Für ein Stück Mainzer Stadtgeschichte müsst Ihr dieses Mal in die Ferne schwifen – genauer gesagt: nach Nierstein. Dort nämlich besaß die berühmte Mainzer Industriellenfamilie Lauteren im 19. Jahrhundert einen Landsitz – den Mathildenhof. Und genau dieser öffnet am kommenden Wochenende beim Tag des Offenen Dankmals seine Pforten. Schon am Donnerstag – also morgen – findet ebendort ein spannender Vortrag statt: Der stellvertretende Leiter des Mainzer Stadtarchivs, Frank Teske, berichtet von Weinhaus, Eisenbahnmagnaten und andere Persönlichkeiten der Familie Lauteren.

Lauterenvilla Mathildenhof in Nierstein  - Foto Geschichtsverein Nierstein
Prachtvolle Villa der Familie Lauteren: der Mathildenhof in Nierstein – Foto: Geschichtsverein Nierstein

Lauteren – nach dieser Familie ist in Mainz eine Straße und sogar ein ganzer Flügel des Mainzer Stadthauses in der Kaiserstraße benannt. Und das aus guten gründen: die Lauteren gehörten im 19. Jahrhundert zu den führenden Repräsentanten der neuen bürgerlichen Gesellschaft in Mainz. Angefangen hatte es mit Weinhandel, Christian Ludwig Lauteren gelang 1833 schließlich die Herstellung von Sekt – das war in Deutschland zuvor nur dem Württemberger Georg Christian von Kessler gelungen.

Christian Ludwig Lauteren war Mitglied des Mainzer Stadtrats und Präsident der rheinhessischen Industrie- und Handelskammer und wurde 1851 zum lebenslangen Mitglied in die erste Kammer des hessischen Landtags berufen. Der Grund für all das: Lauterens Pionierarbeit bei der ersten Eisenbahn.

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Christian Ludwigs Vater Clemens Lauteren (1786–1877) war einer der fünf Gründer der hessischen Ludwigsbahn AG, dann zunächst ihr Vizepräsident, später ihr Präsident. Die Hessische Ludwigsbahn hatte ihren Sitz in Mainz, als erste Strecke wurde 1853 die 46 Kilometer lange Strecke von Mainz nach Worms im eröffnet. Erster Abschnitt wat die Strecke nach Oppenheim und Nierstein – genau dort errichtete die Familie Lauteren um 1861 ihren Landsitz samt Weingut.

Ausschnitt Fassade Mathildenhof -  Foto Geschichtsverein Nierstein
Stilisiertes Rad und Weinrebe ganz oben an der Fassade des Mathildenhofs – Foto: Geschichtsverein Nierstein

Christian Ludwig Lauteren, Großaktionär der von seinem Vater gegründeten Ludwigsbahn, heiratete in zweiter Ehe Friederike Fritzdorff, Tochter des Floßholz-Händlers Caspar Jacob Fritzdorff aus Mainz. Damit kam die Verbindung der Lauterens nach Nierstein zustande – die Familie Fritzdorff besaß in Nierstein einen repräsentativen Landsitz, der wohl als Mitgift in die Familie Lauteren kam.

Christian Ludwig Lauteren jedenfalls beauftragt um 1861 den bekannten Architekten Carl Wetter aus der Mainzer Stadtbaumeisterfamilie Wetter mit dem Bau einer spätklassizistischen Villa. Nach dem Vorbild einer italienischen Villa der Renaissance entstand ein Baukörper, der Wohnen und Repräsentation mit dem Betrieb eines Weinguts und einer Orangerie verband. Und genau dort stellt am Donnerstagabend der Vizeleiter des Mainzer Stadtarchivs Frank Teske die wichtigsten Persönlichkeiten der Familie Lauteren vor.

Doch auch der Garten der Villa war etwas Besonderes: Hierfür engagierten die Lauteren niemand Geringeres als den berühmten Landschaftsarchitekten Heinrich Siesmayer, dem wichtigsten Gartenarchitekten des späten 19. Jahrhunderts im Rhein-Main-Gebiet. Siesmayer plante und baute unter anderem die Kurparks von Bad Nauheim und Bad Homburg, sein vielleicht größter Verdienst aber ist die Gründung, Planung und der Bau des Frankfurter Palmengartens.

Der erste Bahnhof der Hessischen Ludwigsbahn in Mainz 1884
Der erste Bahnhof der Hessischen Ludwigsbahn in Mainz 1884 – Foto: Wikimedia Commons

Siesmayer besaß eine eigene Werkstatt für Spalierarbeiten, in der Pavillons, Lauben, Spaliere und Veranden entstanden. Neben dem noch erhaltenen Teepavillon des Mathildenhofs stammten von ihm wohl auch verschiedene inzwischen abgerissene Pavillons und das Spalierwerk der Veranda des Hauses, das Park und Haus über Rankpflanzen miteinander verband.



Die Lauteren hielten den Mathildenhof über drei Generationen hinweg im Familienbesitz. Noch heute sind an den Fassaden die Symbole ihrer wichtigsten Wirtschaftszweige zu sehen: ein Weinrebenblatt und das Rad eines Eisenbahnwagens. Die Lauteren konnten mit der neuen Eisenbah nnicht nur selbst ihren Landsitz schneller erreichen – sie warben vielmehr für einen Sonntagsausflug nach Nierstein und zum Besuch ihres Weingutes, wie der Niersteiner Geschichtsverein weiß, dem wir ganz herzlich für die tollen Informationen für diesen Artikel danken.

Führung Mathildenhof Tag des Offenen Denkmals 2013 - Foto Geschichtsverein Nierstein
Führung durch den Garten des Mathildenhofs 2013 – Foto: Geschichtsverein Nierstein

Alte Festordnungen von Gemeindeveranstaltungen zeigen übrigens, dass die Gärten des Landsitzes häufig auch der Bevölkerung dienten und für Feste zur Verfügung gestellt wurden. Sinkende Einnahmen aus dem Weinhandel und Besitzverluste der Aktienpakete an der hessischen Ludwigsbahn zum Beginn des 20. Jahrhunderts führten dann allerdings zum Abstieg der Familie Lauteren. Der letzte Patriarch der Familie, Clemens August Jakob Lauteren, starb 1908 im Mathildenhof in Nierstein.

Das Weingut Lauteren wurde übrigens 1909 von der Familie von Heyl übernommen – heute ist das Weingut Heyl zu Herrnsheim eines der besten Weingüter Deutschlands mit berühmten Rieslingen aus der Lage Brudersberg. Und auch die Pioniergeschichte führt Heyl zu Herrnsheim fort: Das Weingut gilt als Pionier des ökologischen Weinanbaus.

Info& auf Mainz&: Auf den Spuren der Gescichte der Familie Lauteren in Nierstein könnt Ihr an zwei Terminen wandeln: Donnerstag, 10. September, 19.30 Uhr Vortrag über die Familie Lauteren im Mathildenhof in Nierstein, Eingang über die Langgasse 3. Veranstalter ist der Geschichtsverein Nierstein, dessen Hompage Ihr hier findet.

Am Sonntag, dem 13. September, öffnet der Geschichtsverein Nierstein zum Tag des Offenen Denkmals in Zusammenarbeit mit der Stiftung Mathildenhof die Pforten eben der Lauterenvilla. Von 11.00 Uhr bis 17.00 Uhr könnt Ihr durch die Parkanlage wandeln und bei Führungen mehr über den Mathildenhof, seine Geschichte, die Gartenanlage und die Bemühungen um ihre Wiederherstellung erfahren. Eingang ist hier über den Parkplatz Flügelgasse/Hinter Sundheim.

Welche Denkmäler am Tag des Offenen Denkmals in Mainz öffnen, könnt Ihr auf dieser Internetseite sehen.

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