Zum neuen Schuljahr wartet der neue rheinland-pfälzische Bildungsminister Sven Teuber (SPD) mit einer Überraschung auf: Rheinland-Pfalz schafft mit sofortiger Wirkung unangekündigte Tests ab. Man wolle „das Entfalten, Fördern und Entwickeln von Potenzialen zu Kompetenzen“ fördern, und Druck aus den Schulen nehmen, sagte Teuber zum Auftakt des Schuljahres. Der Philologenverband hält allerdings deutlich andere Probleme für dringender: 40 Prozent der Viertklässler könnten nicht ausreichend Lesen, Schreiben und Rechnen, das Land müsse den anhaltenden Bildungsabbau dringend stoppen. GEW und VBE begrüßten hingegen die Abschaffung der unangekündigten Tests.

In Rheinland-Pfalz hat am Montag nach Angaben des Bildungsministeriums für rund 550.400 Schüler die Schule wieder begonnen, das sind rund 5.800 mehr als im Vorjahr. Dabei lernen 440.500 Schüler an allgemeinbildenden Schulen, an den Berufsbildenden Schulen sind es 109.900. Rund 39.900 Kinder starten an Grundschulen in die erste Klasse. Die Zahl der Schulen stieg im Übrigen auch, auf jetzt 1.658 – im Vorjahr waren es 1.641 gewesen. Darunter sind 666 Ganztagsschulen, davon 357 Grundschulen.
Logisch, dass dann auch die Zahl der Lehrkräfte gestiegen ist: Für das Schuljahr 2025/2026 stellt das Land weitere 470 zusätzliche Lehrerstellen bereit, damit unterrichten jetzt rund 45.000 von ihnen in Rheinland-Pfalz. Zum Start des Schuljahres seien nur noch 146 der aktuell zu besetzenden Lehrstellen vakant, damit seien mehr als 99 Prozent der Lehrkräfteplanstellen besetzt.
Teuber: Entfalten, Fördern und Entwickeln von Potenzialen statt Druck
Die Überraschung für die Schullandschaft: Ab dem Schuljahr 2025/2026 würden „alle schriftlichen und mündlichen Hausaufgabenüberprüfungen bereits bei der Erteilung der Hausaufgaben angekündigt“, kündigte Bildungsminister Sven Teuber (SPD) am Montag an – unangekündigte Hausaufgabenüberprüfungen seien nicht mehr zulässig. „Nicht weniger Leistung, sondern das Entfalten, Fördern und Entwickeln von Potenzialen zu Kompetenzen ist unser Ziel – nicht durch Druck, sondern durch gute Vorbereitungsmöglichkeiten“, begründete Teuber den Schritt.

Die Ergebnisse aus dem Schulbarometer 2025, Auswertungen der Wissenschaft sowie Gespräche mit der Bildungsfamilie zeigten, dass immer mehr Kinder und Jugendliche „Schule als Raum des Unwohlseins empfinden“, betonte der Minister weiter: „Dem wollen wir mit mehr Beziehungsarbeit, Freude am Lernen sowie zeitgemäßen Feedback- und Prüfungskulturen begegnen.“ Wer mit Freude lerne, lerne nachhaltiger und bleibe motiviert fürs ganze Leben.
Unangekündigte Tests „passen nicht zu einer modernen Schule, sie erzeugen unnötigen Stress und behindern gezielte Lernprozesse“, sagte Teuber weiter. Klare Ankündigungen und Kommunikation auf Augenhöhe seien für Bildungsfortschritte und motiviertes Lernen unerlässlich. Schule solle ein Ort sein, an dem Neugier und Lernfreude im Mittelpunkt stünden, deshalb setze man im Bildungsministerium mit der „Schule der Zukunft“ auf „neue Lernformen, kritisches Denken, Teamgeist sowie Offenheit für Neues und nicht auf bloßes Auswendiglernen“, sagte Teuber. Ziel sollte eine Schule sein, in der Schüler „mit Freude sowie hoher Motivation lernen wollen und sich entfalten können.“
Philologenverband: Bildungsabbau stoppen, Sprache fördern
Beim Philologenverband Rheinland-Pfalz sieht man allerdings ganz andere Schwerpunkte, die die Bildungspolitik dringend anpacken müsse: „Bis zu den Landtagswahlen 2026 bleiben dem rheinland-pfälzischen Bildungsministerium nur wenige Monate Zeit, um den über mehrere Jahrzehnte hinweg betriebenen Bildungsabbau zu stoppen und das Ruder herumzureißen“, klagte die Landesvorsitzende des Philologenverbandes, Cornelia Schwartz – und verwies auf Zahlen des Bildungsstandardtests IQB: Die IQB-Tests hätten „offenbart, wie katastrophal die Leistungen vieler Viertklässler sind.“

Demnach erreichten 40 Prozent der Viertklässler „im Lesen, Schreiben und Rechnen nicht den Regelstandard“, betonte Schwartz. In den Corona-Jahren seien die Leistungen offenbar noch einmal mehr abgerutscht. „An den weiterführenden Schulen können wir das kaum noch aufholen oder gar darauf aufbauen“, klagte Schwartz. Auch aus dem Bereich der Gymnasien erreichten den Verband daher „mittlerweile extrem besorgte Zustandsbeschreibungen.“
Der Philologenverband fordert eine Reihe von Sofortmaßnahmen, darunter vor allem deutlich mehr Sprachförderung. So sollte es schon für Kita-Kinder verpflichtende sprachliche Förderung geben, egal ob die Kinder einen Migrationshintergrund haben oder nicht. Dazu brauche es verpflichtende und systematisch aufeinander aufbauende Deutschkurse für Schüler mit Migrationshintergrund, aber auch kleinere Klassen und Kurse mit maximal 20 Schülern. Zwar hat Rheinland-Pfalz erstmals flächendeckende Sprachstandserhebungen angekündigt, das müsse dann aber auch Konsequenzen in Form von früherer und deutlich konsequenterer Förderung haben.
Kritik des VBE: „Viele bekannte Baustellen in Bildungspolitik“
Schwartz forderte zudem „ein sofortiges Umsteuern“ beim Teilrahmenplan Deutsch der Grundschule mit einer „Rückkehr zur Fibelmethode und der Abkehr von einer falsch verstandenen Fehlerkultur, in der sich Fehler immer weiter verfestigen, wenn Eltern nicht zu Hause gegensteuern.“ Dazu brauche es die Wiedereinführung der Schulreife sowie der Grundschulempfehlung für eine weiterführende Schule.

Entsetzt zeigte sich Schwartz von der Abschaffung der unangekündigten Tests: Bei dem Schritt des Ministers handele es sich „um ein massives politisches Hineinregieren in das pädagogische Alltagsgeschäft“, kritisierte sie. Lehrkräften werde damit pauschal die Fähigkeit abgesprochen, selbst die für ihre Klassen und Kurse passende Form der Leistungsüberprüfung zu wählen. „Verantwortliches Handeln und pädagogisches Fingerspitzengefühl traut der Minister, der selbst einmal zwei Jahre lang als Lehrer tätig war, seinen ehemaligen Kolleginnen und Kollegen offenbar nur sehr eingeschränkt zu“, schimpfte Schwartz.
Auch der Lehrerverband VBE sieht keinen Grund für Jubel zum Schulstart: Schule und Lehrkräfte stünden zum neuen Jahr „vor den bekannten Herausforderungen wie Personalmangel, der größer werdenden Heterogenität unter der Schülerschaft und den nicht mehr zeitgemäßen Strukturen des Bildungssystems“, kritisierte VBE-Landeschef Lars Lamowski: „Auch im neuen Schuljahr haben wir weiterhin viele Baustellen in der Bildungspolitik.“ Es brauche mehr Planstellen, um alle Schulen mit voll ausgebildeten Lehrkräften zu besetzen, es brauche eine bessere Ausstattung – und vor allem endlich multiprofessionelle Teams an allen Schularten.
Gewerkschaften VBE und GEW begrüßen Stopp der Tests
Die Abschaffung der unangekündigten Tests begrüßte der VBE: Das sei „ein wichtiger Schritt für eine bessere Lernatmosphäre“, sagte Lamowski. So werde „Druck von den Schülern genommen, und Platz geschaffen für ein besseres Lernen.“ Allerdings, räumte Lamowski auch ein, hätten die Lehrkräfte damit auch „ein Instrument zur Leistungsmessung weniger.“ Die Schüler könnten aber „ohne die Angst vor schlechten Noten bei unangekündigten Überprüfungen aus sich heraus Motivation für das Lernen finden, und so ihr Wissen vertiefen, anstatt nur kurzfristig auswendig zu lernen.“
Erfreut äußerte sich auch die Lehrergewerkschaft GEW: Damit werde eine langjährige Forderung der GEW erfüllt, das sei „ein wichtiger Schritt hin zu mehr Fairness, Transparenz und Lernfreude an den Schulen.“ Unangekündigte Tests hätten oft das Gegenteil von nachhaltigem Lernen bewirkt: „Solche Prüfungen verstärken Angst und Leistungsdruck, sie verhindern, dass sich Schüler mit Freude und Ruhe auf Lerninhalte einlassen können“, sagte die GEW-Landesvorsitzende Christiane Herz. Angekündigte Prüfungen schafften hingegen „Gerechtigkeit und verhindern oberflächliches Auswendiglernen.“ So entstehe Zeit für den Erwerb von vertieftem Wissen, für Kompetenzentwicklung und für die gezielte Begleitung durch Lehrkräfte.
Info& auf Mainz&: Mehr zum neuen rheinland-pfälzischen Bildungsminister Sven Teuber (SPD), der erst seit Mai 2025 im Amt ist, lest Ihr hier bei Mainz&.







