Wenn Ihr in diesen Tagen über die Theodor-Heuss-Brücke von Mainz nach Kastel fahrt, dann wandelt Ihr durchaus auf historischem Boden. Denn es waren die Römer, die die erste Brücke über den Rhein auf die rechte Seite bauten – und dort das „Castellum Mattiacorum“ gründeten. Damit erwiesen sie sich als ungewöhnlich hellsichtig: Der Ort, der durch den Bau des römischen Außenpostens entstand, heißt bis heute Kastel, und gehört zu Wiesbaden – das in der Antike Mattiacorum hieß. Es ist nicht das einzige Römische Rechts des Rheins: Ein antiker Ehrenbogen erinnert an den Sohn des Drusus, und in der Reduit wartet ein ganzes Römermuseum. Unser Mainz&-Adventskalender, Türchen 22.

Man schrieb das Jahr 27 nach Christus, als die Römer dicke Baumstämme in den Flussboden des Rheins trieben. Es war die Zeit des Kaisers Tiberius, der im Jahr 14 nach Christus seinen Stiefvater Augustus als Caesar beerbt hatte, und Tiberius war ein Feldherr und Eroberer. Wichtiger noch für Mainz: Tiberius war der ältere Bruder eben jenes Drusus, der an der Mündung des Mains in den Rhein ein großes Legionslager gegründet hatte – Mogontiacum.
„Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Drusus brachte Tiberius in den Jahren 15–13 vor Christus Raetien und das im Norden befindliche Vindelicien unter römische Herrschaft“, heißt es bei Wikipedia. Danach eroberte Tiberius die Provinz Pannonien, was in etwa der heutigen Region zwischen der Lausitz und Bulgarien entspricht. Im Jahr 9 vor Christus aber war Tiberius in Mogontiacum, das ist erwiesen, denn „er überführte 9 vor Christus den Leichnam seines Bruders Drusus, der infolge eines Reitunfalls verstorben war, von Germanien nach Rom.“
Die Drusus-Feldzüge und die Rheinbrücke: das Castellum
Tiberius wurde in der Nachfolge seines Bruders Oberbefehlshaber in Germanien und beendete im Jahr darauf erfolgreich die von seinem Bruder begonnenen Drusus-Feldzüge gegen die germanischen Stämme auf der rechten Rheinseite. Damit dürfte Tiberius in Mogontiacum sein Hauptquartier gehabt haben, und um schneller auf die rechte Rheinseite zu kommen, baute man eine Brücke, und zwar eine feste Holzkonstruktion. Bis heute erhaltene Pfeilerreste aus Holz erlauben eine exakte Datierung: es war das Jahr 27 nach Christus.

Für die Germanen muss die Ingenieurskunst der Römer ein Schock gewesen sein, war der Rhein früher doch eine wunderbare feste Grenze gegen Feinde, der breite Strom des Rheins – auch wenn er wohl noch zahmer war als heute – eine schwierig zu überwindende Barriere. Doch die Holzbrücke des Jahres 27 war nicht einmal die erste Brücke über den Strom: Die Römer waren kaum in Mogontiacum angekommen, da schlugen sie bereits eine Schiffsbrücke über den Rhein – man schrieb wohl das Jahr 10 vor Christus.
Die Brücke sicherte auf der anderen Rheinseite ein Kastel als Brückenkopf, es lag genau in der Achse der Brücke und war zunächst aus Erde und Holz erbaut – seine Fundamente sind bis heute nicht gefunden. Doch die Forscher wissen, dass die römische Brücke selbst etwa 30 Meter nördlich der heutigen Theodor-Heuss-Brücke verlief – die Schiffsbrücke war sehr schnell durch eine Pfahljochbrücke ersetzt worden und hielt bis 27 nach Christus, als man die neue Brücke baute.
Der Beginn von Mainz-Kastel: Militärlager und Rheinbrücke aus Stein
Das alte Militärlager wurde vermutlich im turbulenten Vierkaiserjahr 69 nach Christus zerstört und 71 nach Christus durch ein 71 mal 98 Meter großes Steinkastell ersetzt – in Wiesbaden lebte damals noch der germanische Stamm der Mattiacer, erst um das Jahr 121 wird dort ein römischer Zivilort mit dem Namen „Aquae Mattiacorum“ erwähnt: Die heißen Quellen Wiesbadens hatten schon die Römer entdeckt, sie waren es, die als erste daraus Badeanstalten machten.

Das Kastel am Brückenkopf war indes ein wichtiges Bollwerk für das linksrheinische Mogontiacum, zerstört wurden das Kastel und vielleicht auch die Brücke vermutlich während des Bataveraufstands im Jahr 69 – weil das Römische Reich nach Neros Tod unter Machtkämpfen erbebte und zeitweise vier Kaiser gleichzeitig hatte, ergriffen die Bataver die Gelegenheit, die Herrschaft über das Rheinland an sich zu reißen. Lange hielt es nicht: Bereits im Jahr 70 eroberten die Römer die wichtige Region um Mogontiacum zurück.
Die Folge: Ein neues Militärlager aus Stein – und eine neue Rheinbrücke. Das neue Gebilde wurde ebenfalls aus Stein erbaut, besaß 21 Stützpfeiler aus Stein und war mindestens 600 Meter lang, wie es bei Regionalgeschichte.net heißt. Sämtliche Pfeiler waren im Grundriss fünfeckig, 18 Meter lang und 7 Meter breit. Als Fundament diente ein Rost aus mächtigen, eingerammten Eichenpfählen, auf den Steinpfeilern lag eine 12 Meter breiten Fahrbahn aus Holz, die bei Bedarf relativ schnell zerstört werden konnte, wenn Gefahr drohte.
Bleimedallion aus Lyon: Älteste bekannte Stadtansicht von Mainz
Bernd Funke berichtet in seinem Buch über das „Römische Mainz“ sogar, die Steinbrücke sei bereits im Jahr 27 errichtet worden und habe eine Gesamtlänge von 835 Metern gehabt – es muss ein imposantes Bauwerk gewesen sein. Sie wäre in jedem Fall wohl die älteste bekannte Pfahlrostbrücke am Rhein und seinen Nebenflüssen, die von den Römern erbaut wurde. Bis zum Jahr 406, als die Alamannen in Mainz einfielen – weswegen man eine neue Stadtmauer baute – gab es die Römerbrücke, wenn auch wahrscheinlich nicht ununterbrochen: Immer wieder wurde das Bauwerk durch Kriege und sicher auch durch Eis auf dem Rhein und Unwetter an Land beschädigt. Eine wichtige Rheinquerung blieb sie dennoch.

Belegt ist das unter anderem durch einen Fund aus dem französischen Lyon: Dort wurde 1862 in der Saone ein Bruchstück eines Bleimedaillons aus der Zeit um 300 nach Christus gefunden, und auf dem ist die Brücke zwischen Mainz und Kastel bildlich dargestellt – wenn auch stark idealisiert. Das Bleimedaillon zeigt damit die älteste bildliche Darstellung von Mainz und Mainz-Kastel: Im oberen Bereich ist eine Szene mit zwei Kaisern zu sehen, der untere Bereich zeigt Personen, die eine Brücke über den Fluss Rhenus von CASTEL(lum) nach MOGONTIACUM überqueren.
Forscher gehen davon aus, dass das Medaillon eine Szene aus kurz vor 300 zeigt: Eine überlieferte Lobrede auf den Kaiser Constantinus Chlorus berichtet von einer siegreichen Schlacht an der Scheldemündung im Jahr 297, nach der der Kaiser die Ansiedlung der besiegten Feinde im Gebiet des römischen Reiches veranlasste – „dieses Ereignis könnte das auf dem Medaillon abgebildete sein“, heißt es bei Regionalgeschichte.net. Das Original befindet sich heute in der Pariser Nationalbibliothek, es belegt – wieder einmal -, wie bedeutend Mogontiacum und seine Rheinbrücke auch noch in der Spätantike war.
Ehrenbogen für Germanicus, Sohn des Drusus – oder?
Die Geschichte der Römer zeichnet übrigens ein kleines und sehr feines Museum in der Reduit nach: Das „Museum Castellum“ bietet eine Fülle von Funden aus der Antike und dazu jede Menge Spannendes und Informatives über die Römerzeit in Mainz. Das ehrenamtlich getragene Museum ist leider nur höchst eingeschränkt geöffnet und erst wieder ab Frühjahr zugänglich.

Die Gesellschaft für Heimatgeschichte Kastel betreibt aber sogar noch ein zweites Museum in der Großen Kirchenstraße, und das ist dem Römischen Ehrenbogen gewidmet. Der wurde nämlich genau hier 1986 bei Bauarbeiten entdeckt und liegt exakt auf der Achse, die vom Legionslager auf dem Mainzer Kästrich in gerader Linie über die Römerbrücke nach Hofheim führte. Der Bogen stand einst an einer Straßenkreuzung, denn hier wurden zwei römische Meilensteine gefunden, die die Entfernung nach „Aquae Mattiacae“ (Wiesbaden) angaben.
Passenderweise fand sich nur wenig weiter südöstlich an der Straße eine große Thermenanlage des 2. Jahrhunderts nach Christus, weiß die Gesellschaft für Heimatgeschichte zu berichten – der Bogen selbst aber sei „das epochalste Bauwerk nördlich der Alpen“ aus dem Bereich der römischen Archäologie. Bekannt ist das Bauwerk heute als „Germanicus Bogen“, doch die steinernen Überreste geben „bis heute Rätsel auf“, schreibt Bernd Funke.
Germanicus holte die Feldzeichen nach der Varus-Schlacht zurück
Denn es gibt mehrere Quellen, wann das 20 mal 12 Meter große Gebilde mit wohl drei Durchgängen errichtet worden sein könnte: Die eine Lesart ist, dass der Ehrenbogen auf Beschluss des Senats in Rom für Nero Claudius Germanicus errichtet wurde, der von 15 bis 19 nach Christus in Mogontiacum wirkte – Germanicus war der Sohn des Drusus, der ja schließlich in Mogontiacum sein vorzeitiges Ende fand. Der Ehrenbogen soll demnach nach dem Tod des Germanicus am Ufer des Rheins errichtet worden – so zumindest berichtet es Tacitus.

„Bauweise und Dekoration lassen auf das Jahr 19 nach Christus schließen“, schreibt Funke – allerdings sei zu dieser Zeit das rechtsrheinische Gebiet unsicher gewesen, und erst durch die Chattenfeldzüge Domitians gesichert worden – dann wäre der Triumphbiogen erst nach 83 nach Christus errichtet worden. Und Domitian hatte eine Schwäche für Ehrenbögen… Für Germanicus wiederum spricht, dass er nach der desaströsen Varusschlacht die Feldzeichen der verlorenen Legionen zurückeroberte – eine hohe Genugtuung für die Römer, die einen solchen Helden mit Sicherheit hoch geehrt hätten.
Die Fundamente des Ehrenbogens sind heute im unterirdischen Museum Römischer Ehrenbogen zu sehen – die heute so militärisch wirkende Reduit wurde übrigens erst im Jahr 1830 erbaut und steht wohl nicht auf römischen Fundamenten. Im Museum Castellum wiederum gibt es diverse Weihealtäre aus der Römerzeit zu bestaunen, die Modelle eines Lagers sowie der Thermenanlage, die in der Nähe des Ehrenbogens gefunden wurde – und der römischen Rheinbrücke. Rechts des Rheins war eben auch noch Rom.
Info& auf Mainz&: Mehr zum Museum Castellum sowie dem Museum Römischer Ehrenbogen findet Ihr hier im Internet. Für diesen Text haben wir mal wieder auf die Erkenntnisse des Buches „Das Römische Mainz“ von Bernd Funke zurückgegriffen. Ihr wollt die Türchen unseres Römischen Adventskalenders noch einmal nachlesen? Klar doch: Ihr findet sie hier auf Mainz&.








