Der Narren in der Mainzer Fastnacht sind viele: Da gibt es die klugen Narren, die pointierten Spötter, die feinsinnigen Kritiker, die aus der Bütt heraus mit fein gedrechselten Reden die Welt erklären, und wie sie besser zu machen wäre. Anfang Februar ehrte der Verein „Rettet das Römische Mainz“ indes eine ganz andere Form von Narren: den „Dummen August“, den Narr, der scheitert und über den die Welt lacht. Und tatsächlich hat gerade auch diese Form der Clownerie ihren Ursprung in der Antike – im Narrenkeller aber wurde gewahr: Die Welt braucht mehr nachdenkliche Narren, die auch bereit sind, ihr Scheitern einzugestehen.

„Die Figur des Clowns geht auf die Römerzeit zurück“, sagt Christian Vahl, Vorsitzender des Vereins „Rettet das Römische Mainz“, und betont: „Mainz vor 2.000 Jahren war keine leise Stadt, schon damals liefen hier schon Clowns herum, das ist belegt.“ Es habe zu Zeiten der Antike mindestens vier Typen von Clowns gegeben: Der Centunculus, der mit einem bunten, aus Flicken bestehenden Kostüm auftrat, ohne Schuhe und ohne Haare, aber mit übersteigerten Grimassen und weiß geschminktem Gesicht – ein Vorläufer des „Rotclowns“ mit weiß geschminktem Gesicht und roter Nase.
Schon in der Antike gab es Clowns, die andere parodierten und zotige Witze erzählten, es gab die „Deliciae“, oft kleinwüchsige Menschen oder Menschen mit Behinderungen, die als Spaßmacher dienten. Und es gab den „Stupidus“, der ein fester Bestandteil rustikaler römischer Komödien war -und dessen Name übersetzt „der Dumme“ oder „Tölpel“ lautet. Stupidus und Centunculus sind Vorläufer des „Dummen Augusts“, jener Clownsfigur im Zirkus, der scheinbar willenlos daher torkelt, wilde Fratzen schneidet, über alles stolpert und doch der Liebling der Massen ist.
Der Dumme August: Von der Kunst des Scheiterns
„Die Clownsfigur gilt immer noch als Transporteur für Wahrheiten“, sagt Vahl, und genau deswegen ist sie eine der Urformen des Narren in der Fastnacht. Der Verein „Rettet das Römische Mainz“ hatte deshalb in dieser Kampagne erstmals beschlossen, einen neuen Preis zu verleihen – den „Dummen August“. Mit der Auszeichnung wolle man eine Persönlichkeit in Mainz ehren, „die sich auch außerhalb der Fastnachtsperiode durch Originalität, Humor, unkonventionelles Auftreten, Mut und Kreativität auszeichnet, ohne dabei die – im besten Sinne – kindliche Unbefangenheit verloren zu haben.“

Erster Preisträger ist nun der Linken-Politiker und Stadtrat Martin Malcherek, gekürt habe ihn eine Jury aus fünf Personen, sagte Vahl. Der Verein wollte sich damit explizit auch vor den Mainzer Hofsängern verneigen, die in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag feiern, und traditionell im Kostüm des Bajazz auftreten, also des ehrbaren Weißclowns. Und genau als ein solcher trat Laudator Dirk Loomans, Präsident des Karneval Clubs Kastel (KCK) vor die Versammlung im Mainzer Augustinerkeller.
„Ich stehe heute nicht hier als Hofsänger – Gott bewahre“, sagte Loomans: „Ich stehe hier als jemand, der sich für ein paar Minuten dieses Pathos ausleiht, wie man sich früher eine Perücke ausgeliehen hat – oder eine Moral.“ Denn die Fastnacht sei gerade in Mainz „keine Bagatelle“, sie sei politisch, literarisch und durchaus auch erzieherisch. „Fastnacht weiß, wie die Welt sein sollte, und Mainz weiß das besonders gut“, sagte Loomans. Die klugen Narren mahnten, warnten und belehrten, sie gäben vor zu wissen, wie die Welt eigentlich besser wäre – und das sei gut so.
Loomans: Der „dumme Narr“ zweigt, wie schwer die Welt ist
„Aber wissen Sie, was mir in all den Jahren immer mehr fehlt?“, fragte Loomans: „Der dumme Narr. Nicht der tumbe, nicht der primitive – sondern der dumme August. Der, der keine glänzende Pointe hat. Der, der keine fertige Lösung präsentiert. Der, der nicht klüger wirkt als das Publikum. Der, der Fragen stellt – und dann mit seinen Antworten grandios scheitert.“ Die Fastnacht liebe den klugen Narren, der dumme Narr dagegen sei unpopulär – und doch sei er so wichtig.

„Denn der dumme August macht sich angreifbar, er riskiert Gelächter, nicht Applaus“, sagte Loomans weiter: „Er ist nicht der, der die Welt erklärt. Er ist der, der zeigt, wie schwer sie ist.“ Von den klugen, belehrenden Narren gebe es genug auf der Welt, was fehle, sei der Narr, „der es aushält, als Narr dazustehen, wenn andere lieber recht behalten.“ Und genau deswegen sei Malcherek der richtige Preisträger: „Martin ist kein Krawall-August, er ist kein Konfettiwerfer. Während andere schon schunkeln, steht er noch da und sagt: Moment mal, stimmt das eigentlich alles so?“ Und zack, sei die Musik aus, das Licht an, die Stimmung weg.
„Der dumme August hat drei Eigenschaften“, sagte Loomans: „Er stellt die falschen Fragen, er tut das zur falschen Zeit – und er hört nicht auf, wenn man ihm signalisiert, dass jetzt wirklich Schluss ist.“ Der Dumme August habe eben nicht „den inneren Zensor“, der ihn sich der Harmonie unterwerfen lasse – oder er ignoriere ihn bewusst. „Und wissen, Sie, stichelte Loomans dann noch, das ist vielleicht die schönste Analogie zum Sozialismus,
die man an Fastnacht machen kann: Die Fragen stimmen fast immer: Gerechtigkeit, Solidarität, keiner soll runterfallen. Nur wenn es an die Umsetzung geht, wird’s … nun ja:
Augustisch.“
Spenden für Clowndoktorinnen und Römisches Mainz gesammelt
Wer sich mit den Jahren nicht anpasse, sondern standhalte, sei ein echter Narr: „Der dumme August wird älter – und bleibt trotzdem unbequem“, sagt Loomans, und würdigte den Preisträger: Du bist kein bequemer Mensch – und genau deshalb ein echter Narr.“ Der so Geehrte dankte seinerseits mit einer Fastnachtsrede und einem Plädoyer für ein Land, in dem für immer bunte Fahnen wehen und Menschen in Phantasieuniformen über die Straßen zieh’n.

„Die fünfte Jahreszeit kann uns lehren, die Verhältnisse umzukehren“, riet der Linke: „Das Kapital muss man verprassen, feiern, tanzen, trinken, haschen. Rosenmontag ohne Ende, das wär mal ne Zeitenwende! Freude senkt die Flügel nieder – alle Menschen werden Brüder… Kein Hochglanz, kein Eintritt, Do it Yourself-Charakter auf der Bühne: Keine Barrieren aufbauen, Zugang für alle – so ist Fassenacht, so muss es sein.“
Tatsächlich rankte sich rund um die Preisverleihung ein kleines, handgemachtes Fastnachtsprogramm. Da entzückte Hildegard Bachmann mit einem kleinen Gedicht und einem Fastnachtsrap, und die „Schobbesisters“ mit dem Lied vom kleinen Clown. Anja Leukert chauffierte höchst närrisch OB Nino Haase mit dem römischen Streitwagen durch Mainz, und Ralf Hörnig nahm mit auf einen nostalgischen Fastnachtsrundgang des „Schoppestechers“ durch Mainz.
„Ja, mir Meenzer derfe des, weil wir halt Meenzer sinn“, sangen die Altrheinstromer, und Nadine Meurer sorgte als „Altstadtwirtin“ für den richtigen Schwung im Weinglas. Eine Brücke zum Dummen August schlugen indes die „Clowndoktorinnen“ Doktor Pille-Palle und Flitzebitz: Die Institution gibt es bereits seit 32 Jahren, ein Team von Clowndoktoren betreut inzwischen mit zauberhaften Clownereien 14 Kinderkliniken plus Altersheime in Mainz und Umgebung. An sie ging denn auch ein Teil der Spenden des Abends Mehr als 1.400 Euro wurde n zugunsten der Clowndoktoren und des Vereins „Rettet das Närrische Mainz“ gesammelt.
Info& auf Mainz&: Mehr zu den Clowndoktoren und ihrer Arbeit findet Ihr hier im Internet. Wer der Verein „Rettet das Römische Mainz“ ist, haben wir hier ausführlich aufgeschrieben.







