortliche von Hessen Mobil, der Stadt Wiesbaden, des Polizeipräsidiums Westhessens und der Deutschen Bahn in einer Ad-hoc-Sitzung beraten, welche zusätzlichen Maßnahmen von Zusatzbussen bis zur weiträumigen Umleitung des Autoverkehrs jetzt ergriffen werden könnten, „um zu den Stoßzeiten etwas Entlastung bringen zu können“, teilte der Minister weiter mit, dieser Austausch werde „selbstverständlich kontinuierlich fortgesetzt.“

Al-Wazir plädierte zudem dafür, eine schnelle Sprengung des Bauwerks zu prüfen: „Es stellt sich jetzt die Frage, ob die momentan durch mehr Homeoffice noch etwas geringere Verkehrsbelastung und die nahenden Sommerferien dazu genutzt werden sollten, um den Südteil jetzt schneller abzureißen als bisher geplant“, sagte er. Das würde zwar bedeuten, dass die Vollsperrung noch eine gewisse Zeit andauern würde, gleichzeitig könne aber auch der Neubau früher fertig sein – die Entscheidung treffe nun die Autobahn GmbH des Bundes. „Falls das eine verantwortbare Möglichkeit ist, würde ich es begrüßen“, fügte Al-Wazir hinzu: „Nach dem Motto: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.“

Info& auf Mainz&: Mehr zum aktuellen Einbruch der Salzbachtalbrücke am Freitag lest Ihr ausführlich hier bei Mainz&, mehr über die Vorgeschichte der Brücke im Jahr 2019 findet Ihr hier bei Mainz&. Für das beeindruckenden Fotos vom menschenleeren Wiesbadener Hauptbahnhof und seinen Gleisen danken wir ganz herzlich Silke Gutjahr! Details zur Salzbachtalbrücke und zu ihrer Geschichte findet Ihr hier auf Wikipedia.

1 KOMMENTAR

  1. Armierungsrost überall. Ich kenne keine Stahlbetonbrücke, die nicht am Abfaulen ist. Gilt auch für den Unterbau des Mainzer Rathaus-Mahnmals.

    Wo nur ist das kollabierte Lager geblieben? Heruntergefallen wohl nicht. Also entweder in den Pfeiler oder eher in die Kastenkonstruktion des Überbaus eingebrochen. Und diese Art der Zermürbung dürfte an der verbliebenen zusammengeflickten zweiten Fahrbahn nicht anders sein. Wiederholung jederzeit denkbar.

    Jetzt bleibt nur die Flucht nach vorne. Anstatt jahrelang vorsichtig zerkrümeln einfach Sprengen. Und zwar beide Brückenstränge gleichzeitig. Das hilft nicht dem ohnehin darniederliegenden Straßenverkehr, aber die Gleise wären in 14 Tagen freigeräumt und Wiesbaden nicht mehr vom Bahnnetz abgehängt. Derzeit hat sich der blockierte Hauptbahnhof verlagert zum Wiesbadener Vorort „Mainz-Kastel“ und auf die „ebsch Seit“, zum Mainzer Hbf. Ein Thema für die Meenzer Fassenacht. Nach einem Radikalabbruch könnte ein Neubau ohne große Behinderung wesentlich schneller gelingen.

    Ein zusätzliches Problem ist die unter der Brücke befindliche Kläranlage, die bei einer Sprengung als Schutzmaßnahme massiv zugeschüttet werden und zeitweise stillgelegt werden müsste. Also eher nur Teilsprengung im Bereich der Gleise und der Straße.

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